DIE VISIONEN DER MESSIAS NAHT
2. März 11822 (= 5. Adar) / Tagebuch Bd. V, Heft 6 / Viertelseite 4
Am Abend nach dem historischen Tag der Inkarnation hatte sie ein Gesicht von einem Besuch der Engel bei Maria in der Form einer Geisterstraße vom Throne der Dreifaltigkeit bis in Mariä Kammer, in welcher sie alle Ordnungen der Engel in der Form ihrer Bedeutung priesterlich und kriegerisch usw. erscheinen sah. Sie sah es als eine Begrüßung an. Zwei Tage nachher sah sie Joseph nach Haus zurückgekehrt. Er habe in Bethanien eine Wohnung gesucht; usw.
24.25. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 124-125
... Am anderen Tage sagte sie: Ich habe noch verschiedene Betrachtungen über die Heilige Jungfrau und das Geheimnis der Menschwerdung gehabt. Anna hatte die Gnade eines innerlichen Mitwissens. Maria wußte, daß sie den Erlöser empfangen, ja ihr Inneres war ihr erschlossen, aber sie wußte nicht damals, daß das Königreich ihres Sohnes ein übernatürliches sein werde und daß das Haus Jakobs die Kirche, die Versammlung der wiedergeborenen Menschheit sein werde. Sie glaubte, der Erlöser werde ein heiliger König sein, der ihr Volk reinigen und siegreich machen werde, und sie wußte nicht damals, daß dieser König die Menschen zu erlösen selbst sterben werde, usw.
Ich hatte auch, warum der Erlöser hatte wollen neun Monate im Mutterleib sein und geboren werden, warum er nicht wie Adam vollendet aufgetreten, warum er nicht so schön wie Adam gewesen. Ich weiß es aber jetzt nicht mehr, nur, daß er die Empfängnis und Geburt, welche durch den Sündenfall so entheiligt waren, wieder heiligen wollte, usw.
Warum Maria es gewesen und er nicht früher gekommen? Weil Maria die erste und einzige Frau war, der nichts vom Manne in ihrem Empfangenwerden beiwohnte, weil sie unbefleckt empfangen worden.
Sie sagt außerdem, Jesus sei dreiunddreißig Jahre und dreimal sechs Wochen alt geworden. Sie sagt dreimal sechs, weil sie es in demselben Augenblick sieht.
1.-2. Juli 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 7 / Viertelseifen z-6
Der Pilger fand sie zum Ärger versucht. Sie war durch ihre Schwester gereizt, und da er sie trösten wollte, wurde sie unwillig gegen ihn, schlief aber plötzlich ein und lächelte, bekreuzte sich, faltete die Hände. Der Pilger betete Magnifikat. Da sagte sie im Halbschlaf: Ich habe tief im Kot gesteckt. Maria hat mich herausgezogen. Komm mit Es ist zwischen drei und vier. Der Schmutz gilt hier nicht. Es ist hier sehr gut. Maria hat mir geholfen.
Maria Heimsuchung: Die Reise ging gegen Mittag. Bei Jerusalem machten sie einen Umweg gegen Morgen, um einsamer zu gehen. Sie umgingen ein Städtchen zwei Stunden von Emmaus und wandelten auf den Wegen, die Jesus nachher oft ging. Sie machten den weiten Weg doch sehr schnell. Ihre erste Herberge sah ich in einem Schuppen, die zweite in einer Laube in welcher Wanderer dagegen zu schlafen pflegten. Dann hatten sie noch zwei Berge vor sich. Es war sehr bergig hier, oft Felsen, oben breiter als unten, seltsame Steine in Höhlen. In den Tälern war es sehr fruchtbar. Es kam auch noch etwas Busch, Heide, Wiese und Feld. Am Weg zuletzt bemerkte ich besonders eine Blume mit feinen grünen Blättchen und einer Blumentraube von neun blaßroten, verschlossenen Glöckchen oder Fäßchen. Es war etwas darin, ich hatte was damit zu tun, das ich vergessen.
Maria hatte ein braunes wollenes Hemd an, darüber ein graues Kleid mit Gürtel und eine gelbliche Kopfhülle. Joseph trug im Bündel ein langes bräunliches Gewand mit einer Art Kapuze daran. Es war vorne mit Bändern gebunden. Sie legte es über, wenn sie zum Tempel oder zur Synagoge ging.
Zacharias' Haus lag auf einem einzelnen Hügel. Andere Häuser lagen im Haufen umher. Es kam nicht sehr fern von hier ein ziemliches Flüßchen 1 vom Gebirge herab.
Elisabeth hatte im Traum gesehen, eine ihres Stammes werde den Messias gebären. Sie hatte an Maria gedacht, sich sehr nach ihr gesehnt und sie fern kommen sehen. Sie hatte rechts im Eingang des Hauses ein Stübchen bereitet und Sitze darin. Hier sah sie£ lange hinaus und ging ihr dann eine Strecke entgegen. Sie war bejahrt und groß, hatte ein feines, kleines Gesicht, und ihr Kopf war eingehüllt. Sie kannte Maria nur dem Rufe nach. Die heilige Jungfrau, sie erblickend, erkannte sie und ging vor Joseph, der sich zurückhielt, voraus.
2
Maria war schon zwischen den benachbarten Häusern, deren Bewohner, über ihre Schönheit erstaunt und von ihrem Wesen gerührt, sich mit einer gewissen Bescheidenheit zurückzogen. Als sie zusammenkamen, grüßten sie einander freundlich mit Darreichung der Hand, verweilten aber nicht vor den Leuten, sondern gingen einander am Arm führend durch den Hof zur Haustüre, wo Elisabeth Maria nochmals willkommen hieß. Joseph ging seitwärts in eine offene Halle des Hauses zu Zacharias und begrüßte den alten Priester demütig. Zacharias hatte eine Tafel und antwortete ihm schreibend.
Maria und Elisabeth traten ins Haus. Da war eine Halle, wo auch die Küche schien. Hier faßten Elisabeth und Maria einander bei den Armen, lehnten die Köpfe aneinander, und ich sah Licht zwischen beiden niederstrahlen. Da ward Elisabeth ganz innig und trat mit erhobenen Händen zurück und rief aus: "Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Woher kommt mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt. Sieh, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind freudig unter meinem Herzen. O, selig bist du, du hast geglaubt, und es wird vollendet werden, was dir vom Herrn gesagt worden ist."
Unter den letzten Worten führte sie Maria in das zubereitete Kämmerchen, auf daß sie sich setzte. Es waren ein paar Schritte hin. Maria aber ließ den Arm der Elisabeth, den sie gefaßt hatte, kreuzte die Hände vor der Brust und sprach in Begeisterung den Lobgesang: Meine Seele verherrlicht den Herrn, und mein Geist ergötze sich in Gott, meinem Heiland, weil er geschaut hat auch auf die Niedrigkeit seiner Magd. Denn sieh, von nun werden alle mich selig preisen, weil Großes an mir getan hat, der mächtig ist, dessen Name heilig und dessen Barmherzigkeit von Geschlecht zu Geschlecht bei denen ist, die ihn fürchten. Er hat Macht in seinen Arm gesetzt und zerstreut die Stolzen in ihres Herzens Sinn. Er hat die Mächtigen von ihrem Sitze abgesetzt und die Niedrigen erhöht. Die Hungernden hat er mit Gütern erfüllet und die Reichen leer entlassen. Er hat Israel, seinem Sohn, aufgeholfen, eingedenk seiner Barmherzigkeit, wie er gesprochen hat zu unseren Vätern, zu Abraham und seinem Samen für die Ewigkeit!"
Elisabeth aber sah ich das ganze Gebet in gleicher Begeisterung mitbeten. Nun aber setzten sie sich auf niedere Sitze, und es stand ein kleiner Becher auf einem Tischchen. - Ich aber war so selig und setzte mich auch in die Nähe und habe alles mitgebetet.
3
Nach Tisch sagte sie schlafend: Joseph und Zacharias sind noch beieinander. Sie unterhalten sich, schreibend auf eine Tafel, immer über die Nähe des Messias. Zacharias ist ein großer, schöner Greis, priesterlich gekleidet. Sie sitzen an der Seite des Hauses in einer offenen Halle, die in den Garten sieht. - Elisabeth und Maria sitzen im Garten unter einem großen, breiten Baum auf einer Decke. Hinter dem Baum ist ein Brunnen. Es springt Wasser heraus, wenn man an einem Zapfen zieht. Ich sehe Gras und Blumen umher und Bäume mit kleinen gelben Pflaumen. Sie essen miteinander kleine Früchte und Brötchen aus der Reisetasche Josephs. Oh, welche rührende Einfalt und Mäßigkeit Zwei Mägde, zwei Diener sind im Haus. Die bereiten einen Tisch unter einem Baum. Joseph und Zacharias kommen und essen einiges. Joseph wollte gleich wieder heim. Er wird aber acht Tage bleiben. Er weiß nichts von der ... Schwangerschaft Mariä. Die Frauen schwiegen davon. Sie hatten beide einen geheimen Bezug in ihrer Empfindung aufeinander.
Wenn sie alle zusammen waren, besonders vor Tisch, auch Joseph dabei, so beteten sie eine Art Litanei, und ich sah mitten in derselben ein Kreuz erscheinen, und war doch damals kein Kreuz. Ja es war, als besuchten einander zwei Kreuze.
2.-3. Juli 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 7 / Viertelseiten 9-10
Sie aßen gestern abend alle zusammen und saßen bis um zwölf Uhr bei einer Lampe unter dem Baum des Gartens. Joseph und Zacharias sah ich dann in einem Gebetsort und Elisabeth und Maria in ihrem Kämmerchen. Sie waren ganz innig und beteten Magnifikat zusammen. Außer der früher beschriebenen Kleidung hatte die Heilige Jungfrau auch noch einen schwarzen, durchsichtigen Schleier, den sie niedersenkte, wenn sie mit Männern sprach. Zacharias hatte heute Joseph nach einem anderen, vom Hause abgelegenen Garten geführt. Zacharias ist in allem sehr ordentlich und akkurat. Der Garten ist mit schönen Bäumen und Stauden voll Früchten. In der Mitte ist ein Laubengang und am Ende ein verstecktes Häuschen, dessen Eingang von der Seite ist. Oben sind Öffnungen mit Schiebern als Fenster. Es standen ein geflochtenes Lager mit Moos oder sonst feinem Kraut darin und auch zwei kindergroße, weiße Figuren. Ich wußte nicht recht, wie sie dahin kamen, auch nicht, was sie bedeuteten, aber sie schienen mir Zacharias und Elisabeth sehr ähnlich, nur weit jünger.
4
Ich sah heute nachmittag Maria und Elisabeth zusammen. Maria besorgte alles mit im Haus, bereitete allerlei Geräte für das Kind, und sie arbeiteten und strickten an einer großen Decke, einem Lagerteppich für Elisabeth. Sie arbeiteten auch für Arme.
Anna sendet während Mariä Abwesenheit oft ihre Magd nach Nazareth, in Mariä Haus nach allem zu sehen. Ich habe sie selbst jetzt einmal dort gesehen.
4.-5. Juli 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 7 / Viertelseiten 13-15 3)
Zacharias und Joseph sah ich heute die Nacht in dem Garten, der vom Hause entfernt liegt, zubringen. Sie schliefen teils im Gartenhäuschen, teils beteten sie im Garten unter freiem Himmel. Sie kehrten ganz früh nach Hause zurück. Elisabeth und die Heilige Jungfrau waren zu Haus, und ich sah sie immer vereint morgens und abends den Lobgesang Magnifikat zusammen sprechen, den Maria auf den Gruß Elisabeths vom Heiligen Geist empfangen hatte.
Ich hatte heute nacht ein eigenes Bild von der Nähe des heiligen Sakraments bei Maria, was ich vergessen habe, und vieles über das Magnifikat.
Der Pilger las nun das Magnifikat, und von der Stelle an: "Du hast Stärke in deinen Arm gesetzt", sagte sie, traten Bilder ein vom Sakrament im Alten Testament, vom Abraham, wie der den Knaben opfert, Jesajas, wie er einem König etwas verkündet und dieser es verspottet. Sie habe das Sakrament gesehen von Abraham bis Jesajas, von Jesajas bis Maria . . ., habe es aber vergessen. Sie betete hierauf die Litanei vom Heiligen Geist und Veni Sancte Spiritus und entschlief lächelnd, sagte dann ganz innig: Ich soll heute nichts mehr tun und niemand zu mir lassen, dann soll ich das Gesicht wieder haben. Ich soll auch das Geheimnis der Bundeslade erfahren, wenn ich ganz Ruhe haben werde. Ich habe die Zeit gesehen. Es ist eine schöne Zeit. Ich sah den Pilger bei mir. Ich soll dann viel erfahren. Dabei glüht und blüht sie im Schlafe, zieht die Hände unter der Bettdecke hervor und spricht: ...
Es ist warm da bei Maria. Sie gehen jetzt alle in den Hausgarten, zuerst Zacharias und Joseph, dann Elisabeth und Maria. Es ist eine Decke wie ein Zelt unter einem Baum gespannt. Es stehen niedrige Stühle mit Lehnen an einer Seite da.
Ich soll ruhen und alles Vergessene wieder sehen. Das süße Heilige Geistgebet hat mir geholfen. Es ist so süß.
5
Nach Tisch klagte sie sich an, daß sie doch keine Ruhe gehabt und gegen das Verbot die Schuljuffer 4 bei sich gehabt habe. Sie habe sie nicht abweisen können. Diese klatschte allerlei vom Landrat und Pater usw. Sie ärgerte sich, usw. Auf diesen Ärger entschlafen, erwachte sie abends gegen fünf Uhr und klagte sich an und sagte: .. $
Ich habe Maria das Magnifikat beten sehen und in der Mitte des Gebets ein Bild von Abraham gesehen, der Isaak opfert, dann fortwährend Bilder von der Annäherung des Sakraments, Vorbilder, das Geheimnis der Bundeslade, nie so deutlich, zwei, die einander umschlingen, und die Bedeutung. Moses konnte nicht fort aus Ägypten. Da hatte er in der letzten Nacht dieses erhalten. Da hatte er fortgekonnt und alles überwunden. Es bezieht sich auf die Menschwerdung.
Ich habe immer Sakramentsbilder dazwischen gehabt und immer Maria im Magnifikat gesehen, bald hier, bald dort, und es war, als sei das Geheimnis der Arche des Bundes nun in ihr lebendig geworden. Ich habe auch Jesajas gesehen, einem König etwas verkünden, der nicht gut war, und habe von Jesajas Bilder bis auf Maria gehabt und sah das heilige Sakrament immer näher kommen.
11.-12. November 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 11 / Viertelseite 93
Ich sehe Maria fortwährend bei Anna mit Zubereitungen zur Geburt Christi beschäftigt. Es ist alles gut, überflüssig und reichlich bereitet. Sie ist in Annas Haus bei Nazareth und denkt dort das Kind zu gebären. Joseph ist nach Jerusalem und hat Opfer zum Tempel gebracht. Die Zeit von Christi Geburt, wie ich sie sehe, ist wohl vier Wochen früher als die Kirche sie feiert. Sie muß gegen Katharinatag sein, denn ich sehe auch Maria Verkündigung am Ende des Februar.
12.13. November 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 11 / Viertelseiten 95-96
Joseph sah ich von Jerusalem zurückgekehrt. Er hatte Opfervieh dahin gebracht und es in dem Haus vor dem Bethlehemer Tor, wo sie vor Maria Reinigung eingekehrt waren - es war ein Levitenhaus -, eingestellt. Er ging von da nach Bethlehem, besuchte aber seine Verwandten nicht. Er sah nur die Umstände und Gelegenheit ein, denn er war willens, nach den Tagen der Reinigung von
6
Nazareth mit Maria zum Tempel nach Jerusalem zu reisen und dann nach Bethlehem zu ziehen und da wohnen zu bleiben: ich weiß nicht mehr, welcher Vorteile halber. Er war auch nicht gern in Nazareth.
Als er zurückreiste, brachte er das Opfer in Jerusalem, und da er dicht um Mitternacht sechs Stunden von Nazareth über das Feld Kimki reiste, erschien ihm ein Engel und sagte ihm, er solle alsbald mit Maria nach Bethlehem reisen, denn ihr Kind solle dort geboren werden. Er solle nur wenig und geringes Geräte mitnehmen und namentlich keine Spitzen und gestickten Decken. Er bestimmte ihm alles. Joseph war darüber sehr bestürzt. Er sagte ihm auch, er solle außer dem Esel, worauf Maria sitze, eine einjährige Eselin mitnehmen, welche noch nicht geworfen. Diese solle er mit sich frei laufen lassen, und die Wege folgen, welche sie gehe.
21.-22.November 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft il / Viertelseiten 129-131
Sie seien in den letzten unklar erzählten Wegen aus der Wüste ... gendlich von Bethanien nicht gerade gegen Mittag auf Bethlehem, wovon sie etwa in dieser Richtung nur sechs Stunden gewesen, gezogen, weil der Weg dahin sehr bergig und in dieser Zeit sehr unbequem gewesen wäre für sie. Sie seien der Eselin gefolgt zwischen Morgen und Mittag quer durch das Land zwischen Jerusalem und dem Jordan.
In einer der Herbergen, wo der alte Mann am Stock herumgegangen, seien sie auch nicht besonders aufgenommen worden, sondern man habe sich nicht um sie bekümmert. Diese Leute seien keine recht einfältigen Hirten gewesen, sondern wie hier zu Land große Bauern, etwas mit der Welt, Handel und dgl. vermischt.
Sie meine, eines von den Häusern sei jenes gewesen, wo Jesus nach der Taufe die Ruhestelle seiner Eltern in einen Betort verwandelt gefunden. Sie erinnere sich dunkel, als hätten sie dieses bald nach Christi Geburt getan. Sie weiß nicht recht, ob dieses da gewesen, wo der Mann anfangs Maria ins Gesicht geleuchtet und Joseph vorgeworfen habe, er nehme seine junge Frau wohl aus Eifersucht mit. Die Hausfrau und der Mann seien nachher sehr freundlich gewesen.
Sie seien am 21. bei vollem Tag etwa zwei Stunden vom Taufort des Johannes am Jordan gegen Morgen von Bethlehem etwa fünf Stunden weit an einem großen Hirtenhaus angekommen. Es sei
7
dasselbe, wo Jesus übernachtet vor dem Morgen, da er zum ersten Mal nach der Taufe bei Johannes vorübergegangen.'
Es war neben dem Haus ein eigenes Haus, wo die Ackerbau- und Hirtengerätschaften darin waren. Es waren auch ein Brunnen im Hof und Bäder um ihn' herum, in die das Wasser durch Röhren aus dem Brunnen floß. Es war eine große Wirtschaft. Der Mann mußte ein großes Feld haben, denn es kamen und gingen viele Knechte, welche da aßen. Der Mann empfing die Reisenden sehr liebevoll und war sehr dienstwillig. Ein Knecht mußte Joseph am Brunnen die Füße waschen, und er gab ihm andere Kleider und lüftete ihm die seinen und strich sie aus. Maria wurden durch eine Magd dieselben Dienste geleistet.
Die Hausfrau ließ sich nicht recht sehen. Sie wohnte etwas abgesondert. Sie ist dieselbe, welche Jesus nach dreißig Jahren krank fand und heilte und ihr sagte, sie habe diese Krankheit, weil sie gegen die Seinen nicht gastfreundlich gewesen. Ich weiß aber nun die Ursache. Diese Frau war jung und etwas eitel. Sie hatte die Heilige Jungfrau mit einem Blick gesehen oder auch gesprochen, ich weiß die Umstände nicht mehr, und hatte sich an ihrer Schönheit geärgert und war deswegen nicht zum Vorschein gekommen. Es waren auch Kinder im Hause Sie blieben hier über Nacht und einen Teil des folgenden Donnerstags. 9)
9. Dezember 1822 / Tagebuch Bd. X, Heft 2, Seite 7
... Am Abend sagte sie zufällig: Ich hatte auch ein sehr betrübtes Bild heute" nacht. Ich kam in der Adventsbetrachtung nach dem Gut Lazari bei Jinim, wo Maria und Joseph übernachteten. Maria trat mir entgegen, und ich sah auf ihrem Leibe eine Glorie, und in dieser ein kleines leuchtendes Menschenfigürchen, und indem ich es ansah, war es, als schwebe Maria darüber und umgebend darum, und ich sah das Kind wachsen und größer werden und sah alle Peinen Christi an ihm vollziehen. Es war ein schrecklich trauriger Anblick. Ich weinte und ächzte laut. Ich sah es von anderen Gestalten schlagen, stoßen, geißeln, krönen`, Kreuz tragen, ans Kreuz nageln, in die Seite stechen. Ich sah das ganze Leiden Christi an dem Kind. Es war ein schrecklicher Anblick, und als das Kind am Kreuz hing, sagte es zu mir: "Dieses habe ich gelitten von meiner Empfängnis an schon für die Menschen bis zu meinem vierunddreißigsten Jahr, da es äußerlich vollendet ward. Gehe hin und
8
verkündige das dem Menschen" Wie soll ich aber das dem Menschen verkündigen? 12
(24.-25.) Dez. 1819 / Tagebuch Bd. I, Heft 6 / Seiten 89-91 (Viertelseiten 318/a-320/a)
Sie leuchtete nun vor Freuden, und ihr Geist und ihr Wort und ihr Angesicht erhielten eine unaussprechliche freudige Heiterkeit und Lebendigkeit, und sie erhielt eine solche Tiefe f e und Fertigkeit der Rede, das Höchste und Geheimste auszusprechen, daß der Pilgers' es nur fühlen konnte, was ihn tief erschütterte. Wiederholen kann er es nur in einem elenden Schatten, was sie mit mehr als Farben, was sie mit Flammen aus der Nacht des Lebens sprechend heraustreten ließ:
Sieh, wie leuchtet und lacht die ganze Natur in Unschuld und Freude! Es ist, als erhebe sich ein verhüllter Toter aus Moder, Staub und Nacht und gebe ein Zeugnis mit seiner Erscheinung, er sei mehr als lebendig, leiblich, jung, blühend, lachend, er sei unsterblich, unschuldig, rein, er sei das unbefleckte Ebenbild Gottes gewesen.
Alles lebt und ist trunken in Unschuld und Dank. Oh, die schönen Hügel, um welche die Bäume hinlaufen, als eilten sie zur Krippe, dem Schöpfer, der die Geschöpfe besucht, ihre Düfte, Blüten und Früchte, die sie von ihm haben, zu Füßen zu streuen! Die Blumen tun überall ihre Kelche auf und drängen ihre Gestalt, ihre Farbe, ihren Duft dem Herrn entgegen, der bald kommen wird, unter ihnen zu wandeln. Die Quellen murmeln sehnsüchtig und erwartungsvoll. Die Springbrunnen tanzen in freudiger Ungeduld wie Kinder, welche die Christgeschenke erwarten. Die Vögel singen unaussprechlich süß und freudig. Die Lämmer blöken und springen. Alle Tiere sind sanft und freudig. Alles Blut fließt reiner und lebendiger. Alle frommen Herzen, die in heiliger Sehnsucht schwer waren, schlagen unbewußt der Erlösung entgegen. Alles ist bewegt. Über die Sünder kommt Schwermut, Rührung, Reue, Hoffnung, und die Unverbesserlichen, Verstockten, . . . die Feinde, die künftigen Kreuziger sind' in Angst und Unruhe und in einer Verwirrung, welche sie nicht verstehen. Denn auch sie fühlen eine unbegreifliche Bewegung in der Zeit, deren Fülle sich naht, aber diese Fülle und ihre ganze Seligkeit ist in dem demütigen, reinen, menschlichen Herzen Mariä, das über dem Erlöser der Welt betet, der unter ihm Mensch geworden und in wenigen Stunden als Licht, das Fleisch geworden, in dieses Leben treten wird in sein Eigentum, wo die Seinen ihn nicht erkannt haben.
9
vor seinen Brüdern floh, hatte er sich hier schon verborgen und hatte auch manchmal darin einsam gebetet. Es ist auch an dem Ort im Alten Testament etwas geschehen, ich meine, ein Engel brachte einem etwas. Ich weiß nicht mehr. Am 23. und 24. sah ich Joseph aus- und eingehen und allerlei bringen, Schalen und Speise, auch Wasser in einem ledernen Sack, den man zusammenlegen konnte. 15
Ich bin mit meiner Seele unendliche Wege gewesen. Bald sah ich die Heilige Jungfrau, bald sah ich die Hirten, bald die Könige, aber es war, als kämen die Bilder zu mir, weil ich so müde und krank war. Ich sah etwa um Mitternacht die Heilige Jungfrau ganz in Entzückung und wie etwas über der Erde schwebend emporgehoben. Es war ein unaussprechlicher Glanz in der Höhle, selbst die tote Natur war in innerer Bewegung, die Steine des Bodens und der Wände der Krippenhöhle waren wie lebendig. Da sah ich ein Bild, ein Gesicht der drei Könige in der Stunde der Geburt Jesu. Ich sah Menzor und bei ihm den schwarzen Seir auf dem Feld. Sie sahen nach den Sternen. Es war im Lande Menzors. All" ihr Gerät war zur Reise fertig. Sie hatten hier so einen spitzen Turm wie die Sterndiener, und man konnte außen daran hinaufsteigen. Sie sahen durch lange Rohre nach dem Stern Jakobs. Es war ein Schweif daran. Ich sah, daß der Stern sich voneinander tat für ihre Augen, und daß eine Jungfrau, groß und glänzend, darin erschien, vor deren Mitte ein leuchtendes Kind schwebte, aus dessen rechter Seite ein Zweig wuchs, auf dem wie eine Blume ein Türmchen mit vielen Eingängen hervorblühte, das sich in eine Stadt ausbildete. Ich weiß das Bild nicht mehr ganz ...
23.-24. November 1821 / Tagebuch Bd. 111, Heft 11 / Viertelseiten 141-151
Am 23. abends, Freitag, entschlief sie und hatte das Bild von Josephs und Mariä Ankunft in Bethlehem und sprach einiges gesprächsweise davon aus, und solche paar Minuten sind dann weit reichhaltiger als lange Mitteilungen, wo sie ohne alle Bestimmtheit oft das Unwesentliche sagt. Am folgenden Morgen, 24., heute, setzte sie nur weniges hinzu und war den ganzen Tag krank und gestört.
Der Weg von der letzten Herberge nach Bethlehem möchte etwa drei Stunden sein. Sie seien an der Nordseite von Bethlehem herumgezogen und von der Abendseite gegen die Stadt. Sie seien eine Strecke von der Stadt, etwa eine Viertelstunde Wegs, an ein großes
12
Gebäude mit Höfen und kleinen Häusern umgeben gekommen. Es seien auch Bäume davor gewesen und habe vielerlei Volk unter Zelten darum her gelegen. Es sei das ehemalige väterliche Haus Josephs, und wie sie immer gesagt, das Stammhaus Davids gewesen. Jetzt sei hier das Einnahm haus der römischen Schatzung gewesen.
Hier folgen nun die einzelnen Reden, welche sie im Schlaf sagte, nach manchen Pausen: Maria ist in einem kleinen Haus am Hof, bei Frauen. Sie sind ganz artig und geben ihr was. Die Frauen kochen für die Soldaten. Es sind Römer. Sie haben solche Riemen um die Lenden hängen. Es ist hier schön Wetter und nicht kalt. Die Sonne scheint auf den Berg zwischen Jerusalem und Bethanien. Man sieht es recht schön von hier.
Joseph ist in einer großen Stube. Sie ist nicht ebener Erde. Sie fragen ihn, wer er sei, sehen auf langen Rollen, welche an der Wand in großer Menge hängen, nach. Sie rollen sie ab und lesen ihm sein Geschlecht vor, auch von Maria. Er wußte gar nicht", daß sie von Joachim her auch so gerade von David stammt. Der Mann fragte ihn: "Wo hast du dein Weib?"
Sieben Jahre sind es, daß die Leute hier im Land nicht ordentlich geschätzt sind wegen allerlei Verwirrung. Ich sehe die Zahl: V und II; das macht ja sieben. Diese Steuer ist schon mehrere Monate im Gang. Die Leute müssen noch zweimal bezahlen. Sie bleiben teils drei Monate hier. Der Pilger konnte nicht ausmitteln, ob dieses .noch zweimal" heiße: Sie müßten sich noch zweimal stellen, wo ihnen das erste Mal die Schätzung ihrer Person gemeldet und das zweite Mal die aufgelegte Summe von ihnen empfangen werde, oder ob sie für zweimal bezahlen müßten. Sie sagte: Sie haben zwar in den sieben Jahren hie und da etwas bezahlt, aber nicht ordentlich. Joseph hat heute noch nicht gezahlt, aber seine Umstände sind ihm abgefragt, und er hat gesagt, daß er keine Gründe habe und von seinem Handwerk und der Unterstützung seiner Schwiegereltern lebe. Daß sie übrigens sagt, sie müssen noch zweimal zahlen, wirft eine Erklärung auf das .erste Steuer" bei Lukas. Am folgenden Tage sagt sie noch: Maria ist auch vor die Schreiber gerufen worden, aber nicht oben, sondern unten in einem Gang. Es wurde ihr aber nichts vorgelesen.
Sie zogen dann gerade in Bethlehem hinein bis in die Mitte der Stadt, und Joseph fragte hie und da erst in den Herbergen an, wo er sichere Unterkunft erhoffte. Maria hielt immer bei dem Esel in einiger Entfernung des Hauses.
13
Bei den anfangs erzählten Äußerungen im Schlaf ist vergessen niederzuschreiben: Da sie sie an dem Stammhaus Josephs ankommen sah, sagte sie: Die Eselin geht nicht mit hier. Sie läuft weg. Sie läuft gegen Mittag um die Stadt herum. Es ist etwas eben, ein Talweg.
Überall wird es voll. Überall wurde er abgewiesen. Er zog dann wieder in der Richtung zurück, in der er gekommen war, und dann gegen Mittag, und immer vergebens. Endlich ließ er die Heilige Jungfrau mit dem Esel unter einem Baum stehen.
Hier die jährlich gesehene Szene: Er geht von Haus zu Haus. Seine Freunde, von welchen er Maria gesprochen, wollen ihn gar nicht kennen. In diesem Suchen kehrte er einmal zu Maria unter den Baum zurück und weinte. Sie tröstete ihn. Er suchte von neuem, Haus für Haus, da er aber überall die nahe Entbindung seiner Frau als einen Hauptbeweggrund anführte, wiesen sie ihn noch leichter ab. Es war unterdessen ganz düster geworden. Maria saß und stand unter dem Baum, der breiten Schatten bot. Der Esel stand gegen den Baum mit dem Kopf gekehrt. Maria hatte Decken, worauf sie saß. Ihr Kleid war gelöst und hing weit um sie her. Es war dieses in einer einsameren Gegend, doch kamen zuletzt vorübergehende Neugierige und schauten sie entfernt an, wie man das tut, wenn man jemand im Düstern lang stehen sieht. Ich meine, es redeten sie auch einzelne an. Endlich kam Joseph ganz betrübt wieder und sagte, es sei vergebens. Er wisse aber noch einen Ort aus seiner Jugend, der vor der Stadt den Hirten gehöre, wo sie oft einstellten, wenn sie hierher Vieh brächten. Er habe dort oft sich abgesondert und vor seinen Brüdern versteckt. Zu dieser Jahreszeit seien keine Hirten da. Sie wollten da einstweilen ein Obdach finden. Er wolle, wenn sie erst in Ruhe sei, von neuem zu suchen ausgehen. Sie zogen nun durch einen Umweg durch abgelegene Wege vor die Stadt nach der Krippenhöhle, welche in einem an der einen Seite mit rohem Mauerwerk ergänzten Hügel war, von wo aus der Zugang ins Tal der Hirten offen stand. Joseph setzte die leichte geflochtene Türe los.
Als sie hier ankamen, lief ihnen die Eselin entgegen, welche gleich bei Josephs Vaterhaus schon von ihnen weg außerhalb der Stadt herum hierher gelaufen war. Sie spielte und sprang ganz lustig um sie herum, und Maria sagte noch: "Sieh, es ist gewiß der Wille Gottes, daß wir hier sein sollen." Joseph war aber sehr betrübt und ein wenig stille beschämt, weil er so oft von der guten Aufnahme in Bethlehem gesprochen hatte.
14
Es war ein Obdach vor der Türe, worunter er den Esel stellte und Maria einen Sitz bereitete. Es war ungefähr acht Uhr, als sie hier waren, und dunkel. Joseph machte Licht und ging in die Höhle. Der Eingang war sehr eng. Es stand allerlei dickes Stroh an den Wänden, wie Binsen, und waren braune Matten darüber gehängt. Auch hinten in dem eigentlichen Gewölbe, wo oben einige Lichtlöcher herein waren, war nichts in Ordnung. Joseph räumte aus und gewann hinten so viel Raum, daß er Maria eine Lager- und Sitzstelle bereiten konnte. Er heftete eine Lampe an die Wand, und als Maria ruhte, ging er auf das Feld gegen die (Milch-)Höhle zu und legte einen Schlauch in ein sehr kleines Bächlein, daß er volllaufen sollte. Er wurde so hineingeheftet: Skizze.
Er ging auch noch zur Stadt und holte kleine Schüsseln und Reiserbündchen und, ich meine, auch Früchte. Es war zwar Sabbat, aber wegen der vielen Fremden in der Stadt, die allerlei Unentbehrliches brauchten, waren an den Straßenecken Tische aufgerichtet, worauf die nötigsten Lebensbedürfnisse und Geräte lagen. Der Wert wurde dabei niedergelegt. Ich meine, es standen Knechte oder heidnische Sklaven dabei. Ich weiß es nicht mehr recht.
Er machte zurückgekommen ein Feuer im Eingang der Höhle und holte den gefüllten Wasserschlauch und bereitete einige Speise. Es war ein Mus von gelben Körnern und auch eine dicke Frucht, welche gekocht wurde und die beim Essen auseinandergeteilt auch viele Körner enthielt, und es waren auch kleine Brote.
Nachdem sie gegessen hatten und gebetet und Maria zur Ruhe gegangen auf einem Binsenlager, worüber Decken und zum Kopf eine gerollte Decke lagen, bereitete Joseph sich auch im Eingang der Höhle sein Lager und ging dann nochmals in die Stadt. Er hatte aber alle Öffnungen der Höhle gegen Zugluft verstopft. -18
Über die Steuerzahlung einiges Nacherzähltes: Es war eine große Menge von Schreibern und vornehmen Beamten in dem Haus. Sie waren in mehreren Sälen. Oben waren Römer und auch viele Soldaten. Es waren Pharisäer und Sadduzäer, Priester, Älteste und allerlei Art solcher Beamten und Schreiber da und auch römische Beamte. In Jerusalem war keine solche Kommission, aber noch an einigen anderen Orten, die mir nicht gleich einfallen, außer Magdalum am galiläischen See. Da mußten auch Leute aus Sidon hin bezahlen, ich meine auch wegen Handelsgeschäften, und Leute aus Galiläa. Es brauchten nicht alle Leute an den Ort ihrer Geburt zu ziehen. Es waren nur die, welche nicht ansässig waren und nicht
I5
nach ihren liegenden Gründen geschätzt werden konnten. Es wurde die Steuer von nun an durch drei Monate dreimal bezahlt, d. h., in drei Monaten mußten die drei Teile entrichtet werden. An der ersten Steuer hatten der Kaiser Augustus und Herodes und noch ein König teil, er wohnte bei Ägypten. 19 Er hatte etwas im Krieg getan und hatte ein Recht oben im Land an eine Gegend. Sie mußten ihm etwas abgeben =° Die zweite Steuer war etwas wegen Tempelbau. Es war, als werde eine Schuld, eine Summe, die vorgeschossen worden, bezahlt. Die dritte Steuer sollte für die Witwen und Armen sein, welche lange nichts empfangen hatten, aber es kam von allem dem wie auch heutzutag wenig an den rechten Mann. Es waren lauter rechte Ursachen und ging doch in die Hände der Großen. Es war ein entsetzliches Geschreibe und Getue, ganz wie ein pr ... Wesen.
Joseph ging gleich in das Haus, denn jeder, der ankam, mußte sich da melden und empfing da einen Zettel, den er am Tor wieder abgeben mußte. Sonst konnte er nicht in die Stadt. Joseph kam etwas spät zu der Steuer. Er wurde ganz freundlich behandelt..
Joseph hatte noch einen Bruder in der Stadt wohnen. Er war ein Wirt. Es war nicht sein rechter Bruder, es war ein Nachkind. Joseph ging gar nicht zu ihm. Joseph hatte fünf Brüder gehabt, drei rechte und zwei Stiefbrüder. Joseph war fünfunddreißig Jahre alt. Er war fünfundzwanzig Jahre und, ich glaube, drei Monate älter als Maria nun?. Er sah mager aus und weiß. Er hatte das Aussehen von einer bejahrten Jungfrau, hervorstehende rötliche Backenknochen, hohe reine Stirn, bräunlichen Bart, etwas kraus.
16
DER MESSIAS WIRD GEBOREN
Nachts vom 24. zum 25. November 1821, 12 Uhr / Tagebuch Bd. III, Heft 11 / Viertelseiten 152-165; 168-171
Joseph habe in der sogenannten Saughöhle 2' Raum gemacht. Sie sei eigentlich geräumiger als die Krippenhöhle gewesen. Er habe Maria einen Sitz und Lager hinein gemacht und sie am heutigen Tage einige Stunden hineingebracht, während welcher er die Krippenhöhle ausgeräumt und noch besser in Ordnung gebracht, auch mancherlei Geräte aus der Stadt geholt. Maria habe ihm gesagt, daß die Stunde ihrer Niederkunft in der folgenden Nacht, den 25. sei, denn dann seien es neun Monate, daß sie empfangen habe. Sie bat ihn von seiner Seite alles Mögliche zu tun, damit sie das von Gott verheißene, übernatürlich empfangene Kind so gut auf Erden ehrten, als sie vermöchten, und er möge mit ihr sein Gebet für die Hartherzigen vereinigen, welche ihm keine Herberge hätten gewähren wollen.
Es sei etwa um fünf Uhr gegen Abend gewesen, als er die Heilige Jungfrau in die Krippe zurückgebracht habe. Sie erzählt noch einiges von Wegen Josephs in und aus der Höhle, Füttern des Esels, Kaufen von kleinen Gerätschaften, Schemeln, Tischchen, kleinen Schüsseln, auch getrockneten Früchten, auch Trauben, Speisebereitung, gemeinschaftlichem Essen, und daß er Maria angeboten habe, ihr einige fromme Weiber aus Bethlehem zum Beistand zu holen, die er kenne. Aber sie habe es nicht angenommen, mit der Erklärung, sie bedürfe niemandes. 22
Sie erwähnt noch, Joseph habe Maria verlassen und sich ins Gebet in seine Kammer, seinen Abschlag begeben. Maria habe ihm gesagt, es nahe ihre Zeit, er möge sich ins Gebet begeben. Er habe die Höhle Mariä vorher noch mit mehreren Lampen behängt. Er sei noch hinausgegangen und habe die Eselin, welche an die Krippe aus dem Feld, wo sie die ganze Zeit gelaufen, freudig herangesprungen, unter das Abdach an der Krippe gestellt und ihr Futter gegeben ...
Bethlehem habe auf dem Rücken eines so gebogenen Berges gelegen. Die Krippenhöhle sei am morgendlichen Ende dieses Berges schier eine Viertelstunde vor der Stadt gelegen. Von der Tür der Krippe aus habe man nur einzelne Dächer und Türme der Stadt
17
sehen können. Es sei ein ganz schöner Platz mit schönen Bäumen davor gewesen. Die Gestalt inwendig bleibt dieselbe, ungefähr wie der Pilger 23 sich dieselbe aus ihren früheren, immer bruchstücklichen und kranken und nicht geduldigen Erzählungen denken mußte. Aber äußerlich und innerlich kommt etwas hinzu.
Erstens, sie liegt mit der Mittagsseite frei und besteht da aus Mauerwerk, hat auch an dieser Stelle ein Abdach und einen Ausgang, den Joseph allein gebraucht, der früher versetzt war und den er öffnete. Ausgehend ist links von dieser Mittagstüre noch ein Kellerchen, unter die Krippenkapelle gehend, eng und unbequem.
Hinter dem Eselstand ist noch ein kleiner Winkel, wo Futter bewahrt wird. Die Feuerstelle ist zwischen dem Eselstand und einem kleinen, an der Mitternachtsseite liegenden Seitenkeller, dessen Türe in den Krippeneingang geht.
Wenn man aus der Krippentüre geht, über welcher auch ein Abdach längst der Mauer hinläuft, und wendet sich rechts, so kommt man in eine tiefer liegende, aber dunklere Höhle, wo Maria auch gewohnt und sich einigemal verborgen.
Hinter der Krippe, wenn man durch ein Sacktal, in welchem hohes Gras und Alleen sind, querdurch nach der entgegengesetzten Anhöhe geht, findet man die Saughöhle. In dem Baum darüber sind Sitze. Von da kann man Bethlehem besser sehen als von der Krippe. (Skizze der Krippenhöhle
Nur die Nordseite und ein großer Teil der hinteren Kappe der Höhle warfen im Fels. An der Mittagsseite (warf rohe Mauer. Oben auf der Höhle war der aufsteigende Bergrücken, der zur Lage der Stadt führte . . 24
Als Joseph vorne im Eingang der Höhle in seinem Schlafraum zu beten war, sah er nach dem Hintergrund der Höhle, wo Maria, ihm den Rücken kehrend, kniend auf ihrem Lager betete, das Angesicht gegen Morgen gekehrt. Er sah die Höhle ganz voll Licht. Es war Maria ganz wie von Flammen umgeben, und es war, als sähe er wie Moses in den brennenden Dornbusch hinein. Er sank aber betend auf sein Angesicht und sah nicht mehr zurück.
Ich sah den Glanz um Maria immer größer werden. Die Lichter, welche Joseph angesteckt hatte, waren nicht mehr zu sehen. Sie kniete in einem weiten, weißen Gewand, das vor ihr ausgebreitet war. In der zwölften Stunde war sie im Gebete entzückt. Ich sah sie von der Erde emporgehoben, daß man den Boden unter ihr sah. Sie hatte die Hände auf der Brust gekreuzt.
18
Der Glanz um sie vermehrte sich. Ich sah die Decke der Höhle nicht mehr. Es war wie eine Straße von Licht über ihr bis zum Himmel empor. Maria betete aber wieder zur Erde schauend. Da gebar sie das Jesuskind. Ich sah es wie ein leuchtendes, ganz kleines Kind, das heller war als der übrige Glanz, auf der Decke vor ihren Knien liegen. Es war mir, als sei es ganz klein und werde vor meinen Augen größer. Es war aber dieses alles eine bloße Bewegung in so großem Glanz, daß ich nicht weiß, ob ich und wie ich das sah.
Maria war noch eine Zeitlang so entzückt, und ich sah sie ein Tuch über das Kind legen und es noch nicht aufnehmen, noch anfassen. Nach einer geraumen Zeit sah ich das Kind sich regen und hörte es weinen. Maria war, als komme sie zu sich. Sie nahm das Kind, es mit dem Tuch einhüllend, das sie früher auf es gedeckt, an die Brust. Sie war fast verschleiert, ganz mit dem Kinde eingehüllt, und ich glaube, sie säugte es.
Es mochte wohl eine Stunde nach der Geburt sein, als Maria den heiligen Joseph rief, der noch immer im Gebete lag. Als er ihr nahte, warf er sich in Andacht, Freude und Demut kniend auf sein Angesicht, und Maria bat ihn nochmals, er solle das heilige Geschenk des Himmels doch ansehen. Da nahm er das Kind auf seine Arme!'
Sie legten es hierauf in die Krippe, welche mit Binsen oder anderen feinen Pflanzen gefüllt war, worüber eine Decke, an den Seiten überhängend, gebreitet war. Die Krippe stand über dem Steintrog, der ebener Erde lag, rechts vom Gang, in der Kappe der Höhle, wo die Höhle einen weiteren Ausbug gegen Mittag machte. Der Grund dieses Teils der Höhle lag mit stufig abgeschilfertem Boden etwas tiefer als der andere Teil, wo das Kind geboren worden.
Als sie das Kind in die Krippe gelegt, standen sie beide weinend und lobsingend dabei. Die Heilige Jungfrau hatte ihr Lager und ihren Sitz neben der Krippe. Ich sah sie aufrecht sitzen, auch an der Seite liegen in den ersten Tagen. Doch sah ich sie auf keine Art besonders krank oder erschöpft. Sie war vor und nach der Geburt ganz weiß gekleidet. Wenn Leute zu ihr kamen, saß sie meist neben der Krippe und war mehr eingewickelt.
Als Joseph, nach seiner Kammer gehend und zurücksehend, Maria in dem feurigen Dornbusch sah, war er noch nicht in der Kammer, sondern vor derselben. Sein Kämmerchen, in das er trat, und wo er sich betend niederwarf, war halb in dem Felsen, halb trat es mit Decken verhängt in den Gang der Höhle. Soweit es vorsprang, hatte Joseph den Gang der Türe abgeschlagen und mit Matten verhängt und hatte so einen Raum, allerlei zu bewahren. Wenn man aus dem Hals der Höhle, der nicht so hoch war, in das Gewölbe selbst trat, welches höher war und sich oben höhlenartig von Natur zuwölbte, kam man auf dem sich abstufenden, senkenden Boden tiefer zu stehen als in dem Eingang. Dieser niederere Boden der Höhle war jedoch an drei Seiten durch eine breitere oder schmalere, erhöhte Steinbank umgeben. Auf einer solchen breiteren stand der Esel. Auch wo Maria lag, ehe sie gebar und wo ich sie in der Geburt erhoben sah, war eine solche Steinbank.
Der Ort des Krippenstandes war eine tief einspringende Seitenwölbung der Krippenhöhle. Die inneren Wände der Höhle waren, wo sie von Natur gewachsen, wenngleich nicht ganz glatt, doch angenehm und reinlich und hatten etwas Anmutiges. Sie gefielen mir besser, als wo etwas daran gemauert war. Das war plump und rauh. Die rechte Seite des Eingangs war von unten auf auch ein gutes Stück weit im Felsen, und nur oben scheint es mir gemauert. Da hatte es auch einige Löcher in den Gang. Oben in der Mitte des Höhlengewölbes war eine Öffnung, und ich meine noch drei, schräg in halber Gewölbshöhe von Morgen bis Mittag.
Hinter der Krippe senkte sich der Hügel ins Tal ab und waren Büsche, Bäume und Gärten und ging man ins Tal einer tiefgrasigen Wiese (wo Bäume reihenweise standen und es sehr anmutig war) nach der Saughöhle, die in einem hervorspringenden Hügel der gegenüberliegenden Höhe war, von der Krippe gegen Morgen, doch mehr gegen Mittag.
Dieses Sacktal war etwa eine halbe Viertelstunde breit. Es floß das Wässerchen darin, wo Joseph am Abend der Ankunft den Schlauch darin befestigte. Der Esel hatte keinen Trog vor sich. Es wurde ihm wie ein Schlauch hingestellt oder an die Ecke angehängt. Die Seitenhöhle hinter dem Esel war wohl so groß, daß der Esel darin stehen konnte. Um die Lichtlöcher war die Wand der Höhle etwas glatter gehauen, weil sie von Menschenhänden vollendet schienen. Skizzen
Ich sah in der Lichtstraße über Maria sich ein Licht immer ins andere und eine Gestalt in die andere durchdringen. Ich sah viele Kreise, die Gestalten wurden, und als Maria noch entzückt das Kind auf den Armen hatte, sah ich zuletzt ganz menschlich gestaltete Engel in dem Licht der Krippe vor dem Kind um sie her auf dem Angesicht liegen. Es entsprang in der Nacht in der Geburtsstunde eine schöne Quelle in der anderen rechts gelegenen Höhle, welche
20
herauslief und welcher Joseph am folgenden Tag einen Lauf und Brunnen grub...
Ich sah zwar in diesen Gesichten, welche nach dem Ereignis und nicht nach der kirchlichen Festfreude sind, keine solche schimmernde Seligkeit und Lustigkeit in der Natur. . ., wie ich sie in der Weihnachtsnacht sehe, wo diese Lust eine Bedeutung ist. Aber ich sah doch eine ungewohnte Freude und an vielen Orten, bis in die fernsten Gegenden der Welt, etwas Ungewöhnliches in der Mitternacht, das viele gute Menschen mit freudiger Sehnsucht und böse mit Angst erfüllte. Auch sah ich viele Tiere freudig bewegt, auch viele Quellen entspringen und anschwellen, auch an manchen Orten sich Blumen erheben, Kräuter und Bäume wie Erquickung schöpfen und duften.
In Bethlehem war es trüb und ein trübes rötliches Licht. Auf dem Tal der Hirten aber und um die Krippe und in dem Tal der Saughöhle lag ein erquickender, glänzender Taunebel.
Ich sah die Herden bei dem Hügel der drei Hirten unter Schuppen, am Turm der Hirten aber teilweise noch unter freiem Himmel. Ich sah die drei Hirten von der wunderbaren Nacht bewegt, zusammen vor ihrer Hütte stehen und umherschauen und einen wundervollen Glanz über der Krippe sehen. Auch die Hirten bei dem entfernteren Turm der Hirten waren in voller Bewegung. Sie waren teils auf das Turmgerüst gestiegen und sahen nach der Krippe hin, über welcher sie einen Glanz bemerkten. Ich sah, wie eine Lichtwolke zu den drei Hirten niederkam. Ich bemerkte in derselben auch ein Übergehen und Verwandeln in Formen und hörte mit Annäherung einen süßen lauten und doch leisen Gesang.
Die Hirten erschraken anfangs, aber es standen bald fünf oder sieben leuchtende und angenehme Gestalten vor ihnen, welche wie ein großes Band einen großen Zettel in Händen trugen, worauf etwas mit wohl handlangen Buchstaben geschrieben war. Die Engel sangen Gloria, usw. Denen am Turm erschienen sie auch, und ich weiß nicht mehr, wo sonst.
Die Hirten sah ich nicht augenblicklich zur Krippe eilen, wohin die drei ersten wohl eineinhalb Stunden hatten, und die am Turm der Hirten wohl noch einmal so weit. Aber ich sah sie sogleich bedenken, was sie dem neugeborenen Heiland zum Geschenk mitbringen sollten, und so schnell als möglich diese Geschenke zusammensuchen. Ich sah die drei Hirten am frühen Morgen des 25., sonntags, kommen.
21
Ich sah, daß in dieser Nacht Anna in Nazareth, Elisabeth in Juta, Noemi, Hanna und Simeon am Tempel Gesichte und Eröffnungen von der Geburt des Heilandes hatten. Das Kind Johannes war unbeschreiblich froh. - Nur Anna wußte, wo es war. Die anderen, selbst Elisabeth, wußten zwar von Maria und sahen sie im Gesicht, aber sie wußten nichts von Bethlehem ...
Bei den drei Königen sah ich auch ein großes Wunder. Sie hatten einen Ort und spitzen Turm auf einem Berg, wo immer einer unter ihnen war, die Sterne zu beobachten mit anderen Priestern, und sie meldeten es einander immer, was sie gesehen, und schrieben es auf. In dieser Nacht waren, glaube ich, zwei von den Königen hier, und der, welcher gegen Morgen vom Kaspischen Meer wohnte und bräunlicher war, war nicht dabei. Sie hatten aber ein Gestirn, an dem sie immer beobachteten, und sahen allerlei Veränderungen und Bilder dabei und kriegten Gesichte am Himmel.
Heute nacht sah ich das Bild, das sie sahen. Es war aber in mehreren Veränderungen. Es war nicht ein Stern, in dem sie es sahen, es waren mehrere Sterne in einer Figur, und zwar eine Bewegung in den Sternen. Sie sahen aber einen schönen Wetterbogen über dem Mond, welcher so aussah Skizze. Auf dem Wetterbogen saß eine Jungfrau. Sie hatte das linke Bein in sitzender Stellung. Das rechte hing mehr gerade herunter und stand auf dem Mond. Auf der linken Seite der Jungfrau erschien auf dem Regenbogen ein Weinstock, auf der rechten ein Busch Ähren. Ich sah vor der Jungfrau die Gestalt eines Kelches, wie der beim Abendmahl, erscheinen oder aufsteigen oder hervortreten heller aus ihrem Glanz", und aus dem Kelch hervorsteigend erschien ein Kindchen, und über dem Kindchen eine helle Scheibe, wie eine leere Monstranz. Aus den Strahlen gingen wie Ähren. Ich hatte den Begriff des Sakraments dabei. Zur Linken der Jungfrau stieg eine achteckige Kirche empor. Sie hatte ein großes goldenes Tor und zwei kleine Seitentüren. Die Jungfrau bewegte mit der Hand Kind und Hostie vor sich hinaufweisend 27 in die Kirche. 28
Sie waren darüber in der höchsten Freude, nahmen gleich ihre Schätze zusammen und reisten ab. Sie kamen erst nach ein paar Tagen zusammen. Ich sah sie schon in den letzten Tagen Mariä vor der Geburt 29 allerlei Bilder haben und auf ihrem Sternturm beschäftigt.
22
26.-27. Dezember 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 12 / Viertelseite 268
Ich sah Frauen aus Bethlehem in der Nacht an 30 der Krippe, welche Maria etwas Zeug brachten. Ich habe viel davon gesehen. Ich bin viel dort im Geist; ich habe es vergessen.
2.-3. Januar 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 1 / Viertelseiten 20-21; 23-32
Ich habe Maria und das Kind heute in einer Höhle rechts neben der Krippe gesehen. Ich sah sie selbst mit dem Kinde hineingehen. Man mußte bei der Krippentüre heraus und dann einige Schritte links herumgehen. Man ging durch die enge Türe wohl vierzehn breit abhängende Stufen nieder.' 31 Erst war ein kleiner Vorkeller, und dann kam man in einen Keller, der geräumiger als die Krippe war. Er war an der Seite des Eingangs rund, und diese Runde schnitt Joseph durch einen niederhängenden Teppich ab. Es blieb ein viereckiger Raum übrig. Das Licht fiel nicht von oben, sondern von der Seite durch Öffnungen herein, welche tief durch den Felsen oder Wall durchgingen.
Ich sah das Jesuskind, das in einer ausgehöhlten Mulde an der Erde lag. Ich weiß nicht, ob es Maria tat, um dem vielen Besuch, den ich nach der Beschneidung kommen sah, auszuweichen, oder weil es heller war und geräumiger. Der Esel war nicht hier.
Ich habe in den letzten Tagen schon einen alten Mann daneben vieles solches Stroh, wie Joseph brannte, ausräumen sehen. Vielleicht, daß die Hirten es ihm zulieb taten. Die Frau, welche ich bei der Beschneidung gesehen, sehe ich öfter des Tags bei Maria. Sie empfängt allerlei Geschenke von ihr, die ihr die Leute bringen, und teilt sie den Armen in der Stadt aus.
Ich sehe oft Maria ihr Kind, das mit einem Schleier bedeckt ist, ganz nackt, nur eine Binde um die Mitte des Leibes, den Besuchenden zeigen. Dann sehe ich das Kind auch wieder ganz eingewickelt.
Während der Beschneidung hatte ich ein Gesicht aus der Krippe aufwärts. Ich sah ein Bild des Paradieses. Ich sah es wie einen Berg aufwärts, aber ich konnte auch darunter hinwegsehen. Das kann man beim Prophetenberg nicht, der mit der Erde zusammenzuhängen scheint.
Ich sah in dem wunderbar leuchtenden Garten ein Wasser, und in demselben eine Insel voll schöner Bäume, über diesen Bäumen
23
aber einen inmitten sehr groß, der sie alle mit seinen Zweigen überragte, als schütze er sie.
Diese Insel hing mit einem Damm, der auch mit Bäumen bepflanzt war, mit dem festen Land zusammen, und gerade vor diesem Damm stand der Baum des Sündenfalls. Seine Blätter wuchsen unmittelbar vom Stamm aus und waren sehr groß und breit, wie Schuhsohlen geformt. Vorne in den Blättern verborgen hingen die Früchte, immer fünf in einer Traube, eine vorne und vier um ihren Stiel. (Sie war nicht sowohl wie ein Apfel, mehr birn- oder feigenartig gebildet. Sie war gelb, hatte fünf Rippen, und ihr Butzen hatte etwas von einem Nabel. Ihr Inneres war wie brauner Zucker gefärbt, mit roten Adern, und war weichlicher als ein Apfel, mehr feigenartig. Etwa so Skizze.)
Den Baum sehe ich noch in den heißen Ländern. Er senkt seine Zweige in die Erde, und es schießen immer neue Stämme daraus empor, die wieder ihre Zweige niedersenken und neu emporschießen, und es wohnen ganze Familien unter einem solchen Baum, der viele Lauben vorstellt, eine um die andere. Der Stamm des Baumes ist geschuppt wie Palmen oder Tannäpfel.
Der Baum auf der Insel hatte seine Äste gerade ausgestreckt, und von diesen stiegen wieder Zweige als Bäumchen senkrecht in die Höhe. Der Baum hatte feine Blättchen, er hatte mehr die Art der Zedern. Skizze
Eine Strecke zur Rechten des Baumes der Erkenntnis war ein kleiner, sanft abhängender, eirunder Hügel, von schimmernden, roten Körnern und allerlei Farben, wie Edelsteinen. Dieses Berglein war gestuft und mit Kristallformen. Es waren feine Bäume darum her, doch nicht höher, als daß man ungesehen darauf sein konnte. Ebenso weit zur Linken vom Baum der Erkenntnis war eine Grube, und es war, als hätten der Hügel und die Grube einen Bezug aufeinander, als sei der Hügel aus der Grube genommen, oder als solle von dem Hügel in die Grube gelegt werden. Es war ein Bezug wie Zeugung und Empfangung, Saat und Acker.
Zwischen diesen Orten und dem Baum der Erkenntnis waren allerlei kleine Bäumchen und Büsche. Alles dieses, wie überhaupt die ganze Natur, war wie durchsichtig und von Licht. Skizze
Die Früchte auf dem Baum des Lebens waren gelb und saßen in einer Blätterhülse, wie eine aufgehende Rose. Er war wie ein Baum, der winters grün ist.
Die Wurzel dieses Baumes war der Boden der Insel. Er hatte ein sanftes Abnehmen von großer Breite zu einer kleinen Spitze und
24
überdeckte die ganze Insel. Ich habe weder Adam noch Eva hier je gesehen. Ich erinnere mich, keine Tiere dort, als sehr schöne edle weiße Vögel, in dem Baum singen gehört zu haben.
Die Bäumchen und Kräuter auf der Seite des Hügels hatten, wie ich mich erinnere, Früchte und Blumen und waren farbiger. Die Grube an der linken Seite war wie von weißer, zarter Erde oder von Nebel, wie von weißen Blümchen bedeckt. Alle Pflanzen auf dieser Seite hatten wie Staub, mehr als Frucht.
Die beiden Orte schienen mir heilig. Ich sah sie, besonders den Hügel, so leuchtend. Sie waren die beiden Aufenthaltspunkte Adams und Evas. Der Baum war wie eine Scheidung zwischen ihnen. Ich meine auch, Gott hat ihnen diese Orte nach der Schöpfung Evas angewiesen. Ich sah sie auch anfangs wenig zusammen gehen. Ich sah sie ganz ohne Begierde jeden an seiner Seite meist sich ergehen. Die Tiere waren unbeschreiblich edel und leuchtend und dienten ihnen, und auch die Tiere hatten ihre bestimmten Wege und Ordnung und Wohnung und Trennung, und alle diese Kreise hatten ein großes Geheimnis des göttlichen Gesetzes und Zusammenhangs in sich. Ich habe keinen Weinstock und kein Korn im Paradies gesehen. Auch bei weitem nicht so viele Tierarten, als es jetzt gibt, und manche, die man nicht mehr sieht.
Als die Eva gebildet war, sah ich, daß Gott Adam etwas gab oder vielmehr ihm zufließen ließ. Es ist dieses nicht zu beschreiben, ich kann nicht anders sagen, als es strömten aus Gottes Stirn, Mund und Brust und aus seinen Händen Lichtströme und wickelten sich zum Lichtballen etwa von der Gestalt einer gekrümmten Bohne, und dieses ging in Adams rechte Seite über. Eva empfing dieses nicht. Ich erinnere mich auch dunkel, daß dieses ein göttlicher Keim war. (Auf die Frage: War das, was Abraham von dem Engel in die rechte Seite empfing, auch so gestaltet? sagt sie: Ja, aber nicht so leuchtend. Am Abend auf die Frage: War dieser Lichtkörper nur einer? sagt sie: Nein, es waren drei; hat denn Abraham auch drei empfangen? sagt sie: Nein, nur eines. Aber fragen sie mich nicht mehr, ich rede so ungern von diesen heiligen Dingen.)
Ich sah, daß Adam und Eva miteinander gingen, und Eva war auf der Seite ... Adams. Ich sah die Schlange, an welcher Eva besonders viele Freude hatte, immer vor ihnen herschweifen, ihnen alles geben, holen, Steinchen aus dem Weg tun, ihnen dieses, jenes reichen. Sie war überall, wo sie wollten, war ungemein schnell und zierlich und listig und freundlich und lieblich. Sie war etwa so groß
25
wie unser Marie Kathrinchen (ein Kind von sieben Jahren), hatte Hinter- und Vorderfüße, schoß wie ein Pfeil umher und an den Bäumen hinauf und setzte sich oft aufrecht.
Ich sah Adam und Eva von der rechten Seite her kommen, und Adam auf seinen leuchtenden Hügel steigen, auf dem er geschaffen worden und schlief, als Eva geschaffen wurde.
Ich sah Eva nach dem Baum der Erkenntnis gehen, als wolle sie vorübergehen. Ich sah, daß die Schlange an dem Baum hinaufsprang. Ich meine vernommen zu haben, daß die Schlange in der Annäherung des Baumes ungefähr zu ihr sagte, wenn sie von der Frucht dieses Baumes äßen, würden sie die Art der Vermehrung wissen und würden frei sein und keine Sklaven mehr. Ich sah, daß Eva nach Adam zurückschaute. Ich sah, daß dieser auch vom Hügel herabgegangen war und in den Büschen zwischen Hügel und Baum verweilte. Ich sah, daß Eva zu ihm ging und wieder zurück. Es war ein Zögern, eine Unruhe in ihr. Sie ging, als wolle sie am Baum vorübergehen, aber sie näherte sich ihm von der linken Seite und stand hinter dem Baum, von dessen langen niederhängenden Blättern bedeckt.
Der Baum war oben breiter als unten, und die breiten Blattzweige hingen tief gegen die Erde. Skizze Hier hing eine besonders schöne Frucht.
Ich habe auch gehört, daß Adam und Eva die Art der Vermehrung, wie Gott es wollte, noch nicht gekannt, und daß, wenn sie dieselbe gekannt hätten und doch in die Sünde gefallen wären, so würde die Erlösung nicht möglich gewesen sein. Sie hatten aber das Wort "mehret euch" empfangen.
Ich sah, daß die Schlange den Apfel zeigte und nicht wagte, ihn Eva zu brechen. Ich sah, daß Eva nach ihm gelüstete, und daß die Schlange ihn brach und ihr gab. Es war von den fünf zusammenhängenden der mittelste, schöne Apfel. Als Eva ihn hatte, ging sie mit der Frucht zu Adam. Ich sah, daß sie Adam den Apfel gab, und daß ohne dessen Einwilligung die Sünde nicht geschehen wäre. Ich sah, daß er den Apfel in seiner Hand zerbrach, und als sähe er Bilder darin. Der Apfel war inwendig blutig und mit Aderchen durchzogen. Es war, als würden sie nun inne, was sie nicht wissen sollten. Ich sah, daß sie sanken in ihrer Gestalt und sich verfinsterten. Es entstand eine Verfinsterung in ihnen. Sie waren tierisch Mann und Weib, was sie vorher nicht waren.
Ein Essen des Apfels habe ich nicht gesehen durch den Mund, aber der Apfel verschwand.
26
DIE KINDHEIT JESU
1.-2. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 2-7 Sie sind fort, ich habe sie fortreisen sehen.*32 Joseph war gestern wiedergekommen aus Annas Haus. Anna war noch hier in Naza reth, und die älteste Tochter auch. Sie waren kaum schlafen ge gangen. Maria mit dem Kind hatte ihre Schlaikammer rechts von der Feuerstelle, Anna links, die Schwester zwischen ihr und Josephs Kammer. Skizze
Ich sah Joseph schlafend liegen. Die Stuben waren nicht sd hoch wie das Haus, nur wie von geflochtenen Wänden zusammengesetzte Kammern, oben auch mit Flechtwerk. Marias Lager hatte noch einen Vorhang oder Schirm in der Stube. Zu ihren Füßen lag das Kind Jesus, getrennt. Wenn sie sich aufrichtete, konnte sie es nehmen.
Ich sah einen leuchtenden Jüngling vor Josephs Lager treten und mit ihm sprechen. Joseph richtete sich auf, aber er war schlaftrunken und legte sich wieder zurück. Da sah ich, daß der Jüngling ihn bei der Hand faßte und ihn zog. Da besann er sich und stand auf, und der Jüngling verschwand. Ich sah ihn nach der in der Mitte des Hauses brennenden Lampe gehen und sich ein Licht anzünden. Er ging vor die Kammer Mariä und pochte an und fragte, ob er nahen dürfe. Ich sah ihn hereingehen. Er sprach mit Maria, welche ihren Schirm nicht öfinete. Dann sah ich ihn nach dem Stalle zu seinem Esel gehen und in eine Kammer, worin allerlei Gerät lag, und alles ordnen.
Ich sah aber Maria aufstehen und zu Anna gehen. Auch diese stand auf, und Mariä älteste Schwester und der Knabe. Ich kann nicht genug sagen, wie ungemein rührend die Betrübnis Annas und der Schwester war. Anna umarmte Maria mehrmals unter Tränen und schloß sie an ihr Herz, als solle sie dieselbe nicht wiedersehen. Die ältere Schwester warf sich platt an die Erde und weinte. Sie drückten das Kind Jesus noch alle an ihr Herz. Auch der Knabe bekam es zu umarmen.
Joseph hatte indessen den Esel zugerüstet. Maria hatte das Kind in einer Binde vor sich, welche an ihren Schultern befestigt war. Sie war in einen langen Mantel geschlagen, der sie und das Kind verhüllte, und hatte einen großen viereckigen Schleier auf dem Haupt,
26 27
der hinten nicht lang niederhing, sondern den Kopf umspannte. Vorn aber hing er an den Seiten des Gesichts lang nieder. Sie hatte sehr wenig Zubereitungen. Ich sah nicht einmal, daß sie das Kind frisch wickelte. Sie hatte nur weniges Gerät bei sich. Joseph hatte einen Korb bei sich, worin viele Gefächer waren, auch lebendige Vögel und Krüglein. Es war ein Quersitz auf dem Esel mit einem Fußbrett.38
Maria ging eine Strecke mit Anna voraus. Es war der Weg gegen Annas Haus, aber mehr links. Anna umarmte sie noch und segnete sie, als Joseph mit dem Esel nahte und sie aufstieg und fortritt. Es war noch vor Mitternacht, glaube ich, daß sie das Haus verließen.
Als Maria auf Josephs Anrede aufstand, zog sie sich gleich zur Reise an und ging dann zu Anna. Sie nahmen erst kurz vor dem Aufbruch das Kind Jesus auf.
Mariä ältere Schwester sah ich nach Annas Haus gehen und dort Leute bestellen, welche nach Nazareth kommen sollten, und sie selbst ging mit dem Knaben wieder in ihre Heimat. Ich sah aber Anna in Josephs Haus alles zusammenpacken, und sah zwei Männer kommen. Der eine hatte nur ein Schaffell um und grobe Sohlen mit Riemen um die Beine, der andere hatte einen langen Rock an und schien Annas damaliger Mann. Sie halfen alles Gerät zusammenpacken und nach Annas Haus bringen.34
Ich sah die Heilige Familie erst durch mehrere Orte in der Nacht ziehen. Gegen Morgen ruhten sie unter einem Schuppen.35
3.-4. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 14. Am Morgen habe die Heilige Familie an einem Balsamstrauch und Wässerchen sich erquickt, das Kind Jesus mit bloßen Füßen auf Mariä Schoß. Jerusalem habe man rückwärts zu ihrer Linken in der Höhe liegen sehen, fern.
4.-5. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 16. ... Sie entsinne sich, daß ein Bote von den Reisenden in der Nähe Hebrons zu Elisabeth und Zacharias gegangen und ihnen von der Gefahr berichtet. Sie habe auch gesehen, daß Johannes von seiner Mutter in die Wüste von Hebron gegen Morgen in eine versteckte Höhle gebracht worden, wo sich Magdalena einmal nach Christi Tod aufgehalten, usw. Er habe nichts als ein Lamm Fellchen angehabt und habe schon an der Eltern Hand laufen können.
Die Heilige Familie zog in der Nacht vom 4.-5. durch eine Seite der Stadt Gaza an der Mauer hin.
Herodes ließ aus den Orten, wo er Soldaten hingesendet, Abgeordnete rufen, und befahl ihnen, die Mütter sollten die zweijährigen Knaben bringen. Sie sollten belohnt werden.
5.-6. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 I Viertelseite 19. Sie seien in einer sandigen Wüste, wo gar nichts sei.
6.-7. März 18211/ Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 28. Es sei für die Heilige Familie ein Quell in der Wüste entsprungen.
7.-8. März 1821/ Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 34-35. Ich sah die Heilige Familie sehr mühsam und verlassen durch eine Sandwüste schmachtend hinziehen. Sie hatten kein Wasser mehr, und ihre Krüglein waren leer.
Ich sah an einer niedriger liegenden Stelle vom Weg ab die Heilige Familie sich einem kleinen Busch nähern und die Heilige Jungfrau abgestiegen an diesem Busch niedersitzen, wo trocknes Grün war. Auf einmal sprang ein Wasserquell... hoch vor ihnen auf und ergoß sich über die grüne Fläche. Da sah ich sie sehr erfreut. Joseph machte entfernt eine Grube, führte den Esel hinzu, der sich sehr freute und aus der gefüllten Grube trank. Maria wusch das Kind in dieser Quelle. Sie erfrischten sich alle. Es kam ein schöner Sonnenblick. Sie waren erquickt und gerührt und brachten wohl zwei bis drei Stunden hier zu. Ich habe doch erzählt, daß ich Maria unterwegs einen Boten an Elisabeth senden sah. Diese und Zacharias brachten ihr Kind an einen sehr versteckten Ort in der Wüste. Zacharias ging nur ein Stück Wegs bis an ein Wasser mit, worüber Elisabeth mit dem Kind auf einem Balkenrost fuhr. Ich meine, Zacharias ging nun nach Nazareth auf dem Weg, den Maria einst Elisabeth zu besuchen kam. Ich habe ihn gestern auf der Reise gesehen. Vielleicht will er sich erkundigen. Es sind einige Leute dort, welche betrübt über Mariä Abreise sind, usw.
28 29
8.-9. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 36 - 38. Ich sah gestern nach Tisch die Mütter mit ihren Knaben von den jüngsten bis zu jenen von zwei Jahren aus Hebron, Bethlehem und dem anderen Ort, wo Herodes die Soldaten und nachher durch Vorgesetzte die Bekanntmachung hingesendet, nach Jerusalem ziehen. Sie kamen in verschiedenen Haufen. Einzelne hatten zwei Kinder bei sich und kamen auf Eseln.
Ich sah sie in Jerusalem alle in ein großes Gebäude führen. Die Männer wurden alle zurückgesandt.
Die Leute kamen alle ganz fröhlich, denn sie glaubten, eine Belohnung zu erhalten. Das Gebäude, worein die Mütter mit den Kindern geführt wurden, kam mir wie ein Lazarett vor. Es waren erst zwei Mauern, durch welche ein Tor führte, dann umschlossen zwei Seitengebäude einen Hof. Es führte links und rechts eine Türe in diese Seitengebäude, an deren Ende ein großes Gebäude wie eine alte wüste Synagoge schloß, aus welcher ein Tor in den Hof führte, der rings zu war, nur daß er oben einige Löcher hatte.
Als die Mütter alle hier eingesperrt waren, ward ihnen Angst, und sie begannen zu weinen und zu wehklagen.
Am heutigen Mittag, dem 9., hatte ich einen gräßlichen Anblick in einem kurzen Schlaf. Ich sah die Mütter aus den Seitengebäuden in die alte verfallene Schule bringen. Die Soldaten nahmen ihnen die Kinder ab und gingen mit diesen durch das Tor in den geschlossenen Hof, wo sie dieselben grausam ermordeten und auf einen Haufen schleuderten.
Ich bin über dieses Bild so erschrocken; ich wußte nicht, was es war, ich meinte, es sei hier, und erwachte drüber, wo ich mich dann besann.
9.-10. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 45-48. Ich habe das Bild vom Kindermord, das ich mittags gesehen, nochmals ganz gesehen. Das Haus muß ein Gerichtshaus gewesen sein. Es lag nicht an der Seite des Tempels, sondern nicht weit von dem Hause, wo nachher Pilatus gewohnt. Es war abgelegen und mit zwei Mauern und leeren Gebäuden umgeben. Man konnte außen nicht hören, was drin vorging. Das große Hinterhaus, welches den inneren Hof schloß, war zwei Stock hoch, die beiden Seitengebäude nur einen. Unten in dem Hinterhaus war ein großer Raum wüst. Er war wie ein Kerker, eine Wachtstube des Gerichtes.
Oben in dem Saal, aus welchem Fenster in den Hof gingen, waren allerlei Herren, wie in einem Gericht, versammelt. Sie hatten Rollen auf einem Tisch liegen. Ich glaube, Herodes war auch da. Ich sah einen mit rotem Mantel, mit weißem Pelz gefüttert, woran schwarze Schwänze waren.36 Er hatte eine Krone auf. Ich sah ihn am Fenster zusehen, von anderen umgeben.
Die Weiber wurden mit den Kindern einzeln aus den Seitengebäuden in den hinteren großen Raum gerufen, die Kinder ihnen abgenommen und von Soldaten durch das Tor in den Hof gebracht, wo etwa zwanzig beschäftigt waren, sie mit Schwertern und Piken zu stechen, in den Hals und das Herz. Es waren teils Kinder noch in Windeln, welche die Mütter an der Brust trugen, teils kleine Knaben mit gewirkten Röckchen. Sie zogen sie nicht erst aus, sie stachen sie in Hals und Herz und warfen sie bei Arm oder Bein gefaßt auf einen Haufen hin. Es war ein gräulicher Anblick.
Die Mütter wurden von den Soldaten unten in der großen Halle zurückgedrängt, immer eine zu der anderen, und da sie anfingen, ihr Elend zu merken, erhoben sie ein gräßliches Geschrei, rauften sich die Haare aus und umklammerten... einander. Sie standen endlich so gedrängt, daß sie sich nicht rühren konnten.
Ich meine, das Morden dauerte bis gegen Abend. Es muß ein Gerichtshaus gewesen sein, denn ich sah in dem Hof steinerne Pfähle und Blöcke mit Ketten, auch solche Bäume zum Zusammenbinden und Losschnellen, um Leute zu zerreißen. Es war ein sehr großes Gebäude, fest und finster. Der Hof war wohl so groß wie der Kirchhof in Dülmen.37
12.-13. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 65-66
Die Kinder wurden in einer großen Grube in dem Hof, wo sie gemordet wurden, eingescharrt. Ich hatte die Zahl, es waren, meine ich, siebenhundert und sieben oder siebzehn. Die Zahl wurde mir mit einer Zahl gezeigt, die wie "Dusen" lautete, und die ich sah und so oft zusammenzählen mußte, bis die Zahl herauskam. Ich meine, es waren zwei CC.38
Dieser Hof ist derselbe, in welchem Petrus bei der Verleugnung am Feuer saß, aber damals war das Gebäude sehr verändert, und es gingen von dem Fenster, wo Herodes beim Kindermord zusah, Stufen herunter, und war oben eine Türe und ein Richtersitz, und unten war ein runder Platz, wo das Volk hinausschrie. Auch waren
30 31
vorne die Mauern nicht so fest und alles offener. Aus den Seitengebäuden konnte man heraustreten, sie waren offen. Es war damals das Haus Kaiphae.
8.- 9. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 39 - 40. Ich habe die Heilige Familie in sternheller Nacht durch sandige, mit niedrigem Baumwerk bedeckte Wüste ziehen sehen. Ich sah das Bild, als ziehe ich mit durch die Wüste. Sie war voller Gefahr von einer großen Menge von Schlangen, welche in dem Gebüsch herum rund im Kreis geringelt in Grübchen unterm Laub lagen. Sie nahten alle dem Weg mit einem großen Gepfeife und streckten die Köpfe gegen die Heilige Familie hervor. Ich sah diese mit Licht umgeben, geschützt vorüberziehen. Es war auch noch ein anderes Untier da. (Sie hatten einen Leib mit einer Art Flügel wie große Flossen. Sie hatten kurze Füße und schossen wie fliegend über den Boden hin. Sie waren schwärzlich und hatten etwas wie Fische in der Gestalt ihres Kopfes.)
Hernach kam die Heilige Familie hinter Gebüsche an einen Bruch im Boden, wie an die Wand eines Hohlwegs. Sie wollten sich da niederlassen. (Ich fand den Ort so schauerlich und wollte geschwind von den Hecken an der einen offenen Seite eine Schutzwehr flechten, aber es kam ein ungeheures Tier, ich meine, ein Bär, mit herein, und ich war in großer Angst. Da kam auf einmal Lambert39 jung und schön zu mir und faßte das Tier beim Nacken und warf es hinaus. Ich fragte ihn, wie er hierher komme, da er sich an seinem Ort doch gewiß besser befinde. Er sagte: "Ich will auch nicht lange hier bleiben, ich wollte dir nur helfen!" Er sagte mir noch allerlei, ich würde ihn noch einmal sehen, usw.)
9.-10. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 49. Sie sah dieses Bild wie voriges Jahr im Februar. Was sie mehr sagt, ist, die Frau habe der Heiligen Familie ein Brötchen, auch Honigwaben und kleine Früchte zu essen gebracht. Maria habe Wasser in einer Mulde, Jesum zu baden, begehrt und unter einem Tüchlein ihn gebadet, habe dann der Frau gesagt, ihr aussätziges Kind hineinzulegen, welches sogleich rein geworden. Die Frau sei ganz außer sich vor Freude geworden, habe Maria und das Kind umarmen wollen. Maria aber habe sich nicht, noch das Kind, von ihr berühren lassen und mit der Hand abgewehrt.
32
Nach diesem Wunder seien alle die Leute und auch mehrere Knaben um sie hergestanden und hätten gegafft. Am Morgen hatten die Leute sie auf den rechten Weg an vielen Gruben vorbeigebracht. Es seien zwei Hütten in der Gegend gewesen, usf.
10.-1l. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 53-55. Ich habe die Heilige Familie nach dem Räuberhaus noch durch Wald kommen sehen. Ich sah sie auch über ein Wasser fahren auf einem Balkenrost. Es war... eine Art Kufen oder großer Mulden darauf. Der Esel stand in einer. Maria saß mit dem Kind auf einem Balken. Zwei häßliche, braune halbnackte Männer fuhren sie über. Sie hatten eingedrückte Nasen, aufgeworfene Lippen.
Es wurden an dem Wasser viele Graben gemacht.
Ich sah die Heilige Familie dann in einem Wald sehr schmachtend und ohne Nahrung. Am Ausgang des Waldes stand ein schlanker, dünner Dattelbaum. Maria ging bereits und hatte das Kind auf dem Arm. Ich sah, daß sie das Kind gegen den Baum emporhielt und daß dieser sich neigte, als knie er nieder Skizze, und daß die Heilige Familie alle seine Früchte von ihm sammelte. Der Baum blieb so stehen.
Ich sah, daß Maria nachher viele von den Früchten an nackte Kinder austeilte, die um sie her liefen.
Eine Viertelstunde von diesem Baum etwa stand ein großer, sehr dicker Baum, schier wie eine Eiche, derselben Art, und es war mir, als habe dieser Baum mit jenem einen Zusammenhang; ich weiß nicht mehr recht welchen.
Ich sah am Abend die Heilige Familie in den Mauern einer alten zerbrochenen Stadt übernachten, usw.
11.-12. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 62. Sie meint, eine Szene, welche sie voriges Jahr, 14.~15. Februar, gesehen, wo die Heilige Familie schmachtend in einem Schuppen Zuflucht nimmt, und wo Götzenbilder in der Gegend an Bäumen verehrt werden, sei nach der Räuberherberge und vor der gestern erzählten Überfuhr und dem Dattelbaumwunder geschehen.
12.-13. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseiten 69-71. Sie erzählt, leider etwas nachlässig, von ihren Anfechtungen verwirrt, doch folgendes bestimmt:
Die Heilige Familie ward schon in das letzte Nachtquartier in die zerbrochene Stadt von einem guten Mann begleitet, der, glaube ich, von den Leuten war, die an dem Kanal gruben, über den sie gekommen waren. Dieser Mann begleitete sie weiter nach Heliopolis. Sie hatten, wie es mir jetzt vorkommt, noch fünf Stunden dahin. Sie gingen über eine sehr hohe steinerne Brücke über einen breiten Fluß. Vor der Stadt stand ein großer Baum, und darunter ein großes Götzenbild auf einem Säulenfuß, der unten dünn war. Es war wie ein Ochse, der wie ein Wickelkind etwas in den Armen hatte. Die Heilige Familie setzte sich neben dieses Bild, welches umstürzte. Da entstand ein Tumult unter den Leuten gegen die Heilige Familie, welche der sie begleitende Mann in die Stadt führte, wo sie in einer Mauer, in der viele Räume waren, dicht am Götzentempel einkehrten.
Als sich aber viele Menschen zornig mit allerlei Verwünschungen dem gestürzten Götzenbild näherten, bebte die Erde. Der große Baum sank zur Seite, seine Wurzeln brachen in die Höhe. Es entstand eine große Lache voll schwarzen Wassers um sie. Das Götzenbild sank so tief ein, daß man kaum die Hörner noch sah, und einige, welche am bösesten waren, sanken mit ein.
Nachtrag.
Der Platz vor dem Tor von Heliopolis, wo der große Baum und das Götzenbild standen, war mit etwas umgeben wie eine Promenade. Das Götzenbild stand nicht ganz dicht an dem Baum, es war noch ein Kreis von Steinen, wie Sitze oder Bänke darum, worauf die Leute Opfer stellten.
Die Heilige Familie ruhte an dem Baum. Da fiel das Götzenbild um. Es war wie eine Erderschütterung, und es lief Volk herbei, welches in der Gegend an den Kanälen grub, und die Heilige Familie war schon an dem Ausgang des Götzenpalastes, zur Stadt zu gehen, da schimpften Leute zornig auf sie und umgaben sie. Aber es sank nun auch der Baum, und das Götzenbild versank bis an die Hörner in dem schwarzen Wasser, das die weite Grube erfüllte. Auch mehrere der Bösesten versanken, und die Heilige Familie zog ruhig in die Stadt. Am Tage des Kindermords weinte das Kind Jesus immerfort.
13.-14. April 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 4 / Viertelseite 42. Ich sah dieses alles in kurzen historischen Bildern und sah nach jedem Bild die Heilige Jungfrau mit einem Strahl durch die Brust gestochen und ward selbst dadurch ganz voll Schmerzen und Krankheit.
Ich sah die Beschneidung, ganz wie immer im Eingang zur Krippe, und sah Maria ein Tüchlein an der Brust wärmend, welches sie hingab, das Kind zu verbinden. Ich sah sie entfernt stehen, mit einem geheimnisvollen Schmerz durchdrungen. Ich sah sie von Schmerz zerrissen bei Simeons Weissagung, ihr Kind werde vielen ein Heil, vielen ein Ärgernis sein.
Ich sah sie voll Schmerz am Tage des Kindermords, da auch Jesus in Ägypten heftig weinte. Sie sah es im Geist, usw.
24. - 25. März 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 3 / Viertelseite 126. Sie sah Maria und die Heilige Familie in Ägypten heute. Sie wohnten noch neben dem Tempel in Heliopolis in dem Gewölbe einer dicken Mauer. Sie hatten aber nicht weit davon einen Betort gebaut, wo sich die Juden, die hier wohnten, mit ihnen versammelten, die vorher keinen solchen Ort hatten. Es war eine Kuppel oben, welche sie öffnen konnten, daß sie unter freiem Himmel standen. Sie hatten einen rot und weiß bedeckten Opfertisch in der Mitte und Rollen darauf liegen.
Sie hatten einen sehr alten Mann als Priester oder Lehrer. Hier standen die Weiber und Männer nicht so getrennt. Die Weiber standen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite.
Das Kind Jesus ward oft von anderen Kindern besucht. Joseph hatte sich schon eingerichtet und begann sein... Handwerk.
3.-4. April 18211/ Tagebuch Bd. III, Heft 4 / Viertelseite 10. Ich sah in diesen Tagen die Wohnung der Heiligen Familie schon ganz eingerichtet. Joseph hatte vor das Gewölbe einen leichten Vorbau gemacht mit vielen Abteilungen. Er arbeitete schon leichte Flechtwände. Die Leute bestrichen sie mit etwas und machten Hütten und Räume auf den ungeheuer dicken Mauern dort da mit. Er machte auch Körbe und kleine Türmchen, wie Schilderhäuser, die sie auf Dächern stehen hatten, worin sie saßen.
Maria flocht Teppiche und harte einen Knollen an einem Stecken, ich glaube, sie spann, oder was es war.
34 35
Es kamen oft Leute zu ihr und dem Kind Jesus. Es stand in einem Schiffchen an der Erde oder auch hoch auf einem Gestell von zwei Beinen, die in Querklötzen... steckten. Da lag es in einem Schiffchen und hatte die Hände auf beiden Seiten überhängen.
Sie hatten auch dort nun eine Art Schule mit den anderen Juden.
29. - 30. Juli 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 7 / Viertelseiten 124 - 125. Ich hatte heute nacht einen Blick, wie Jesus zwischen Maria und Joseph in seinem siebenten ? Jahr aus Ägypten in Judäa einwanderte. Sie hatten keinen Esel bei sich und trugen Bündel hinten und vorne. Joseph war etwa dreißig Jahre älter als Maria.
Ich sah sie auf einer Straße in der Wüste, etwa zwei Stunden von der Höhle Johannis des Täufers ab. Ich sah, daß der Knabe Jesus wandelnd hinüber nach der Gegend schaute, und daß seine Seele sich auf Johannes bezog. Zugleich sah ich den Knaben Johannes, der in seiner Höhle betete. Es kam ein Engel in der Gestalt eines Knaben zu ihm und sagte ihm, dort gehe der Heiland vorüber. Ich sah Johannes aus der Höhle hinauseilen ein Stück Weg und nach jener Gegend die Arme ausstrecken. Ich sah ihn tanzen und spielen vor Freude. Es war dieses Bild ungemein rührend. Es war seine Höhle hier zwischen zwei Hügeln unter der Erde in einem Hügel. Sie war nicht breiter als sein Lager, aber ziemlich lang hinein. Ich sah ihn bei einem kleinen Bach herausschlüpfen. Oben war schräg herein ein Lichtloch.
Ich sah in der Höhle nichts als auf einem Gestell von Stäben oder Rohr einige Honignester liegen und mehrere Heuschrecken getrocknet. Sie waren wie Krebse so groß, gelb und gesprenkelt. Ich erinnere mich nicht, diese Tiere früher bei ihm gesehen zu haben. Sie hatten mir etwas Schauerliches.
Die Wüste, wo Jesus fastete, ist vier Stunden von dieser.
Johannes hatte ein Fell umhängen. Der Engel, der zu ihm kam, war wie ein Knabe seines Alters. Ich habe ihn früher kleiner und später größer gesehen. Er wuchs ordentlich wie mit ihm auf. Er erschien und verschwand. 40)
8.-9. Januar 1820 / Tagebuch Bd. II, Heft 1 / Viertelseiten 59-53. Ich kam hierauf nach dem alten Jerusalem. Das war ganz voller Menschen. Es war ein Gedränge. Die Leute hatten Körbe am Arm hängen, worin sie Opfer brachten, und es waren so viele, daß sie mit den Körben aneinander stießen. Ich sah aber einen Mann und eine Frau unter den Leuten, welche betrübt waren und etwas suchten, und sie gingen außer der Stadt herum und durch einen anderen schmalen Weg zum Tempel hinein. Da stand alles so gedrängt, daß sie kaum durchkonnten. Sie drängten sich aber doch durch und fanden Jesum in einem großen Stuhl sitzen, den er bei weitem nicht ausfüllte. Er war von einer Menge alter und priesterlich gekleideter Juden umgeben. Sie horchten aufmerksam und schienen ganz grimmig, und ich fürchtete, sie würden ihn ergreifen. An dem Stuhl, auf welchem er saß, waren oben braune Köpfe, wie Mopsköpfe. Sie waren grünbraun, und auf den höchsten Stellen schimmerten und glänzten sie gelb. Eben solche Köpfe und Figuren waren an mehreren langen Tischen oder Anrichten angebracht, welche seitwärts von diesem Orte im Tempel standen und voll von Opfergaben waren. Der ganze Raum war so ungemein groß und voll Menschen, daß man gar nicht fühlte, daß man in einer Kirche war.
Der Heiland war schlank und schmächtig, mit einem schmalen, leuchtenden Angesicht, gesund aussehend, aber doch bleich. Seine ganz schlichten, rötlich gelben Haare hingen ihm gescheitelt über der hohen, offenen Stirn auf die Schultern nieder. Er hatte einen langen licht-bräunlich-grauen Hemdrock, der wie gewebt bis auf die Füße ging, an. Die Ärmel waren etwas weit an den Händen.
Zuerst, als seine Eltern hervortraten, ließ er sich nicht irremachen und sprach weiter. Joseph war ganz schüchtern und verwundert und sprach nicht. Maria aber nahte ihm und sprach mit ihm verweisend. Er schien ganz ernst zu antworten. Die Zuhörenden waren ganz verwundert und sahen diese Leute an.
Ich war in großer Angst, sie möchten den Jüngling ergreifen, denn ich sah sie teilweise voll Grimm. Aber mich wunderte, daß sie die Heilige Familie ganz ruhig hinweggehen ließen, und es entstand in dem dichten Gedränge eine weite Bahn für sie. Ich sah sie wieder aus der Stadt hinausgehen, und sie vereinigten sich mit etwa drei Männern, zwei Weibern und einigen Kindern vor der Stadt, welche ich nicht kannte, und die auch von Nazareth zu sein schienen. Mit diesen zusammen gingen sie noch um Jerusalem herum allerlei Wege, auch am Ölberg, und blieben in den schönen grünen Lustplätzen, welche da sind, hier und da stehen und beteten, mit den Händen auf der Brust gekreuzt. Ich sah sie auch über einen Bach mit großer Brücke gehen. Dieses Gehen und Beten der kleinen Gesellschaft erinnerte mich lebhaft an eine Wallfahrt.
36
37 -
Hiermit schloß sich dieses Bild. Ich wußte nicht, daß den 8. Januar das Evangelium diesen Teil des Lebens Jesu enthalte.
Ich war am Abend in vielen Sorgen und Betrübnis gewesen und erhielt während dieses Bildes folgende ErMärung von meinem Führer:
Erstens: Joseph und Maria haben aus weltlicher Sorge Jesum verloren, denn sie haben, um gefällig zu sein, in Jerusalem sich zuviel mit ihren Freunden und Verwandten beschäftigt. So geht's dir auch oft.
Zweitens: Sie haben aus zu großer Sicherheit auf Jesum ihn verloren und haben geglaubt, er könne sie nicht verlassen, und verloren ihn daher aus Mangel an Mitwirkung. So geht es dir auch oft.
Drittens: Was sorgst du unnütz, die Juden möchten ihn fangen, glaubst du, der, welcher berufen ist, als ein Kind kühn und frei im Tempel zu lehren, fürchte sich, gefangen zu werden? Fürchte dich auch nicht!
So erhielt ich dieses Bild mit Lehren, welche sich ganz auf meine augenblickliche Schwäche beziehen, und als eine schonende, liebevolle Ermahnung Gottes, der große Barmherzigkeit mit mir hat.
DIE LEHRJAHRE JESU
9.-10. Juni 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 6 / Viertelseite 41. ... Joseph war höchstens ein paar Monate tot, als Jesus nach Kapernaum zog. Sein Leib wurde später von den Christen nach Bethlehem in ein Grab gebracht, und ich meine immer, als sehe ich ihn noch liegen und als sei er noch unverwes t, usw. Ehe Joseph starb, zog Jesus noch nicht sehr weit herum, sondern nur in der Gegend.
11. Juli 1821/ Tagebuch Bd. IV, Heft i / Blatt 14 (Viertelseite 24). Heute sah sie, daß in Jerusalem eine große Beratung im Synedrium über Johannes war und daß man neun Männer zu ihm sjandite von drei Behörden. Annas sjandte den Joseph Arimathia, den ältesten Sohn Simeons und einen Priester, der die Opfer immer bes chauen mußte. Aus dem Rat wurden auch drei gesjandjt und drei gemeine Bürger. Sie sollten ihn aus fra gen, wer er sei, und er solle nach Jerusalem kommen. Wenn seine Sendung eine gerechte wäre, so würde er sich beim Tempel erst gemeldet haben. Sie hielten sich über seine unschickliche Kleidung auf, und daß er die Juden taufe, da man doch nur die Heiden zu taufen pflege. Einige glaubten auch, er sei Elias, aber vom Jenseits wiedergekehrt.
6.-9. August
1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 8 / Viertelseiten 65-66
Ich sah Johannes in jenem Zelt, wo er neulich die Jerusalemer Gesandten abgespeist hatte. Es waren abermals an zwanzig Gesandte des Synedriums bei ihm. Es waren Leute von allen Ständen, auch Priester, mit Mützen, breiten Gürteln und langen Binden an einem Arme abhängend, welche unten rauh, wie von Pelzwerk waren. Sie sagten ihm sehr dringend, daß sie von dem ganzen Synedrium gesendet seien. Er solle sich vor demselben stellen und über seine Sendung und Beruf ausweisen. Es sei ein Beweis seiner Unberufenheit, daß er dem Synedrium nicht Gehorsam leiste41, usw.
Ich hörte ihn heute deutlich gegen sie aussprechen, sie sollten harren, in wenigen Tagen werde der zu ihm 42 kommen, welcher ihn gesendet habe. Er bezeichnete Jesum bestimmt. Er sei in Bethlehem geboren, in Nazareth erzogen, nach Ägypten geflüchtet, usw. Er habe ihn nie gesehen.
38
39
Sie warfen ihm vor, er spiele im Einverständnis mit jenem, sie sendeten einander Boten. Er sagte, die Boten, welche Er ihm sende, könne er ihnen nicht zeigen. Sie seien ihren blinden Augen nicht sichtbar.
Ich sah die Gesandten ihn unwillig verlassen, usw.
Als ich dieses gesehen, ward ich in die Gegend von Ephesus in die Zeit des Todes Mariä daselbst geführt.
i~.-i6. August 1821 / Tagebuch Bd. 111, Heft 8 / Viertelseiten 157-164
... Ich habe ein großes Bild gehabt von wunderbar frommen Leuten unter den Juden. Ich war schier den ganzen Tag gestern unter ihnen, und hätte ich nicht so viel Besuch gehabt, so hätte ich nicht das meiste vergessen. Ich kam durch den alten Propheten Archos vom Berg Horeb in dieses Bild. Er war ihr Oberhaupt zur damaligen Zeit. Diese Leute hießen Essener oder Essäer. Ich hatte auch viel von ihrem Ursprung und weiß nur noch, daß sie von Moses und Aaron schon herrührten und von den Priestern, welche die Arche trugen, und daß sie zwischen Jesaias und Jeremias ihre bestimmtere Ordnung erhielten. Sie waren anfangs nicht sehr viele, wohnten aber nachher im Gelobten Land in Versammlungen, achtundvierzig Meilen in die Länge und sechsunddreißig in die Breite, kamen später erst in die Gegend des Jordan. Sie wohnten hauptsächlich am Berg Horeb und Karmel.
Sie wurden in die Gesellschaft aufgenommen wie in einen geistlichen Orden und mußten ein Jahr lang Prüfungen aushalten. Sie wurden auf höhere, prophetische Eingebungen auf längere und kürzere Zeit aufgenommen. Die in dem Orden selbst heirateten nicht. Es waren aber andere, welche dem Orden anhingen oder aus ihm ausgingen, welche verheiratet waren und in ihren Familien eine ganz ähnliche Zucht unter Kindern und Hausgenossen hatten. Es war ein Verhältnis wie das der Tertiaren zu Ordensgeistlichen, denn diese Verheirateten holten sich in allem Rat bei dem geistlichen Oberhaupt, dem Propheten auf Horeb. Die Vorfahren der Anna waren Essener.
Es gab noch eine dritte Gattung dieser Leute, welche alles übertrieben und auf große Irrwege kamen, und ich habe gesehen, daß die anderen sie nicht unter sich duldeten.
Sie hatten besonders mit prophetischen Dingen zu tun, und das Oberhaupt hatte besonders göttliche Gesichte in der Höhle des Elias auf Horeb, welche sich auf die Ankunft des Messias bezogen. Sie wußten um das Geschlecht, aus dem er kommen würde, und wenn Archos den Voreltern der Anna über ihre Fortpflanzung weissagte, sah er auch, wie die Zeit sich nahte.4~ Die Störung und Unterbrechung, das Verzögertwerden durch Sünde, wie lange es währte, wußte er nicht 44, und sie ermahnten daher zur Buße und zum Opfer.
In der ersten Zeit, ehe Jesaias sie sammelte, lebten diese Leute als fromme, sich abtötende Juden zerstreut. Sie trugen immer dies~1ben Kleider und flickten sie nicht, bis sie ihnen vorn Leibe fielen. Sie lebten in der Ehe, aber taten sich lang von ihren Weibern. Sie trennten sich mit gegenseitiger Einwilligung in weit entfernten Hütten, kamen auch wohl zusammen, allein aber, um Kinder zu zeugen. Die fleischliche Lust bekämpften sie auf alle Weise. Schon damals waren Leute von den Vorfahren Annas und anderer heiligerJ Leute unter ihnen. Jeremias hatte auch mit ihnen zu tun.
Aus ihnen waren die Leute, die man Prophetenkinder nannte. Sie wohnten viel in der Wüste und um den Berg Horeb. Auch in Ägypten gab es sehr viele. Ich habe auch gesehen, daß sie durch Krieg eine Zeitlang vom Berg Horeb vertrieben waren und von anderen Oberhäuptern wieder gesammelt wurden. Die Makkabäer waren auch unter ihnen. Sie waren große Verehrer des Moses und hatten ein Kleidungsstück von ihm, das er Aaron gegeben, von dem sie es hatten. Es war ihr großes Heiligtum, und ich habe ein Bild gehabt, wo an fünfzehn von ihnen in Verteidigung dieses Heiligtums umgekommen sind.
Ihre Häupter hatten Wissenschaft von dem Geheimnis der Bundeslade. Sie waren von einer ganz unbeschreiblichen Frömmigkeit und Reinheit. S~e nahmen Kinder auf. Um ein Mitglied des strengeren Ordens zu werden, mußte man vierzehn Jahre alt sein. Leute, die schon erprüfte Leute waren, wurden nur ein Jahr geprüft, andere zwei Jahre. Sie lebten ganz jungfräulich und enthaltsam, hatten keine Art von Handel. Was sie brauchten, tauschten sie gegen Produkte des Ackerbaus. Wenn sich einer schwer versündigte, wurde er ausgestoßen, und ihrem Bann folgte eine Kraft wie die des Petrus gegen Ananias; sie starben. Das Oberhaupt wußte auch auf prophetische Weise, wer gesündigt hatte. Ich sah auch welche, die nur büßten und z. B. in dem steifen Rock mit ausgebreiteten unbiegsamen Armen stehen mußten, der inwendig voll Stacheln war.
Der Berg Horeb war voll Höhlenzellen von ihnen, und an eine
40
41
größere Höhle war von leichtem Bauwerke von Flechtwerk ein großer Versammlungssaal gebaut. Sie kamen um die elfte Stunde da zusammen und aßen. Jeder hatte ein kleines Brot und einen Becher vor sich. Das Oberhaupt ging von Stelle zu Stelle und segnete jedem sein Brot. Wenn sie gegessen hatten, kehrten sie nach ihren einzelnen Zellen zurück. Es stand in ihrem Versammlungssaal ein Altar, auf welchem Brötchen verdeckt standen. Es waren diese geweiht und ein Heiligtum. Ich meine, sie wurden den Armen ausgetc't. Sie hatten sehr viele Tauben. Sie fraßen ihnen aus den Händen und waren ganz zahm. Sie aßen Tauben, sie hatten aber auch religiöse Handlungen mit ihnen, indem sie etwas über sie sprachen und sie fliegen ließen. Auch sah ich, daß sie Lämmer in die Wildnis laufen ließen, über die sie etwas ausgesprochen, als sollten sie ihre Sünden übernehmen.
Ich sah, daß sie alle Jahre dreimal nach Jerusalem zum Tempel gingen. Sie hatten auch Priester unter sich, denen besonders die Besorgung der heiligen Kleider zukam, die sie reinigten, zu denen sie beisteuerten und von denen sie auch neue bereiteten. Ich sah sie Ackerbau treiben, Viehzucht, besonders Gartenbau. Der Berg Horeb war zwischen ihren Hütten voll Gärten und Obstbäumen. Auch sah ich viele weben und flechten, auch Priesterkleider sticken. Die Seide sah ich sie nicht selbst gewinnen. Sie kam in Bündeln zum Verkauf, und sie tauschten sie gegen Produkte ein. Sie hatten in Jerusalem eine getrennte Wohngegend, und auch im Tempel hatten sie einen getrennten Ort. Die anderen Juden mochten sie nicht recht leiden.
Ich sah sie zum Tempel auch Opfergaben senden, z.B. ganz große Trauben, welche zwei Leute zwischen einander an einer Stange trugen. Auch Lämmer, welche aber nicht geschlachtet wurden, sondern die man nur laufen ließ, ich meine in einen Garten. Ich habe nicht gesehen, daß sie blutige Opfer brachten. Ich sah, daß, wenn sie zum Tempel gingen oder reisten, sie sich vorher streng vorbereiteten durch Fasten, Bußetun - sie geißelten sich auch - und durch Gebet, und wenn einer nicht ohne Sünde hinging, so pflegte er meist plötzlich zu sterben. Wenn sie aber unterwegs oder in Jerusalem einen Kranken oder Hilflosen liegen fanden, so gingen sie nicht zum Tempel, bis sie ihm auf irgendeine Art geholfen hatten. Ich sah sie Kräuter sammeln und Tränke bereiten und glaube, es waren teils solche Leute, die ich in früheren Gesichten Leute auf Kräuter betten gesehen. Ich sah auch, daß sie Kranke durch Auflegung der Hände heilten und indem sie sich mit ausgebreiteten Armen ganz über sie streckten. Auch sah ich, daß sie in die Entfernung heilten. Kranke, welche nicht kommen konnten, 5 and ten einen Stellvertreter, an welchem alles geschah wie an dem Kranken. Man merkte sich dann die Stande, und der Kranke war indessen genesen.45
16.-19. August 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 8 / Viertelseiten 171-180
Diese frommen Leute haben dreimal andere Namen erhalten. Zuerst hießen sie Eskarener, dann Chassiden und dann Essener.
(Escara oder Ascara soll der Teil des Opfers heißen, der Gott zukommt, auch der Weihrauch des Semmelmehlopfers. Chasside soll die Barmherzigkeit heißen usw.) Ich sah die Verheirateten auch abgesondert essen. Erst aß der Mann, und wenn er weggegangen, die Frau. Die Unehelichen, welche zusammen auf Horeb wohnten, und alle die in Klöstern trugen lange weiße Kleider und waren sehr reinlich. Ihr Oberhaupt hatte wunderbaren priesterlichen Ornat. E r war ganz auf die Art der Hohenpriesterkleidung im Tempel, nur alles etwas kürzer und nicht so reichlich. Wenn er weissagte und in der Höhle des Elias betete, hatte er diese Kleidung immer an. Es waren etwa acht Teile dieser Kleidung. Es war ein großes Heiligtu m dabei, eine Art Kragen, den Moses auf bloßem Leibe getragen, der dann an Aaron kam und von diesem an diese frommen Leute. Ihr Oberhaupt Archos trug es immer bei volle m Ornat auf bloßem Leib. Es war steif und wie von Haaren gewirkt. Es war auf der Mitte der Brust und auf dem Rücken doppelt und wie gesteppt. ~ch weiß nicht mehr, was dazwischen war. Es hatte diese Gestalt auseinandergelegt.4~
An dem Halsloch war bei a das Dreieck b ausgeschnitten und der obere Raum mit einem Bändchen oder Riemchen verbunden. In der Mitte der Brust war ein Ausschnitt fSkizze, und das ihm unterstehende Dreieck c war doppelt und wie gesteppt gerippt. Es waren Buchstaben hineingesteckt mit kleinen Stiften, welche auf der anderen Seite mit spitzen Häkchen die bloße Brust berührten und stachen. Auf dem Dreieck, das oben ausgeschnitten war, war auch etwas von Buchstaben. Was zwischen diese Dreiecke gesteppt war, weiß 1ch nicht. Wenn der Priester den Kragen anlegte, bedeckte das ausgeschnittene obere Dreieck niederhängend genau das untere.47 Auf der Mitte des Rückenteils war auch eine solche gesteppte, mit Buchstaben und Stacheln versehene Stelle. Auf dem bloßen Leib hatte
42
43
er erstens eine Binde um die Mitte des Leibes, dann diesen heiligen Brustkragen; hierüber ein grauwollenes Hemd, über diesemj ein großes Hemd von weißer gezwirnter Seide, welches in der Mitte mit einem breiten Gürtel gegürtet war, worauf Buchstaben standen. Sie hatten eine Art Stola um den Hals und bis auf die halben Füße hängen. Sie war in der Mitte der Brust gekreuzt und oben und unter dem Kreuz mit drei Bändern verbunden. Der Gürtel umfaßte die Stola. Hierüber legte er eine Art Meßgewand an, auch von gezwirnter weißer Seide. Es war hinten schmäler und lang bis zur Erde und hatte zwei Schellen am unteren Saum, welche klangen, wenn er ging. Auf diesen Klang kamen die anderen zum Gottesdienst. Die vordere Hälfte war breiter und kürzer und vom Halsloch bis herab offen und hatte durch zusammenhaltende Klammem und mit Buchstaben und Edelsteinen verzierte Haften unterbrochene große Lücken auf Brust und Leib, wo die Stola und das Unterkleid durchsah en. Es war der vordere und hintere Teil dieses Kleides unter den Armen an beiden Seiten mit Querbahnen verbunden. Es hingen auch Quasten wie Früchte daran von Seide. An dem Halsloch war ein steif stehender Kragen vorne mit einigen Knöpfen oder Krappen geschlossen.48 Sein Bart lag über dem Kinn gescheitelt auf diesem steifen Kragen oder Halsband auf. Hierüber legte er zuletzt ein kleines Mäntelchen von weißer, gezwirnter Seide. Es schimmerte und glänzte, war vorne mit drei Spangen mit Steinen, worauf etwas eingeschnitten, geschlossen, und von den beiden Schultern vorne gegen die Brust laufend war eine Reihe von sechs Edelsteinen befestigt, in welche auch Zeichen eingegraben waren. Auf der Mitte des Rückens war auch ein Schild befestigt, worauf etwas stand. An diesem Mantel waren auch Fransen, Quasten und Früchte. Er trug außerdem an dem einen Arm einen kurzen Manipel.49 Die Kopfbedeckung, ich meine, auch von weißer Seide, hatte etwas vom Barett unserer Geistlichen, nur war sie rund gewulstet wie ein Turban. Oben hatte sie solche Erhabenheiten wie das Barett und auch einen seidenen Busch, vor der Stirne eine goldene Platte mit Edelsteinen.9""
Sie hatten in ihren Gebirgshöhlen enge Gewölbe, worin viele Gebeine heiliger Propheten in Baumwolle gepackt lagen, die sie verehrten und dabei beteten und schauten...
Ich sah neulich noch, daß ein blühender Zweig, ich glaube, die Rute Aarons, in dem wunderbaren Bäumchen in der Prophezeiungshöhle des Esseneroberhauptes Archos auf Horeb war, und daß das
44
Bäumchen nur wie ein Futteral, aber doch auch wie lebendig war. Wenn der Priester wegen einer Verehelichung betete, so nahm er die Rute Aarons in die Hand, und diese trieb einen Sprossen, wenn die Verehelichung zur Geschlechtslinie Mariä beitragen sollte, und dieser Sproß trieb wieder eine oder mehrere Blumen, worunter manchmal eine mit dem auserwählten Zeichen bezeichnet war. Die Voreltern Annas waren schon bestimmte Sprossen, und daher waren die erwählten Töchter durch schon bestimmte Zweige vorgestellt worden, welche dann weiter aufblühten, wenn die Person zur Ehebestimmung kam. Das äußerliche Bäumchen mit den gedrehten Blättern war Wurzel Jesse, an welcher zu sehen war, wie weit die Herannahung Mariä schon war. In Töpfen dabei standen Kräuterbüschchen von einem Kraut, so hoch, als der Rock Christi von der Erde abstand. Sie zeugten durch Grünen und Welken auch etwas an. Das Kraut kenne ich. Es ist auch, doch geringer, bei uns. Die Essener auf Horeb hatten auch ein anderes Geheimnis aus der Bundeslade. Es war ein Teil des dortigen Sakraments. Sie haben es einmal erhalten, als die Lade in Feindesgewalt kam.~1 Es war dieses etwas wie eine Beschneidung, wie einen Finger lang. Es lag in einem braunen Kelch, der glänzend und aus einem Edelstein schien. Es war nicht von Menschenhand gemacht. Es war eine Substanz wie Fleisch, aber ein geheimnisvolles. Sie weissagten auch daraus. Es trieb manchmal kleine Blüten. Ich sah, daß die Essener auf Horeb in ihren Höhlen in den Wänden vergitterte Räume hatten, in denen sie alte heilige Gebeine sehr schön in Seide und Baumwolle gewickelt hatten, bei welchen kleine Töpfe mit grünen Kräutern standen. Es waren Gebeine von Propheten, die da gewohnt, auch von den Kindern Israel, die da umher gestorben. Sie ehrten diese Gebeine und beteten vor ihnen, steckten auch Lampen vor ihnen an. Wunderbar erschien mir, daß sie immer auf weibliche Kinder weissagten, und daß die Voreltern Annas und Anna selbst immer Töchter hatten. Es war, als sei ihrem geheimen Dienst die religiöse Heranbildung der reinen Gefäße obgelegen, welche heilige Kinder empfangen sollten, den Vorläufer, den Herrn, und seine Freunde. Sie lebten sehr mäßig und streng und aßen meist nur Früchte, die sie in großer Menge in Gärten zogen. Archos aß oft meist bittere gelbe Früchte.
Etwa hundert Jahre vor Christo sah ich einen frommen Mann aus der Gegend von Jericho. Er hieß Chariot...
31.
August 1821/ Tagebuch Bd. IV, Heft 1 / Seite 34 (Viertelseiten 137-139)
Jesus ging heute durch eine Hirtengegend, wo er später, ich meine nach dem zweiten Passah, einen Aussätzigen geheilt. Er lehrte in verschiedenen kleinen Orten. Am Abend zum Sabbath kam Jesus mit seinen Begleitern nach Jesrael, einen durch Gärten, alte Gebäude und Türme unterbrochenen, in einzelnen Gruppen liegenden Ort. Es führt eine Heerstraße durch, Königstraße genannt.
Es waren mehrere seiner Begleiter vorausgegangen. Er ging mit etwa dreien. Es wohnten in diesem Ort strenge Beobachter des jüdischen Gesetzes; es waren keine Essener. Man nannte sie Nasiräer. Diese hatten Gelübde getan, auf kürzere und längere Zeit, und lebten in mancherlei Enthaltung. Sie hatten eine große Schule und allerlei Häuser inne. Die Junggesellen lebten in einem Hause zusammen, die Jungfrauen ebenso in einem anderen. Die Verheirateten taten auch auf längere Zeit Gelübde der Enthaltung, und dann schliefen die Ehemänner in einem Haus bei dem Junggesellenhaus, die Weiber am Jungfrauenhaus. Diese Leute waren alle in Grau und Weiß gekleidet. Ihre Vorsteher hatten ein langes, graues Kleid an, woran unten weiße Früchte und Quasten waren, einen grauen Gürtel mit weißen Buchstaben, um den Arm eine Binde von einem gedrehten dicken, grau und weiß, wie geflochtenen Zeug, so dick wie eine gedrehte Serviette. Es hing ein kurzes Ende mit Troddeln herunter. Er hatte einen Kragen oder ein Mäntelchen um, ungefähr wie Archos, der Essener. Aber es war auch grau und hinten statt vorne geöffnet. Vorne war ein blankes Schild darauf befestigt, und hinten war es wie genestelt oder geschnürt. Auf den Schultern hingen geschlitzte Lappen. Sie hatten eine gewulstete, schwarze, glänzende Mütze. Vor der Stirne waren Worte eingedrückt. Oben auf dem Kopfe vereinigten sich drei Bügel in einem Knopf oder Apfel. Diese und die Ränder der Mütze waren weiß und grau. Diese Leute hatten lange, dichte krause Haare und Bärte.
Ich habe mich besonnen, wen ich unter den Aposteln ihnen doch so ähnlich kannte. Es fiel mir endlich Paulus ein. Der hatte die Haare und Kleidung auch auf ihre Art, da er die Christen noch verfolgte. Auch nachher sah ich ihn mit Nasiräern. Er war einer von ihnen. Sie ließen ihre Haare wachsen, bis ihr Gelübde vollendet war. Dann schnitten sie sie ab und opferten sie im Feuer. Auch Tauben opferten sie. Einer konnte in das Gelübde des anderen eintreten. -
Jesus feierte den Sabbath mit ihnen.
Jesrael ist durch ein Gebirge von Nazareth getrennt. Es ist nicht weit von hier ein Brunnen, wo Saul mit seinem Heere einmal gelegen.
1.
September 1821 / Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seite 35 (Viertelseite 2)
Jesus lehrte am Sabbath von der Taufe Johannis. Er sagte auch, die Frömmigkeit sei schön, die Übertreibung sei gefährlich. Die Wege zum Heil seien verschieden, und die Absonderung in der Gemeinde werde leicht zur Sekte und sehe mit Stolz auf die armen Brüder herab, die nicht nach könnten und von den Stärkeren doch sollten fortgebracht werden. Es war diese Lehre hier nötig, denn an den äußeren Enden des Orts lebten Leute, welche sich mit Heiden vermischt hatten, und sie waren ohne Führung und Anregung, weil die Nasiräer sich absonderten. Jesus besuchte auch diese Leute in ihren Wohnungen und rief sie zur Lehre und lehrte von der Taufe.
2.
September 1821 / Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / (Viertelseite 3)
Ich sah Jesum am 2. noch bei einem Mahle im Hause der Nasiräer. Sie sprachen von der Beschneidung im Verhältnis zur Taufe. Da habe ich Jesum zum erstenmal von der Beschneidung reden hören. Ich kann es aber nicht ganz wiederbringen. Er sagte soviel, daß das Gesetz der Beschneidung einen Grund in sich habe, der aufhören werde. Von den Nasiräem sind auch sehr viele Christen geworden. Aber sie hielten so strenge am Judentum, daß viele das Judentum und Christentum vermischen wollten und in Ketzerei fielen.
ii.
September 1821 / Tagebuch Bd. 1V, Heft 2 / Seiten 42-45 (Viertelseiten 29-44)
Am ~o. abends sah ich, wie gesagt, Jesum vor Nazareth ankommen. Das Tal, wodurch er in der Nacht bis vor KislothThabor gegangen, hieß Aedron, und das Hirtenfeld mit der Synagoge, an einer Berghöhe, wo die Pharisäer von Nazareth ihn so verhöhnt, hieß Kimki. Die Leute, bei welchen Jesus und die fünf Jünger vor Nazareth eingekehrt, waren Essener und Freunde der Heiligen Familie. Sie wohnten hier in Gewölben von altem, zerbrochenem Mauerwerk, getrennt und unverheiratet, Männer und einige Weiber. Sie hatten kleine Gärten, trugen lange weiße Kleider, und die Frauen Mäntel.
46 47
Sie hatten sonst am Tale Zabulon bei Herodes' Schloß gewohnt, waren aber aus Freundschaft zur Heiligen Familie hierher gezogen.
Der, bei welchem Jesus einkehrte, hieß Eliud, ein alter, sehr ehrwürdiger Greis mit langem Bart. Er war ein Witwer. Seine Tochter pflegte ihn. Er war ein Brudersohn von Zacharias. Diese Leute lebten hier ganz stille, besuchten die Synagoge zu Nazareth, waren der Heiligen Familie sehr ergeben, und ihnen war die Bewahrung des Hauses Mariä bei ihrer Abreise vertraut gewesen.
Am Morgen begaben sich die fünf Jünger Jesu nach Nazareth hinein, besuchten ihre Verwandten und Bekannten und die Schule. Jesus aber blieb bei Eliud zurück. Er betete mi£ ihm und sprach sehr vertraut mit ihm. Diesem einfachen, frommen Manne waren viele Geheimnisse bekannt.
Im Hause Mariä waren außer ihr vier Frauen, ihre Nichte Maria Kleophä, die Base der Tempelhanna, Johanna Chusa, die Verwandte Simeons, Maria Johann Markus, und die Witwe Lea. Veronika war nicht mehr da, auch Petri Frau nicht, welche ich neulich am Zöllnerort gesehen.
Am Morgen sah ich die Heilige Jungfrau und Maria Kleophä zu Jesu kommen. Jesus reichte seiner Mutter die Hand. Sein Betragen zu ihr war liebevoll, aber sehr ernst und ruhig. Sie war besorgt und bat ihn, nicht nach Nazareth zu gehen, wo man sehr erbittert war. Die nazarethischen Pharisäer, die in der Synagoge zu Kimki ihn gehört, hatten den Unwillen neu aufgeregt.
Jesus sagte ihr, er wolle die Schar, die mit ihm zur Taufe Johannis gehen werde, hier erwarten und dann durch Nazareth gehen. Er sprach noch viel mit ihr an diesem Tage, wo sie noch etwa zwei bis dreimal zu ihm kam. Er sagte ihr auch, daß er viermal~ zum Passah nach Jerusalem reisen werde, und das letzte Mal werde sie sehr betrübt dort sein. Er sagte ihr noch mehr Geheimnisse. Ich habe es aber vergessen.
Maria Kleophä, eine schöne, ansehnliche Frau, sprach am Morgen von ihren fünf Söhnen mit ihm und bat ihn, er möge sie zu sich nehmen. Drei seien Fischer, Jakob, Thaddäus und der Jüngling Joses, einer ein Schreiber, Simeon, und einer, über den sie heftig weinte, er sei ein Zöllner, ihr Stiefsohn Matthäus Jesus tröstete sie. Sie würden zu ihm kommen. Auch um Matthäus (der schon auf dem Weg nach Sidon bei ihm gewesen) tröstete er sie. Er werde wohl noch einer der besten werden...
Ich sah aber am Nachmittag die Heilige Jungfrau mit einigen verwandten Freundinnen von Nazareth in ihre Wohnung bei Kapernaum zurückreisen. Es waren Knechte mit Eseln von dort gekommen, sie zu holen. Sie nahmen noch manches Gerät mit, was das letztemal in Nazareth zurückgeblieben war, allerlei Decken und andere Päcke auch Gefäße. Es war alles in Kasten von breiten Bast- und aumrindenflächen an den Seiten der Esel befestigt. Das Haus Mariä in Nazareth hatte in ihrer Abwesenheit so zierlich wie eine Kapelle ausgesehen. Die Feuerstelle erschien wie ein Altar. Es war ein Kasten darübergestellt und stand ein Topf mit lebendigem Grün darauf. Jetzt nach ihrer Abreise wird das Haus von den Essenern bewohnt werden.
Den Tag hindurch sah ich Jesum in sehr vertrautem Gespräch mit keidund.~ wovon ich sehr vieles gehört und leider nicht wiederbringen Eliud fragte ihn über seine Sendung. Jesus legte dem Greis alles aus. Er sagte ihm, daß er der Messias sei, und sprach mit ihm über die ganze Linie seiner menschlichen Herkunft und das Mysterium der Bundeslade. Dabei erfuhr ich, daß dieses Mysterium vor der Sintflut bereits in die Arche Noä gekommen, und wie es von Geschlecht zu Geschlecht gelangt und von Zeit zu Zeit entrückt und wieder gegeben worden sei.
Er sprach davon, daß Maria mit ihrer Geburt die Bundeslade des Geheimnisses geworden sei, und da Eliud, der dazwischen oft allerlei Schriftrollen vorlegte und Stellen aus den Propheten bemerkte, die ihm Jesus auslegte, fragte, warum er denn nicht früher gekommen, sagte ihm Jesus, wie er nur habe aus einem Weibe geboren werden können, welches auf die Weise empfangen sei, wie die Menschen ohne den Sündenfall empfangen haben würden, und wie kein Ehepaar seit den ersten Eltern beiderseits sich dazu so rein gefunden hätte als Anna und Joachim.
Er entwickelte ihm alle früheren Hindernisse, Hemmungen und Zurücksetzungen des Heils.
Ich erfuhr in diesen Unterredungen vieles von der Geschichte der Bundeslade. Als sie in die Hände der Feinde fiel, war jenes Geheimnis von den Priestern herausgenommen wie in jeder Gefahr, und doch blieb der Behälter so heilig, daß die Feinde durch die Entweihung bestraft wurden und ihn zurückgeben mußten.
Ich sah auch, daß ein Geschlecht, welches Moses zur näheren Behütnng der Bundeslade bestellt, bis auf Herodes bestanden. Als Jeremias die Bundeslade und anderes bei der babylonischen Gefangenschaft am Berg Sinai verbergen ließ, ward sie nicht wiedergefunden. Das Heiligtum war aber nicht darin. Nachher ward eine Bundeslade nachgemacht. Es war aber nicht alles darin, was vorher gewesen. Der Stab Aarons, auch ein Teil des Mysteriums waren bei den Essenern auf Horeb. Das Sakrament des Segens aber war wieder, ich weiß nicht durch welchen Priester, hineingekommen. Im nachinaligen Teich Bethesda war das heilige Feuer bewahrt gewesen.
Ich sah sehr viele Dinge, welche Jesus dem Eliud auslegte, in Bildern, teils hörte ich die Worte. Ich kann aber das alles nicht wiederbringen. Er sprach auch, wie er aus dem Keime Fleisch angenommen, der Adam genommen worden, und wie dieses durch so viele Geschlechter habe laufen müssen, ... und wi~e er so oft wieder zurückgehalten und die Gefäße verfinstert worden seien.
Ich sah alles dieses wirklich und sah alle Vorfahren Jesu, und wie die Altväter bei dem Tode in einem sakramentalischen Segen diese Kraft den Erstgeborenen übergeben, und wie der Bissen und das Getränk aus dem Becherchen, welches Abraham vom Engel empfangen, ein Vorbild des Sakraments..., die Kräftigung zu dem künftigen Fleisch und Blut des Messias war. Ich sah, wie die Geschlechtslinie Jesu es empfing zu der Menschwerdung Gottes, und daß Jesus es einsetzte zur Vereinigung der Menschen mit Gott.
Jesus sprach auch viel mit Eliud von der Heiligkeit Annas und Joachims, auch von dem übernatürlichen Empfangenwerden Mariä unter der Goldenen Pforte, was ich nicht mehr weiß.
Er sagte ihm auch, daß er nicht aus Joseph empfangen sei, sondern dem Fleische nach aus Maria, diese aber aus jenem reinen Segen, der Adam vor dem Falle genommen und durch Abraham auf Joseph in Ägypten und von diesem in die Bundeslade und aus dieser zu Joachim und Anna gelangt sei.5S
Er sagte, die Menschen zu erlösen, sei er in die ganze Schwachheit des menschlichen Daseins gesandt, fühle und empfinde alles wie ein Mensch und werde erhöht werden, wie die Schlange Mosis in der Wüste, auf dem Kalvarienberg, wo der Leib des ersten Menschen begraben liege.
Er sagte, wie traurig es ihm gehen werde, und wie undankbar die Menschen sein würden, usw. Eliud fragte immer gar einfältig und treuherzig, aber er verstand alles besser als die Apostel anfangs, er verstand alles mehr im Geist. Doch konnte er noch nicht recht verstehen, wie es nun werden solle.
Er fragte Jesum, wo denn sein Reich sein werde, in Jerusalem, in Jericho oder Engaddi? Jesus antwortete, wo er sei, da sei sein Reich.
Er werde kein äußerliches Reich haben.
Ich hörte auch heute und am folgenden Tag manche Erwähnungen, wo die Schrift durch die Sprache ihren inneren Sinn nicht ausspreche, wo die Prophezeiungen zu sinnlich ausgedrückt und verstanden würden.
Der Alte redete so natürlich und einfach mit Jesu und erzählte ihm vieles von seiner Mutter, als wisse er es nicht, und Jesus hörte es sehr liebevoll an.
Er erzählte von Joachim und Anna und sprach von Annas Leben und Tod. Jesus sagte, keine Frau sei keuscher gewesen als Anna, und daß sie nach Joachims Tod noch zweimal geheiratet, das sei auf Gottes Befehl geschehen. Es hätte die bestimmte Zahl der Früchte dieses Stammes erfüllt werden müssen.
Eliud erzählte von Annas Tod, und ich sah ein Bild ihres Todes. Ich sah Anna auf die Art wie Maria im hinteren Gemach ihres größeren Hauses auf einem etwas höheren Lager liegend. Ich sah, daß sie ungemein lebhaft und sprechend war und gar nicht wie eine Sterbende. Ich sah, daß sie ihre kleineren Töchter und anderen Hausgenossen segnete, daß diese dann im Vorgemache waren. Ich sah, daß Maria zu Häupten undj Jesus zu Füßen ihres Bettes standen. Sie segnete Maria und begehrte den Segen Jesu, der ein erwachsener Mann war und einen keimenden Bart hatte. Ich sah sie noch freudig sprechen. Sie sah empor. Da wurde sie schneeweiß, und ich sah Tropfen, wie Perlen, auf ihre Stirne treten, und da schrie ich:
"Ach, sie stirbt, sie stirbt!" und wollte sie in die Arme fassen in meiner Begierde. Da war es, als komme sie zu mir und liege in meinen Armen, und erwachend glaubte ich, sie noch zu halten.
Eliud erzählte auch noch vieles von den Tugenden Mariä im Tempel. Das sah ich auch alles in Bildern. Ich sah, daß ihre Lehrerin Noemi mit Lazarus verwandt war und daß diese etwa fünfzigjährige Frau und alle anderen am Tempel dienenden Frauen von den Essenern waren.
Ich sah, daß Maria bei ihr stricken lernte und daß sie schon als Kind mit ihr ging, wenn Noemi Gefäße und Geräte vom Opferblut reinigte und gewisse Teile des Opferfleisches empfing und zerteilte und zubereitete als Nahrungsmittel für die Tempeldienerinnen und Priester. Denn diese wurden zum Teil dadurch gespeist. Später sah ich die Heilige Jungfrau in allem diesem helfen. Ich sah auch, daß Zacharias, wenn er den Dienst hatte, das Kind Maria besuchte, und daß auch Simeon es kannte.
So sah ich all' ihr frommes und demütiges Wandeln und Dienen am Tempel, wie Eliud dem Herrn davon erzählte.
Sie sprachen auch von Christi Empfängnis, und Eliud erzählte von dem Besuche Mariä bei Elisabeth. Da erfuhr ich wieder, daß der Heiland zwei Monate nach unserem jetzigen Christfest empfangen ist, wie ich es immer gesehen, und sah auch etwas über die Verspätung unseres Christfestes, was ich vergessen habe. Er erzählte auch, daß Maria einen Brunnen dort gefunden, was ich sah.
Ich sah, wie die Heilige Jungfrau mit Elisabeth, Zacharias und Joseph von dem Hause Zachariä aus nach einem kleinen Gute desselben gegangen waren, wo es aber an Wasser fehlte. Ich sah die Heilige Jungfrau allein vor dem Gatten mit einem Stäbchen gehen. Sie betete, und als sie in die Erde mit dem Stäbchen rührte, quoll ein Wässerchen heraus und umfloß einen kleinen Erdhügel. Als Zacharias und Joseph herzukamen, stachen sie den Hügel mit einer Schaufel weg, und es wühlte sich ein Strudel darunter auf und ward der schönste Brunnen...
In so vertrautem Gespräch, mit Gebet wechselnd, sah ich Eliud mit Jesu, den er ehrte, aber doch nur ganz kindlich und freudig wie einen auserwählten Menschen behandelte.
Eliuds Tochter wohnte nicht in demselben Haus, sondern in einem abgesonderten Felsgewölbe.
Die Essener, welche an dem Berg wohnten, waren etwa zwanzig. Frauen wohnten ungefähr fünf bis sechs abgesondert zusammen. Diese Leute hatten Eliud wie ein Oberhaupt, und sie kamen täglich zum Gebet bei ihm zusammen. Jesus aß mit ihm allein Brot, Früchte, Honig und Fische, aber sehr mäßig. Die Leute trieben meist Weberei und Gartenbau...
Der Berg, an dessen Fuß diese Essener wohnten, war die höchste Spitze des Bergrückens, woran Nazareth in die Höhe gebaut war, aber er war doch noch durch ein Tal von der Stadt getrennt. Er hatte jenseits einen steilen Absturz, mit Grün und Wein bewachsen. Es lagen unten an diesem Absturz, wo die Pharisäer Jesum später hinabstürzen wollten, allerlei Schutt, Auswurf und Knochen.
Mariä Haus lag vorne in der Stadt an einem Hügel, so daß Teile des Hauses wie Gewölbe in den Hügel führten. Doch sah die Höhe des Hauses über den Hügel hervor, an welchem jenseits andere Wohnungen lagen.
17. September 18211/ Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 4~5O (Viertel-seiten 6~6i)
Jesus lehrte heute wieder eine Schar Zöllner, welche zur Taufe zogen. Er lehrte auch wieder in der Synagoge vom Weizenkömlein, das in die Erde muß, und vom Senfkörnlein. Da ärgerten sich die Pharisäer wieder an ihm und fingen das Gerede vom Sohn des Zimmermanns Joseph wieder an. Sie warfen ihm auch seinen Umgang und Verkehr mit den Zöllnern und Sündern vor, und er antwortete ihnen sehr derb.
Sie sprachen auch mit ihm von den Essenern, und als seien sie Heuchler, die nicht nach dem Gesetz lebten. Jesus aber erklärte ihnen, daß sie das Gesetz mehr als die Pharisäer befolgten, und der Vorwurf des Heuchlers fiel auf sie zurück. Sie kamen auf die Ess en er zu sprechen durch die Segnungen, denn sie ärgerten sich daran, daß Jesus viele Kinder segnete, und sie sprachen davon, weil das Segnen bei den Essenern sehr gebräuchlich war. Wenn Jesus nämlich in die Synagoge oder herausging, traten ihm viele Frauen mit ihren Kindern entgegen und baten, er möge sie segnen.
i8. September 18211/ Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 5~52 (Viertel-seiten 63-70)
Gestern 17., abends, sah ich Jesum in Nazareth im Haus eines Pharisäers übernachten. Es waren zu seinen fünf Begleitern noch vier andere gekommen, auch Verwandte und Freunde der Heilige~ Familie. Ich meine, es war noch einer der drei Witwensöhne darunter und einer von Bethlehem, der aufgefunden hatte, daß er von Ruth abstamme, welche den Boas in Bethlehem geheiratet. Er nahm sie ordentlich zu seinen Jüngern auf. Es waren aber in Nazareth ein paar reiche Familien, welche drei Söhne hatten, die in ihrer Jugend mit Jesu umgegangen waren. Diese Söhne waren fein und gelehrt. Die Eltern, welche Jesu Lehre gehört und von seiner Weisheit viel vernommen hatten, beredeten sich, ihre Söhne sollten heute noch einmal eine Probe seiner Weisheit hören, und dann sollten sie ihm Geld bieten und dafür mit ihm reisen und an seiner Wissenschaft teilnehmen. Die guten Leute schlugen ihre Söhne hoch an und meinten, Jesus solle ihr Hofmeister werden.
Die Söhne kamen heute in die Synagoge und auf die Veranstalning
53
der Pharisäer und dieser reichen Leute alles, was von gelehrten Leuten in Nazareth war. Sie gedachten Jesum auf alle Art auf die Probe zu stellen. Es waren auch ein Rechtsgelehrter in der Schule und ein Arzt, ein großer breiter Mann mit einem langen Bart, einem Gürtel und einem Zeichen auf dem Kleid an der Schulter.
Ich sah Jesum beim Eingehen in die Schule wieder viele Kinder segnen, welche die Mütter ihm brachten. Ich sah darunter aussätzige Kinder, welche er heilte.
Ich sah, wie er in der Schule auf mancherlei Weise in seiner Lehre unterbrochen wurde von den Gelehrten, welche ihm allerlei verwickelte Fragen vorlegten, und wie er sie alle mit seiner Weisheit zum Schweigen brachte.
Die Reden des Rechtsgelehrten beantwortete er aus dem Gesetz Mosis ganz wunderbar, und als man von der Ehescheidung redete, verwarf er sie ganz. Geschieden könnten sie nicht werden. Wenn der Mann aber gar nicht mit dem Weibe leben könne, so könne er es entlassen, doch blieben sie ein Fleisch und könnten nicht wieder heiraten. Dieses gefiel den Juden gar nicht.
Der Arzt fragte ihn, ob er wisse, wer trocken und wer feuchter Natur sei und unter welchen Planeten ein solcher geboren sei und welche Kräuter man diesem und jenem geben müsse und wie der menschliche Leib beschaffen sei. Da antwortete ihm Jesus mit großer Weisheit und sprach von der Komplexion einiger Gegenwärtigen, ihren Krankheiten und Mitteln und sprach von dem menschlichen Leib mit einer dem Arzte ganz unbekannten Weisheit. Er sprach vom Leib des Geistes, wie er auf den Körper wirke, er sprach von Krankheiten, die nur durch Gebet und Besserung geheilt würden, und von solchen, welche Arznei brauchen sollten, und alles so tiefsinnig und in so schönen Reden, daß der Arzt mit großem Erstaunen seine Kunst überwunden gab und erklärte, er habe solche Kenntnis nie gekannt. Ich glaube auch, daß er ihm nachfolgen will. Er beschrieb dem Arzt den menschlichen Leib, alle Glieder, Muskeln, Adern, Nerven und Eingeweide, ihre Bedeutung und Verhältnisse mit einer Genauigkeit und doch so im Überblick und tiefsinnig, daß er ganz demütig ward. Es war auch ein Sternkundiger da, und er sprach über den Lauf der Sterne und sagte, wie ein Gestirn das andere regiere und wie die verschiedenen Sterne verschiedene Einflüsse haben, und von Kometen und Himmelszeichen.
Auch von Gebäuden sprach er mit einem Mann sehr tiefsinnige Dinge.
Er sprach auch von Handel und Verkehr mit fremden Völkern und redete scharf gegen allerlei Moden und Eitelkeiten, die von Athen gekommen seien. Es waren Spiele und Gaukeleien dabei, die von dort ins Land gekommen wären. Sie waren auch durch Nazareth gezogen und mehrere andere Orte. Er sagte, diese Laster sind unverzeihlich, denn man hält sie für keine Laster und tue keine Buße darüber, darum sind sie unverzeihlich.
Alles war über seine Weisheit ganz hingerissen, und die Leute verlangten von ihm, daß er hier wohnen bleiben sollte. Sie wollten ihm ein Haus und alles Notwendige geben. Sie fragten ihn auch, warum er mit seiner Mutter nach Kapernaum gezogen sei.
Er sagte ihnen, daß er hier nicht bleiben werde. Er sprach von seiner Bestimmung und Sendung. Sie seien nach Kapernaum gezogen, weil er in der Mitte des Landes wohnen wolle, usw. Alles dieses verstanden sie nicht und ärgerten sich daran, daß er nicht unter ihnen wohnen wolle. Sie meinten, ein rechtes Glück angeboten zu haben, und hielten seine Reden von Sendung und Bestimmung für Hoffart. So verließen sie am Abend die Schule.
Die drei Jünglinge, etwa bis zwanzig Jahre alt, verlangten ihn zu sprechen. Er wollte aber nicht mit ihnen sprechen, bis seine neun Jünger um ihn waren. Das betrübte sie. Er sagte aber, er tue es, damit Zeugen dessen da seien, was er mit ihnen rede. Sie brachten ihm nun sehr bescheiden und demütig ihren und ihrer Eltern Wunsch vor, daß er sie als Schüler aufnehmen wolle. Ihre Eltern wollten ihm Geld geben. Sie wollten ihn begleiten und ihm in seiner Arbeit dienen und helfen.
Jesus, sah ich, war betrübt, daß er es ihnen abschlagen mußte, teils wegen ihnen selbst, teils wegen seinen Jüngern, denn er mußte ihnen Gründe angeben, welche sie noch nicht fassen konnten. Er sagte ihnen, wer Geld gebe, um etwas dafür zu gewinnen, der wolle zeitlichen Nutzen von seinem Geld haben. Wer aber seinen Weg gehen wolle, der müsse allen irdischen Besitz verlassen. Auch müsse, wer ihm folge, seine Eltern und seine Freundschaft verlassen. Auch freiten und heirateten seine Jünger nicht.
So sagte er ihnen sehr schwere Punkte, und sie wurden sehr niedergeschlagen und sprachen noch von den Essenern, daß diese doch auch teils verheiratet seien. Jesus sagte ihnen, diese handelten gut nach ihren Gesetzen. Seine Lehre aber müsse ausführen, was jene vorbereitet, usw. Er entließ sie und sagte, sie möchten sich besinnen.
Seine Jünger waren durch seine Rede erschreckt worden, weil er
54 55
seine Lehre so schwer gemacht. Sie konnten es nicht verstehen und wurden verzagt.
Er ging aber mit ihnen von Nazareth hinaus nach Eliuds Haus tind sagte ihnen unterwegs, sie sollten nicht verzagen! Die Ursache, warum er jenen dieses gesagt, läge tiefer. Sie würden nie oder spät zu ihm kommen. Sie möchten ihm ruhig folgen und unbesorgt sein, usw. So kamen sie nach Eliuds Haus. Ich glaube nicht, daß er wieder
zu Eliud geht, denn es ist ein großes Gerede und Lärmen in Naza reth geworden. Sie ärgerten sich, daß er da nicht bleiben wollte. Sie meinten, er habe auf seiner Reise alles das gelernt. Es sei wahr, er sei ein sehr geistreicher und wunderbarer Mensch. Er sei aber für einen Zimmermannssohn doch sehr hoffärtig.
Ich sah auch die drei Söhne nach Hause kommen. Die Eltern nahmen die Schwierigkeiten, die Jesus machte, sehr übel auf, und die Söhne stimmten ein, und alles redete sich wieder in den Unwilkn gegen ihn hinein.
19. September 18211/ Tagebuch Bd. IV, Heft 2 I Seite 52 rviertelseite 72)
In diesen Tagen sind mehrere Scharen derjenigen bei Johannes angekommen, welche Jesus in der letzten Zeit zur Taufe ermahnt. Auch Parmenas und seine Eltern von Nazareth zogen hin, auch die Zöllner usw., und ich sah Johannes, da er Nachricht von Jesu Annäherung erhielt, mit neuem Mute sich zur Taufe erheben. Er hielt auch eine schöne Lehre vom Messias, und wie er bald ihm weichen werde, und demütigte sich so vor ihm, daß seine Jünger sich ordentlich darüber betrübten. Die Insel mit dem Taufbrunnen für Jesum ist jetzt recht schön grün. Niemand geht darauf als manchmal Johannes. Er hat gewöhnlich die Brücke dahin unterbrochen. Johannes war nach den letzten Anfechtungen von Herodes und den Juden ganz niedergeschlagen. Überhaupt war es rührend, wie er mit der Annäherung Jesu an Ungestüm verlor, jetzt aber, da er Nachricht von ihm hatte, neuen Mut faßte. Ich meine, etwa Donnerstag (den 27. September) könnte Jesus dort sein.
21. September 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 53-54 (Viertelseiten 76-78)
In der Nacht vom 20. zum 21. September sah ich sie wieder wandeln, teils zusammen, teils einzeln. Ich sah da eine wunderbare Sache, ein unaussprechlich schönes Bild.
Eliud sprach mit Jesu, indem dieser vor ihm herwandelte, über seinen wohigebauten und schönen Leib. Jesus sprach zu ihm: "In dreieinhalb Jahren, wenn du diesen Leib dann wieder sehen würdest, solltest du nichts Schönes und Wohlgestaltetes mehr an ihm sehen, so werden sie mich sihmähen und mißhandeln."
Eliud verstand dieses nicht. Er konnte überhaupt gar nicht begreifen, wie Jesus immer so kurze Zeit von seinem Reich spreche. Er meinte immer, es müsse doch wohl zehn, ja zwanzig Jahre währen, bis Jesus sich sein Reich gegründet hätte. Denn er konnte sich das gar nicht anders denken, weil er immer an ein irdisches Königreich gedacht.
Als sie noch eine Strecke so gegangen waren, sagte Jesus dem einsam in Gedanken hinter ihm gehenden Eliud, indem er stillestand, er solle zu ihm herannahen, er wolle ihm zeigen, wer er sei, und wie sein Leib sei, und wie sein Reich sei.
Eliud stand mehrere Schritte von Jesu, und Jesus schaute betend zum Himmel. Es ließ sich aber eine Wolke nieder und umgab sie beide wie ein Gewitter. Von außen konnte man sie nicht sehen. Über ihnen aber tat sich ein Lichthimmel auf und zog sich wie zu ihnen nieder, und ich sah oben wie eine Stadt von schimmernden Mauern, ich sah das himmlische Jerusalem. Das ganze Innere war mit einem Regenbogenschimmer umgrenzt. Ich sah eine Gestalt, wie Gott den Vater, und sah Jesum in einer Lichtmitteilung mit demselben. Jesus aber erschien in seiner Gestalt ganz schimmernd und durchsichtig.
Eliud stand anfangs emporschauend ganz wie entzückt und sank dann auf sein Angesicht nieder, bis das Licht und die ganze Erscheinung zerronnen war.
Jesus ging dann weiter, und Eliud folgte stumm und schüchtern über das, was er gesehen hatte. Es war ein Bild wie die Verklärung, aber ich sah Jesum nicht emporgehoben. Ich meine, Eliud hat die Kreuzigung Christi nicht erlebt. Jesus war vertrauter mit ihm als mit den Aposteln, denn er war sehr erleuchtet und in viele Geheimnisse seiner Familie eingeweiht. Er nahm ihn auch als Freund und Gefährten auf und gab ihm viele Gewalt, und er wirkte viel für die Gemeinde Jesu. Er war einer der unterrichtetsten Fssener. Sie wohnten in der Zeit Jesu nicht mehr so häufig auf den Bergen wie vorher. Sie hatten sich mehr in die Städte zerstreut.
Diesen wunderbaren Blick hatte ich ungefähr nachts zwölf Uhr.
21, September 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seite 54 (Viertelseiten 79-80)
Am Morgen sah ich Fliud und Jesum auf einem Hirtenfeld ankommen. Es war Tagesgrauen. Die Hirten waren schon aus ihren Hütten beim Vieh. Sie kamen Jesu entgegen, der ihnen bekannt war, und warfen sich vor ihm nieder und führten die beiden in einen Schuppen, wo sie ihre Geräte hatten. Sie wuschen ihnen die Füße, bereiteten ihnen ein Lager und setzten ihnen Brot und kleine Becher vor, brie ten ihnen auch Turteltauben, welche in den Hütten ihre Nester hatten und in sehr großer Menge hier wie Hühner herumliefen.
Ich sah hierauf, daß Jesus Eliud zurücksandte. Er segnete ihn aber vorher, kniend. Die Hirten waren zugegen. Er sagte ihm, er solle seine Tage in Ruhe beschließen, der Weg, den er wandeln müsse, sei ihm zu beschwerlich. Er nehme ihn in seine Gemeinde auf. Er habe seinen Teil schon im Weinberge gearbeitet und solle seinen Lohn in seinem Reich erhalten.54 Er erklärte dieses mit der Parabel der Arbeiter im Weinberg.
Eliud war sehr ernst seit dem Gesichte dieser Nacht, er war still und gerührt. Ich meine gehört zu haben, er werde Jesum in diesem Leben nicht wieder sehen, doch weiß ich es nicht gewiß. Ich glaube, er ist von den Jüngern getauft worden.
Eliud begleitete Jesum noch ein Stück Weg von dem Hirtenort. Der Herr umarmte ihn, und er schied mit männlicher Rührung.
Man kann den Ort, wohin Jesus zum Sabbath geht, von hier sehen. Es haben einmal Verwandte von Jesu da gewohnt. Dieser Ort, wo Jesus nun einsam hinging, war nicht Jezrael, wie ich gemeint, weil ich Jezrael auch liegen sah. Er hieß Gur und lag auf einem Berg...
26. September 1821 / Tagebuch Bd. 1V, Heft 2 / Seite ~8 (Viertelseiten 93-94)
Jesus ging von Usenseera nach Bethanien. Abends kam er ein paar Stunden nördlich von Jerusalem in einer Stadt an, die aus einer wohl halbstundenlangen Straße über einen Berg besteht. Bethanien kann wohl noch drei Stunden von hier liegen. Man kann die Gegend in der Ferne sehen, denn es liegt tiefer in der Ebene. Von diesem Berg zieht sich nördlich morgenwärts eine Wüste von etwa drei Stunden gegen die Wüste Ephrem hin, und zwischen diesen beiden Wüsten sah ich Maria und ihre Gesellschaft heute nacht herbergen.
Der Berg ist derjenige, auf welchem Joab und Abisai in der Verfolgung Abmers nachließen, da dieser sie anredete. Er hieß Amma und lag nordwärts von Jerusalem. Der Ort, wo Jesus war, hatte Aussicht nach Morgen und Mitternacht. Ich meine, er hieß Giah und sah auf die Wüste Gibeon, die an seinem Fuß begann und sich der Wüste Ephrem entgegenzog. Sie war etwa drei Stunden lang.
Jesus kam am Abend dahin und trat in ein Haus, eine Erquickung begehrend. Sie wuschen ihm die Füße, gaben ihm zu trinken und kleine Brötchen.
Es kamen bald mehrere Leute um ihn und fragten ihn, da er aus Galiläa komme, nach dem Lehrer aus Nazareth, von dem man so viel höre und von dem Johannes so viel sage, und ob dejnn die Taufe Johannis gut sei.
Jesus lehrte sie wie immer. Er mahnte sie zur Taufe und Buße und sprach von dem Propheten aus Nazareth und dem Messias. Er würde unter ihnen erscheinen, und sie würden ihn nicht erkennen, ja verfolgen und mißhandeln. Sie sollten alles wohl beachten. Die Zeiten seien erfüllt. Er werde nicht in Pracht und Triumph erscheinen, sondern arm und unter den Einfältigen wandeln u. dgl. -Die Leute erkannten ihn nicht, aber sie nahmen ihn gut auf undhatten eine große Ehrfurcht vor ihm. Es waren Täuflinge hier durchgezogen, welche von Jesu gesprochen hatten. Sie geleiteten ihn auf den Weg, nachdem er etwa zwei Stunden hier geruht hatte.
26. Septemben 1821 (=, 25., 26. Elul) 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 58-59 Viertelseiten 94-98); Seiten 59-60 (Vierteiseiten 1o~1o2)
Nach Bethanien kam Jesus in der Nacht. Lazarus war in seinem Besitztum in Jerusalem, an der Abendseite des Berges Sion, auf der Seite des Kalvan en berges gelegen, noch vor einigen Tagen gewesen, war aber nach Bethanien gekommen, denn er wußte um Jesu Ankunft durch Jünger. Das Schloß in Bethanien gehörte eigentlich Martha. Lazarus war aber lieber hier, und sie wirtschafteten zusammen.
Sie erwarteten Jesum, und es war ein Mahl bereitet. Martha bewohnte ein Haus, an der anderen Seite des Hofes gelegen. Es waren Gäste im Haus. Bei Martha waren Seraphia (Veronika), Maria Markus und noch eine betagte Frau von Jerusalem. Sie war mit Maria im Tempel gewesen und hatte diesen bei ihrem Eintritt ver59 ~assen. Sie wäre gern darin geblieben, ist aber nun durch eine Fügung Gottes verehelicht worden.
Bei Lazarus waren Nikodemus, Johannes Markus, der eine Sohn Simeons und ein alter Mann, Obed genannt, ein Bruder oder Bruderssohn des Mannes der Hanna vom Tempel. Sie waren alle heimliche Freunde Jesu, teils durch Johannes d. Täufer, teils durch die Familie und die Prophezeiungen Simeons und Hannas am Tempel.
Nikodemus war ein forschender, denkender Mann, der auf Jesum hoffte und sehr begierig war. Alle hatten Johannis Taufe. Sie waren auf Lazan Einladung heimlich hier. Nikodemus diente nachher Jesu und seiner Sache immer heimlich.
Lazarus hatte Diener ausges andt, Jesum auf dem Wege einzuholen, und etwa eine halbe Stunde vor Bethanien traf ihn sein alter treuer Diener, der hernach noch ein Jünger geworden, auf dem Wege. Er warf sich vor ihm auf das Antlitz nieder: "Ich bin der Knecht Lazan. So ich Gnade finde vor Dir, meinem Herrn, folge mir nach seinem Haus!" Jesus hieß ihn aufstehen und folgte ihm. Er war ihm freundlich und verhielt sich doch seiner Würde gemäß. Eben dieses gab ihm das Hinreißende. Sie liebten den Menschen und fühlten Gott.
Der Diener brachte ihn in eine Vorhalle am Eingang in das Schloß bei einem Brunnen. Hier war alles bereitet. Er wusch Jesu die Füße, legte ihm andere Sohlen an. Jesus hatte ein Paar grün gefütterte, gepolsterte, dicke Sohlen an, als er hier ankam. Er ließ sie stehen und legte hier ein Paar harte Sohlen mit ledernen Riemen an, die er fortan trug. Der Diener lüftete und schüttelte ihm auch die Kleider aus.
Als er die Füße gewaschen, kam Lazarus mit seinen Freunden. Er brachte ihm einen Becher und einen Bissen. Jesus umarmte Lazarus und grüßte die anderen mit Handreichung. Sie dienten ihm alle gastfreundlich und geleiteten ihn nach dem Haus. Lazarus führte ihn aber vorher in die Wohnung Marthas. Die hier anwesenden Frauen warfen sich verschleiert an die Erde nieder. Jesus hob sie an der Hand auf und sagte zu Martha, daß seine Mutter hierher kommen würde, um seine Rückkehr von der Taufe zu erwarten.
Hierauf gingen sie nach Lazan Haus und nahmen ein Mahl. Es war ein Lamm gebraten, und Tauben, Honig waren vorhanden, Meine Brote und Früchte, auch Grünes und Becher. Sie lagen hier zu Tisch auf Lehnbänken, immer zwei und zwei. Die Frauen aßen in einer Vorhalle.
Jesus betete vor Tisch und segnete alle Speisen. Jesus war sehr ernst, ja betrübt. Er sagte ihnen unter Tisch, es nahe eine schwere Zeit. Er beginne einen mühseligen Weg, der sich bitter enden werde. Er ermahnte sie, so sie seine Freunde seien, auszuhalten. Sie würden viel mit ihm zu leiden haben, und er sprach so rührend, daß sie weinten, aber sie verstanden ihn nicht ganz, wußten nicht, daß er Gott war. .
Nach dem Mahle gingen sie in einen Betort, und Jesus sagte ein Dankgebet, daß seine Zeit und Bestimmung nun beginne. Es war dieses sehr rührend, und sie weinten alle. Die Frauen waren im Hintergrunde gegenwärtig. Sie beteten noch zusammen allgemeine Gebete. Jesus segnete sie und ward von Lazarus nach seiner Schlafstelle gebracht.
Es waren dieses auch abgesonderte Stellen in einem großen Raum, wo die Männer alle schliefen, aber schöner als in den gewöhnlichen Häusern. Das Bett ward hier nicht, wie sonst, aufgerollt. Es war etwas höher als gewöhnlich, wo es an der Erde war. Es war feststehend, hatte vorn eine Galerie 56, welche mit Decken und Quasten verziert war. An der Wand, woran das Bett stand, war oben eine feine Matte aufgerollt, welche man durch einen Zug aufziehen oder vor das Bett niederlassen konnte, so daß sie ein schräges Dach bildete, wenn sie das leere Bett versteckte Skizze. Neben dem Bett stand ein Schemeltischchen und in einer Höhle der Wand ein Waschbecken, worauf ein hohes Wassergefäß und ein kleines Schöpf- und Gießgefäß. Eine Lampe ragte aus der Wand, und ein Tuch zum Abtrocknen hing an derselben. Lazarus steckte die Lampe an, warf sich vor Jesu nieder, der ihn nochmals segnete, und sie verließen einander.
Die stille Maria, Lazan blöde Schwester, sah ich nicht. Sie kam nie zum Vorschein. Sie sprach vor Menschen nie ein Wort, wenn sie aber allein war in ihrer Stube oder ihrem Garten, sprach sie mit sich selbst laut und mit allen Gegenständen um sich. Es war, als lebten die Dinge um sie. Nur mit Menschen sprach sie nicht. Vor anderen rührte sie sich nicht, sah nieder und war wie eine Bildsäule, doch neigte sie sich grüßend und war ganz anständig, nur stumm. Wenn sie allein war, tat sie allerlei Geschäfte und besorgte ihre Kleider und alles ordentlich. Sie war sehr fromm, erschien aber nicht in der Schule, sondern betete auf ihrer Kammer. Ich glaube, sie hatte Gesichte und redete mit Erscheinungen. Sie hatte eine unaussprechliche Liebe für ihre Geschwister, besonders für Magdalena. Sie war von früher Jugend so. Sie hatte ihre Wärterinnen, aber sie war ganz reinlich und hatte nichts von Wahnsinnigen an sich.
Von Magdalena wurde bis jetzt noch nicht in Jesu Gegenwart hier gesprochen. Sie lebte jetzt in Magdalum in ihrem höchsten Glanz.57
27. JSeptember 1821 (=26., 27. Elul) / Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 61-63 (Viertelseiten 105-114)
Ich sah Jesum in dem Hause des Lazarus mit diesem und den Freunden von Jerusalem. Er ging nicht zu Bethanien herein, ging aber wohl in die Höfe und Gärten des Schlosses. Er sprach und lehrte, hie und da wandelnd, sehr ernst und rührend, und so liebevoll er war, so würdig hielt er sich und sprach kein unnötig Wort. Alle liebten ihn und folgten ihm, und doch waren sie alle schüchtern. Lazarus war ihm am vertrautesten, die anderen Männer mehr bewundernd und sich zurückhaltend ...
Von Lazarus begleitet ging nun Jesus zu den Frauen, und Martha führte ihn zu ihrer stillen Schwester Maria, mit der er sprechen wollte. Sie gingen durch die Türe einer Mauer aus dem großen Hof in einen kleineren, doch geräumige n, von Mauern um schlossenen Gartenhof, an den die Wohnung Marias anstieß. Jesus blieb in dem Gärtchen, und Martha ging ihre stille Schwester zu rufen. Das Gärtchen war ganz zierlich. In der Mitte stand ein großer Dattelbaum, außerdem standen allerlei Würzkräuter und Stauden darin. Auch war ein Brunnen darin mit einem Rande darum, und in der Mitte des Brunnens ein Steinsitz, zu welchem vom Rande auf einem Brett die stille Maria wohl ging und da unter dem Zeltdach, das den Brunnen überspannte, vom Wasser umgeben sitzen konnte.
Martha ging zu ihr und sagte ihr, sie möge in den Hof kommen, es erwarte sie jemand. Sie war ganz gehorsam, legte ihren Schleier um und trat ohne ein Wort zu sprechen in den Hof, worauf Martha hinwegging.
Sie war ganz schön und groß und etwa dreißig Jahre alt, sah meistens zum Himmel empor, und wenn sie seltene Male zur Seite, wo Jesus ging, blickte, geschah es doch nur halb und unbestimmt, als sehe sie in die Ferne. Sie sagte nie "ich", sondern "du", wenn sie von sich selbst sprach, so als sähe sie sich woanders und rede sich an. Sie sprach Jesum nicht an und warf sich nicht vor ihm nieder. Jesus sprach zuerst mit ihr, und sie wandelten in dem Gärtchen um her. Sie sprachen nicht eigentlich mit sammen. Die stille Maria sah urrimer empor und sprach himmlische Dinge aus, als sähe sie dieselben. Auch Jesus sprach so. Er redete von seinem Vater und mit seinem Vater. Sie sah Jesum nie an, nur manchinal sprach sie halb zur Seite gegen ihn gewendet.
Ihr gegenseitiges Gespräch war mehr ein Gebet, ein Lobgesang, eine Betrachtung, ein Aussprechen von Geheimnissen als ein Gespräch. Maria schien nicht zu wissen, daß sie lebte. Ihre Seele war in einer anderen Welt, und ihr Leib handelte hier mit.
Ich erinnere mich noch aus ihren Reden, daß sie emporschauend über die Menschwerdung Christi sprach, als sähe sie die Handlung in der Heiligen Dreifaltigkeit vorgehen. Ich kann ihre kindlichen und doch ernsten Reden nicht wiederholen. Sie sagte, als sähe sie es: "Der Vater sagt zu dem Sohn, er solle herab zu den Menschen, und die Jungfrau solle ihn empfangen." Und nun beschrieb sie, wie aalle Engel sich darüber erfreuten und wie Gabriel zu einer Jungfrau bgesandt wird, und so sprach sie durch alle Chöre der Engel durch, und welche alle mit niedergekommen, und zwar so, als rede ein Kind eine vorübergehende Prozession an und freue sich und lobe die Andacht und den Eifer einzelner. Dann sah sie in die Kammer der Jungfrau und redete die Heilige Jungfrau an und wünschte, sie möge die Botschaft des Engels annehmen, und sah den Engel kommen und ihr den Herrn verkündigen und sprach das alles in die Ferne schauend aus, als sähe sie zu und sage ihre Gedanken laut. Sie verweilte dann ganz kindlich dabei, daß die Heilige Jungfrau sich besonnen habe, ehe sie geantwortet, und sagte: "denn du hattest ein Gelübde der Jungfräulichkeit getan. Wenn du es verweigert hättest, des Herrn Mutter zu werden, wie wäre es dann gegangen? Eine andere Jungfrau, wäre sie so zu finden gewesen? Lange hättest du verwaistes Israel noch seufzen müssen", und nun kam sie wieder auf das Glück, daß die Jungfrau eingewilligt, und lobte sie und ging so auf Jesu Geburt über und redete das Kind an und sagte: "Butter und Honig wirst du essen! - und flocht wieder Prophezeiungen ein und sprach von Simeons und Hannas Prophezeiung und so fort immer, als sehe sie es, und redete mit allen, als sei sie in aller dieser Zeit gegenwärtig. So kam sie bis zur Gegenwart und sprach: "Nun gehst du hin, den sauren, schweren Weg usw. !~ Dabei war sie inuner wie allein, und obschon sie wußte, daß der Herr bei ihr war, war es doch, als sei er nicht näher als alle die anderen Bilder, von denen sie gesprochen.
Jesus unterbrach sie durch Gebet und Dank zu Gott und lobte seinen Vater und flehte für die Menschen, alles an seiner Stelle. Das ganze Gespräch war unaussprechlich rührend und wunderbar.
Jesus verließ sie, und sie war wie vorher, so ruhig und unbewegt, und ging in ihre Wohnung zurück.
Als Jesus zu Lazarus und Martha zurückkam, sagte er ungefähr zu ihnen: "Sie ist des Verstandes nicht beraubt, aber sie ist nicht auf dieser Welt mit ihrer Seele und sieht diese Welt nicht, und diese Welt versteht sie nicht. Sie ist glücklich, sie sündigt nicht.
Die stille Maria in ihrem ganz geistig schauenden Zustand wußte auch wirklich gar nicht, was mit ihr und um sie vorging, und war immer in solcher Abwesenheit. Vor niemandem hatte sie noch so gesprochen wie vor Jesu: Vor allen anderen schwieg sie, nicht weil sie verschlossen oder stolz war, nein, weil sie diese Leute innerlich nicht sah, in keinem Bezug sah mit dem, was sie allein sah, himmlische Dinge und die Erlösung. Es sprachen sie wohl manchmal fromme und gelehrte Freunde des Hauses an, und dann sagte sie wohl einiges laut, aber sie verstanden kein Wort davon, weil es nicht eine Fortsetzung ihrer eigenen Ansicht, sondern irgendetwas aus dem Ganzen war, das sie selbst sah, den Gelehrten aber verschlossen blieb. So wurde sie von der ganzen Familie für blödsinnig gehalten und war, was sie allein sein konnte und mußte, einsam, denn sie war nicht mit ihrer Seele in der täglichen Zeit. Sie beschäftigte sich mit dem Bau ihres Gärtchens und mit Stickereien für den Tempel, welche Martha ihr brachte. Sie war geschickt darin und tat es in steten Gedanken und Betrachtungen. Sie betete sehr fromm und andächtig und hatte auch eine Art Leiden für die Sünden anderer, denn es lag oft ein solcher Druck auf ihrer Seele, als falle die Welt auf sie. Ihre Wohnung war bequem, mit Ruhebetten und allem Geräte. Sie aß wenig und allein. Als ihre Geschwister Jesu nachgefolgt waren, starb sie vor Schmerz über die Größe seiner Leiden, die sie im Geist voraussah.
Martha sprach auch mit Jesu von Magdalena und ihrer großen Betrübnis über sie, und Jesus tröstete sie, sie werde gewiß noch kommen. Sie sollten nur nicht ermüden, für sie zu beten und ihr zuzusprechen...
Um halb zwei Uhr kam die Heilige Jungfrau mit Maria Chusa, Lea, Maria Salome und Maria Kleophae an. Der vorausgehende Begleiter kündete ihre Nähe an, und Martha, Seraphia, Maria Markus und Susanna gingen mit dem nötigen Gerät und mit Erquickungen nach derselben Halle am Anfang der Schloßumgebungen, sie zu empfangen, wo Jesus gestern von Lazarus empfangen worden war. Sie bewillkommten einander, und die Anwesenden wuschen den Ankommenden die Füße. Auch legten die heiligen Frauen andere Kleider um, schürzten sich nieder und legten andere Schleier um. Sie waren alle in weißer, gelblicher oder bräunerer ungefärbter Wolle gekleidet. Sie nahmen eine kleine Erquickung und gingen in Marthas Wohnung.
Jesus und die Männer kamen sie zu begiüßen, und Jesus ging mit der Heiligen Jungfrau allein und sprach mit ihr. Er sagte ihr aber sehr liebevoll und ernst, daß seine Laufbahn nun beginne. Er gehe zu der Taufe Johannis, von da werde er wieder zu ihr kommen und noch eine kurze Zeit in der Gegend von Samaria mit ihr sein, dann aber werde er in die Wüste gehen und vierzig Tage darin sein.
Als Maria von dieser Wüste hörte, war sie sehr betrübt, und sie bat flehentlich, er möge doch nicht an diesen schrecklichen Ort gehen, daß er nicht verschmachte. Jesus sagte ihr da, sie solle fortan ihn nicht mit menschlicher Sorge hindern wollen, er müsse tun, was er tue. Er beginne einen schweren Weg. Die mit ihm seien, müßten mit ihm leiden. Er wandle aber nun den Weg seiner Sendung, und sie müsse allen bloß persönlichen Anspruch nun opfern. Er werde sie lieben wie immer, aber er sei nun für alle Menschen. Sie solle tun, was er sage, und sein himmlischer Vater werde sie belohnen, denn es beginne nun, was ihr Simeon verkündet, es werde ein Schwert durch ihre Seele gehen, usw. Die Heilige Jungfrau war sehr betrübt und ernst, aber auch stark und in Gott ergeben, denn er war sehr heilig und liebreich.
Am Abend war noch ein großes Mahl im Hause des Lazarus, und der Pharisäer Simon und einige andere Pharisäer waren eingeladen. Die Frauen aßen getrennt durch eine Vergitterung in einem anstehenden Raum, so daß sie die Lehre Jesu hören konnten. Jesus lehrte von Glaube, Hoffnung und Liebe und von dem Gehorsam. Die ihm folgen wollten, müßten nicht mehr umschauen, sondern tun, was er lehre, und leiden, was über sie komme. Er werde sie nicht verlassen. Er sprach auch wieder von dem schweren Weg, den er antrete, und wie er werde mißhandelt und verfolgt werden, und wie alle, die seine Freunde seien, mit ihm leiden würden. Sie hörten ihn alle mit Erstaunen und Rührung an. Aber was er von den großen Leiden sprach, verstanden sie nicht recht und glaubten es auch nicht so einfältig hin. Sie meinten, das sei 50 eine prophetische Redensart und sei nicht nach dem Worte zu verstehen; usw.~ Den Pharisäern
64 65
war seine Rede nicht anstößig, obschon sie befangener waren als die anderen, aber er lehrte dieses Mal auch nur mäßig.
!27. September 1821i Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seite 63 (Viertelseite ii6)
Die Freunde Lazan, Nikodemus, Obed, Simeons Sohn, Johann Markus hatten wenig mit Jesu gestern gesprochen, aber untereinander waren sie in steter Bewunderung seines Wesens, seiner Weisheit und seiner menschlichen, selbst körperlichen Eigenschaften, und sooft er abwesend war, oder wenn sie hinter ihm herwandelten, sagten sie zueinander: "Welch' ein Mensch! So war keiner, so kommt keiner wieder! Wie ernst, wie sanft, wie weise, wie alles durchdringend, wie einfach! Aber ich verstehe ihn rächt ganz und muß doch glauben, so sagt er es. Man kann ihm nicht ins Antlitz schauen. Es ist, als lese er jedes Gedanken. Welche Gestalt, welches hohe Wesen, welche Raschheit, und doch kein Laufen! Wer kann so wandeln wie er? Wie schnell kommt er seine~ Wege! Unermüdet kommt er an und wandert wieder um seine Stunde. Welch ein Mann ist er geworden! " Dann sprachen sie von seiner Kindheit, von der Lehre im Tempel, usw. Sie sprachen auch, was sie von Gefahren gehört, die er auf seiner ersten Reise auf dem Wasser (Salzmeer) bestanden, und wie er den Schiffern geholfe~
Keiner aber ahnte, daß sie von dem Sohn Gottes redeten. Sie fanden ihn größer als alle Menschen, ehrten ihn und waren schüchtern, aber sie hielten ihn für einen wundervollen Menschen.
28. September 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 2 / Seiten 66-67 (Viertelseiten 126-130)
... Neun Jünger, welche in der letzten Zeit immer mit ihm waren, gingen auch mit auf die Insel und umgaben den Brunnen auf dem kleinen Inselchen. Jesus legte seinen Mantel ab, dann den wollgelben Gürtel und einen wollgelben Rock, vorne offen, mit Schlingen geschlossen, dann jene schmale, wollene Bahn, um den Nacken über der Brust gekreuzt, die sie nachts und im Wetter ums Haupt schlangen. Nun hatte er noch ein braunes, gewirktes Hemd auf bloßem Leibe, mit welchem er zum Rand des Brunnens hinabstieg, wo er es über das Haupt auszog. Er hatte um die Mitte des Leibes eine Binde, welche um die einzelnen Beine bis zu den halben Füßen gewickelt war. Alle seine Kleider empfing Saturnin und gab sie dem am Rande 1 des Inselchens stehenden Lazarus zu halten . . . Nun stieg Jesus in den Brunnen hinab, in welchem er bis an die Brust im Wasser stand. Mit der Linken umfaßte er den Baum und hatte die Rechte vor der Brust. Die weiße Leibbinde schwamm mit aufgelösten Rändern auf 1, dem Wasser. Johannes stand an dem Mittagsende des Brunnens. Er hatte eine Schale mit breitem Rand, durch welchen drei Rinnen uber das Haupt fließen. Ein Strahl floß auf das Hinterhaupt, einer in die Mitte des Hauptes, einer über das Vorderhaupt und Angesicht.
Die Worte, die Johannes beim Taufen sprach, weiß ich nicht mehr genau, aber ungefähr: "Jehova, durch Cherubim und Seraphim gieße weiß nicht recht, ob es gerade diese drei letzten Worte waren, aber es waren drei Gaben für Geist, Seele und Leib, und war auch darin enthalten, so viel jeder bedürfe, um dem Herrn Geist, Seele und Leib erneuert wiederzubringen.
Indem nun Jesus aus der Tiefe des Taufbrunnens heraufstieg, hüllten Andreas und Saturnin, die zur Seite standen, ein Tuch um ihn, womit er sich abtrocknete, und legten ihm ein langes weißes Taufhemd um, und als er nun auf den dreieckigen roten Stein trat, der zur Rechten des Eintritts in den Brunnen lag, legten sie ihm die Hand auf die Schultern und Johannes auf das Haupt.
Da dieses vorüber war, standen sie eben im Begriff, die Stufen heraufzusteigen, als die Stimme Gottes über Jesum kam, der allein betend auf dem Stein stand. Es kam ein großes Brausen vom Himmel und wie ein Donner, und alle Anwesenden bebten und schauten empor. Es senkte sich auch eine weiße Lichtwolke nieder, und ich sah eine geflügelte Gestalt von Licht über Jesu, die ihn wie ein Strom übergoß. Ich sah auch, als sei der Himmel offen, und sah die Erscheinung des himmlischen Vaters in gewöhnlicher Gestalt und hörte die Worte: "Dieses ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe" in der Stimme des Donners.
Jesus aber war ganz von Licht durchgossen, und man konnte ihn kaum ansehen. Seine Gestalt war ganz durchsichtig. Ich sah auch Engel um ihn.
Ich sah aber in einiger Entfernung auf dem Wasser des Jordans den Satan, eine schwarze, dunkle Gestalt, wie eine Wolke, und sah in dieser Wolke ein Gewimmel von scheußlichem, schwarzem Gewürm und Getier sich um ihn drängen. Es war, als werde alles Böse, alle Sünde, alles Gift aus der ganzen Gegend, da der Heilige Geist
66 67
sich ergoß, in Gestalten sichtbar und flüchte sich in diese dunkle Gestalt, als ihren Urquell hinein. Es war greulich, aber erhöhte den unbeschreiblichen Glanz und die Freude und Klarheit, welche sich über den Herrn und die Insel ergoß.
Der heilige Taufbrunnen leuchtete bis auf den Grund, und alles war verklärt.
4. Oktober 1821 1 Tagebuch Bd. IV Heft 3 / Seite 75 (Viertelseiten 21-24)
Am Morgen des 4. Oktobers in der Dämmerung sah ich Jesum mit den Jüngern in das Tal der Hirten, etwa drei Stunden von Bethlehem, über die eine Bergwand herabsteigen.
Die dort umher wohnenden Hirten wußten schon von seiner Nähe. Sie waren alle schon von Johannes getauft, und es hatten auch einzelne von ihnen Träume und Gesichte von der Annäherung des Herrn gehabt. Es nahten daher einige und sahen immer nach der Gegend hin, wo er herabziehen mußte. Sie sahen ihn aber leuchtend und von Glanz umgeben in das Tal herniedersteigen, denn viele von diesen einfältigen Leuten waren begnadigt. Sie bliesen sogleich auf einem Horn, um die entfernt wohnenden zu erwecken und heranzurufen. Sie hatten diese Gewohnheit bei jedem besonderen Ereignis.
Sie eilten nun alle dem Herrn entgegen und warfen sich vor ihm nieder, mit demütig vorgestrecktem Hals, ihre langen Stäbe im Arm liegend. Manche lagen auf das Angesicht geworfen. Sie hatten kurze Wämser, meist von Schaffellen, einige auf der Brust offen, andere ganz zu; sie gingen bis zum Knie. Sie hatten Quersäcke auf den Schultern.
Sie begrüßten Jesum mit Psalmenworten, welche die Ankunft des Heils aussprechen, den Dank Israels für die erfüllte Verheißung. Jesus war sehr liebevoll mit ihnen und sagte ihnen von ihrem glücklichen Stand. Er lehrte hie und da in den Hütten, welche um das breite Wiesental ringsherum lagen, meist in Parabeln vom Hirtenstand.
Er zog hierauf mit ihnen weiter durchs Tal gegen Bethlehem zum Turm der Hirten. Dieser Turm war auf einem Hügel, mitten im Felde erbaut, auf einer Unterlage von großen Feldsteinen. Er bestand aus einem sehr hohen Gerüst, teils von Balken und lebendigen grünenden Bäumen gebaut. Er war mit Matten behängt, hatte Treppen von außen, Galerien und hie und da kleine bedeckte Standorte, wie Schilderhäuser. Er hatte in der Ferne das Aussehen von einem hohen mit Segeln bespannten Schiff und hatte eine Ähnlichkeit mit jenen Türmen, auf welchen man im Lande der Könige die Sterne beobachtete. Sie konnten darauf die ganze Gegend überschauen, Jerusalem sehen, und auch den Berg sah man da, wo Jesus später vom Feind versucht wurde.
Die Hirten brauchten diesen Turm, den Zug der Herden zu überschauen und sie bei Gefahr von Räubern oder Kriegsvolk, das man in der Ferne sehen konnte, zu warnen. Die einzelnen Hirten mit ihren Familien wohnten in einem Umkreis von wohl fünf Stunden um dieses Feld her in einzelnen Höfen mit Feld und Gärten. Bei dem Turm war ihr allgemeiner Sammelplatz und auch die Vereinigung der Hütenden, welche von hier aus ihre Speise empfingen und ihre Geräte hier hatten. Es waren den Turmhügel entlang Hütten und abgesondert ein größerer, vielfach geteilter Schuppen gebaut, in welchem die Frauen der Hütenden wohnten und ihnen Speise bereiteten. Diese Frauen traten nicht mit den Hirten Jesu und seinen Jüngern entgegen. Sie blickten höchstens dann und wann, fern in Geschäften vorübergehend, zu ihnen her. Der Herr hat sie später belehrt. Es wohnten ungefähr zwanzig Hirten hier.
Jesus lehrte sie von ihrem glücklichen Stand und wie er nun sie wieder heimsuche, da sie ihn an seiner Wiege begrüßt und ihm und seinen Eltern Liebe bewiesen hätten. Er lehrte auch in Parabeln von Hirten und Herde, und daß er auch ein Hirte sein werde und andere Hirten unter sich haben und die Herde sammeln und heilen und führen werde, bis ans Ende der Tage, usw.
Die Hirten erzählten von der Verkündigung der Engel, dei Heilige~ Familie und dem Kind. Sie hatten in dem Stern über der Krippenhöhle auch das Bild des Kindes gesehen. Sie erzählten auch von den Königen, daß diese auch den Turm der Hirten in den Gestirnen gesehen hatten. Sie sprachen auch von den vielen Gaben, die sie zurückgelassen. Sie hatten vieles davon auch hier am Turme und in den Hütten verwandt, was rohere Zeltstoffe waren. Es waren einige alte Männer hier, die noch als junge Männer bei der Krippe gewesen. Sie erzählten Jesu alles wieder, was damals geschehen.
10. Oktober 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 3 / Seite 8o ~iertelseiten 41-44)
Heute morgens verließ Jesus die Höhle, und sie zogen gegen Bethlehem zu um die andere Seite des Berges und Orts 5' herum und kehrten jenseits vor dem Ort in einzeln liegenden Häusern in einer
68 69
Herberge ein, wo sie sich erquickten und die Füße wuschen. Die Leute waren gut und neugierig. Jesus lehrte von der Buße und Nähe des Heils und Nachfolge. Sie fragten auch hier, warum denn seine Mutter den weiten Weg von Nazareth nach Bethlehem gemacht, da sie es zu Haus so gut hätte haben können. Da sprach Jesus von der Verheißung und daß er in Armut habe geboren werden sollen zu Bethiehem unter den Hirten als ein Hirte, der die Herde sammeln solle, und darum wandle er jetzt zuerst durch diese Hirtengegenden, nachdem bei der Taufe sein himmlischer Vater Zeugnis von ihm gegeben habe.
Von hier ging er nordöstlich nach der Mittagseite von Bethiehem, das ein paar Stunden entfernt war, durchschnitt ein Stück des Hirtentals, wo es sich mittäglich wendete, zog um die Abendseite von Bethlehem und ließ das Haus von Josephs Eltern rechts liegen, durchschnitt den Weg, der von Jerusalem nach Bethlehem führt, und kam am Abend in die jetzt kleine Stadt Masphat, wenige Stunden jenseits" von Bethlehem. Der Ort heißt KleinMasphat. Es gibt noch ein größeres Masphat nicht sehr weit von Hebron."
Man konnte die Stadt Masphat weit sehen. Es brannten Feuer in eisernen Körben um sie her auf den Landstraßen. Sie hatte Mauern und Türme. Es gingen mehrere Landstraßen hier durch nach verschiedenen Richtungen.63 Diese Stadt war lange ein Hauptbetort gewesen.
Judas Makkabäus hatte hier ein großes Gebet vor der Schlacht gehalten und Gott allerlei schmähliche Edikte der Feinde und seine Verheißungen vorgehalten, auch die priesterlichen Kleider vor dem Volke ausgelegt, und dann sind ihnen vor der Stadt fünf Engel erschienen, die ihnen den Sieg verhießen. Hier ist auch Israel versammelt gewesen, gegen den Stamm Benjamin zu streiten wegen der Mißhandlung64 und Tötung des Weibes eines reisenden Leviten. Es geschah diese Schandtat bei einem Baum. Der Ort war noch ummauert, und niemand nahte ihm.
Auch Samuel hat in Masphat gerichtet, und hier ist das Kloster der Essener gewesen, in welchem Manahem gewohnt hat, der dem Herodes als Knaben das Königtum geweissagt. Ein Essener Charieth ~ hat es gebaut. Er hat etwa hundert Jahre vor Christo gelebt, ist ein verheirateter Mann aus der Gegend von Jericho gewesen, habe sich von seiner Frau getrennt, und sie haben beide, sie für Frauen, er für Männer mehrere Genossenschaften der Essener gegründet. Er hat auch noch ein anderes Kloster nicht weit von Bethlehem gegründet, wo er gestorben ist. Er war ein so heiliger Mann, daß er bei dem Tode Christi zuerst aus dem Grabe hervorgegangen und erschienen ist."
Hier im Ort waren sehr viele Herbergen, und sie wußten gleich, wenn ein Fremder hereingekommen war. Jesus war kaum in der Herberge, so waren gleich viele Leute um ihn. Er wurde auch zu der Synagoge geführt und legte das Gesetz aus, und es waren Laurer da, denen es nicht recht ernst war. Die wollten ihn auslocken, weil sie gehört hatten, daß er auch die Heiden zum Reiche Gottes führen wolle, und wie er von den drei Königen bei den Hirten gesprochen. Jesus lehrte aber sehr scharf und sagte, die Zeit der Verheißung sei erfüllt. Alle, welche wiedergeboren würden durch die Taufe und an den glauben würden, den der Vater gesandt habe, und seine Gebote halten, würden des Reiches teilhaftig werden, und die, welche ihm nachfolgten, würden Erben des Reiches sein. Von den Juden aber, die nicht glauben würden, würde die Verheißung sich wenden und zu den Heiden gehen.
Ich kann mich nicht recht ausdrücken, er sagte aber, er wisse, daß sie nur lauerten. Sie sollten hingehen nach Jerusalem und diese seine Lehre verkünden.
Er hat auch von Judas Makkabäus und anderen Ereignissen gesprochen, die hier geschehen, und sie sprachen von der Herrlichkeit des Tempels und dem Vorzug der Juden vor den Heiden. Er legte ihnen aber aus, daß der Zweck des auserwählten Volks und seines Tempels erfüllt sei, denn der, welchen der Herr durch die Propheten verheißen habe, sei gekommen, das Reich und den Tempel des himmlischen Vaters zu gründen, usw.
Nach dieser Lehre verließ Jesus Masphat und zog etwa eine Stunde östlicher...
J12. Oktober 1821J 1 Tagebuch Bd. IV, Heft ~ / Seite 82 (Viertelseiten
Ich sah bei dieser Gelegenheit den Tod Moses'. Er starb auf einem kleinen steilen Hügel, der im Schoß des Gebirges Nebo zwischen Arabien und Moab liegt. Das Lager der Israeliten war weit umher. Nur einige Posten sprangen weiter ins Tal hervor, das den Hügel umgab.
Dieser Hügel war ganz mit einem Gewächs, wie mit Epheu, grün überzogen, mit kurzen krausen Büschen, wie der Wacholder wächst.
70 71
Moses mußte an diesem Gewächs sich haltend hinaufsteigen. Josua und Elieser waren bei ihm.
Ich weiß nicht mehr, was alles mit ihm geschah. Ich meine, er hatte ein Gesicht von Gott, das die andern nicht sahen. Er gab Josua eine Rolle, worauf sechs Flüche und sechs Segen standen, welche er dem Volk im Gelobten Land bekanntmachen sollte. Er befahl ihnen dann hinwegzugehen und nicht umzuschauen, nachdem er sie umarmt hatte. Hierauf kniete er mit ausgespannten Armen und sank tot auf die Seite. Ich sah aber die Erde sich wieder unter ihm öffnen und ihn dort wie in ein schönes Grab umschließen. Da Moses bei der Verklärung bei Jesu auf dem Thabor erschien, sah ich ihn von dieser Stelle her nahen. Die sechs Segen, sechs Flüche las Josua dem Volke vor.
14. Oktober 1821 1 Tagebuch Bd. IV, Heft 3 / Seite 84 (Viertelseiten 58-60)
In Jerusalem war großes Gestreite über Jesum, von dem man vieles gehört, denn sie hatten überall bestochene Leute, die ihnen berichteten. Es war da in einem Gericht, Synedrium, das aus einundsiebzig Priestern und Gelehrten bestand, in einem Ausschuß von zwanzig, die wieder zu fünf und fünf miteinander überlegten und disputierten, ein großes Beraten über Jesum.
Sie suchten die Geschlechtsregister nach und konnten nicht leugnen, daß Joseph und Maria aus dem Stamm David seien, und Mariä Mutter vom Geschlecht Aarons, aber die Fam~ien seien ganz verdunkelt, und Jesus ziehe mit lauter Gesindel herum, er beflecke sich mit Zöllnern und Heiden und schmeichle den Sklaven.
Sie hatten gehört, daß er neulkh in der Gegend von Bethlehem mit den Sichemitern, die von der Arbeit nach Haus zogen, so vertraut gesprochen habe, und meinten, er könne wohl mit allerlei solchem Gesindel einen Aufstand vorhaben. Einige behaupteten auch, er müsse vielleicht ein unterschobenes Kind sein, das sich einmal für einen Königssohn ausgeben werde (Mi~verstehen seiner Parabel). Er müsse irgendeinen geheimen Unterricht haben, sie glaubten vom Teufel, denn er sondere sich oft ab und gehe nachts allein in die Wildnis oder auf Hügel. Alles dieses hatten sie schon nachgeforscht.
Es waren unter diesen zwanzig viele, welche Jesum und die Seinigen genauer kannten und sehr von ihm gerührt waren und seine heimlichen Freunde waren. Sie widersprachen den anderen aber nicht, um Jesu und seinen Jüngern dienen zu können, welchen
72
sie auch immer Nachricht nachher 5 and ten, und so wurde endlich von den zwanzig, als der Hohe Spruch (so pflegte man ungefähr ihre Meinung zu nennen) in Jerusalem verbreitet, was ich von ihrer Meinung gesagt habe: er müsse vom Teufel unterrichtet werden.
Dem Johannes wurde die Taufe zu Gilgal auch wieder von seinen Jüngern gemeldet und wie ein Eingriff in seine Rechte vorgestellt, und er lehrte abermals wie immer in tiefster Demütigung, bald werde er den Ort verlassen vor seinem Herrn, dessen Vorläufer und Wegbereiter er gewesen. Die Jünger verstanden dieses aber nicht recht.
27. Okt.f-5. Dez. 182111 Tagebuch Band IV, Heft 3 / Seiten 92-103 (Viertelseiten 91-123; 125-133) 27. Oktober 1821
Jesus bestieg in der Nacht den steilen, wilden Berg in der Wüste, den man jetzt Quarantania nennt. Es sind drei Rücken auf diesem Berg und drei Höhlen, eine über der anderen. Hinter der obersten Höhle, in welche Jesus ging, sah man in den steilen dunklen Abgrund hinunter. Der ganze Berg war voll schrecklicher, gefährlicher Spalten.
In derselben Höhle hatte vor vierhundert Jahren ein Prophet gewohnt, dessen Namen ich vergessen. Auch Elias hat einstens längere Zeit heimlich hier gewohnt. Er erweiterte die eine Höhle. Ohne daß jemand wußte, woher, kam er manchmal hier herab unter das Volk, prophezeite und stiftete Frieden.
Vor hundertfünfzig Jahren hatten etwa fünfundzwanzig Essener hier ihre Wohnungen.
Am Fuße dieses Bergs stand das Lager der Israeliten, als sie mit der Bundeslade und den Posaunen um Jericho herumzogen.
Der Brunnen, dessen Wasser Elisäus versüßte, ist auch in der Gegend.
St. Helena hat diese Höhlen zu Kapellen einrichten lassen. Ich habe einmal in einer derselben ein Gemälde der Versuchung an der Wand gesehen. Es ist einmal später ein Kloster da oben gewesen. Ich kann mir immer nicht denken, wie nur die Arbeiter da hinaufkommen konnten.
Helena hat sehr viele heilige Orte mit Gebäuden geschmückt. Sie baute auch eine Kirche über das Geburtshaus der heiligen Mutter Anna, zwei Stunden von Sephoris.
In Sephoris selbst hatten Annas Eltern auch ein Haus. Wie traurig,
daß die meisten dieser heiligen Orte bis an die Erinnerung an sie verwüstet sind.
Wenn ich als junges Mädchen vor Tag im Winter durch den Schnee stundenweit nach Coesfeld zur Kirche ging, sah ich alle diese heiligen Orte so deutlich und sah oft, wie gute Menschen, sie vor Verwüstung zu schützen, sich vor den zerstörenden Kriegsleuten platt in den Weg warfen.
Das Wort in der Schrift "Er ward vom Geist in die Wüste geführt" heißt, der Heilige Geist, der in der Taufe, insofern er alles Göttliche nach seiner Menschheit an sich geschehen ließ, über ihn kam, bewegte ihn, in die Wüste zu gehen und sich zu seinem Berufsleiden vor seinem himmlischen Vater menschlich vorzubereiten
Ich sah Jesum in der Höhle mit ausgebreiteten Armen knien und seinen himmlischen Vater um Kraft und Trost in allen Leiden, die ihm bevorstanden, anflehen. Er sah alle seine Leiden voraus und flehte um die nötige Gnade in jedem einzelnen.
28. Oktober 1821
Ich hatte dieses Gesicht von 2 Uhr bis 1/4 vor 5 am Morgen, und es war so reichhaltig, als habe ich ein Jahr lang zugesehen...
Ich sah allen Kummer, alle Leiden Jesu, worum er zu seinem Vater flehte, bis zu seinem Tod, in Bildern wieder und sah ihn auch Trost, Stärkung und Verdienst für jedes empfangen. Ich sah eine weiße Lichtwolke so groß wie eine Kirche sich über ihn niederlassen und nach den einzelnen Gebeten mancherlei lange geistige Gestalten zu ihm nahen, welche in seiner Nähe menschliche Form gewannen, ihn ehrten und ihm irgendeinen Trost, eine Verheißung brachten.
Was und wie ich es alles sah, ist mir unaussprechlich. Ich sah, daß Jesus hier in der Wüste allen Trost, alle Stärkung, alle Hilfe, allen Sieg in Anfechtungen für uns erwarb, alles Verdienst, das in Kampf und Sieg wir erringen können, für uns erkaufte, allen Wert der Abtötung und des Fastens für uns vorbereitete, und daß er hier alle seine bevorstehende Arbeit und Leiden Gott dem Vater aufopferte, um den künftigen Geistes- und Gebetsarbeiten der an ihn Glaubenden einen Wert zu geben. Ich sah sogar den Schatz, welchen Jesus der Kirche dadurch gründete und welchen sie in der vierzigtägigen Fasten eröffnet.
Ich sah Jesum bei seinem Gebet Blut schwitzen und fand mich nach diesem Bilde bei Tagesanbruch erwachend an Kopf und Brust mit Blut überronnen...
Heute ging Jesus von dem Berge herab gegen den Jordan zwischen Gilgal und Johannis Taufstelle, welche etwa eine Stunde südlicher war. Er schiffte sich selbst auf einem hier liegenden Balken über diese schmale und tiefe Stelle des Jordan, die ich sonst nicht kannte.
Er wandelte auf der Ostseite des Jordan, Bethabara zur Rechten lassend, und mehrere Landstraßen, die zum Jordan führen, durchschneidend, auf Gebirgspfaden die Wilünis haltend, zwischen Morgen und Mittag ins Gebirg. Er kam durch ein Tal, das gen Kallirhoe zieht, über ein Flüßchen, zog dann auf einem Gebirgsrücken, von welchem Machärus nicht weit ist, wieder mehr mitternächtlich, bis wo Jachza in dem Tal gegenüberliegt, in welchem die Kinder Israel den Amoriterkönig Sihon schlugen. Es waren in jener Schlacht drei Israeliten immer gegen sechzehn Feinde, aber es geschah ein Wunder. Es kam ein schreckliches Brausen über die Amoriter, welches sie erschreckte.
Jesus war auf einem sehr wilden Gebirge. Es war noch rauher hier als auf dem Berg bei Jericho. Es liegt ungefähr dem ersten Berg, doch mittäglicher, gegenüber. Ich habe mehrere Orte der dortigen Gegend gesehen. Bei Kallirhoe herum geht eine Landspitze ins Tote Meer, die fast wie eine Insel ist. Der wüste Berg, worauf Jesus ist, liegt etwa neun Stunden vom Jordan.
Jesus wird die vierzig Tage hier fasten. Er hatte hier auch wieder gebetet und alle Leiden, welche ihm bevorstünden, in ihrer ganzen Gewalt gesehen. Der Satan ist noch nicht bei ihm gewesen. Jesu Gottheit und Bestimmung ist diesem ganz verborgen. Die Worte:
"Dieser ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe" hatte der Satan bloß als von einem Menschen, einem Propheten verstanden.
Jesus ist jedoch bereits oft und vielfach versucht. Die erste Versuchung war: "Dieses Volk ist zu verderbt. Soll ich alles das um sie leiden und doch das Werk nicht vollenden?" Er hat aber mit unendlicher Liebe und Barmherzigkeit diese Versuchung im Angesicht aller seiner Qualen besiegt.
29. Oktober 1821
Ich sah Jesum in der Wildnis in einer engen Gebirgshöhle in der Gegend von Jachza. Er kniete in stetem Gebet und sprach zu Gott, seinem Vater, empor.
Ich sah, wie ihm hier alle Sünden der Welt vor Augen kamen und der Verfall der Menschen von Anfang her. Es kam dieses wie große
74 75
Gewitterwolken über ihn, und er sah alles, was er dafür werde zu leiden haben, und was gewonnen, was verloren gehe, usw. Es waren auch wieder Engel bei ihm.
Ich sah den Satan herumschleichen, ihn zu versuchen. Er nahte dem Eingang der Höhle und machte ein Geräusch. Er hatte die Gestalt eines Sohnes der drei Witwen, den Jesus besonders lieb hatte, angenommen. Er gedachte, Jesus sollte sich ärgern, daß der Jünger ihm wider sein Gebot gefolgt sei. Es war sehr lächerlich und dumm von dem Satan. Jesus schaute nicht einmal nach ihm um. Der Satan schaute in die Höhle und brachte allerlei Geschwätz vor, von Johannes dem Täufer, der wohl sehr böse auf ihn werden solle, weil er vernommen habe, daß er hie und da taufen lasse, was doch seine Sache nicht sei
30-31. Oktober 1821
Bis gegen 4 Uhr morgens war ich in folgender Anschauung: Ich kam zu Jesu in die Höhle. Sie war nun geräumiger, denn ich hatte ihn gestern nur im Eingang gesehen. Es war oben in der Höhle ein Loch, durch welches ein rauher, kalter Wind hereinzog. Es war hier um diese Jahreszeit sehr kalt und neblig. Die Höhle war rauh und felsi g, und auch der Boden ungleich. Sie war von buntgeädertem Stein, und wenn sie geglättet worden wäre, müßte sie wie gemalt ausgesehen haben. Es war der Fels umher mit wenigem Gesträuch bewachsen, auch waren Felsenbrocken da, welche schier wie Büsche aussahen. Die Höhle war so geräumig, daß Jesus an einer Stelle knien und liegen konnte, ohne unter dem Loche zu stehen.
Als ich zu Jesu in die Höhle kam, lag er auf seinem Angesicht. Ich stand lange bei ihm und sah seine Füße an, welche bis an die Knöchel vom Gewand unbedeckt waren. Sie waren rot und von den rauhen Wegen verwundet, denn er war barfuß in die Wüste gegangen...
Ich sah Jesum bald sich aufrichten, bald auf dem Angesicht liegend beten. Ich konnte alles sehen, denn er war von Licht umgeben. Auf einmal kam ein Brausen vom Himmel nieder, und es goß sich ein Licht in die Höhle, und es kam eine ganze Schar von Engeln in die Höhle, welche allerlei trugen.
Ich fühlte mich so gedrängt und überwältigt, daß ich mich wie in die Wand des Felsens hineingedrückt fühlte, und mit der Empfindung, als versänke ich, begann ich zu rufen: "Versinken soll ich, ich soll neben meinem Jesus versinken?" Darüber wachte ich auf und zündete mein Licht an, und hörte die Uhr schlagen und sah wachend alles folgende:
Ich sah, daß die Engel sich vor Jesu beugten und ihn verehrten und ihn fragten, ob sie ihm ihre Sendung vorstellen dürfen. Sie fragten ihn auch, ob es noch sein Wille sei, für die Menschen als Mensch zu leiden, wie es dieses sein Wille gewesen, da er aus seinem himmlischen Vater herabgestiegen sei und Fleisch angenommen habe im Leibe der Jungfrau.
Da nun Jesus abermals dieses Leiden annahm, richteten die Engel ein hohes Kreuz vor ihm auf, welches sie in seinen einzelnen Teilen tragend hereingekommen waren. Es war dieses Kreuz in der Gestalt, wie ich es immer sehe, aber es bestand aus vier Stücken, wie ich in den Bildern immer die Kreuzkelter sehe. Nämlich der obere Teil des Kreuzstammes, der zwischen den beiden eingesetzten Armen hervorsteigt, war auch abgesondert.
Ich glaube etwa fünfundzwanzig Engel dabei gesehen zu haben. Fünf trugen den unteren Stamm des Kreuzes, drei das obere Teil, drei den linken Kreuzarm, drei den rechten, drei den Klotz, worauf seine Füße ruhten. Drei trugen eine Leiter, ein anderer einen Korb mit allerlei Stricken und Werkzeug, andere Speer, Rohr, Ruten, Geißeln, Dornenkrone, Nägel und auch alle seine Spottkleider, ja alles, was bei seinen Leiden vorkam.
Das Kreuz aber war gleichsam hohl, und man konnte es auftun wie einen Schrank, und es war in allen seinen Teilen mit unzähligen mannigfaltigen Marterwerkzeugen angefüllt. In der Mitte aber, wo Jesu Herz gebrochen, war eine Verschlingung von allen möglichen Bildern der Pein in den verschiedensten Instrumenten, und war die Farbe des Kreuzes von einer rührend schmerzlichen Blutfarbe.
So waren alle Teile und Stellen des Kreuzes von verschiedenen schmerzlichen Farben, aus deren jeder man die Pein sehen konnte, welche da erlitten werden sollte, und wie sie in Strahlen nach dem Herzen hinlief. Auch die Instrumente auf jeder Stelle waren die Gestalt der Peinen, die da gelitten werden sollten.
Es waren in dem Kreuz auch Gefäße mit Galle, Essig, aber auch Salben und Myrthe und etwas wie Gewürz, wahrscheirilich sich auf den Tod und die Grablegung beziehend...
Außerdem waren eine Menge von langen aufgerollten Bahnen, wie handbreite Zettel darin, von verschiedenen Farben, worauf verschiedene Leiden und Leidensarbeiten geschrieben waren. Die Farben deuteten auf verschiedene Grade und Arten von Finsternis, welche
1 77
zu erleuchten und auszubleichen waren durch Leiden. Schwarz war das, was verlorenging, braun das Trübe, Dürre, Trockene, Vermischte, Schmutzige, rot das Schwere, Irdische, Sinnliche, gelb das Weichliche, Leidenscheuende. Es waren halb gelb, halb rote Bahnen dabei, ich weiß nicht mehr, ob das Rote gelb oder das Gelbe rot werden mußte." Dann war auch eine Menge ganz weißer Bahnen darin, wie Milchbahnen, und die Schrift war leuchtend in ihnen. Man sah sie durch. Diese bezeichneten das gewonnene Vollendete.
Alle diese farbigen Bänder waren wie die Rechnung der Arten der Schmerzen und Arbeiten, welche Jesus in seinem Wandel und Leiden mit den Jüngern und anderen Menschen haben würde.
Auch wurden Jesu alle jene Menschen vorgeführt, durch welche er am meisten geheime Leiden haben würde, die Tücke der Pharisäer, der Verräter Judas, die mitleidlosen Juden bei seinem schmählichen, bitteren Tod.
Alles dieses ordneten und entwickelten die Engel vor dem Heiland mit einer unaussprechlichen Ehrfurcht und einer priesterlichen Ordnung, und als das ganze Leiden vor ihm aufgerichtet und ausgesprochen war, sah ich Jesum und die Engel weinen.
Nachher zogen sich die Engel zurück, und ich ward in ein Bild von den armen Seelen entrückt.
2. November 1821
Als ich bei dem Herrn war, sah ich ihn an der Erde liegend beten. Der Teufel hatte ihm die Erscheinungen von sieben bis neun seiner Jünger hinaufges and t. Sie kamen einzeln in die Höhle und sagten, Eustachius habe ihnen gesagt, daß er hier sei. Sie hätten ihn so ängstlich gesucht, er solle doch sich nicht hier oben zugrunde richten und sie nicht verlassen. Es werde so viel von ihm geredet, er solle dies und jenes doch nicht auf sich sitzen lassen. Jesus aber sagte nichts als: "Weiche von mir, Satan, es ist jetzt nicht Zeit!" Da verschwanden sie alle.
~. November 18211
Ich sah den Herrn in der Höhle auf dem Angesicht ruhend betend, bald kniend, bald stehend, auch einmal auf der Seite liegend.
Ich sah einen sehr alten, schwachen, ehrwürdigen Mann mühsam den steilen Berg heraufklettern. Es wurde ihm so schwer. Ich hatte Mitleid mit ihm. Er nahte sich der Höhle und sank mit lautem Stöhnen in dem Eingange ohnmächtig nieder. Ich war schier betrübt, daß Jesus ihm nicht half, aber er schaute gar nicht nach ihm.
Der alte Mann richtete sich selbst wieder auf und sagte Jesu, er sei ein Essener vom Berg Karmel, habe von ihm gehört und sei ihm schier sterbend hie rher gefolgt. Er solle sich doch ein wenig zu ihm setzen und von heiligen Dingen mit ihm sprechen. Er wüßte auch, was Fasten und Beten sei. Wenn zwei beisammen wären in Gott, so gehe die Auferbauung besser, usw. Jesus sagte ihm wenige Worte, ungefähr wie: "Weiche, Satanas, es ist jetzt nicht die Zeit!q
Da sah ich erst, daß es der Satan gewesen, denn indem er sich wegwendete und verschwand, sah ich ihn dunkel werden und grimmig.
Da wurde es mir sehr lächerlich, daß er sich hingeworfen hatte und selbst wieder aufstehen mußte.
Der Satan kannte nicht die Gottheit Christi. Er hielt ihn für einen Propheten. Er hatte seine Heiligkeit von Jugend auf gesehen und die Heiligkeit seiner Mutter, die gar nicht auf den Satan merkte. Sie nahm keine Versuchung auf. Es war kein Stoff in ihr, woran er anknüpfen konnte. Sie war die schönste Jungfrau und Frau, hatte aber nie mit Wissen Freier gehabt, außer bei dem heiligen Los mit den Zweigen im Tempel, da sie verehelicht werden sollte.
Daß Jesus eine gewisse pharisäische Strenge in Nebengebräuchen gegen seine Jünger nicht hatte, machte den bösen Feind irr, er hielt ihn für einen Menschen, weil manche Unordnung der Jünger die Juden ärgerte.
Weil er Jesum oft eifrig sah, wollte er ihn früher durch seine ihm folgenden Jünger ärgern. Weil er ihn barmherzig sah, wollte er ihn als schwacher sinkender Greis rühren und als Essener mit ihm disputieren.
November 1821
Ich sah, daß eine lichte Wolke bei der Höhle stand, in welcher ich wie Angesichter erkannte. Es gingen Engel aus ihr, und sie hatten ausgehend menschliche Gestalt. Sie gingen zu Jesu, stärkten und trösteten ihn.
Am 10. Ta~ sah ich Jesum ausgestreckt auf seinem Angesicht liegen. Ich sah ihn kniend und stehend beten und sah Engel bei ihm aus- und eingehen.
6. November 1821J
Ich sah Jesum in der Höhle auf der Seite an der Erde ruhen und sah die Erscheinung des Esseners Eliud zu ihm eingehen. Es war der Satan, und ich erfuhr daraus, daß dieser wissen mußte, daß ~esu
78 VQ
neulich das Kreuz vorgestellt sei, denn er sagte zu ihm, er habe eine Offenbarung gehabt, welche schweren Kämpfe ihm gezeigt worden, und habe wohl gefühlt, daß er dieses nicht bestehen wurde. Vierzig Tage zu fasten werde er auch nicht imstande sein, er habe sich darum aus Liebe zu ihm hierher begeben, ihn nochmals zu sehen und ihn zu bitten, er möge ihm erlauben, seine Einöde mit ihm zu teilen. Er wolle einen Teil seines Gelübdes übernehmen.
Jesus achtete alles dieses nicht, erhob sich aber und streckte die Hände zum Himmel und sagte: "Mein Vater im Himmel, nimm diese Versuchung von mir! " Ich sah darauf den Satan mit grimmiger Gestalt verschwinden.
Jesus kniete hierauf betend, und nach einiger Zeit sah ich drei Jünglinge nahen, welche bei seinem ersten Ausgang aus Nazareth mit ihm gewesen waren und ihn nachher verlassen hatten. Diese Jünglinge nahten schüchtern, warfen sich vor Jesu nieder und klagten, wie sie keine Ruhe hätten, bis er ihnen vergebe~ Er solle sich ihrer erbarmen, sie wieder aufnehmen und mit ihm fasten lassen zur Buße. Sie wollten ihm gewiß die treuesten Jünger werden, usw. Sie taten sehr kläglich und gingen in der geräumigen Höhle mit allerlei Geräusch um ihn. Jesus stand auf, erhob die Hände, flehte zu Gott, und sie verschwanden."
7. und 8, November 1821
Ich hatte einen Blick, wie Jesus in der Höhle betend kniete, und sah den Satan in einem schimmernden Kleid, als wurde er durch die Luft getragen, an der steilen Seite des Felsens emporschweben. Diese ganz steile Seite, wo kein Eingang, aber einige Locher in die Höhle sahen, war die Morgenseite. Jesus sah nicht nach dem Satan, der einen Engel vorstellen wollte. Sein Licht ist aber dann nie durchsichtig, sondern wie aufgeschmiert, und sein Gewand macht einen starren Eindruck, während das Gewand der Engel leicht und durchsichtig scheint.
Er schwebte in den Eingang der Höhle und sagte: "Ich bin von deinem Vater gesandt, dich zu trösten." Jesus sah nicht nach ihm.
Dann erschien er wieder an einer Öffnung der Höhle an der ganz unzugänglichen Seite und sagte zu Jesu, er solle sehen, daß er ein Engel sei und hier hinauf auf den Felsen schweben könne. Jesus sah aber nicht nach ihm. Da ward der Satan ganz grimmig und tat, als wenn er ihn mit seinen Krallen durch die Öffnung fassen wollte,
und seine ganze Gestalt ward entsetzlich, und er verschwand. Jesus aber schaute nicht nach ihm.
8.~. November 1821
Die heutige Anschauung von dem Fasten Jesu in der Wüste war ganz in den Faden ihrer nächtlichen Gebetsarbeiten ein geflochten, wie das eigentlich immer der Fall ist, nur daß ihr selten die Zeit zu vollständiger Mitteilung bleibt. Die
ganze Reihe ihrer nächtlichen Anschauungen geschieht in Form einer Reise unter der Führung ihres Schutzengels. Der geistliche Zweck dieser Reise bestimmt sich nach den Gebetsarbeiten, welche ihr sowohl die Zeit, in der sie lebt, als die Zeit des Kirchen jahres aufgeben. Der Mittelpunkt dieser Reise ist das Gelobte Land, wo sie in das tägliche Gesicht vom Leben Jesu eintritt und die Gebetsaufgabe der Zeit mit den Verdiensten dieses Lebenstages des Erlösers vereinigt. Auf dieser Reise richtet sich der Weg durch die Gegenden des Lebens der Heiligen dieses Tages, in welches sie eingeht und deren Verdienste sie, mit den Verdiensten Jesu vereinigt, zum Erfolg ihrer Gebetsaufgabe für die Gegenden anwendet, auf welche diese Heiligen einen besonderen Bezug haben.
Dieses geschieht auf dem Hin- und Heimweg, und es flechten sich alle Bedürfnisse und Nöte der Zeit und Zukunft mit ein. Sie war aber seit dem
2. Noviember, ,dem Allerseelen feste, hauptsächlich mit dem Gebet für die leidende Kirche beschäftigt. Und so tut sie also das Werk eines Christen, der an dem Faden des katholischen Kirchen Jahres betend und schauend durch die Zeit wandelt.
Es gestaltete sich aber das heutige Bild aus dem Leben Jesu wie folgt:
Jesum sah ich heute nacht in der Höhle, teils liegend, teils kniend, teils stehend beten. Ich habe den größten Teil der Nacht in der Höhle neben Jesu gekniet und gebetet. Ich habe eine schwere und schauerliche Nacht gehabt. Es war so kalt und unheimlich auf dem Berge. Es stürmte und fiel Regen und Reif. Ich sah die Sündhaftigkeit der ganzen Welt und auch meine Versunkenheit. Ich sah den betrüblich en Zustand der Kirche und den mannigfachen Verfall der Priester. Ich sah die unbeschreiblichen Gnaden und Mittel, welche Jesus uns geschenkt, und hatte die Empfindung alles dessen, was er allein schon in dieser schweren Fastenwüste uns errungen. Ich war ganz zerschmettert und zermalmt und hatte dabei ein zerreißendes
8o 8i
Mitleid mit Jesu neben mir, und das Gefühl meiner eigenen
Schlechtigkeit. Und in allen diesen Schmerzen konnte meine Weichlichkeit doch dann und wann den Gedanken nicht unterdrücken:
Warum sagt mir Jesus nichts? Warum sagt er mir nicht: Stehe auf! -Denn ich meinte, ich könnte das Elend gar nicht aushalten.
Als ich schier ungeduldig ward, sagte er nichts zu mir als das Wort: Geduld! welches mich erquickte.
Ich lag noch eine Zeitlang und fühlte ganz die rauhe Witterung, die Wüste und die Schmerzen Jesu. Da kamen durch die Kälte ein laues Wehen und eine süße Empfindung zu mir. Es schwebten drei Seelen zu mir in die Höhle. Bei jeder waren zwei Engel. Sie dankten für Leiden, welche ihnen geholfen hätten, und schwebten weg. Dort kannte ich sie, jetzt kenne ich sie nicht mehr.
Ich bin noch ganz elend. Es ist mir auch befohlen worden, für mancherlei bevorstehendes Elend zu beten, das ich sah, besonders aber der gemischten Ehen wegen, aus welchen mir namenloses Elend für die Kirche gezeigt wurde!
io.-ii. November 1821
Ich sah Jesum wie immer in der Höhle teils liegend, teils kniend, teils stehend beten. Er ist in seiner gewöhnlichen Kleidung, nur ist sie weit und los. Er ist nicht gegürtet und barfuß. Sein Mantel, ein paar Taschen, welche sie tragen, und der Gürtel liegen an der Erde, worauf er sich manchmal hinlegt. Er ißt und trinkt nicht, es hungert ihn auch manchmal, Engel erquicken ihn. Es kommt dann wie ein lichtes Wölkchen gegen ihn und strömt wie Tau in seinen Mund.
Ich war heute auch in Lazan Haus, habe aber den Zusammenhang vergessen und erinnere mich nur, daß Lazarus der stillen Maria Decken gebracht, vielleicht etwas auszunähen. Die sfille Maria ist im Geist immer bei Jesu in der Wüste, sieht seine Wege und leidet seine Mühen in der Fasten mit.?0
Am lt. sah ich Jesum wie bisher in verschiedener Stellung beten.
12. November 1821
Ich sah den Satan in der Gestalt eines alten, ganz verwilderten Einsiedlers vom Berge Sinai zu Jesu in die Höhle kommen. Er kletterte mühsam den Berg herauf. Er war halb nackt, hatte Felle um den Leib hängen, einen langen Bart, aber etwas Spitzes und Listiges im Gesicht. Er sagte, es sei ein Essener vom Berg Karmel
bei ihm gewesen und habe ihm von seiner Taufe, seiner Weisheit, seinen Wundern und nun von seinem strengen Fasten gesprochen. Da habe er sich in seinem Alter auf den weiten Weg hierher zu ihm begeben. Er solle nun mit ihm reden. Er habe eine lange Erfahrung in Abtötungen. Es sei genug. Er solle es nun drangeben, er wolle einen Teil davon übernehmen, usw. Er redete sehr vieles Zeug daher. Jesus sah seitwärts und sagte: "Weiche von mir, Satanas !" Da sah ich den Satan sich verfinstern1 und er rollte wie ein schwarzer Ball mit einem Gekrach den Berg hinab.
Ich tat da die innere Frage, wie es denn nur sei, daß es ihm so ganz verborgen sei, daß Christus Gott sei, und ich erhielt darüber wunderbare und schöne Weisungen, dachte auch lebhaft daran, wenn ich das nur wieder erzählen könnte, habe es aber ganz vergessen. Ich sah ganz deutlich den unbegreiflichsten Nutzen für die Menschen, daß der Satan und sie es nicht wußten, und daß sie es mußten glauben lernen. Ein Wort sagte mir der Herr, welches ich behalten, nämlich: "Der Mensch hat nicht gewußt, daß die Schlange, die ihn verführte, der Satan war, darum darf auch der Satan nicht wissen, daß es Gott ist, der den Menschen erlöst." Ich hatte darüber sehr schöne Bilder und sah auch, daß der Satan die Gottheit Christi nicht eher erfuhr, als da er die Seelen aus der Vorhölle befreite.
Ich sah Johannes immerfort taufen, und daß er seit der Taufe Jesu immer lehrte, daß das Wasser durch die Taufe Jesu und den Heiligen Geist, der auf Jesum gekommen, geheiligt sei. Ich erfuhr, daß die Überkunft des Heiligen Geistes auf Jesum in der Taufe nun die Taufe mehr geheiligt habe, und daß aus dem Wasser sehr viel Böses gewichen sei. Dieses war auch das schwarze Bild des Satans und das viele Ungeziefer, das ich in diese Wolke dringen sah über dem Jordan, als der Heilige Geist niederkam bei der Taufe. Es war wie ein Exorzisieren des Wassers.
Jesus ließ sich taufen, damit das Wasser geheiligt werde. Er hätte es nicht bedurft. Die Taufe Johannis war nun reiner und heiliger. Darum sah ich auch Jesum in einem besondere~ Bad taufen, und aus diesem in den Jordan und das allgemeine Taufbad leiten, und auch Jesum und die Jünger von dem Wasser mitnehmen zu fernerer Taufe.
13. November i8ii
Ich sah Jesum stehend und kniend beten.
Die vierzig Tage in der Wüste sind eine geheimnisvolle Zahl uiid
82 83
Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y~ Y
beziehen sich wie die vierzig Jahre der Israeliten in der Wüste auf etwas, was ich vergessen habe.
Täglich ist die Gebetsarbeit Jesu eine andere, täglich erringt er uns andere Gnaden, und keinmal kehrt das Vorige zurück. Ohne diese seine Arbeit wurde uns der Widerstand gegen Versuchung nie verdienstlich werden können.
17. November 1821 Vom 14., 15. und i6. November erzählt sie durch Krankheit nichts. Am 17. sagte sie:
Ich habe in allen diesen Tagen Jesum in mannigfacher Stellung in der Höhle beten und fasten gesehen. Die einzelnen Umstände habe ich vergessen. Die Höhle ist nicht ganz auf dem Gipfel des Berges.
18. November 1821
Heute sah ich den Satan zu der Höhle des betenden Heilands in Gestalt eines vornehmen Mannes von Jerusalem kommen. Er sagte, er komme aus einem großen Anteil an ihm, denn er wisse wohl, daß er bestimmt sei, die Freiheit der Juden herzustellen. Er erzählte ihm auch alles, was in Jerusalem über ihn gestritten und gesprochen werde. Er komme zu ihm, seine Sache zu unterstützen. Er solle mit ihm nach Jerusalem gehen und heimlich bei ihm im Palast eines Herodes wohnen.71 Er schien mir ein Beamter dieses Herodes.
Er sagte zu Jesu, er könne dort seine Jünger heimlich zusammenkommen lassen und sein ganzes Vorhaben in Gang bringen. Er solle jetzt gleich mit ihm gehen. Alles dieses setzte er ihm sehr weitläufig auseinander. Jesus sah nicht nach ihm, aber betete heftig, und ich sah den Satan zurückweichen und seine Gestalt greulich werden, und wie Feuer und Dampf aus seiner Nase kommen, worauf er verschwand.72
19. November 1821
In dieser sterbenskranken Nacht war ich vom gestrigen Abend an in Betrachtung bei Jesu in der Höhle und sah sein ganzes Leiden, wie einen Baum vor Jesu Seele aufwachsen. Ich sah alle Teile seines bevorstehenden Leidens durch viele wunderbare Bilder bis zur Kreuzigung unter großen Qualen und Schmerzen. Ich sah bei diesen Vorstellungen das Kreuz wie immer von fünf Holzarten, und mit eingesetzten Armen, unter jedem Arm einen Keil, ein~ Ruheklotz
RA
unter den Füßen. Das Stück des Stammes über dem Haupt, woran der Titel, sah ich einzeln aufgezapft, denn der Stamm war anfangs zu niedrig, um die Schrift über das Haupt zu setzen.~~
Ich sah alles dieses in einem wunderbaren, bedeutenden Bild und sah dabei allerlei Geheimnisse und Verwandlungen in das heilige Sakrament. Ich glaube, daß Jesus auch diese Anschauungen hatte, denn ich sah Engel bei ihm, welche diese Geheimnisse verehrten. Ich wachte unter den schrecklichsten Schmerzen oft unter diesem Bilde auf, war aber immer froh, daß ich wieder von neuem zu diesen Leiden entschlummerte.
20.-27. November 1821
In allen diesen Tagen... sah ich Jesum in der Höhle in seinem Gebet und Fasten und vereinigte Gebet, Abbruch und Überwindung allen Unwillens mit ihm.
28. November 1821
Ich sah heute Engel Jesu in vielen Bildern den Undank der Menschen, den Zweifel, Spott, Hohn, Verrat, Verleugnung der Freunde und Feinde zeigen bis zu seinem Tod und nach demselben, und alles, was von seiner Arbeit und Pein verlorengehe. Er sah alles in Bildern und schwitzte Blut vor Angst. Zum Trost zeigten sie dann alles, was gewonnen werde. Sie zeigten mit den Händen nach den Bildern.
29. November 1821
Heute sah ich Jesum sehr ermattet in Kampf und Trauer durch die Betrachtung des Verlustes und der vergeblichen Rettungsversuche so vieler Menschen.
30. November 1821J
Ich sah Jesum heute in einer Versuchung. Es begann ihn bereits zu hungern und besonders zu dürsten. Ich sah ihn zwar einige Male von Engeln erquickt werden, aber nie essen oder trinken, auch nie außer der Höhle. Er war nicht magerer geworden, aber ganz weiß und bleich.
Ich sah den Satan ihm in der Gestalt eines alten, frommen Einsiedlers nahen und zu ihm sagen: "Es hungert mich so, ich bitte dich, gib mir doch von den Früchten, die da vor der Höhle an dem Berge
stehen, denn ich will keine davon abbrechen, ohne den Besitzer zu fragen (er stellte sich, als halte er Jesum für den Besitzer), und dann lasse uns zusammensitzen und von guten Dingen sprechen." - Es standen aber, nicht am Eingang, sondern an der anderen Seite gegen Morgen der Höhle in einiger Entfernung Feigen und eine Art Frucht wie Nüsse, doch mit weichen Schalen, wie sie die Mispeln haben, auch Beeren. Jesus sagte: "Weiche von mir, du bist der Lügner von Anfang, und lasse keinen Schaden auf den Früchten zurück! " Da sah ich den Einsiedler in einer kleinen dunklen Gestalt im Bogen über den Berg hinwegeilen und einen schwarzen Dampf von sich speien. Ich wußte nicht, daß er Schaden auf Früchten zurücklassen kann, ich meinte sonst nur, er lasse Gestank zurück.
30. November 1821J
... In einem Bilde von Andreas' Leben . .. sah sie:
Andreas war heute bei einem Bruder oder Halbbruder gewesen, den er außer Petrus hatte, und der ein Jünger geworden. Er war ein Zeltteppichmacher bei Tiberias... Andreas sprach mit ihm. Er war betrübt und ängstlich, wie schon lange, seit Jesus in der Wüste ist. Er war unruhig um seine Wiederkehr und kämpfte mit Zweifeln. Er sprach heute mit seinem Bruder darüber.
1.-2. Dezember 1821
Am 1. Dezember sei der Satan wieder in Gestalt eines Reisenden bei Jesu gewesen und habe ihn gefragt, ob er nicht von den schönen Weintrauben da in der Nähe essen dürfe, sie seien gut für den Durst. Jesus habe ihm nicht geantwortet, noch ihn angesehen. Am
2. habe er ihn ebenso mit einer Quelle versucht.
~. Dezember 1821
Am Mittag sah ich den Satan zu Jesu in die Höhle kommen. Er kam als Schaukünstler und Weltweiser und sagte, er komme zu ihm als einem Weisen und wolle ihm zeigen, daß er auch etwas vermöge. Er solle einmal hier hineinsehen. Da zeigte er ihm an seiner Hand hängend eine Maschine gleich einer Kugel, doch mehr noch einem Vogelkorb ähnlich. Jesus sah nicht nach ihm, zeigte ihm den Rücken und ging zur Höhle hinaus. Es war dieses das erste Mal, daß ich es sah.
Ich habe gesehen, was in dem Guckkasten zu sehen war. Man
sah da in eine große Herrlichkeit der Natur, in eine liebliche, üppige
Gartenlust voll schattiger Lauben, kühler Quellen, reichbeladener
Fruchtbäume und köstlicher Trauben. Alles war ganz nah wie zum
Greifen und in immer schönerer, lockenderer Abwechslung. Als
Jesus ihm den Rücken drehte, entwich der Satan.
Es war dieses abermals eine Versuchung, das Fasten Jesu zu stören, welcher jetzt schon großen Hunger und Durst zu empfinden beginnt. Der Satan weiß gar nicht, was er aus ihm machen soll, er kennt zwar die Weissagungen von ihm und fühlt auch, daß er Gewalt über ihn übt, er weiß aber nicht, daß er Gott ist. Noch verborgener ist ihm, daß er der in seinem Werk unverletzliche Messias ist, weil er ihn fasten, Anfechtung leiden, hungern, weil er ihn so arm und in vielem so leidend, so ganz menschlich sieht. Der Satan ist hierin teils so blind wie die Pharisäer. Er hält ihn aber für einen heiligen Menschen, den er in jedem Fall versuchen und vielleicht zu Fall bringen könne...
Johannes tauft noch immer und verkündigt den Heiland auf seine gewohnte Art. Es sind vor diesen letzten Tagen wieder Abgesandte von Jerusalem bei ihm gewesen, ihn über Jesum und ihn selbst zu Rede zu stellen. Er antwortete wie immer, er habe ihn früher nicht mit Augen gesehen, er sei aber ges and t, seinen Weg zu bereiten..
~. Dezember 1821
Ich sah Jesum beunruhigt und sehr angefochten. Er litt vor Hunger und Durst. Ich sah ihn mehrmals vor der Höhle. Ich sah gegen Abend den Satan wie einen großen, kräftigen Mann den Berg herauf-gehen und sah, daß er unten zwei Steine aufnahm. Sie waren von der Länge kleiner Brote, aber eckig, und ich sah, daß der Satan ihnen aufsteigend in seinen Händen die volle Gestalt der Brote gab.
Er hatte etwas ungemein Grimmiges, da er zu Jesu in die Höhle trat. Er hatte in jeder Hand eines der Brote und sagte zu ihm etwa soviel wie: "Du hast recht, daß du keine Früchte aßest, sie reizen nur die Eßlust. Wenn du aber Gottes geliebter Sohn bist, über den der Geist bei der Taufe gekommen, siehe, ich habe gemacht, daß sie wie Brote aussehen, nun mache du Brot aus diesen Steinen!" Jesus sah nicht nach dem Satan. Ich hörte ihn nur die Worte sagen:
"Der Mensch lebt nicht von Brot."
Diese Worte habe ich allein deutlich verstanden oder behalten. Im Evangelium stehen noch andere, die ich wahrscheinlich überhörte,
86 87
denn ich sah nun den Satan ganz grimmig werden. Er streckte seine Krallen gegen Jesum aus, wobei ich die beiden Steine auf seinen Armen liegen sah. Er entfloh hierauf, und ich mußte lachen, daß er seine Steine wieder mitnehmen mußte.
~. Dezember 1821
Am 5. Dezember, gegen Abend, sah ich den Satan in der Gestalt eines mächtigen Engels zu Jesu mit großem Gebraus heranschweben. Er war in der Art kriegerischer Bekleidung, wie ich St. Michael erscheinen sehe, aber immer kann man auch durch seinen größten Glanz etwas Finsteres und Grimmiges durchsehen.
Er prahlte gegen Jesum und sagte ihm ungefähr: "Ich will dir zeigen, wer ich bin und was ich vermag und wie mich die Engel auf den Händen tragen. Sieh dort Jerusalem, sieh den Tempel! Ich will dich auf seine höchste Spitze stellen. Da zeige, was du vermagst, und ob die Engel dich heruntertragen!"
Indem er so hinzeigte, war es, als sähe ich Jerusalem und den Tempel dicht vor dem Berge liegen. Ich glaube aber, daß dieses nur eine Vorstellung war.
Jesus gab ihm aber keine Antwort, und der Satan faßte ihn bei den Schultern und trug ihn durch die Luft, aber niedrig schwebend, nach Jerusalem und stellte ihn auf die Spitze eines Turmes, deren vier an den vier Ecken des Tempelumfangs standen, die ich sonst nicht beachtet hatte.
Dieser Turm ist an der Abendseite gegen Sion zu, der Burg Antonia gegenüber. Der Tempelberg ging da sehr steil hinab. Diese Türme waren wie Gefängnisse. In einem derselben wurden die kostbaren Kleider des Hohenpriesters bewacht. Diese Türme waren oben platt, daß man darum herumgehen konnte. Es erhob sich aber noda ein hohler Kegel in der Mitte dieser Fläche, der oben mit einer großen Kugel endete, auf der wohl für zwei Menschen zum Stehen Raum war. Man hatte da den ganzen Tempel unter sich zu über-schauen.
Auf diesen höchsten Punkt des Turmes stellte der Satan Jesum, der nichts sagte. Der Satan aber flog hinab auf den Grund und sagte:
"Wenn du Gottes Sohn bist, so zeige deine Macht und lasse dich auch herab, denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln Befehl geben, daß sie dich auf den Händen tragen, daß du an keinen Stein stoßest." Da sprach Jesus: "Es steht auch geschrieben: Du sollst Gott deinen Herrn nicht in Versuchung führen!"
88
Da kam der Satan ganz ergrimmt wieder zu ihm, und Jesus sagte:
"Brauche deine Gewalt, die dir gegeben ist!"
Da faßte ihn der Satan wieder sehr grimmig an den Schultern und flog mit ihm über der Wüste hin gegen Jericho zu. Auf dem Turm sah ich gegen Abend Dämmerlicht am Himmel. Er schien mir dieses Mal langsamer zu fliegen. Ich sah ihn in Zorn und Grimm mit Jesu bald hoch, bald niedrig und schwankend schweben, wie einer, der seine Wut auslassen will und des Gegenstandes nicht mächtig wird. Er trug Jesum auf denselben Berg, sieben Stunden von Jerusalem, auf welchen er die Fasten begonnen hatte...
Ich habe gesehen, daß er ihn dicht über dem großen alten Therebintenbaum wegtrug, von dem ich die neulich erkannte Reliquie in meiner Nähe hatte. Dieser Baum steht groß und mächtig in dem ehemaligen Garten eines Esseners, die vor Zeiten hier gewohnt. Auch Elias hielt sich hier auf. ~er Baum stand hinter der Höhle, nicht weit von dem schroffen Abhang. Solche Bäume werden dreimal im Jahr angezapft und geben jedesmal einen etwas geringeren Balsam von sich. -Der Satan stellte den Herrn auf der höchsten Spitze des Berges
auf einer überhängenden, unzugänglichen Klippe hin. Es ist dieser viel höher als die Höhle. Es war Nacht, aber indem der Satan um sich her zeigte, war es hell, und man sah die wunderbarsten Gegenden nach allen Richtungen der Welt.
Der Teufel sagte ungefähr zu Jesu: "Ich weiß, du bist ein großer Lehrer und willst jetzt Schüler berufen und deine Lehre ausbreiten. Sieh, hier alle diese herrlichen Länder, diese mächtigen Völker, und sieh hier das kleine Judäa dagegen! Dorthin gehe, ich will dir alle diese Länder übergeben, wenn du niederkniest und mich anbetest."
Mit diesem Anbeten meinte der Teufel eine Erniedrigung, welche damals oft unter den Juden und besonders den Pharisäern vor hohen Personen und Königen üblich war, wenn sie etwas von ihnen erlangen wollten. Der Teufel hatte hier eine ähnliche, nur erweiterte Versuchung vor wie damals, als er in Gestalt des Beamten eines Herodes aus Jerusalem zu ihm kam und ihn nach Jerusalem in das Schloß forderte, ihn dort zu unterstützen in seiner Sache.
Wie der Satan so umherzeigte, sah man große Länder und Meere, dann ihre Städte, dann ihre Könige in Pracht und Triumph und mit vielen Kriegsvölkern und Aufzügen umgeben einherziehen. Man sah dieses alles ganz deutlich, als sei man nahe dabei, und noch deutlicher. Man war wirklich überall darin, und jedes Bild, jedes
89
Volk war verschieden in Glanz und Pracht, Sitten und Gebräuchen. Der Satan strich auch die einzelnen Vorzüge der einzelnen Völker heraus und zeigte besonders nach einem Land, wo sehr große und prächtige Leute, schier wie Riesen, waren, ich meine, es war Persien, und riet ihm, vor allem dahin lehren zu gehen. Palästina aber zeigte er ihm ganz klein und unbedeutend. Es war dieses ein ganz wunderbares Bild. Man sah so viel und so klar, und alles war so glänzend und prächtig.
Jesus sprach nichts als die Worte: ~Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen. Weiche von mir, Satan! " Da sah ich den Satan in einer unbeschreiblich greulichen Gestalt sich von dem Felsen wegheben und in die Tiefe niederstürzen und verschwinden, als verschlinge ihn die Erde
Gleich hierauf sah ich eine Schar von Engeln sich Jesu nahen und vor ihm beugen, und sie trugen ihn, ich weiß nicht auf welche Weise, wie auf den Händen sanft mit ihm an den Felsen niederschwebend in die Höhle, in welcher Jesus die vierzigtägigen Fasten begonnen. Es waren aber dieses zwölf Engel und andere dienende Scharen, welche auch eine bestimmte Zahl hatten. Ich weiß nicht mehr gewiß ob 72, aber ich bin doch geneigt es zu glauben, denn ich hatte während dem ganzen Bild eine Erinnerung an Apostel und Jünger. -Es ward nun in der Höhle wie ein Dank- und Siegesfest und ein Mahl gefeiert. Ich sah die Höhle von den Engeln inwendig mit einer Weinlaube überziehen. Sie war oben offen, und es schwebte eine Siegeskrone von Laub über Jesu. Alles dieses geschah in wunderbarer Ordnung und Feierlichkeit und war sinnbildlich und leuchtend und bald vollendet. Denn das in einer Intention Hingepflanzte oder Gebrachte folgte der Intention ganz lebendig nach und breitete sich nach seiner Bestimmung aus.
Die Engel brachten auch eine anfangs kleine Tafel heran, mit himmlischen Speisen besetzt, welche sich schnell wachsend vergrößerte. Die Speisen und Gefäße waren solche, wie ich sie immer an Himmelstafeln sehe, und ich sah Jesum und die zwölf Engel und auch die anderen ihrer teilhaftig werden, denn es war kein Essen durch den Mund und doch ein Zusichnehmen und Übergehen der Fruchtgestalten in die Genießenden und ein Erquicken und Teilhaffigwerden derselben, indem die Speisen verschwanden. Es war, als wenn die innere Bedeutung der Speisen nun in den Genießenden überginge. Man kann das nicht sagen. -Am Ende der Tafel standen allein ein leuchtender, großer Kelch
und kleine Becher um ihn her in der Gestalt, wie bei Einsetzung des Abendmahls, nur geistiger und größer, und auch ein Teller mit solchen dünnen Brotscheiben. Ich sah, daß Jesus aus dem großen Kelch in die Becher eingoß und Bissen des Brotes in dieselben tauchte und daß die Engel dieselben erhielten und wegbrachten.
In dieser Handlung ging dieses Bild vorüber, und Jesus verließ die Höhle gegen den Jordan hinabgehend.
Die Engel, welche Jesu dienten, erschienen in verschiedener Form und Ordnung. Die, welche zuletzt mit Wein und Brot verschwanden, waren in priesterlicher Kleidung ...
Ich sah aber in demselben Augenblick allerlei wunderbaren Trost über die jetzigen und späteren Freunde Jesu kommen. Ich sah Jesum der Heiligen Jungfrau in Kana selbst erscheinen, im Gesicht, und sie erquicken. Ich sah Lazarus und Martha gerührt und von Liebe zu Jesu erfüllt. Ich sah die stille Maria von einem Engel mit der Gabe vom Tische des Herrn wirklich gespeist. Ich sah den Engel bei ihr und sie es ganz kindlich empfangen. Sie hatte alle Leiden und Versuchungen Jesu immer mitgesehen und lebte ganz in diesem Sehen und wunderte sich nicht. Auch Magdalena sah ich wunderbar bewegt. Sie war mit Schmuck zu einem Fest beschäftigt, als sie eine plötzliche Angst über ihr Leben und eine innere Begierde nach Rettung überfielen, so daß sie ihren Schmuck an die Erde warf und von ihrer Umgebung verlacht wurde. Viele nachmalige Apostel sah ich auch erquickt und voll Liebe und Sehnsucht. Ich sah Nathanael in seiner Wohnung an alles denken, was er von Jesu gehört, und sehr von ihm gerührt, aber wie er es sich wieder aus dem Sinne schlug. Ich sah Petrus, Andreas und alle anderen gestärkt und gerührt. Es war dieses ein sehr wunderbares Bild, wovon ich mich nur des Wenigen mehr entsinne.
5.-6. Januar 1821 1 Tagebud' Bd. III, Heft 1 I Viertelseiten 66-77
Ich hatte ein Kirchenfestbild, kann aber nicht mehr sagen, wie es ineinander zusammenhing und wie wunderbar es mir erklärt ward.74 Ich sah in dem Festbild eingeflochten die Hochzeit zu Kana in Galiläa, das ganze Bild wie sonst, auch mit dem Brautzug und der Trauung in der Schule. Ich hatte auch, daß der Bräutigam ein Sohn von Annas Schwester Sobe Tochter sei, und ich meine, sein Name ist Nathanael.75 Er war schlank und lieblich und hatte etwas von Johannes in seinem Wesen. Der Braut Namen habe ich auch gewußt.
90
91
Es ist ein bekannter jüdischer Name. Sie stammt auch aus Bethiehem. Ich sah auch, daß die Eheleute rein blieben, und daß der Bräutigam gleich als Jünger folgte, die Braut aber sich mit anderen Frauen zusammentat, und daß sie ihr Vermögen für die Armen und zum Dienste der Apostel und Jünger verwendeten.
23.-24. Februar 1821 1 Tagebud: Bd. III, Heft 2 / Viertelseiten 183-187
Ich hatte vieles von Nathanael und Bartholomäus 76, was ich vergessen. Ich weiß noch, daß es drei Nathanael gab. Einer war ein Tochtersohn von Annas Schwester Sobe aus der Gegend von Beihlehem. Er war der Bräutigam zu Kana in Galiläa. Ein anderer, auch Jünger, war, glaube ich, aus Sychar. Der Nathanael aber, welcher mit Philippus zu Jesu gegangen, war aus Kana. Ich hatte heute nacht ein Bild, wie Jesus früher schon vor seinem Lehramt einmal den Nathanael, der ihn gar nicht gekannt, gesehen und einen Blick auf ihn geworfen und ihn auserwählt wegen seiner Frömmigkeit.
Ich sah auch, daß Philippus Freund mit ihm war, und sah ihn sitzen in einem hohen Haus mit vielen Schriften und allen Leuten raten. Ich hatte auch das Wort, er sei ein Sekretär. Ich sah auch Philippus in diesem Hause bei ihm und von Jesu sprechen, er solle ihn sehen, und wie Nathanael ganz ruhig gesagt, das werde nichts sein. Dann sah ich ihn von Philippus zu Jesu bringen, und wie der ihm entgegensprach. Ich habe den Namen auch gehabt, welchen er nachher unter den Jüngern bei seiner Taufe erhielt, habe ihn aber vergessen. Er war ein gelehrter, redlicher, frommer und feiner Mann.
Bartholomäus war aus einer Stadt oder einem Flecken gegen Morgen vom Galiläischen See etwas abgelegen. Ich habe den Ort gesehen. Es war in der Mitte auf einem freien Platz ein etwas größeres Haus, wo seine Eltern wohnten. Sein Vater hieß Tholom oder Tholam oder Tholem, was ich nicht genau weiß. Er wurde Bartholem genannt, und ich hatte, daß Jesus hinten an den Namen eine Silbe gefügt, als er ihn aufgenommen, welche bezeichne, er solle nun sein Bartholem sein, der Sohn seines Tholem. Das Angehängte heiße soviel wie ~mein".
Bartholomäus habe einen anderen Beschneidungsnamen gehabt. Sie habe ihn vergessen. Er sei von feinen Sitten gewesen. Seine Eltern hätten große Landwirtschaft gehabt. Er habe aber auch eine gelehrte Beschäftigung gehabt, mit Ratgeben, und sei überall hingekommen. Philip pus habe Freundschaft mit ihm gehabt.
02
Von Matthias, dessen Fest heute war, erinnert sie sich weiter nichts als, er sei von Bethiehem gewesen und zwei Grad ferner mit Anna verwandt als Joses Barsabas, der ein Sohn Maria Kleophä Tochter, ein Urenkel Annas war. Joses sei bei der Wahl sehr jung gewesen, Matthias auch nicht alt. Sie habe die Wahl gesehen, und es seien hundertzwanzig beisammen gewesen, die Zwölfe nur im Saal, die anderen in den nach dem Saal zu geöffneten Neben gängen. Sie hätten alle einstimmig die zwei Namen von Gott in den Sinn erhalten. Sie habe einen Blick gehabt, wie Matthias einmal in dem Land zwischen der Wohnung Mensors und Theokenos oben gewesen. Sie meint Armenien. Sie meint auch, er sei nach dem Tod Jakobs des Kleineren mit einem langen Eisen auf den Kopf erschlagen worden.
Maria Salome: Sie habe auch von dieser etwas gesehen. Sie sei von Bethlehem gewesen. Ihr Vater habe Salom geheißen. Sie glaube, er sei ein Bruder Annas gewesen. Sie habe Zebedäus in Bethsaida geheiratet.
1. - (5.) Januar 1822 (= 4.-8. Thebet) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 4 / Viertel-seiten 8-38 *77
Dienstag, der erste Januar, der 4. Thebet, war der zweite Tag der Anwesenheit Jesu in Kana. Es waren wohl über einhundert Gäste hier, auch Maria Markus und Johannes Markus und Veronika, die älter als Maria schien. Aber Susanna von Jerusalem war nicht hier. Sie machte auch nachher selten Reisen mit. Sie war vornehm lebend und in einer gewissen Zurückgezogenheit ihres Ursprungs halber.
Jakobs und Johannis Eltern waren hier. Petri und Andreas Eltern nicht, aber der Halbbruder Jonathan und die sogenannten drei Witwen und ihre Söhne usw., wie überhaupt alle Verwandten von Anna, meistens Nichten und Enkel, Maria Kleophä mit ihren Kindern und Annas jüngste Töchter, die Halbschwestern der Heiligen Jungfrau, Joseph von Arimathiä Vettern, Obed, Veronikas 7 Sohn, und die vier Johannisjünger und Jesu Jugendgespielen Kleophas, Jakob, Judas, Japhet, Veronikas Enkel Sebadjas von Nazareth usw., und mehrere andere Johannisjünger.
Der Vater der Braut heißt Israel. Ich habe den Namen immer nicht sagen wollen, weil ich meinte, so gäbe es keinen. Er stammt von Ruth aus Bethlehem. Die Mutter der Braut ist etwas lahm. Sie hinkt auf einer Seite und wird geführt.
Kana ist kleiner als Kapernaum, und Kapernaum ist zwar lebhafter, doch nicht so groß wie Nazareth, welches zerstörte Stellen hat. Kana liegt an der Abendseite eines Hügels und ist ein an-genehmer, reinlicher Ort, doch ist nur unter Israel und ein paar anderen der Wohlstand geteilt. Die übrigen scheinen meist in der Arbeit dieser zu leben. Es ist eine Synagoge mit drei Priestern dort.
Die Hochzeit wird in einem öffentlichen Fesihaus in der Nähe der Synagoge gehalten. Es sind von diesem Hause bis vor die Synagoge Lauben und grüne Bögen gespannt, mit Kränzen und Früchten behängt. Vor dem Festhaus ist ein Vorhof mit Lauben. Der Festort stößt daran. Es ist der leere Vorraum des Hauses bis zur Feuerstelle, welche in einer hohen gestuften Mauer besteht, an der jedoch nicht gekocht wird, sondern die wie ein Altar mit Gefäßen, Geschenken und Blumen und Tafelgefäßen geschmückt ist. Diese Feuerstelle hat ungefähr noch ein Dritteil des Raumes hinter sich, wo bei dem Mahl die Frauen allein saßen. Oben sah man die Balken des Hauses. Sie waren verziert mit Kränzen, und man konnte hinaufsteigen, die an ihnen befindlichen Lampen anzustecken.
Jesus ist wie der Herr des Festes. Er leitet alle Vergnügungen und würzt sie mit Lehre. Er sagte, sie sollten an diesen Tagen alle nach Brauch und Sitten sich ergötzen und auch aus allem in der Freude Weisheit ziehen. Er teilte auch die Festordnung ein und sagte unter anderem, daß sie täglich zweimal hinausgehen wollten, im Freien sich zu ergötzen.
Ich sah dann die Hochzeitsgäste, die Männer und Frauen getrennt, an einem grünen Lustort im Freien unter Bäumen, wo auch Wasser in der Nähe war (ich meine, es war ein Lustgarten bei einem Bade), sich mit Unterredung und Spielen unterhalten. Ich sah die Männer in einem Kreis an der Erde liegen. In ihrer Mitte lagen allerlei Früchte, welche sie nach gewissen Regeln sich zuwarfen und zu-trieben, daß sie in gewisse Gruben im Kreis fallen sollten, welches wieder andere zu verhindern suchten. Ich sah Jesum dieses Spiel mit Früchten mitspielen, mit einem freundlichen Ernst, und er sagte oft mit Lächeln ein weises Wort, das alle bewunderten oder still gerührt aufuahmen, oder einzelne nicht verstanden und sich von Klügeren erklären ließen. Er hatte die inneren Spielkreise und die Gewinnste geordnet und verteilte sie mit schönen und oft ganz wunderbaren Bemerkungen.
Jüngere Anwesende liefen und sprangen über Laubgehänge und Früchte. Die Frauen saßen alle allein und spielten auch mit Früchten. Die Braut saß immer zwischen Maria und des Bräutigams Tante.
Am Abend des 1. Januar, beim Anfang des 4. Thebet, lehrte Jesus in der Synagoge, wo alle versammelt waren, von der Freude erlaubter Ergötzlichkeit, ihrer Bedeutung, ihrem Maß, ihrem Ernst, ihrer Weisheit, dann auch von der Ehe, von Mann und Weib und von der Enthaltung und Keuschheit und von der geistlichen Ehe.
Am Schluß der Lehren trat das Brautpaar allein vor Jesum, und er belehrte sie einzeln.
Es begann hierauf die Hochzeit mit einem Mahl und einem Tanz. Es wurde nach der Musik der Kinder getanzt, welche dazwischen Chöre sangen. Alle Tanzenden hatten Tücher in der Hand, mit welchen einander Männer und Jungfrauen berührten, wenn sie in Reihen oder geschlossenen Kreisen tanzten. Ohne diese Tücher berührten sie einander nie. Bei Braut und Bräutigam waren diese Tücher schwarz, bei den anderen gelb. Der Bräutigam und die Braut tanzten zuerst allein, und dann tanzten alle zusammen. Die Jungfrauen waren verschleiert, doch war der Schleier über dem Gesicht etwas gelüftet. Ihre Kleider waren hinten lang und waren mit Schnüren ein wenig geschürzt. Der Tanz war kein Hüpfen und Springen wie bei uns, mehr ein Wandel in allerlei Linien, und dabei bewegten sie sich oft auch mit Händen, Kopf und Leib nach der Musik. Es erinnerte mich an das Bewegen der pharisäischen Juden beim Gebet, aber es war durchaus anmutig und ehrbar. Von den nachmaligen Aposteln tanzte keiner mit, aber Nathanael (Cased), Obed, Jonathan und andere Jünger tanzten. Die Tänzerinnen waren nur Jungfrauen, und alles war ungemein ordentlich und ruhig-freudig.
Am 2. Januar ( 4. Thebet Der tag geht von abend bis abend) morgens, ungefähr um 9 Uhr, war die Trauung. Die Braut wurde von den Brautjungfern... geputzt. Ihre Kleidung war auf die Art wie das Kleid der Mutter Gottes bei ihrer Hochzeit, ebenso auch ihre Krone, nur war diese reicher verziert. Das Netz ihrer Haare war aber nicht fein in einzelnen Linien verbunden, sondern mehr in dicken Strängen. Als ihre Kleidung fertig war, wurden sie der Heiligen Jungfrau und den anderen Frauen gezeigt.
Von der Synagoge aus wurden Braut und Bräutigam nach dem Festhaus abgeholt und von da nach der Synagoge gebracht. Es waren sechs Knaben und sechs kleine Mägdlein, die Kränze trugen, bei dem Zug, dann sechs erwachsene Knaben und Mädchen mit Pfeifen und anderen Instrumenten, die ich sonst schon beschrieben habe.
95
Sie hatten an den Schultern krauses gestreiftes Zeug wie Flügel. Außerdem begleiteten die Braut zwölf Jungfrauen als Braut-führerinnen und den Bräutigam zwölf junge Männer. Bei diesen waren Obed, Veronikas Sohn, Arimathiä Vettern und Nathanael Cased, auch einige Johannisjünger, aber keiner der nachmaligen Apostel. Die Trauung geschah vor der Synagoge durch die Priester. Die Ringe, die sie wechselten, hatte der Bräutigam von Maria zum Geschenk erhalten, und Jesus hatte sie bei seiner Mutter gesegnet.
Merkwürdig war mir bei der Trauung, was ich bei der Trauung Josephs und Mariä nicht beobachtet: der Priester verwundete den Bräutigam und die Braut mit einem spitzen Instrument an der Stelle des linken Ringfingers, wo der Ring hin zu stecken kam. Er ließ von dem Bräutigam zwei, von der Braut einen Tropfen Blut in einen Becher Wein tröpfeln, welchen sie gemeinschaftlich austranken und den Becher weggaben. Es wurden dann noch manche andere Sachen, Tücher und Kleidungsstücke, an dabeistehende Arme verschenkt. Als die Brautleute nach dem Festhaus zurückgebracht waren, empfing sie Jesus daselbst.
Vor dem Hochzeitsmahl sah ich alle wieder in dem Lustgarten versammelt. Die Frauen und Jungfrauen saßen in einer Laubhütte79 auf Decken und spielten ein Spiel um Früchte. Sie hatten abwechselnd ein dreieckiges Täfelchen auf dem Schoß, das am Rand mit Buchstaben beschrieben war. Sie drehten einen Zeiger auf der Tafel. Nachdem dieser stehenblieb, hatten sie gewisse Gewinnste.
Für die Männer sah ich aber ein wundervolles Spiel durch Jesum selbst in einem Lusthaus zubereitet. In der Mitte des Lusthauses war eine runde Tafel mit ebensoviel Portionen von verschiedenen Blumen und Kräutern und Früchten am Rande besetzt, als Mitspielende da waren. Diese Früchte hatte Jesus vorher ganz allein nach allerlei tiefsinnigen Bedeutungen geordnet. Über dieser Tafel lag eine andere, bewegliche runde Scheibe mit einem Loch. Wenn diese Scheibe umgedreht wurde, kam das Loch über eine der Frucht-portionen zu stehen, und diese gewann nun der Drehende als sein Los. In der Mitte der Tafel stand eine Weinrebe voll Trauben über einem Bund Weizenähren hervorragend, der sie umgab, und je länger der Tisch gedreht wurde, je höher stiegen der Weinstock und Weizenbusch empor.
Die nachmaligen Apostel und auch Lazarus spielten nicht mit. Ich erhielt auch darüber die Weisung: Wer schon den Beruf habe zu lehren oder etwas mehr als die anderen wisse, der müsse nicht mitspielen, sondern die Ereignisse des Spiels beobachten und mit lehrreichen Anwendungen würzen und so das Ernste in der Heiterkeit hervorheben.
Es war aber in diesem von Jesu geordneten Spiel etwas ganz Wunderbares und mehr als Zufälliges, denn das Los, das jedem Spielenden zufiel, war ganz bedeutend auf seine Eigenschaften, Fehler und Tugenden, und Jesus legte einem jeden sein Los wunderbar nach der Zusammenstellung der Früchte aus. Jedes Los ward zu einer Parabel über den Gewinnenden, und ich fühlte, daß sie wirklich innerlich etwas mit diesen Früchten erhielten.
So sehr sie nun alle einzeln tief gerührt und erweckt wurden durch die Worte Jesu und vielleicht auch durch den Genuß der Früchte, indem deren Bedeutung nun wirkend in sie überging, so war doch, was Jesus über jedes Los sagte, für alle anderen, die es nicht betraf, ganz unverfänglich, sondern nur ein erheiterndes und bedeutungsvolles Wort. Ein jeder einzelne fühlte aber einen tiefen Blick des Herrn in sein Inneres. Es war derselbe Fall wie bei Jesu Rede zu Nathanael (Cased) vom Gesehenhaben unter dem Feigenbaum, was ihn so tief traf und den anderen verborgen blieb. Ich erinnere mich noch, es war auch Reseda unter den Kräutern, auch daß Jesus bei dem Los Cased Nathanaels zu demselben sagte: "Siehst du nun wohl, daß ich recht gesagt, du seist ein wahrer Israelit ohne Falsch!"
Ein Los sah ich aber ganz wunderbar wirkend, nämlich der Bräutigam Nathanael gewann eine wunderbare Frucht, zwei an einem Stiel mit getrennten Geschlechtern, so wie der Hanf. Die eine Frucht glich mehr einer Feige, die andere mehr einem gekerbten Apfel; auch hatte sie oben keinen Butzen. Sie war hohl. Es war nichts darin. Es ist mir schwer, das zu erklären. Sie war wie ein Nabel. Es war wohl ein Samenhäuschen darin, zwei übereinander, ich meine, in einem vier, im anderen drei Kerne. Oben wuchsen feine weiße Fäden aus diesem hervor. Sie warenj rötlich, inwendig weiß und rot gestreift. Ich habe s&che im Paradies gesehen. *80
Ich weiß nur, daß alles sehr erstaunte, als der Bräutigam diese Frucht gewann, und daß Jesus von der Ehe und Keuschheit sprach und von hundertfältiger Frucht der Keuschheit, und daß dieses alles doch so gesprochen war, daß es die jüdischen Vorstellungen von der Ehe nicht verletzte, daß es aber einige Männer, z. B. Jakobus minor, die Essener waren, noch tiefer verstanden.
Ich sah, daß die Anwesenden über dieses Los sich noch mehr verwunderten als über die anderen, und daß Jesus ungefähr sagte, es könnten diese Lose, diese Früchte wohl noch größere Wunder tun als ihre Bedeutung wunderbar schiene.
Ich sah aber, als der Bräutigam dieses Los für sich und die Braut zog, etwas ganz Wunderbares geschehen, was ich mich schier zu erzählen scheue.
Ich sah, als der Bräutigam dieses Los empfing, ihn innerlich bewegt und bleich werden, und daß wie eine dunkle menschliche Gestalt, wie ein Schatten von den Füßen nach oben von ihm ausging und verschwand, und daß er hernach viel heller, reiner und wie durchsichtig im Vergleich mit vorher erschien. Es schien dieses doch niemand zu sehen als ich, denn alle blieben ruhig wie vorher, und es entstand keine Bewegung. In demselben Augenblick aber sah ich die Braut, welche entfernt unter den Frauen spielend saß, auch wie in Ohnmacht sinken. Es löste sich eine dunkle, mir ungemein widerwärtige Schattenfigur von ihr ab, welche von den Füßen auf in oder vor ihr aufzusteigen und über ihrer Brust vor oder aus ihrem Munde zu entweichen schien. Es war, als wenn sich auch allerlei Kleider und Schmuck von ihr streiften.
Ich weiß nicht, wie ich dazukam, aber ich war außerordentlich ängstlich beschäftigt, diesen mir so ekelhaften, finsteren Schatten und den abgestreiften Putz schnell beiseitezuschaffen, und ich hatte eine Sorge dabei, als wollte ich es als etwas die Braut Beschämendes vor den anderen Anwesenden verhermhchen. Es wollte nicht gleich weichen, ward aber immer kleiner, und ich schob es mit dem Schmuck in eine alte Lade, welche in der Nähe stand. Als ich es hineindrückte, schien en nur noch der Kopf und die Schultern davon da.
Die Braut war nachher ganz bleich, aber durch und durch hell und rein und erschien in ihrer Kleidung ganz einfach.
Bei dieser meiner Einmischung in das Bild sah ich auch die Heilige Jungfrau mitwirkend. Sie war auch bemüht, jene dunkle Gestalt zu vertreiben.
Es waren mit einzelnen Losen gewisse Genugtuungen verbunden. So erinnere ich mich, daß Braut und Bräutigam etwas Gewisses, was ich vergessen, aus der Synagoge holen und gewisse Gebete beten sollten.
Das Kraut, das Nathanael Cased gelost hatte, war ein Büschchen Ampfer. Die Frucht des Bräutigams habe ich wohl sonst oft gesehen; wie ich davon spieche, sehe ich gleich auch die Blüte und menge dann beides im Sprechen durcheinander. -
Die wunderbare Wirkung dieser Frucht zeigte sich, als der Bräutigam der Braut einen Teil der Frucht hingeschickt und sie beide davon gegessen hatten.
Auch bei allen den anderen Jüngern, welche Lose gewonnen und davon gegessen hatten, erwachten ihre eigenturnlichen Leidenschaften, widerstrebten inwendig und wichen von ihnen, oder sie wurden im Kampfe gegen dieselben gestärkt.
Es ist ein gewisses übernatürliches Geheimnis in allen Früchten und Kräutern, was seit dem Falle des Menschen und der Natur mit ihm ein natürliches Geheimnis geworden, von dessen Erüherem Inhalt nur noch ein Begriff in der Bedeutung, der Gestalt, dem Geschmack und der Wirkung dieser Geschöpfe übrig ist. In Träumen und auf himmlischen Tafeln erscheinen diese Früchte nach ihrer Bedeutung vor dem Fall, doch auch nicht immer ganz klar. Es ist nun alles zu verwirrt durch unseren Verstand und gewöhnlichen Lebensgebrauch derselben.
Die Frucht, welche das Brautpaar genossen, bezog sich auf die Keuschheit, und die Gestalt, die von ihnen wich, war die fleischliche, unreine Begierde. Ich weiß nicht, ob diese Gestalt, die ich sah, ein anderer in ähnlichem sehenden Zustand auch ebenso gesehen hätte. Ich weiß nicht, ob es das wirkliche Ausgehen eines sinnlichen Geistes aus der Braut besonders war oder nur ein Bild für mich, damit ich einsehe, was mit ihr vorgehe. *81
Als die Braut ohnmächtig wurde, nahm man ihr mehrere beschwerliche Putzkleidungsstiicke ab und mehrere Ringe von den Fingern, deren sie viele hatte. U. a. zog man ihr eine goldene Trichterspitze von... dem Mittelfinger, die wie ein Fingerhut darauf saß, und sonst auch Ketten und Spangen von Arm und Brust, um sie zu erleichtern. Sie behielt nichts an sich von Schmuck als den Trauring am linken Ringfinger, welchen ihr die Heilige Jungfrau geschenkt hatte, und am Hals ein Gehänge von dieser Gestalt Skizze, von Gold, schier wie ein gespannter Bogen gestaltet. In der großen Fläche war eine braune Masse wie die am Trauring Mariä und Josephs eingelegt, und darauf eine liegende Figur abgebildet, welche wie eine Blumenknospe vor sich hielt und betrachtete.. *82
Nach dem Spiele im Garten folgte das Hochzeitsmahl. Der Raum des Festhauses vor der geschmückten Feuerstelle war durch zwei niedere Schirmwände, so daß die zu Tisch liegenden Gäste einander sehen konnten, in drei Räume geteilt, in deren jedem eine schmale lange Tafel stand.
98 99
Jesus saß im mittelsten Raum oben an der Tafel, mit den Füßen gegen die geschmückte Feuerstelle zu An diesem Tische saßen Israel, der Brautvater, die männlichen Verwandten Jesu und der Braut und auch Lazarus.
An den Seitentafeln saßen die anderen Hochzeitsgäste und Jünger. Die Frauen saßen in dem Raum hinter der Feuerstelle, konnten aber alle Worte des Herrn hören. Der Bräutigam diente zu Tisch. Es waren jedoch auch ein Speisemeister mit einer Schürze da und einige Diener. Bei den Frauen dientenJ die Braut und einige Mägde.
Als die Speisen aufgetragen waren, wurde auch ein gebratenes Lamm vor Jesum gesetzt. Es hatte die Füße kreuzweis gebunden. Als nun der Bräutigam Jesu ein Kästchen brachte, worin die Zerlegemesser lagen, sagte Jesus zu ihm allein, er solle sich jener Kinder-mahlzeit nach seinem zwölften Osterfest erinnern, da Jesus eine Parabel von einer Hochzeit erzählt und ihm gesagt habe, er werde auf seine Hochzeit kommen. Dieses werde mit dem heutigen Tage erfüllt. Der Bräutigam wurde dadurch sehr ernsthaft, denn er hatte auf jenes Ereignis ganz vergessen.
Jesus war bei dem Mahle wie während der ganzen Hochzeit sehr heiter und zugleich lehrreich. Er begleitete jede Handlung des Mahles mit einer Auslegung ihrer geistlichen Bedeutung. Er sprach auch von der Fröhlichkeit und festlichen Aufheiterung. Er erwähnte, der Bogen müsse nicht immer gespannt sein, ein Feld müsse durch Regen erquickt werden. Er sagte Parabeln darüber.
Jesus zerlegte nachher das Lamm, und dabei erzählte er besonders wunderbare Dinge. Er sprach dabei vom Trennen des Lammes von der Herde, vom Auserwähltwerden, nicht zur eigenen Lust und Fortpflanzung, sondern um zu sterben, dann vom Braten und Ablegen der Hoheit durch das Feuer der Reinigung, dann vom Zerlegen der einzelnen Glieder. So müßten die, welche dem Lamme folgen wollten, sich auch trennen von den innigst fleischlich Verwandten, und als er die einzelnen Stücke herumreichte und sie das Lamm nun aßen, sagte er, also von den Seinigen getrennt und zerteilt werde das Lamm nun in ihnen allen eine sie gemeinsam verbindende Nahrung. So auch müsse, wer dem Lamme folge, seiner Weide entsagen, seinen Leidenschaften absterben, von den Gliedern seiner Familie sich trennen und eine Nahrung und Speise der Vereinigung werden durch das Lamm und in seinem himmlischen Vater, usw. Ich kann das alles nicht mehr so recht sagen.83
Es hatte jeder, ich weiß nicht, ob einen Teller oder Brotkuchen vor sich.
100
Jesus legte auf eine dunkelbraune Platte mit gelbem Rande vor, die herumgereicht wurde. Ich sah ihn manchmal ein Büschchen Kraut in der Hand halten und darüber lehren.
Jesus hatte den zweiten Gang des Hochzeitsmahles zu bestreiten übernommen, und es war für alles durch Mariä Mutter und Martha gesorgt. Er hatte ihr auch gesagt, er werde für den Wein dabei sorgen. Als nun der zweite Gang aus Vögeln, Fischen, Honigbereitungen und Früchten und einer Art Backwerk, welche Seraphia (Veronika) mitgebracht, auf dem Seitentisch aufgetragen war, trat Jesus hinzu und schnitt jedes Gericht an. Dann legte er sich wieder zu Tisch. Die Gerichte wurden aufgetragen, und der Wein fehlte. Jesus aber lehrte.
Der Heiligen Jungfrau lag dieser Teil des Mahles besonders zu besorgen ob, und da sie sah, daß der Wein mangle, so ging sie zu esu und erinnerte ihn besorgt, weil er ihr gesagt, er werde für den Wein sorgen; Da sagte Jesus, der von seinem himmlischen Vater gelehrt hatte, zu ihr 84 "Weib, bekümmere dich nicht (mach dir und mir keine Sorge), meine Stunde ist noch nicht gekommen!"
Es war dieses keine Härte gegen die Heilige Jungfrau. Er sprach zu ihr "Weib" und nicht "Mutter", weil er in diesem Augenblick in seinem Messiasamte als ein Sohn Gottes eine geheimnisvolle Handlung vor seinen Jüngern und allen Verwandten ausüben wollte und in göttlicher Kraft anwesend war. 85
Maria sagte nun also den Dienern, sie sollten die Befehle Jesu erwarten und erfüllen, und nach einiger Zeit befahl Jesus den Dienern, die leeren Krüge vor ihn zu bringen und umzukehren. Sie brachten die Krüge heran - es waren drei Wasser- und drei Weinkrüge - und zeigten, daß sie leer waren, indem sie dieselben über einem Becken umstülpten.
Jesus befahl ihnen, sie allesamt mit Wasser zu füllen, und sie trugen sie fort nach dem Brunnen, der sich in einem Kellergewölbe befand und aus einem steinernen Wasserkasten und einer Pumpe bestand. Die Krüge waren groß und schwer von Erde, und an einem vollen hatten zwei Mann an den beiden Henkeln des Kruges zu tragen. Sie hatten mehrere mit Zapfen geschlossene Röhren von oben nach unten, und wenn das Getränk bis zu einer gewissen Höhe geleert war, wurde der niederere Zapfen geöffnet und dieser Ausguß gebraucht. Die Krüge wurden beim Ausgießen nicht geholen, sondern nur auf ihren hohen Füßen etwas gesenkt. Skizze
Die Mahnung Mariä geschah leise, die Antwort Jesu laut, ebenso der Befehl, Wasser zu schöpfen. Als die Krüge gefüllt mit Wasser alle sechs zu dem Speise- oder Schanktisch gestellt waren, ging Jesus dahin und segnete die Krüge, und als er wieder zu Tische lag, sagte er ihnen: "Schenket ein und bringt dem Speisemeister einen Trunk!"
Da nun dieser den Wein versuchte, ging er zu dem Bräutigam und sagte, sonst gebe man den guten Wein zuerst, und wenn die Gäste berauscht seien, dann gebe man gewöhnlich schlechteren. Er habe aber den köstlichen Wein zuletzt gegeben. Er wußte nicht, daß dieser Wein von Jesu zu besorgen übernommen war, wie dieser ganze Teil des Mahles, was allein nur der heiligen Familie und der Hochzeitsfamilie bekannt war. Da tranken auch der Bräutigam und der Brautvater mit großem Erstaunen, und die Diener beteuerten, daß sie Wasser geschöpft und die Trinkgefäße und die Becher auf den Tafeln gefüllt hätten. Es tranken nun alle.
Es war aber kein Lärm über das Wunder. Es war eine Stille und Ehrfurcht in der ganzen Gesellschaft, und Jesus lehrte viel über dieses Wunder. Er sagte u. a., die Welt gebe den starken Wein zuerst und betrüge die Berauschten mit schlechtem Getränk, so aber nicht das Reich, welches sein himmlischer Vater ihm gegeben. Das reine Wasser werde da zu köstlichem Wein, wie die Lauigkeit zum Geiste und starkem Eifer werden müsse.
Er sprach auch von der Mahlzeit, welche er in seinem zwölften Jahr nach der Rückkehr von der Lehre im Tempel mit mehreren der hier Anwesenden als Knaben gefeiert, und wie er damals von Brot und Wein gesprochen und eine Parabel von einer Hochzeit erzählt habe, wo das Wasser der Lauigkeit werde in den Wein der Begeisterung verwandelt werden, und dieses nun vollbracht sei. Dann sprach er auch noch, sie würden größeres Wunder erleben. Mehrere Ostern werde er halten, und an den letzten Ostern werde Wein in Blut, und Brot in Fleisch verwandelt werden, und er werde bei ihnen bleiben und sie trösten und stärken bis ans Ende. Sie würden auch nach jenem Mahle Dinge an ihm geschehen sehen, welche sie jetzt nicht verstehen könnten, so er sie ihnen sagte.
Er sagte dieses alles nicht so plan hin, sondern es war in Parabeln gehüllt, welche ich vergessen habe. Es war aber dieses der Sinn davon. Und sie hörten alle mit Scheu und Verwunderung. Alle aber waren wie verwandelt durch diesen Wein, und ich sah, daß sie nicht durch das Wunder allein, sondern auch mit dem Wein selbst, wie früher durch die Früchte, innerlich eine weseniliche Stärkung und Veränderung empfangen hatten, und alle seine Jünger, seine Verwandten und alle Festgenossen waren nun überzeugt von seiner Macht und Würde und seiner Sendung. Sie glaubten alle an ihn, und in allen war dieser Glaube gleich verbreitet, und sie waren alle besser und einig und innig geworden, die von dem Wein getrunken hatten. So auch war er hier zum ersten Mal in seiner Gemeinde, und es war das erste Zeichen, welches er in derselben und für dieselbe zu seiner Bestätigung in ihrem Glauben getan. Darum auch wird es als erstes Wunder in seiner Geschichte erzählt, wie das Abendmahl als das letzte, wo sie bereits glaubten.
Am Schlusse des Mahles kam der Bräutigam noch zu Jesu allein und sprach mit ihm sehr demütig und erklärte ihm, wie er aller fleischlichen Begierde sich abgestorben fühle und gern mit seiner Braut in Enthaltung leben mö chJ te, so sie es ihm gestatte, und auch die Braut kam zu Jesu allein und sagte dasselbe, und Jesus rief sie beide zusammen und sprach mit ihnen von der Ehe und der gott-gefälligen Reinheit und hundertfältigen Früchten des Geistes. Er sprach von vielen Propheten und heiligen Leuten, welche keusch gelebt und dem himmlischen Vater ihr Fleisch geopfert, und wie sie viele verlorene Menschen, die sie zum Guten zurückgeführt, gleich geistlichen Kindern gewonnen hätten, und wie ihre Nachkommenschaft groß und heilig sei. Er sprach alles dieses im Sinne von Zerstreuen und von Sammeln, und sie taten ein Gelübde der Enthaltung, als Bruder und Schwester zu leben auf drei Jahre. Sie knieten auch vor Jesu, und er segnete sie.
Am 3. Januar (= 5.-6. Thebet, Donnerstag) sagte sie, da ihre schwere Krankheit begann, nichts als:
Jesus hatte im Fesihaus gelehrt. Man ist nicht mehr ins Freie gegangen. Mehrere Jünger des Johannes und auch Lazarus und Martha seien abgereist. Ich habe sie im Stehen gesehen, wobei alle auf-geschürzt waren. Lazarus ist beim ganzen Fest als ein besonders vornehmer Mann mit Auszeichnung von dem Brautvater behandelt worden, der sich persönlich viel um seine Bedienung bemühte. Er ist sehr fein gesittet, ernst und mit freundlicher Zurückhaltung in seinem Betragen. Er ist rahig, redet wenig und achtet ganz innig auf Jesum.
Am Abend dieses Tages, womit der 6. Thebet und vierte Tag der Hochzeit begann, hatte man Braut und Bräutigam in ihr Haus eingeführt mit einem feierlichen Zuge. Es ward ein Leuchter dabei getragen mit brennenden Lichtern, welche einen Buchstaben darstellten.
102 103
Kinder gingen vor dem Zug und trugen vor dem Zug auf Bahnen Stoffes eine offene und eine geschlossene Blumenkrone und zerpflückten dieselben vor dem Hause der Brautleute und streuten sie umher. Jesus war in dem Hause und segnete sie. Die Priester waren zugegen. Sie sind seit dem Wunder Jesu bei dem Mahle ganz demütig und ließen ihn alles verrichten.86
Am 4 Januar (= 6.-7. Thebet): Es seien die meisten übrigen Gäste, auch Maria und die anderen heiligen Frauen abgereist. Nathanael Cased, die Söhne Kleophü, die Brüder Jesu und andere Jünger waren noch da. Am Abend des 4. Januar, dem Sabbath, dem Beginn des 7. Thebet, habe Jesus in der Synagoge gelehrt. Er habe auch von diesem Fest gelehrt und von dem Gehorsam und der frommen Gesinnung dieses Brautpaares usw.
Am 5. Januar (= 7.-8. Thebet):
Heute war ein jüdischer Fasttag, aber weil Sabbath war, wurde er auf den folgenden Tag, den 9. Thebet, verlegt. Der 10. war auch ein Fasttag, und also zwei hintereinander. An diesem Sabbath lehrte Jesus zweimal in der Synagoge zu Kana, und als er herausging, ward er von Leuten, die sich vor ihm niederwarfen, um Hilfe für Kranke angerufen.
Er tat hier zwei wunderbare Heilungen. Ein Mann war von einem Turme herabgesturzt. Er war tot und hatte alle Glieder zerschmettert. Jesus trat zu ihm, legte ihm die Glieder in Ordnung, berührte die Brüche und befahl ihm aufzustehen und nach Haus zu gehen, welches er tat, nachdem er gedankt hatte. Er hatte Frau und Kinder.
Er ward auch zu einem Besessenen geführt, der an einen Stein gefesselt war, und er befreite ihn. Er heilte auch Wassersüchtige und eine blutilüssige Frau, die eine Sünderin war. Es waren sieben, die er heilte. Die Leute hatten nicht kommen dürfen während des Festes, und da es verlautete, er würde nach dem Sabbath wegziehen, ließen sie sich nicht mehr halten. Die Priester ließen ihn nach dem Wunder auf der Hochzeit auch alles tun, und diese Wunder geschahen in ihrer Gegenwart allein. Die Jünger waren nicht dabei.
Als der Sabbath vollendet war, ging Jesus noch in der Nacht mit seinen Jüngern nach Kapernaum. Der Bräutigam und sein Vater und mehrere andere begleiteten ihn noch ein Stück Wegs. Die Armen hatten sehr viel bei dem Hochzeitsmahl erhalten, denn nichts kam zum zweiten Male auf den Tisch. Alles wurde gleich ausgeteilt.
Morgen und übermorgen sind Fasttage, und ich sah schon vor Sabbath auf diese Fasttage voraus gekocht. Alles Feuer wurde zugesetzt und überflüssig, Fenster geschlossen. Die Wohlhabenden haben Stellen am Herd, wo unter heißer Asche alles warm bleibt.
13. April 1822 / Tagebuch Bd. v, Heft 7 / Viertelseiten 57-58
Jesus hielt den Sabbath bei Lazarus in Bethanien, wohin er gestern nach dem Lärm, den seine Heilung im Tempel verursacht, sich zurückgezogen. Nach dem Sabbath aber suchten die Pharisäer Jesum im Hause der Maria Markus in Jerusalem, um ihn einzuziehen. Sie fanden ihn aber nicht, sondern seine Mutter und andere heilige Frauen, und geboten diesen als seinen Anhängerinnen mit harten Worten, die Stadt zu verlassen. Da wurden die Mutter Jesu und die anderen heiligen Frauen sehr betrübt und eilten weinend nach Bethanien zu Martha.
Ich sah Maria laut weinend in die Stube kommen, wo Martha bei ihrer kranken Schwester, der stillen Maria, war. Maria ward ohnmächtig vor Betrübnis, und die stille Maria, welche wieder ganz im äußeren Leben war und alles, was sie sonst im Geiste gesehen hatte, wirklich werden sah, konnte ihre Betrübnis nicht mehr ertragen und starb in der Gegenwart Mariä, Maria Kleophä, Marthas und der anderen. Sie wurde nachher in ein neues Grab nicht weit vom Hause des Lazarus gelegt, welches ich gesehen. Ihr Begraben sah ich nicht.
Nikodemus kam in dieser Nacht durch Lazan Vermittlung zu Jesu, den er zwar schon oft früher bei Lazarus gesehen und gehört, aber noch nie allein vertraut gesprochen hatte. Er kam trotz der ausgebrochenen Verfolgung zu ihm, und ich sah Jesum die ganze Nacht neben ihm an der Erde liegend lehren.
14. April f1822J 1 Tagebuch Bd. V, Heft 7 / Viertelseiten 58-59
Jesus ging mit Nikodemus vor Tagesanbruch nach Jerusalem in Lazan Haus am Sion. Hier kam auch Joseph von Arimathia zu ihm. Der Herr sprach mit ihnen, und sie demütigten sich vor ihm und erklärten, daß sie wohl erkennten, wie er mehr als ein Mensch sei. Sie gelobten ihm zu dienen treu bis ans Ende. Jesus aber gebot ihnen Zurückhaltung, und sie baten ihn, er möge sie in der Liebe erhalten. Es kamen auch noch an dreißig Jünger, alle, die das Passah mit ihm gegessen. Er gab ihnen mancherlei Lehren und Befehle für die nächste Zukunft. Sie reichten einander die Hände und weinten und trockneten sich die Tränen mit ihren Schleiern, der schmalen Halsbahn, welche sie auch um das Haupt hüllten.
104 105
Lazarus brachte die Mutter Jesu am Morgen in eine der Herbergen vor Bethanien. Die stille Maria sah ich tot liegen und Trauer im Haus.
Die entfernteren Jünger zerstreuten sich bald nach ihrer Heimat und wohin Jesus sie beschieden. Maria kam wieder in Lazari Haus, und die Pharisäer stellten sie in dem Haus und außer demselben, wo sie sie fanden, wie auch die anderen heiligen Frauen zur Rede und drohten ihr sogar mit Landesverweisung.
Sie zogen hierauf zuerst nach Nazareth und dann nach Kapernaum in ihre Wohnung zurück...
Jesus war noch einige Tage verborgen in Bethanien und der Gegend. Eine Stunde von Bethanien lag das Örtchen Bahurim, wo David vor Absalom fliehend von Simei mit Steinen beworfen und gelästert ward. Dort hielt Jesus sich öfters auf, wenn er am Tempel verfolgt wurde, auch da sie ihn einmal am Tempel steinigen wollten...
Jesus verließ etwa nach acht Tagen Bethanien und ging durch Samarien bis hinauf zum Galiläischen See und fuhr zum südlichen Ende über, wo er seinen Jüngern nach der Auferstehung erschienen war und Fische mit ihnen aß.
Er ging jenseits südlich nach Sukkoth in die Gegend von Amon, wohin sich Johannes mit seiner Taufe vom mittleren Taufort oberhalb Bethabara zurückgezogen hatte. Er wandelte und lehrte dort mit den Jüngern des Johannes an acht Tage. Mit ihm selbst ist er nicht zusammengekommen. Johannes aber verstand aus dem, was er durch seine Jünger von Jesu Worten vernahm, daß sein Amt des Vorläufers sich zu Ende neige.
Jesus kam von Sukkoth wieder heimlich nach Bethanien und hi~t sich bei Lazarus, und was mich wunderte, bei Simon dem Pharisäer verborgen auf, hatte auch nochmals eine einsame Unterredung mit Nikodemus und sprach dann noch öfter mit ihm und Joseph von Arimathia.
!Mai 1822J/ Tagebuch Bd. v, Heft 7/ Viertelseiten 62-71
Etwa drei Wochen nach Ostern war es, als Jesus von Bethanien zu der Taufstelle ganz bei On ging. Alle Einrichtungen waren durch Aufseher gehütet worden. Es hatten sich dort wieder Jünger gesammelt, und es war viel Volk da bei On. -Ich sah Jesum am Abhang sich gegen den Lehrstuhl lehnend sitzen und die im Kreis umher sitzenden und stehenden Menschen
lehren. Es hörten ihm sehr viele Leute, auch Jünger von Johannes und seine Jünger.. . zu. An einzelnen Stellen umher waren erhöhte Gerüste von Holz errichtet, worauf Leute saßen.
Ich sah aber ein Bild in ~er Ferne. Ein König in einer Stadt, nicht sehr weit von Damaskus, war krank. Er hatte einen Ausschlag, aber noch nicht ganz äußerlich. Er war ihm in die Füße getreten, und er hinkte. Dieser König war ein guter Mann, und ich sah, daß ihm Reisende viel von Jesu erzählten, von seinen Wundern und dem Zeugnis des Johannes, und auch wie die Juden gegen ihn auf dem Passah so erbittert gewesen.
Ich sah, daß dieser König eine große Liebe und Begierde zu Jesu gewann, und wünschte, von ihm geheilt zu werden, und daß er einen Brief an ihn schrieb, er möge doch kommen und ihn heilen.
Ich sah auch, daß er einen jungen Mann, der malen konnte, von seinen Hofleuten rief und ihm den Brief an Jesum gab und ihm befahl, wenn Jesus nicht selbst komme, so solle er ihm doch sein Bildnis bringen. Ich sah auch, daß er ihm Geschenke mitgab, und daß der Gesandte auf einem Kamel ritt und noch sechs bei sich hatte, die auf Maultieren ritten.
Ich sah diesen Mann in einiger Entfernung von dem Lehrplatz mit seinem Gefolge anhalten, wo auch andere Leute ihre Zelte aufgeschlagen hatten, und ich sah, daß er sich vergebens bemühte, zu Jesu zu gelangen, denn er wünschte, wenn er ihn auch jetzt wegen der Lehre nicht sprechen könnte, doch diese Lehre zu hören und zugleich das Angesicht Jesu abzubilden.
Er war wohl schon ein paar Stunden vergebens bald hier bald dort genaht, ohne durch die aufmerksame Volkmenge durch zu können, als Jesus einem in seiner Nähe stehenden Johannisjünger sagte, er solle dem Manne, der dort hinter den Leuten herumwandle und nicht zukommen könne, Platz machen und ihn auf ein nicht weit von ilun stehendes Gerüst führen.
Der Jünger brachte nun den Gesandten auf diesen Sitz und stellte seine Begleiter mit den Geschenken, die in Stoffen und aneinander geringten Goldblättchen und in mehreren Kuppeln sehr feiner Wolllämmer, die sie an Schnüren führten, bestanden, auf, so, daß sie sehen und hören konnten.
Der gute Gesandte, froh, daß er endlich Jesum sah, wollte nun die Zeit nicht versäumen und legte gleich seine Malergerätschaft vor sich auf seine Knie, sah Jesum mit großer Verwunderung und Aufmerksamkeit an und arbeitete. Er hatte ein weißes Täfelchen vor sich wie
io6 107
von Buchsbaum. Da riß er erst wie mit einem Stift den Umriß von Jesu Kopf und Bart ohne Hals hinein, und dann war es, als schmiere er etwas Dickes wie Wachs darauf herum, und dann hatte er wie Formen, die er hineindrückte, worauf er dann wieder mit dem Stift allerlei hineinriß und dann wieder tupfte und abdrückte. So arbeitete er lange fort und konnte nie recht zustandekommen, und sooft er Jesum ansah, war es, als erstaune er über sein Antlitz und müsse wieder frisch arbeiten. Lukas malte nicht ganz auf diese Weise. Er wendete auch Pinsel an. Dieses Bild hier schien mir teils erhaben, so daß man es auch fühlen konnte.
Jesus lehrte noch eine Zeitlang weiter un~ sandte dann den Jünger zu dem Mann und ließ ihm sagen, er möge näherkommen und seine Sendung erfüllen. Da ging der Mann von sein em Sitze herab zu Jesu, und die Diener mit den Geschenken und Lämmern gingen hinter ihm her. Er hatte ohne Mantel kurze Kleider an, schier nach der Weise eines der heiligen drei Könige. An dem linken Arm hatte er sein Gemälde an einem Riemen hängen. Es war herzförmig wie ein Schild, und in der Rechten hatte er das Schreiben des Königs. Es sah dieses in seiner Hand so eingeschlagen aus. (Sie faltete ein Tuch wie diese Figur zeigt Skizze).
Er warf sich vor Jesu auf die Knie und verbeugte sich tief, so auch die Diener. Er sagte: "Dein Knecht ist der Diener Abgars, des Königs von Edessa, der krank ist und dir diesen Brief sendet und dich bittet, diese Gaben von ihm anzunehmen." Da nahten die Knechte mit den Geschenken, und Jesus sagte ihm, es gefalle ihm die gute Meinung seines Herrn, und befahl den Jüngern, die Geschenke zu sich zu nehmen und den ärmsten Leuten hier herum anzuwenden.
Jesus faltete nun den Brief auseinander und las ihn. Ich erinnere mich noch, daß u. a. darin stand, er könne Tote erwecken, und er bitte ihn, zu ihm zu kommen und ihn zu heilen.
Der Brief war, als sei die Fläche, worauf geschrieben war, Steiferes. Die ganze Umgebung des Briefes war weich wie von Zeug, Leder oder Seide, worin der Brief eingeschlagen wurde. Auch sah ich einen Haken dran hängen.
Als Jesus den Brief gelesen hatte, drehte er die Brieffläche um und schrieb mit einem starken Stift, den er aus dem Busen seines Gewandes zog und aus dem er etwas herausschob, auf die Art wie die Bauern faules Holz aus den Zunderbüchsen herausschieben, auf die andere Seite des Briefes mehrere Worte ziemlich groß und schlug den Brief wieder ein.87
Er ließ sich dann Wasser geben, wusch sich das Angesicht und drückte das weiche Umschlagende des Briefes gegen sein Angesicht und gab es dem Gesandten, der damit auf das Bild drückte, was ihm, glaube ich, Jesus gesagt, und nun war das Bild ganz anders und ganz ähnlich. Der Maler war voll Freude, und ich sah, daß er das Bild an dem Riemen hängend in der Nähe gegen die Zuschauer wendete, sich dann vor Jesu niederwarf und sogleich wieder abreiste.
Einige seiner Diener blieben zurück und folgten Jesu, der nach dieser Lehre über den Jordan an den zweiten Taufort zog, den Johannes verlassen hatte. Die ließen sich dort taufen.
Ich sah auch, daß der Gesandte vor einer Stadt bei etlichen langen Steingebäuden, wie Ziegelbrennereien, übernachtete, und daß am anderen Morgen einige Arbeiter, weil sie ein helles Leuchten wie einen Brand gesehen, ungewöhnlich früh herzukamen, und daß irgend etwas Merkwürdiges mit dem Bild vorgegangen war. Es war ein großer Zusammenlauf. Ich meine, er zeigte es ihnen, und ich sah, daß das Tuch, womit Jesus sich berührt, auch das Bild enthielt, aber es war auch da noch etwas mit dem Bilde geschehen, was mit dem frühen Kommen der Arbeiter zusammenhing, was ich aber leider vergessen habe.
Ich sah auch, daß der Gesandte ankam und der König ihm eine Strecke durch seine Gärten entgegenkam und durch den Brief und das Bild unbeschreiblich gerührt war. Er besserte auch gleich sein Leben und schaffte die vielen Frauen ab, mit denen er sich versündigt hatte.
Ich habe früher einmal gesehen, wie nach dem Tode des Sohnes dieses Königs bei einem bösen Nachfolger das Gesichtsbild Jesu, welches öffentlich ausgestellt war, von einem frommen Bischof nebst einer brennenden Lampe durch einen vorgestellten Ziegel lange vermauert und nach langer Zeit wieder entdeckt wurd~, da das Bild sich auch in den vorgestellten Stein abgebildet hatte. Ich erinnere mich des noch unbestimmt.
Es fällt mir hier auch eine Statue ein, welche die geheilte blut-flüssige Frau aus Dankbarkeit Jesu in Cäsarea aufrichten ließ. Sie war von Erz und stellte vor, wie sie seinen Saum berührte und er sich gegen sie wendete. Dieses Bild stand auf einem niedrigen Fuß, von einem kleinen Gärtchen umgeben, und wenn die Kräuter des Gärtchens an den Saum des Gewandes Jesu im Bild gerührt hatten, so wurden sie von blutilüssigen Frauen gebrochen und hatten die Kraft, sie von ihrem Leiden zu heilen. Die Tafel, worauf das Bild
io8 109
für Abgar gemalt wurde, war herzförmig. Der Brief des Abgar war wie ein auf ein... gefärbtes seidenes Tuch aufgeheftetes Pergament. Die Faltung ging so vonstatten LSkizzen.
JMaiJ 1822 / Tagebuch Bd. V, Heft 7 / Viertelseiten 73-77
Etwa drei Wochen nach dem Osterfest zog Jesus von On, wo er bis jetzt gelehrt und zur Taufe bereitet hatte, mit den Jüngern hinüber oberhalb Bethabara, Gilgal gegenüber, an den mittleren Taufort, den Johannes verlassen und Jesu Taufjünger schon vorbereitend eingenommen hatten. Er ließ hier durch Andreas, Saturnin, Petrus und Jakobus taufen, eine große Menge, wohl vierzehn Tage. Es zogen viele Johannisjünger sich zu ihm, und er hatte mehr Täuflinge als Johannes.
Jesus redete höher von der Taufe, und seine Milde, der Strenge und Rauheit Johannis gegenüber, gewann ihm größeren Ruhm und größere Liebe im öffentlichen Ruf, als jener hatte. Es entstand dadurch allerlei Disputieren zwischen Johannisjüngern und Juden, die von Jesu Jüngern getauft waren, über die Verschiedenheit der Reinigung in beiden Taufen. Die Johannisjünger aber waren eifersüchtig über Jesu größeren Erfolg, und daß so viele Zuhörer Johannis zu ihm kamen, und brachten Klage darüber vor Johannes. Der gab ihnen die Antwort, die im Evangelium steht (Joh. III, 22-36)...
Dieser Streit über die Verschiedenheit der Reinigung in beiden Taufen, das bedeutende Zeugnis für Jesum in Johannis Antwort und der große Zulauf bei Jesu Taufstelle erregten ein neues Aufsehen bei den Pharisäern, und sie legten ein zusammenhängendes Verfolgen, Widersprechen und Unterdrücken gegen ihn und seine Jünger an. Sie 5 and ten Boten mit Briefen an alle Synagogen und Lehr-aufsichten des Landes, man solle ihn ausliefern, wo man ihn fände, man solle seine Jünger ergreifen und über seine Lehre ausfragen und sie zurechtweisen.
Während die Pharisäer mit diesen Anstalten beschäftigt waren, verließ Jesus in der Stille den Taufort, und auch die Jünger zerstreuten sich nach ihrer Heimat. Jesus aber zog ohne zu verweilen über den Jordan durch Samarien und Galiläa, über Sychar, Libnath und das Land Kabul in die Grenzen von Tyrus.
Um diese Zeit, in der Mitte des Mai, sah ich den Täufer von Herodes gefangennehmen lassensR Er ließ ihn durch Soldaten von Sukkoth unter dem Vorwand einer dringenden Einladung nach
Kallirhoe bringen. Jesus hatte es ihm kurz vorher durch Jünger verkünden lassen.
Herodes hielt ihn in einem Gewölbe seines Schlosses gefangen. Niemand durfte zu ihm. Er verhörte ihn oft. Sein Weib war schuld an dieser Gewalttat. Er selbst hatte eine große Achtung vor ihm and verlangte nur, er solle nicht gegen seine verbrecherische Ehe schmähen. Am Dreifaltigkeitssonntag im Juni sah ich ihn in seinem Gefängnis.
Nachdem Johannes auf diese Weise etwa sechs Wochen gefangen gewesen, gab ihm Herodes wieder die Freiheit.
Auf dieser Reise, als Jesus mit mehreren Jüngern in zerstreuten Scharen durch Samaria nach dem Felde Esdrelon wandelte, sah ich Bartholomäus von der Taufe Johannis nach seiner Heimat Dabbeseth zurückwandelnd auf dem Wege mit den Jüngern zusammentreffen, welche von den Taten Jesu sprachen. Andreas besonders sprach ihm mit großer Begeisterung von dem Herrn. Barcholomäus hörte alles mit Freude und Ehrfurcht an, und Andreas, welcher sehr gern unterrichtete Männer zu Jüngern vorschlug, nahte sich Jesu und sprach ihm von Bartholomäus, daß dieser ihm wohl gern nachfolgen werde. Da nun indessen Bartholomäus an Jesu vorüberging, zeigte Andreas denselben Jesu. Der Herr aber blickte ihn an und sprach zu Andreas:
" Ich kenne ihn, er wird folgen, ich sehe Gutes in ihm und werde ihn seiner Zeit berufen."
Bartholomäus lebte in Dabbeseth nicht weit von Ptolomais und war ein Schreiber. Ich sah auch, daß er hierauf mit Thomas zusammenkam, diesem von Jesu sprach und ihn demselben geneigt machte...
Auf dieser eilenden Reise gen Tyrus89 gingen besonders in Galiläa abwechselnd Jünger und Verwandte mit ihm, die hie und da mit ihm zusammenstießen und ihn streckenweise begleiteten und teils wieder verließen. Er ermahnte sie zur Beharrlichkeit in bevorstehender Bedrängnis, unterrichtete sie über ihr Verhalten..., gab ihnen auch verschiedene Aufträge an die Seinigen und andere Jünger.
Er litt aber auf dieser Reise großen Mangel. Ich sah verschiedene Male, wie Saturnin oder andere begleitende Jünger Brot in einem Korb herbeitrug en, und wie Jesus die harten Rinden in Wasser erweichte, um sie essen zu können...
Während Jesus in den Grenzen von Sidon und Tyrus lehrte und heilte, wobei immer ab- und zugehend einige weniger bekannte Jünger waren, traten die Anstalten der Pharisäer in Ausübung. Man
110 III
zog die Jünger nach ihren Gegenden in Jerusalem, und die galilänchen in Senabris vor großen Versammlungen in Synagogen und Schulen zur Rechenschaft über Jesum und seine Lehren und Absichten und ihr Treiben mit ihm, und die Pharisäer tribulierten sie auf alle Art. Petrus, Andreas und Johannes habe ich auch einmal mit gebundenen Händen gesehen. Sie zerissen aber ihre Bande mit leichter Bewegung, wie durch ein Wunder, und wurden, wie alle in Senabris, in der Stille entlassen und begaben sich wieder nach Bethsaida und Kapernaum an ihr Gewerbe.
Juni 1822 / Tagebuch Bd. V, Heft 7 1 Viertelseite 77
Als diese Händel vorüber waren, kam Jesus aus den Grenzen von Sidon und Tyrus wieder in der Stille nach Kapernaum ins Haus seiner Mutter und tröstete sie. Hier kamen seine Jünger mit ihm zusammen und erzählten ihre Bedrängnisse. Er beruhigte sie, empfahl ihnen Ausdauer und verhieß ihnen, sie zu berufen und auszusenden.~""~ ~
Jesus ging von hier nördlich einige Stunden in zwei Städte an einen schilfigen kleinen See. Ich weiß nicht genau zu bestimmen, warum ich meine, es sei eine fremde Gegend zwischen sie und Galiläa eingeschoben.91
10.-il. Juli 1822 (= i6. Thammuz) / Tagebuch Band V, Heft 8 I Viertel-seiten 7~83
... Jesus lehrte von der Buße, von der Reinigung und Abwaschung durch das Wasser, auch von Moses, von den zerbrochenen Gesetzestafeln, vom Goldenen Kalb, von Donner und Blitz auf Sinai.
Ich meine auch, daß morgen, 11. Juli (17. Thammuz), Fasttag wegen der zerbrochenen Gesetzestafeln sein wird, denn heute morgen schon versetzten die Leute hier das Feuer und kochten nicht mehr.
Als Jesus mit seiner Lehre ganz fertig war und bereits mehrere Leute, auch der Oberste, nach der Stadt zurückgegangen waren, trat ein alter, großer, wohlgebildeter Jude mit einem langen Bart ganz kühn vor Jesum an den Lehrstuhl und sagte: "Nun will ich auch mit dir sprechen. Du hast dreiundzwanzig Wahrheiten vorgebracht, es gibt deren aber vierundzwanzig." Und nun zählte er eine Reihe Wahrheiten hintereinander her und begann zu disputieren.
Jesus aber sagte ihm: "Ich habe dich um deiner eigenen Bekehrung wegen hier geduldet und hätte dich sonst vor allem Volke hinweggewiesen, denn du bist ohne Einladung hierhergekommen. Du sagst, es gäbe vierundzwanzig Wahrheiten, und ich hätte nur dreiundzwanzig gelehrt. Du setzt mir aber schon drei zu, denn es gibt nur zwanzig, die ich gelehrt." Und zählte Jesus zwanzig Wahrheiten nach dem Buchstaben des hebräischen Alphabets her, wonach jener auch hergezählt hatte, und lehrte hierauf über die Sünde und Strafe derjenigen, welche der Wahrheit etwas hinzusetzen. Der alte Jude wollte aber auf keine Art sein Unrecht erkennen, und es waren Leute da, die ihm beistimmten und ihn mit Schadenfreude anhörten. Jesus aber sagte zu ihm: "Du hast einen schönen Garten, bringe mir die erlesensten, edelsten der Früchte. Sie sollen verderben zum Zeichen deines Unrechts. Du hast einen geraden, gesunden Körper. Du sollst verkrümmen, so du Unrecht hast, auf daß du sehest, wie das Edelste verdirbt und mißgestaltet wird, so man der Wahrheit etwas hinzusetzt. So du aber ein einziges Zeichen zu tun vermagst, sollen deine vierundzwanzig Wahrheiten wahr sein."
Da eilte der Jude mit einigen Gehilfen in seinen nicht entfernten Garten. Er hatte darin alles, was nur selten und kostbar war an Früchten und Gewürz und Blumen, auch in Gittern allerlei ausgesuchte seltene Tiere und Vögel, und in der Mitte war ein zierliches Wasserbecken mit seltenen Fischen zu seiner Lust. Schnell sammelte er mit seinen Freunden die edelsten Früchte, gelbe Äpfel und jetzt schon Trauben in ein paar kleine Körbe, kleinere Früchte aber in einer wie von durcheinandergeflossenen bunten Glasfäden geschliffenen Schale. Außerdem nahm er auch in Gitterkörben verschiedene Vögel und seltene Tiere von der Größe eines Hasen und einer Katze mit sich.
Jesus hatte unterdessen noch von der Hartnäckigkeit gelehrt, und von der Zerstörung, welche durch das Zusetzen zu der Wahrheit erfolge.
Als nun der Jude mit seinen Begleitern alle seine Raritäten in den Körben und Käfigen um den Lehrstuhl Jesu niedergesetzt hatte, gab es ein großes Aufsehen in der Versammlung. Da er aber stolzierend hartnäckig auf seiner früheren Behauptung blieb, erfüllten sich die Worte Jesu an allem, was er gebracht hatte.
Die Früchte begannen sich innerlich zu bewegen, und es brachen von allen Seiten häßliche Würmer und Tiere aus ihnen hervor, welche sie zerfraßen, so daß bald von einem Apfel nichts mehr
112 113
übrigblieb als ein Stückchen Schale, auf dem Kopf eines Wurmes hin- und herschwankend. Die mitgebrachten Tiere aber sanken tot in sich zusammen und wurden wie rohes, faules Fleisch, so ekelhaft, daß die Versammlung, welche sich neugierig herangedrängt, entsetzt zu schreien und sich abzuwenden begann, um so mehr als der Jude zu gleicher Zeit ganz gelb und bleich ward und sich nach der einen Seite krumm zusammenzog.
Das Volk begann bei diesem Wunder ein ungeheures Geschrei und Getöse, und der alte Jude wehklagte, bekannte sein Unrecht und flehte zu Jesu um Erbarmen. Es war ein solcher Tumult, daß der Oberste aus der Stadt, welcher schon wieder iurückgegangen war, gerufen werden mußte, um die Ruhe herzustellen, da der Jude sein Unrecht bekannte und eingestand, daß er zur Wahrheit etwas hinzugefügt habe.
Er hatte auch in Gitterkörben verschiedene Vögel und seltene Tiere von der Größe eines Hasen und einer kleinen Katze lebendig mitgebracht und vor dem Lehrstuhl an die Erde niedergesetzt. Diese sanken aber zusammen und wurden wie Stücke rohes Fleisch. Auf die heffige Buße des Mannes und auf sein Flehen zu allen Anwesenden, sie sollten doch für ihn bitten, daß er wieder geheilt werde, segnete Jesus die Dinge, die er gebracht, und ihn, und alles kehrte alsbald wieder in seinen vorigen Zustand, die Früchte, die Tiere und der Mann, welcher sich mit Tränen dankend vor Jesu niederwarf.
Dieser Mann hat sich so bekehrt, daß er einer der treuesten Anhänger Jesu ward und noch viele andere zur Bekehrung brachte. Er teilte aus Buße einen großen Teil seiner schönen Gartenfrüchte an die Armen aus.
Dieses Wunder machte einen großen Eindruck auf alle Zuhörer, welche alle, um zu essen, ab- und zugegangen. Solch ein Wunder war hier wohl nötig, denn diese Leute waren, wenn sie auch von ihren Irrtümern überzeugt wurden, doch sehr hartnäckig, wie dieses meistens bei Leuten gemischter Abkunft der Fall ist, denn sie stammten von Samaritern, die in gemischte Ehen mit Heiden getreten und von Samaria vertrieben worden waren. Sie fasteten nicht wegen der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem, sondern wegen der Vertreibung aus Samaria. Sie gestanden zwar ein und klagten, daß sie in Irrtum gefallen, wollten aber doch nicht davon ablassen.
Sie hatten aber Jesum besonders gut aufgenommen, weil nach einer alten Offenbarung, die noch... den Heiden vorgekommen,
viele Zeichen eingetroffen waren, in deren Zeit ihnen Gnade von Gott widerfahren sollte. Jene Offenbarung war an dem Orte geschehen, den sie den Gnadenort nannten, wo jetzt der Badegarten war.
Ich weiß nur noch, daß diese Heiden damals in großer Bedrängnis an diesem Ort beteten, mit zum Himmel emporgestreckten Händen, und daß ihnen verkündet wurde, wenn sich neue Quellen in den See ergießen würden und eine neue Quelle sich hier in den Brunnen ergießen, und wenn die Stadt sich nach dieser Seite bis zu dem Brunnen hinziehen würde, dann sollten sie die Gnade erhalten. Nun waren aber in dieser Zeit schier alle diese Zeichen erfüllt. Es ergossen sich damals, ich meine, fünf Wasser in den See oder in diesen und den Jordan in der Nähe, auch war ein Zeichen mit einem Arm des Jordans erfüllt, und es war auch neues gutes Wasser in den Brunnen am Gnadenort geflossen.
An diesem Ort wird Jesus taufen, und es können sich alle diese Wasserprophezeiungen auf den Taufbrunnen beziehen. Sie hatten auch hier schlechtes Wasser.
Die Stadt hatte sich ganz nach dieser Seite hingezogen. An der
Nordseite lag sie tief und schwarz und voll Sumpfnebel, und es
wohnte da nur heidnisches Gesindel in kleinen Hütten. Nach der
Südostseite aber waren viele neue Häuser und Gärten und neue
Bauanlagen bis zum Gnadenort.
Der Gnadenort lag tief, und es war eben umher. Durch eine Ufer-veränderung und einen entstandenen Berg hatte sich ein Arm vom Jordan westlich bis an diesen Garten gewendet und vereinte sich dann mit dem kleinen Fluß und kehrte mit diesem in sein Bett zurück. Es war dieses eine ziemliche Strecke. "Wenn das Jordan-wasser hier flösse", war eines jener Zeichen. Die Leute hatten hier keine Abgötterei, selbst die Heiden nur heimlich in Kellern. Sie waren samaritische Juden, hatten aber durch die Absonderung noch allerlei sektische Sachen zugesetzt.
20. JJuli 1822i Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 127-129
Ich sah gestern abend den Sabbath feierlich halten und Jesum in der Synagoge lehren, und heute den ganzen Tag ähnlich, und die Jünger mit Jesu ruhen und beten.
Es ist übrigens zu Adama auch eine Partei gegen Jesum. Sie haben zwei Pharisäer zu Johannis Lehre gesendet, zu hören, was
114 115
der von ihm vorbringt, und auch nach Bethabara und Kapemaum, und haben dort angezeigt bei ihresgleichen, daß er sich nun bei ihnen herumtreibe und taufe und Jünger mache. Diese Leute sind zurückgekehrt und erzählen, was sie gehört, und verleumden Jesum und murren gegen ihn. Aber sie haben nur eine kleine Partei.
In diesen Tagen, oder gar heute, fragten die Oberen zu Adama bei der Mahlzeit Jesum, was er denn von den Essenern halte. Sie wollten ihn in Versuchung führen, weil sie eine Ähnlichkeit in seiner Gesinnung wollten verspürt haben, und weil Jakob minor, der sein Verwandter und mit ihm war, zu ihnen gehörte. Sie machten ihnen allerlei Beschuldigungen der Absonderung und besonders der Ehelosigkeit.
Jesus antwortete ihnen sehr allgemein, man könne diesen Leuten nichts vorwerfen. So sie den Beruf dazu hätten, seien sie sehr löblich. Jedoch habe jeder einen anderen Beruf, und so ein Krummer wolle grad gehen, werde es ihm nicht gelingen und anstehen.
Als sie ihm einwarfen, daß so wenig Familien durch dieselben entstünden, zählte ihnen Jesus sehr viele Familien von Essenern her und sprach ihnen von deren wohlgeratenen Kindern. Er sprach von guter und böser Fortpflanzung und nahm weder die Ess~er in Schutz noch verwarf er sie, und die Leute verstanden ihn nicht. Sie hatten aber darauf gezielt, daß Jesus Familienglieder unter denselben hatte und Umgang mit ihnen, und daß sie auch besonders enthaltsam lebten.
21. Juli 1822 (= 26. Thammuz) / Tagebuch Bd. V, Heft 8 / Viertelseiten 134-139)
Morgen ist Magdalenenfest. Darum ging ich auf meiner Reise von Johannes zu Magdalena auf Magdalum und mußte erst wieder über den Jordan.
Ich fand Gäste bei ihr. In dem Saal, worin die Spiegel und grünen Bäume sind 12, lagen sie um einen Tisch. Es schien die Mahlzeit zu Ende. Es war... wohl ein Dutzend Männer, Juden und Heiden. Einer schien da zu wohnen und wie der Hausherr oder der Ehemann Magdalenas von den anderen gehalten zu werden. Es war aber nur ein Buhler, der seit einiger Zeit sich hier eingenistet hatte, und mit dem sie lebte. Die anderen waren Gesellen von ihm und durch-ziehende Fremde und Offiziere, deren viele hier lagen. Es waren auch Römer darunter. Im ganzen waren es keine vornehmen Leute, sondern Künstler, Offiziere und Abenteurer, und Magdalena schien etwas heruatergekommen durch ihren Ruf, obschon sie noch sehr schön war. Sie war fremd und ausgezeichnet, aber nicht sehr prächtig gekleidet und trug keinen Schleier.
Es war schier täglich solche Gasterei hier, denn sie war sehr gastfrei und verschwenderisch. Das Haus und die Gärten waren vernachlässigt und schienen zu verfallen, außer den Gemächern, die sie bewohnte.
Magdalena war anfangs auch noch bei der Mahlzeit, und ich hörte einem Gespräch zu von den Männern, welches gerade war, wie man heutzutage über heilige Dinge spricht. Magdalena sprach mit Achtung von Jesu, den sie einmal in Je srael gesehen, und mit einer geheimen Bewegung. Sie erwähnte auch die Veronika, eine vornehme Frau, welche sie vor acht Tagen besucht hatte und zu Maria gereist war, und sprach von deren Achtung und ihrer gänzlichen Ergebenheit an Jesum.
Da zogen aber die Männer auf allerlei Art untereinander los, und gar nicht bedenkend, daß sie selbst eine schlechte Gesellschaft und teils Heiden, teils gesetzbrüchige Juden waren, sagten sie, wie sie nur diesen Menschen und seinen Anhang verteidigen möge! Die Frau, von der sie spreche, müsse auch sehr verblendet sein, sich zu diesen Leuten zu halten. Seine Familie sei verarmtes Gesindel, und er laufe wie ein Tor ohne Schuhe herum. Als sein Vater gestorben, habe er, statt ein ehrliches Handwerk zu ergreifen und seine Mutter zu ernähren, diese im Stich gelassen und ziehe im Land herum und wiegle die Leute auf. Er habe eine schöne Gesellschaft von unwissenden und faulen Fischern in Galiläa gefunden, die auch ihre Familien im Stich ließen und ihm nachzögen, statt zu arbeiten. Man wisse aber jetzt wohl, was an ihm sei. Von Jerusalem sei er wegen seiner falschen Lehren und Störungen am Osterfest verjagt, und seine Mutter habe man auch nach Hause geschickt. Statt aber die Warnung zu benutzen, treibe er sich jetzt in Obergaliläa herum und mache die Leute zu Narren und bringe überall Störung und Unruhe.
Es waren auch Römer in der Gesellschaft, welche sagten, es sei wunderbar, was der Mensch für ein Aufsehen mache; auch in Rom habe er Freunde! Lentulus, ein vornehmer Mann, sei ganz von ihm begeistert und gebe viele Aufträge um Nachricht von ihm, und wenn Schiffe aus Judäa ankämen, so laufe er hin und frage immer um Nachrichten von Jesu und seinem Treiben.
Anfangs sah ich in diesem Gespräda die gute Gesinnung der
ii6 117
1
Magdalena wieder erkalten, und sie schien dem Geschwätze Gehör zu geben. Als es aber endlich gar zu gemein wurde, begab sie sich in eine Nebenstube, wo sie ihren Sitz hatte. Die Gemeinheit und plumpen Sitten dieser frechen Männer empörten ihren Stolz. Sie fühlte, wie sehr sie heruntergekommen. Sie war sonst feineren Umgang gewohnt. Sie fühlte ihre Sklaverei. Sie dachte an die Worte Veronikas, an die Sitten ihrer eigenen Geschwister. Sie fühlte ihr Elend, und da der Mann, mit dem sie vertrauter verbunden schien - es war ein ganz schöner Mann -, ihr folgte, sie zu fragen, was ihr fehle, weinte sie und wollte allein sein. Ihre Kammerfrauen waren bei ihr. Sie hatte zwei. Eine taugte nichts, die andere war gut und berichtete der Familie immer, wie sie es trieb und wie es hier her-ging.
Aus diesem Bild sah ich, wie es damals mit Magdalena stand. Sie war tiefer herabgekommen. Sie war einmal sehr gerührt gewesen von Jesu zu Jesrael, hatte es sich aber wieder aus dem Sinn geschlagen und war noch mehr gesunken. Aber die Erinnerung an vorigen größeren Glanz ihres Sündenlebens öffnete der Rührung wieder den Weg. Sie kämpfte in sich.
Als Veronika bei ihr war, übernachtete sie bei ihr. Diese ehrbare bejahrte Frau kam auf ihren Reisen zu Maria immer zu ihr. Sie war ihrer Familie sehr vertraut und suchte gut auf sie zu wirken.
Diese ankommenden Freunde gingen nie in den Teil des Schlosses, wo Magdalena ihr Wesen trieb. Sie gingen unter dem Eingangs-bogen in den entgegengesetzten Flügel, und Magdalena ging dann oben über den Bogen zu ihnen. Solche Besuche waren ihr von einer Seite widerwärtig, weil sie sich schämte und Ermahnungen erhielt. Von der anderen Seite entsprachen sie ihrem Stolz. Sie glaubte da-durch vor der Welt nicht für so schlecht angesehen zu werden, daß sie nicht ihre geachteten, vornehmen Verwandten besuchen sollten.
22.J-23.J Juli 1822 1 Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 149-156
Ich war bei Johannes. Er ist gefangen. Herodes' Soldaten haben ihn fortgeführt. Ich habe geschrien und bin gelaufen. Ich habe den bestürzten Jüngern sagen wollen, welchen Weg sie mit ihm seien. Sie wußten es nicht und verstanden mich nicht, ja sie rannten hin und her und taten, als wenn sie mich gar nicht sähen. Das ist so beängstigend 93. Ich habe entsetzlich geweint.
Johannes wußte wohl, daß seine Gefangenschaft nahe sei, und er hatte darum so heftig und begeistert geredet in diesen Tagen und gleichsam Abschied genommen. Er hatte Jesum lauter verkündigt als je, er komme nun, er müsse weichen. Zu ihm sollten sie sich wenden. Er lehrte am Montag noch, er werde bald entrissen werden. Sie seien ein rauhes, hartes Volk, sie sollten gedenken, wie er zuerst gekommen. Da habe er die Wege des Herrn bereitet, die Brücken und Stege gebaut, Steine gewälzt, die Taufbrunnen geordnet, die Wässer geleitet. Es sei eine harte, schwere Arbeit gewesen, mit harter Erde, festem Felsen, knorrigem Holz, und dann habe er es mit diesem Volke zu tun gehabt. Das sei auch verhärtet und grob und eigensinnig. Die aber, die er gerührt habe, sollten nun zum Herrn gehen, zum geliebten Sohn des Vaters. Wen er aufnehmen werde, der sei aufgenommen; wen er verwerfen werde, der sei verworfen. Er komme nun und werde lehren und taufen und vollenden, was er vorbereitet.
Er verwies auch an diesem Morgen dem Herodes vor allem Volk heftig seinen Ehebruch, und Herodes, der ihn sonst ehrte und fürchtete, ergrimmte heftig innerlich, ließ sich aber nichts anmerken.
Die Lehre schien übrigens an diesem Tage geschlossen, denn es zogen die Scharen von allen Seiten nach und nach hinweg, auch die Leute aus Arabien, und auch Aretas, der Schwiegervater Herodes', mit ihnen. Herodes hatte ihn nicht zu sehen bekommen. Die Frau des Herodes ist gestern oder vorgestern schon wieder weg.
Die Soldaten wechselten mehrmals. Heute waren neue angekommen. Herodes reiste auch ab. Er versteckte seinen Grimm und nahm ganz freundlich von Johannes Abschied. Er hatte vieles Gepäck, das auf Kamelen vorauszog und nachfolgte. Er fuhr wieder auf dem Wagen.
Johannes fühlte wohl, daß das Ende seiner Freiheit herannahte. Er wußte aber wohl nicht, daß dieses so nahe sei. Er 5 and te mehrere Jünger und Botschaften nach verschiedenen Seiten. Darunter waren die zwei, welche Saturnin im Auftrag Jesu zu ihm gesandt hatte aus Galiläa, als er dorthin gekommen war, die Aposteljünger nach Tyrus zu rufen. Ich meine, es war Simeons Sohn Obed dabei.
Gegen Abend waren noch mehrere Jünger bei ihm zurück-geblieben. In der Nähe waren keine Leute mehr, in einiger Entfernung noch Zelte. Johannes ging in sein Zelt und entließ seine Jünger. Er wollte ruhen und sich im Gebet ... sammeln.
Als es bereits dunkel wurde und die Jünger hinweg waren, sah ich die Soldaten des Herodes, die gestern angekommen waren und
118 119
wovon ein Teil zurückgeblieben war, herannahen. Etwa zwanzig Mann nahten von allen Seiten dem Zelt, nachdem sie bei den Zugängen zu der Gegend Wachen ausgestellt hatten.
Zuerst trat einer herein und sprach mit ihm, und dann immer mehrere. Johannes sagte ihnen, daß er ruhig folgen werde. Er wisse, daß seine Zeit gekommen sei und daß er Jesu Platz machen müsse. Sie brauchten ihn nicht zu fesseln. Er folge ihnen freiwillig, sie sollten ihn ruhig abführen, um keine Störung zu machen. Und so gingen dann zwanzig Mann mit starken Schritten mit ihm von dannen.
Er hatte nichts an als sein rauhes Fell, una seinen Stab in der Hand. Es nahten aber einige Jünger, als man ihn wegführte. Er nahm mit einem Blick Abschied von ihnen und sagte, sie sollten ihn in der Gefangenschaft besuchen.
Jetzt aber entstand ein Zusammenlaufen der Jünger und Leute. Es hieß: "Sie haben Johannes weggeführt!' Es war ein Wehklagen und Jammern. Sie wollten nach, sie wußten aber den Weg nicht, denn die Soldaten hatten sich bald von dem gewöhnlichen Weg abgewendet und zogen eine ganz fremde Bahn nach Süden zu. Es war da große Verwirrung, Jammern und Wehklagen, und ich jammerte mit und schrie ganz laut und wollte ihnen immer sagen, wohin sie gezogen wären. Sie waren aber, als sähen und hörten sie mich nicht.
Die Jünger zerstreuten sich gleich nach allen Seiten und flohen wie bei Jesu Gefangennahme und verbreiteten die Nachricht im ganzen Land. Ich eilte aber zu Jesu und fand ihn mit Saturnin und dem anderen Jünger schon an der Wasserstadt vorüber im Gebirg gen Gath-Hepher zu gehen. Er geht auf einem Umweg nach Kapernaum, wo seine grad hingegangen sind. Ich sah ihn auch nur mit einem Blick wandeln und verlor ihn aus dem Gesicht und fing an zu jammern und zu wehklagen, daß sie ihn verloren
Nachtrag:
Der Ort, wo Johannes taufte, da er gefangen ward, ist wirklich jenes Ainon, das in der Schrift bei Salem liegend angegeben wird. Es hat hier auf den Grundmauern bei dem Lehrort des Täufers das Zeltschloß Melchisedeks gestanden. Ich meine, er wohnte schon hier, als Abraham ins Land kam, und die erste Anlage des Taufbrunnens und Teiches hier ist von ihm. In Jerusalem hatte er auch schon manche Fundamente gelegt.
Melchisedek gehört unter die Chöre der Engel, welche über Länder und Orte gesetzt sind. Es gehören jene Engel in diese Chöre, die zu den Altvätern kamen und ihnen allerlei Botschaft brachten, z. B. zu Abraham. Sie stehen den Engeln Gabriel, Raphael, Michael usw. gegenüber. Ich meine, er hatte auch diesen Brunnen und Teich angelegt.
Der mittlere Taufort liegt zwischen Bethabara und dem Einfluß des zweiarmigen Flüßchens, das von Dibor her in den Jordan fließt. Es war höchstens ein paar Stunden von Bethabara stromaufwärts, dem wasserumflossenen Gilgal gegenüber, etwa eine Viertelstunde vom Jordan in einem Talwinkel...
22. Juli 1822 (= 28. Thammuz) 1 Tagebuel Bd. V, Heft 8 / Viertelseiten 161-163
Ich sah heute morgen den heiligen Johannes von den Soldaten in einen Turm an einem etwas vernachlässigten Schlosse gebracht zu Hesebon. Es waren schöne Teiche und einige Alleen vor dem Schloß. Sie waren die Nacht hindurch mit Johannes gegangen, und gegen Morgen kamen ihnen andere Soldaten von Hesebon entgegen, denn es war laut geworden, daß Johannes gefangen sei, und es liefen hier und da Leute zusammen.
Die Soldaten, welche ihn führten, schienen mir keine gewöhnlichen. Sie schienen eine Art Leibwache des Herodes, denn sie hatten Helme auf und Schuppen und Ringe auf Brust und Schulter gegen Hiebe. Sie hatten lange Spieße.
Ich sah, daß sich hier viele Leute vor dem Gefängnis des Johannes sammelten und daß die Wachen genug zu tun hatten, sie zu vertreiben. Es gingen oben Öffnungen aus dem Gefängnis, und ich sah, wie Johannes in seinem Kerker stand und mit lauter Stimme rief, so daß die draußen es hörten, er habe die Wege bereitet, Felsen gebrochen, harte Bäume gefällt, Quellen geleitet, Brunnen gegraben, Brücken gebaut. Er habe mit widerspenstigen, harten Gegenständen zu tun gehabt. So sei auch dieses Volk, und drum sei er gefangen, auf daß sie sich zu jenem wenden sollten, den er verkündigt, zu jenem, der über die gebahnten Wege herankomme. Wenn der Herr einziehe, treten die Wegbereiter ab. Sie sollten sich alle zu Jesu wenden, er sei nicht würdig, seine Schuhriemen aufzulösen. Jesu~ sei das Licht und die Wahrheit und der Sohn des Vaters usw. -Seine Jünger aber sollten ihn besuchen in seinem Gefängnis, denn
120 121
man werde noch nicht wagen, Hand an ihn zu legen, seine Stunde sei noch nicht gekommen, usw.
Er redete und lehrte dieses so laut und vernehmlich, als stehe er noch auf seiner Redestelle unter dem versammelten Volk. Nach und nach vertrieben die Wachen das Volk. Der Zulauf und die Reden Johannis wiederholten sich am Morgen doch mehrmals.
Am Abend sah ich Johannes von Soldaten begleitet auf einem niederen, schmalen Wagen, worauf eine Art bedeckter Kasten stand, worin noch mehrere bei ihm saßen, weiterbringen. Der Wagen war mit Eseln bespannt.
22. Juli 1822 (- 28. Thammuz) 1 Tagebueb Bd. v, Heft 8 I Vieitelseiten 164-167
Ich war auch heute zu Magdalum bei Magdalena, als ich nach Kapemaum zog. Es war Nachmittag, gegen Abend. Es war ein Tanz und Fest bei Magdalena, ich meine, es war der Geburtstag des Mannes, mit dem sie damals lebte und den ich neulich schon gesehen. Er war ein Jude und Soldat und lag hier in Magdalum in Garnison.
Ich sah einen Tanz von etwa zwanzig bis dreißig Paaren in einem großen prächtigen Saal neben dem Speisesaal. Auch hier in diesem Saal konnten sich die Tanzenden alle in den Spiegelwänden sehen.
Es war an der einen Seite ein breiter, etwas erhöhter Sitz mit Kissen und Vorhängen davor. Hier saß Magdalena oder ging mit einzelnen auf und ab. Ich sah nicht, daß sie mittanzte. Sie kümmerte sich nicht viel um die Gäste, und diese nicht um sie. Es schien mehr die Sache des hier herrschenden Mannes, und die Leute behandelten alles wie ein gewohntes Treiben, wobei nicht viel zu danken ist.
Die Gesellschaft bestand aus leichtfertigem, eitlem Gesindel, Frauen und Mädchen, die nach der Welt und außer dem Gesetz lebten, und Offizieren und Beamten von Magdalum und Abenteurern. Die Musikanten waren fast lauter Kinder, Knaben und Mädchen, mit Kränzen, Flöten und Triangel. Der Tanz war nicht springend oder herumschwankend wie bei uns, sondern ein beständiges künstliches Durcheinanderwandeln mit kleinen schwebenden Schritten und einem steten lieblichen Hin- und Herbewegen der ganzen Gestalt, des Kopfes und der Hände. Das ging alles ganz gemessen und schicklich zu, aber es drückte doch allerlei Leidenschaft und Torheit aus und war ein stetes Prangen und Locken mit dem Leibe.
122
Die Frauen hatten sehr lange Schleppen, waren aber nicht verschleiert wie strengere Jüdinnen bei dem Tanz. Auch waren ihre Hände nicht bedeckt wie bei jenen, aber sie berührten doch die Hände einander nicht anders als durch Tücher, die sie in den Händen trugen. Ich habe überhaupt bei leichtsinnigen Jüdinnen nie vor anderen eine anstößige Vertrautheit mit Männern, auch keinen Kuß gesehen. Bei den Heiden und Römern war das Betragen zwischen den beiden Geschlechtern sehr frech.
Die Tanzenden waren so vornehmes, gemeines Sündenvolk, das nach dem Fleisch lebt und seine Schande und Abscheulichkeit mit schönen Kleidern und zierlichen Manieren bedeckt. Aber sie waren doch viel geringer als der frühere Umgang Magdalenas, der mehr mit geistreichen Gelehrten und Künstlern war, wobei Gedichte und Rätsel gelesen und gemacht wurden. Sie fühlte daher ihre Gesunkenheit sehr und nahm wenig Anteil.
Der Tanz war bei Tag. Ich sah sie nachher in dem anderen Spiegelzimmer an dem prächtig bereiteten Tische liegen. Die Frauen saßen an einer Seite zusammen, die Männer lagen an der anderen Seite, und Magdalena hatte einen Polstersitz zwischen ihnen.
Als sie zu Tisch lagen, kamen noch einige Gäste an und traten mit der Neuigkeit ein, daß Herodes den Johannes gefangengenommen habe. Darüber entstand ein abgeschmacktes, billigendes Geplauder. Da aber Magdalena betrübt darüber erschien und mit ein paar Worten Anteil daran nahm, lachten die Männer sie aus und spotteten über Johannes. Ich sah, daß sie sich sehr daran ärgerte, bald den Tisch verließ und nachdenklich in den Abschlag mit Polstersitzen sich begab, der ihr Gemach am Speisesaal war. Ich verließ sie hierauf.
25. Juli 1822 (=1. Ab) 1 Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 171-172
Heute morgens oder abends in der Dämmerung sah ich Johannes in das Gefängnis zu Machärus94 führen. Machärus liegt ganz wunderbar hoch und steil.
Erst führten sie Johannes einen Bergpfad hinauf, dann wurde er nicht in die Festung durch ein Tor geführt, sondern dajneben war in einem Wall ein sonst mit Rasen belegter Eingang geöffnet. Hier brachten die Soldaten Johannes still herein und führten ihn zuerst etwas niedersteigend an eine große erzene Türe, und durch diese einen langen Gang hin. Er ging unter dem Festungstor hinweg und dann in ein größeres Gewölbe, das unter dem Gebäude lag und
122 123
seine Lichtlöcher von oben aus den Höfen hatte. Es war ganz reinlich, aber keine Art Bequemlichkeit darin.
Ich sah hierauf Herodes in einem Schloß, das der alte Herodes erbaut, und wo er einmal Leute im Teiche zur Belustigung hatte ersäufen lassen. Es hieß Herodium. Er hatte sich hier aus Unmut verborgen. Er ließ niemand vor sich, und da sich viele bei ihm an-melden ließen, um ihm die Gefangenschaft Johannis zu verweisen, sah ich ihn bang und verwirrt in den Zimmern hin- und herlaufen und sich verstecken. Seine Frau war nicht hier.
25. Juli 1822J/ Tagebuch Bd. V, Heft 8/ Viertelseiten 182-184
Ich sah Jakobus von großem Mitleid mit Magdalena bewegt, und daß er eine Zeitlang, noch ehe Martha sie einlud, die Lehre Jesu zu hören, durch welche sie bekehrt wurde, zu ihr ging nach Magdalum, um sie zu diesem Entschluß zu stimmen. Er wollte eigentlich sehen, in welchem Grade sie widerspenstig sei.
Ich sah ihn mehrmals bei ihr. Er machte sich Gelegenheit mit einer Botschaft von Martha. Sie empfing ihn nicht in ihrem Schloß, sondern in einem Nebengebäude. Es war ebener Erde, hatte gepolsterte Sitze umher und ein Gärtchen daran. Sie hatte Wohlgefallen an ihm; er war sehr bedeutend in seinem Aussehen, sprach ernst und weise und konnte auch sehr anmutig sprechen.
Sie erlaubte ihm, sie mehrmals zu besuchen, wenn er in die Gegend komme. Sie behandelte die Besuche etwas versteckt, denn sie war damals nicht ohne Verbindung. Der Mann, mit dem sie lebte, erfuhr nichts von ihren Unterredungen mit Jakobus.
Dieser sprach nicht strafend mit ihr, sondern mit Achtung und Freundlichkeit. Er lobte ihren Geist und forderte sie auf, doch Jesum einmal zu hören. Geistreicheres, Beredsameres könne man nicht hören. Da sei was zu lernen. Sie solle sich gar nicht an der Art und Sitte der anderen Zuhörer Stören, sie solle nur mit dem Schmuck erscheinen, den sie zu tragen gewohnt sei.
Sie nahm seine Aufforderung ganz gut an, sie meinte, es über-legen zu wollen. Sie war ganz geneigt, und doch stellte sie sich nachher noch so spröde an, als Martha sie aufforderte. Sie kannte übrigens Jakobs genauere Verhältnisse nicht. Ich sah ihn einige Mal bei ihr.
1
3o.~31. Juli J1822 (- 6-7. Ab); erzählt 1. August95 1 Tagebuch Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 241-243
Ich habe heute nacht einiges Versäumte gesehen. Drei Nächte war Jesus in Bethanien bei Lazarus, und alle drei Nächte ging er, wenn alle schliefen, stille aus dem Haus gegen Jerusalem zu zum Ölberg an die Stelle, wo er vor der Passion gebetet, und betete ein paar Stunden und rief seinen Vater um Stärke an und kehrte unbemerkt wieder zurück. Er hielt auch da schon viele Angst und Tränen aus.
Ich hörte, er habe dies getan als eine Vorarbeit zur Passion. Er würde damals die ganze Last und Arbeit nicht vollendet haben. Er arbeitete voraus.
Es ward mir auch gesagt, das habe er jedesmal getan, sooft er in Bethanien gewesen, wenn er nur habe eine Stunde erübrigen können.
Ich hatte auch wieder einen Blick, daß Adam über diesem Ölberg aus dem Paradies die Erde zuerst betreten habe, daß er in dieser Höhle geweint habe und daß Kam hier herum pflanzend in diesem Garten ergrimmt sei und sich entschlossen habe, Abel zu ermorden.
Ich hatte auch, daß die heiligen Frauen die Unkosten der Verpflegung nach Anteil übernahmen 96, weil Jesus auf den letzten Reisen nebst den Jüngern oft so unaussprechlichen Mangel gelitten, besonders in den ersten Reisen, als er vom mittleren Taufort nach den Grenzen von Tyrus eilte, und ich sah, wie Saturnin und der andere Jünger Brot in Körben nachschleppten und der Heiland die harten Rinden in Wasser erweichen mußte.
Das hatten die Frauen vernommen, und Jesus war mit Lazarus, der ihm ihr Vorhaben erklärt, besonders deswegen nach Bethanien gekommen, um ihnen Anweisung zu geben, welche Wege er zu wandeln gedenke, und wie sie die Verpflegung besorgen sollten, denn in manchen Orten, besonders in Städtchen um Jerusalem herum, waren die Juden durch die Pharisäer aufgehetzt, und man reichte ihnen nichts. Es wurden also auch nach und nach an fünfzehn Herbergen errichtet, wo immer Vorrat war, und es wurden auch Gaben an Kleidung und Decken und Brot für Arme besorgt.
Jesus und Lazarus gingen auch am Sonntag nicht vor ein Uhr aus Bethanien gegen die Herberge von Beth-Horon91 aus, denn er war auch in dieser Nacht im Gebet am Ölberg.
124 125
31. Juli-i. August 1821 / Tagebuch Bd. III, Heft 8 / Viertelseiten io~i~
... Magdalena nahm den Vorschlag Marth as, mit ihr zu Jesu Lehre zu gehen, mit Schnödigkeit an und sagte ihr, sie werde aber dort nicht so schlecht gekleidet auftreten als sie, sie werde sich schmükken. Martha widersprach ihr nicht, und sie trennten sich. Am Morgen, da Magdalenas Gäste weg waren, sah ich sie ihren Putz anlegen. Sie ließ Martha rufen und sprach in ihrer Gegenwart immer schnöd und spitz. Martha gab ihr nach, übte große Geduld und war immer heimlich betend, daß sie mitgehen und gebessert werden möge.
Ich sah, wie Magdalena sich von ihren zwei Mägden waschen und salben ließ. Sie saß auf einem niederen Stuhle, hatte ein feines, wollenes Schürzchen bis gegen die Knie und ein feines wollenes Tuch mit einer Halsöffnung über Rücken und Brust hängen. Die Arme und Füße waren ganz entblößt. Zwei Mägde waren beschäftigt, ihr die Füße und Arme zu waschen und mit wohlriechendem Wasser zu salben. Auch ihre Haare, in drei Teile über den Ohren und hinten gescheitelt, wurden sehr glatt gelegt, gekämmt, gesalbt und geflochten. Sie legte dann ein ganz feines wollenes Hemd an und ein Kleid, grün, mit gelben großen Blumen, von welchem ich ein Stück habe, darüber, und hierüber noch ein faltiges Gewand.
Auf dem Kopf hatte sie eine krause hohe Mütze, über der Stirn hervorstehend. Haar und Mütze waren mit vielen Perlen durch-wunden. Sie trug lange Ohrgehänge. Ihre Ärmel waren oben weit, bis zu den Ellbogen. Am Unterarm faßten enge, breite, glänzende Spangen das Gewand kraus. Ihr unteres Kleid war an der Brust offen und mit glänzenden Schnüren gebunden. Sie hatte während ihrem Ankleiden einen runden, glänzenden Spiegel an einem Stiel in der Hand. Sie hatte ein Bruststück vor, das stark mit Gold und allerlei eckigen98 Steinen und Perlen verziert, ihre Brust ganz bedeckte. Über dem Unterkleid mit engen Ärmeln trug sie ein Ober-kleid mit kurzen, weiten Ärmeln, das weit hinten wegfiog und schleppte. Es war von violett schillernder Seide, mit vielen großen, bunten und goldenen Blumen durchwirkt. Ihre Haarflechten waren mit Rosen von roher Seide und Perlenschnüren und hervorstehendem, durchbrochenem Zeug, wie mit Spitzen durchflochten. Man konnte die Haare vor Schmuck gar nicht viel sehen. Es bildete dieses eine Höhe vorne um das Gesicht.
Über diesem Hauptschmuck hatte sie eine durchsichtige, sehr"
reiche Kappe, die vorne in die Höhe ging, hinten zusammengezogen niederhing und auch an den Wangen auf die Schultern sich niederließ.
Sie putzte sich auf diese Weise ganz an und zeigte sich Martha, welche sie bewundern mußte. Sie legte hierauf einiges dieser Kleidung wieder ab und nalün einen Reisemantel um, und ihre Mägde mußten ihr die Kleider nachtragen. Sie gingen nach Bethanien zu Fuß.1~"" Sie ruhten unterwegs in einer Herberge. Ich sah, daß Magdalena ihren Reisemantel ablegte und sich wieder eigens schmückte, um da etwas zu essen. Sie schämte sich ihrer Schwester und war in einer Stube allein. Sie kamen am Abend in Bethanien an.
Am anderen Morgen gingen sie nach Jerusalem, wo Jesus in einer Synagoge lehrte. Ich habe dieses dies Jahr erst deutlich gemerkt. Ich habe sonst immer gemeint, Jesus habe in Bethanien gelehrt.
Magdalena war nicht mit Maria und den heiligen anderen Frauen nach Jerusalem gegangen. Sie schämte sich ihrer und ging mit ihren Mägden allein. Sie schmückte sich in Jerusalem in einem Haus und ging dann in ihrem eitlen Putz in die Synagoge und machte ein großes Ärgernis, denn sie ließ sich auf dem Weiberplatz einen prächtigen Stuhl 101, mit Teppichen belegt, ganz hervor, daß man sie sehen konnte, stellen und setzte sich darauf und sah frech hin und her.
Die heiligen Frauen und ihre Schwester standen zurück, voll Scham und Betrübnis um sie, und die Männer schauten mit Verachtung und Unwill auf sie, denn sie war als eine offene Sünderin allgemein verachtet und war doch ganz stolz und frech in ihrem Glanz.
Jesus aber lehrte sehr streng. Ich erinnere mich nur noch, daß er eine Parabel von einem Schatz im Acker lehrte. Ich sah, daß Magdalena immer bewegter wurde, und sah, daß Jesus einen Blick nach ihr tat und daß sie ganz bleich wurde, von ihrem Sitz aufstand und sich zurück neben denselben an die Erde setzte. Sie weinte heftig, war wie von Sinnen und schien in Ohnmacht zu sinken. Martha und ihre Mägde bemühten sich um sie und baten sie, kein Aufsehen zu machen, aber sie war ganz vernichtet und von Reue zerrissen.
Ich sah sie in ein Haus bringen. Es war ein Aufsehen auf der Straße. Sie war bekannt, und man spottete ihrer, aber sie wußte von nichts mehr. Ich sah sie in dem Haus ihren Schmuck von sich reißen. Die Schwester und Mägde baten sie, doch nicht so plötzlich zu handeln. Sie verlangte allein zu sein. Das sah ich, wie sie mit sich kämpfte und siegte und ihren Putz ablegte.1""2
tz6 127
Jesus war mit einigen seiner Jünger von seiner Lehre, welche morgens gegen zehn Uhr gewesen sein mag, nach Mittag gegen Bethanien gegangen, wohin er zu einem Pharisäer Simon zum Tische geladen worden. Das Mahl war gegen Abend, etwa um drei bis vier Uhr. Es ist dieses Simon, der vom Aussatz Geheilte. Es gehörte ihm ein Herberghaus, worin öffentliche Mahle auch gehalten worden.
Magdalena war bei den anderen heiligen Frauen sehr bewegt und zerknirscht. Sie wollte zu Jesu Mahlzeit, und die anderen redeten es ihr aus und waren besorgt, wie Frauen um öffentlichen Skandal. Ich meine, daß die Heilige Jungfrau auch sehr liebevoll mit ihr sprach, doch nicht hiervon, sondern tröstend,, aber ich merkte, daß sie sich nicht von ihr anrühren ließ.
Magdalena war nachher abgesondert. Sie hatte allen Schmuck ab-gelegt. Sie hatte das geblümte Unterkleid, glaube ich, noch an, aber einen weißen Mantel darüber. Ihre langen Haare, ohne allen Schmuck, in drei Bündel oben gebunden, sonst los, hingen hinten einer und an jeder Gesichtsseite einer nieder. Sie hatte einen schwarzen Schleier darüber. Sie hatte die Salbe über dem Kleid am Busen stecken und schlich sich heimlich von den Frauen aus dem Haus zu dem Hause Simons und trat hinter Jesu unter heftigen Tränen in den Speisesaal, wo sie zu Tische lagen.
Jesus lehrte und schien sie nicht zu bemerken und ließ sich nicht unterbrechen. Die anderen aber schauten auf und flüsterten, und Simon war besonders unwillig. Magdalena warf sich aber hinter den Füßen Jesu nieder und umfaßte seine Füße, weinte darauf und faßte ihre Haarbündel mit dem Schleier umgeben in beide Hände oben und unten und streifte sie abtrocknend über Jesu Füße und begoß sie mit der Salbe.
Ich sah Simon vor sich hin denken, daß Jesus, so er ein Prophet wäre, sich von der Sünderin nicht würde anrühren lassen, und sah, daß Jesus diese Gedanken wußte und ihn anredete und eine Parabel redete und dann zu Maria sich zurückwendete und auf sie zeigte, mit Simon redend, und sagte: "Sie hat viel geliebt! Es ist ihr darum viel vergeben" - und auch, sie solle hingehen in Frieden, ihr Glaube habe ihr geholfen.
Ich sah auch, daß sie von dannen ging und noch viel Gerede unter den Gästen war. Ich meine gesehen zu haben, daß, als sie wieder bei den Frauen ankam, Maria sie nun umarmte.
1 30. Juli 1822 (=6. Ab) 1 Tagebuoi Bd. v, Heft 8 / Viertelseiten 244~25O
Heute sah ich Jesum und die Jünger bald vereint, bald zerstreut, in großer Eile durch mehrere größere und kleinere Orte ziehen, welche hier im Umkreis von einigen Stunden lagen. Ich erinnere mich darunter des Namens Gabaa und auch Najoth, das etwa vier Stunden von Kibzaim, wo Jesus gestern war, entfernt sein mag.
In allen diesen Orten ließ der Herr sich nicht die Zeit, in irgendeiner Synagoge zu lehren. Er lehrte auf Hügeln, im Freien, auf öffentlichen Plätzen und in den Straßen der Orte, wo die Menge sich versammelte.
Die Jünger wandelten teils von ihm getrennt in den Tälern, kleinen Orten und zu den zerstreuten Hirtenhäusern voraus und riefen die Leute nach den einzelnen Orten hin, wo Jesus auftrat. Mehrere jedoch waren um ihn.
Dies ganze Tagewerk ging mit unglaublicher Mühseligkeit und Anstrengung von Ort zu Ort. Er heilte dabei viele Kranke, welche an einzelnen Orten zur Stelle gebracht waren und ihn anriefen. Es waren mehrere Mondsüchtige darunter. Viele Besessene liefen ihm schreiend nach, und er gebot ihnen, zu schweigen und auszuweichen.
Was dieses Tagewerk beschwerlicher machte, war die teilweise üble Gesinnung der Leute und der Hohn der Pharisäer. Diese Orte, Jerusalem nah, waren voll von Leuten, welche gegen Jesum Partei genommen hatten. Es war hier wie heutzutage in den kleinen Orten, die alles nachschwätzen und nichts ergründen. Dazu kam die plötzliche Erscheinung Jesu mit so vielen Jüngern und seine sehr ernste und drohende Lehre, denn überall lehrte er wie zu Beth-Horon. Er sprach von der letzten Gnadenzeit, und dann komme die Gerechtigkeit. Er lehrte immer von der Mißhandlung aller Propheten, von der Gefangennehmung des Johannes und von der Verfolgung gegen ihn selbst. Er stellte überall die Parabel vom Herrn des Weinberges auf, und wie er nun seinen Sohn gesandt habe, wie das Reich komme und der Sohn des Königs es in Besitz nehmen solle. Dabei rief er oft Wehe über Jerusalem und jene aus, welche sein Reich nicht annehmen und Buße tun würden. Diese strengen und drohenden Reden waren durch viele Handlungen der Liebe und durch Heilungen unterbrochen, und so ging es von Ort zu Ort.
Die Jünger hatten vieles auszustehen, was ihnen teils sehr unbequem war. Wo sie hinkamen und ihn ankündigten, hörten sie oft die höhnischen Reden: "Nun kommt der auch wieder! Was
128
129
will er? Wo kommt er her? Ist es ihm nicht verboten?' Auch lachte man ihrer, rief ihnen nach und verspottete sie. Manche aber freuten sich auch. Es waren derer nicht sehr viele.
Jesum selbst wagte keiner anzureden, und gerade wo er lehrte und die Jünger in der Nähe umherstanden oder ihm durch die Straßen folgten, wendeten sich alle Schreier an sie, hielten sie an, fragten, hatten seine strengen Worte halb oder falsch verstanden und wollten Erklärung haben. Dazwischen erschallte dann wieder Freudengeschrei. Er hatte Leute geheilt. Das ärgerte sie, sie zogen sich zurück, und so ging es bis zum Abend unter beschwerlichem, eilendem Wandern, ohne Erquickung, Ruhe und Labung.
Ich sah sie heute nochmals in dem gestrigen Hirtenhaus einkehren. Ich meine da ein Fußwaschen gesehen zu haben (und wohl auch eine kleine Ruhe und Erquickung).
Ich bemerkte, wie schwach und menschlich die Jünger noch waren, wie sie oft, wenn er so lehrte und sie so gefragt wurden, die Köpfe zusanunensteckten und nicht recht begriffen, was er eigentlich vorhabe. Sie waren nicht zufrieden mit ihrer Lage. Sie dachten einzeln:
"Nun haben wir alles im Stich gelassen und kommen da in die Verwirrung und den Lärm. Was ist das für ein Reich, wovon er spricht? Wird er es auch wirklich erringen?" Sie dachten alle an ein irdisches Reich und konnten keinen Bescheid darüber geben. So dachten sie, aber verbargen es in sich, nur gaben sie einander oft ihre Verlegenheit zu erkennen.
Johannes allein ging mit wie ein Kind, ganz gehorsam und unbefangen. Und doch hatten sie die vielen Wunder gesehen und sahen sie noch.
Ungemein rührend war es, wie Jesus alle diese Gedanken wußte und unbekümmert darum gar nichts dergleichen tat, sondern keine Miene veränderte, immer ruhig und liebevoll und ernsthaft das Seinige forttat.
Sie sind noch bis in die Nacht gegangen und haben im Tal diesseits eines Flüßchens, das die Grenze von Samaria macht, in einigen Hütten übernachtet, wo sie wenig oder nichts erhielten. Das Wasser des Flüßchens war nicht gut zum Trinken. Das Flüßchen war schmal und hatte hier, nicht weit von seinem Ursprung am Fuß des Garizim, einen schnellen Lauf gegen Abend zu.
31. Juli J?J (= 7. Ab) 1 Tagebudz Bd. VIII, Heft 7 / Seiten 1-4; 12-14 (Viertelseiten 25~252; 254-256; 258; 27~278)
Sie sind am Mittwoch, 7. Ab, über das Flüßchen gegangen jenseits, etwas gegen Nordost um den Berg Garizim..., den sie zur Rechten hatten, und gen Sychar gekommen. Nur Andreas, Jakobus major und Saturnin waren bei Jesu.103 Sie kamen erst um elf Uhr an den Brunnen Jakobs. Er liegt auf einem kleinen Hügel, und an dessen Fuß in einer schmalen Ebene die Stadt Sychar, etwa eine Viertel-stunde davon. Der Brunnen ist mit einem mehreckigen Häuschen überbaut, das oben in der Mitte offen ist Das Brunnenhäuschen ist geschlossen. Im Innern ist der Brunnen sehr tief, hat einen Rand und eine Walze, mit welcher man drehend einen Eimer auf-windet.
Im Innern
sei auch eine Pumpe, wodurch man Wasser auf die Höhe des Hauses treiben könne, das dann nach außen niederstrahle (zu Reinigungen). Der Platz umher sei schön mit Sitzen und Bäumen.
Er liege hier im Erbe 164 Jakobs, das sich wohl über eine Stunde längs Sychar hinausziehe. Samaria liege westlich ab im Gebirge.
Als Jesus mit den drei Jüngern hierhergekommen, seien sie alle sehr ermüdet gewesen und durstig, denn gestern und heute sei es sehr heiß gewesen, und Jesus sagte auch, daß es ihn hungere, und 1er sjandte die Jünger hinab nach Sychar, etwas Speise zu kaufen.
Es führten von dem Hügel mehrere tiefe, schmal eingeschnittene Wege (Hohlwege) nach mehreren Seiten hinab. Jesus setzte sich mit und sinnend eine Strecke vom Brunnen an den Rand des Weges, der von Sychar heraufführte. Er schien müde und sehnend. Er stützte den Kopf in die Hand.
Da kam den Weg herauf eine wohlgewachsene, schmucke Frau von etwa dreißig Jahren. Sie hatte einen ledernen Schlauch oder Krug in der Hand, an welchem die Handhabe von Metall oder Holz auch mit Leder umwunden war. Sie trug ihre bräunliche, von Ziegen oder Kamelhaaren verfertigte Schürze, in welcher oben Taschen waren, über den tragenden Arm geschürzt. Ihr Kleid war buntgestreift. Über der Brust hatte sie Schnüre. Der Schleier, den sie trug, war hinten sehr lang, und sie konnte diese hintere Seite um die Mitte des Leibes mit einer Strippe zusammenziehen, welche sie um den Leib band. Dann endete hinten der Schleier in einem Zipfel. Der Schleier war von feiner, weicher Wolle. Auf dem Kopf war ein her-
130 131
vorragendes Türmchen oder Haken, ... welchem der vordere Teil des Schleiers aufgeschürzt ruhte, der herabgelassen über das Gesicht bis zur Brust reichte.
Jesus, am Wege sitzend, hatte etwas Überraschendes. Er hatte einen Prophetenrock, ein langes weißes Kleid von feiner weißer Wolle, fast wie ein Abbe', mit einem breiten Gürtel an, welches er bei Gelegenheiten anlegte, wo er feierlich lehrte oder als Prophet wirkte. Die Jünger trugen es ihm nach.
Die Frau sah Jesum nicht eher durch die Windungen des Weges, als bis sie vor ihm stand. Die Frau stutzte bei seinem Anblick, ließ den Schleier nieder und zögerte vorüberzugehen, und ich sah nach ihrer Gemütsart in ihrem Innern den flüchtigen Gedanken aufblitzen: Ein Mann, was will er hier? Ist dies eine Versuchung? Und sie sprach: "Was willst du hier zu dieser Stunde allein? Wenn jemand mich hier mit dir erblickt, wird es ein Ärgernis! "
Jesus erwiderte: "Meine Gefährten sind in die Stadt, Speise zu holen." Da sagte sie: "Ja, die drei Männer, denen ich begegnet, aber sie werden wenig erhalten um diese Stunde! Was bereitet ist heute, behalten die Samariter für sich." Sie sprach, als sei heute ein Fest usw., er solle lieber weitergegangen sein. Sie nannte einen Ort. Jesus sagte ihr nochmals, ihm Wasser zu geben. Da ging sie vorüber hinauf, und er folgte ihr an das Brunnenhaus, welches sie aufschloß. Er trat hinein und saß auf dem Rande des Brunnens. Sie sagte aber, wie er von ihr, als ein Jude, von einer Samariterin zu trinken begehren könne, da diese keine Gemeinschaft hätten. -Sie meint, hier habe sie auf sein Begehren den Eimer aufgewunden und ihm zu trinken gegeben, und er habe ihr indessen gesagt:
~Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wer der ist, der zu trinken von dir begehrt, so hättest du von ihm zu trinken begehrt, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben usf." Sie habe darunter Quellwasser, springendes Wasser, verstanden und gesagt, er habe ja nicht schöpfen können, und der Brunnen sei tief. Ob er djenn mehr könne als Jakob, der diesen Brunnen gefunden.
Ich habe auch ein Bild gehabt, wie Jakob den Brunnen bohrte und das Wasser hervorquoll. -Jesus habe vom himmlischen Wasser gesprochen. Sie habe lächelnd gewünscht, von jenem Wasser zu haben, damit sie das Wasser nicht mehr hier so beschwerlich holen müsse. Sie habe es für mehrere geholt.
Sie habe viel mit Jesu gesprochen und auch vom Berg Garizim
und ihrem Tempeldienst sonst darauf. Damals sei der Tempel dort verwüstet gewesen. Es sei ein alter großer Turm darauf gestanden. Wo es djenn recht sei, anzubeten, hier oder in Jerusalem? Da habe Jesus von einer Zeit gesprochen, wo man in Geist und Wahrheit beten werde usw. Als das Weib nach solchem Wasser verlangt, scherzhaft, habe Jesus gesagt, sie solle ihren Mann rufen. Da habe sie gesagt, sie habe keinen, und Jesus habe ihr gesagt: "Das ist wahr, du hast fünf gehabt, und der, mit dem du jetzt lebst, ist dein Mann nicht." Da habe sie ganz betroffen den Schleier niedergesenkt und schüchtern gesagt: "Du bist ein Prophet!" - und habe nun nach dem rechten Ort der Anbetung gefragt.1'" Da habe sie, ihn nicht verstehend, gesagt, sie wisse, der Messias werde bald hierherkommen. er werde ihnen alles recht erklären. Sie meint, sie habe dieses auf esum selbst gedeutet, von dem sie gehört, er sei der Messias und ;erkläre alles, und daß er auch in ihre Gegend kommen werde.1'6 Da ~abe Jesus auf sich gedeutet und gesagt: "Ich bin es selbst!" Da habe sie eine unmäßige Freude gehabt, daß sie den Messias gefunden habe...
Sychar ist nicht sehr groß, aber es hat breite Straßen und Plätze.
1
Das samaritische Bethaus ist geschmückter und reicher gebaut von außen als die Synagogen in kleinen jüdischen Orten. Die Frauen
sind nicht so zurückgezogen als die Jüdinnen, sie gehen und reden mehr mit den Männern durcheinander.
Das samaritische Weib war eine Frau von Stand und von guten Geistesgaben, aus Damaskus. Sie hatte fünf Männer gehabt dort im Lande hintereinander, und sie waren gestorben. Ich erinnere mich nicht mehr, wie, aber es ist mir dunkel, als wenn ihre unordentlichen Leidenschaften mit daran schuld waren. Sie durfte auch nicht mehr dort bleiben und zog, weil sie von samaritischer Religion war, hierher mit einem reichen Fremden, ich meine, er war ein Kaufmann, und sie führte seine Wirtschaft und lebte unehelich mit ihm. In der Stadt wußte man dieses nicht und hielt sie für seine Frau. Sie war auf Art der Magdalena, aber mehr verarmt und heruntergekommen. Ihr Kebsmann war ein starker Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, mit rötlichem Bart und rotem Gesicht. Jesus redete einige Worte mit ihm. Er war schüchtern vor Jesu und schämte sich seiner Sünde. Er wohnte nahe am Brunnentor in einem abgesonderten Haus, worum ein Graben mit Wasser war.
Man verachtete diese Frau in der Stadt nicht, ging aber auch nicht viel mit ihr um, weil sie etwas andere Sitten hatte. Sie ging auch
132
133
etwas anders und gezierter gekleidet, welches man ihr doch als einer Fremden zugut hielt. Sie hatte drei Töchter und zwei Söhne, schon ziemlich erwachsen. Sie waren aber alle nicht hier bei ihr. Die beiden Söhne sind unter die zweiundsiebzig Jünger gekommen. Sie war eine sehr gutmütige und geistreiche Frau, sehr freimütig, rasch, anmutig und kräftig. Sie war schön und ging mit großen Schritten. Sie war vornehm und etwas gesucht gekleidet. Ihr blau und rot gestreifter Rock war mit großen gelben Blumen durchwirkt, die Ärmel eng und an den Ellbogen kraus.107 Sie hatte ein weißes Bruststück mit gelblichen Schnüren, ich meine, von gelber Seide. Den Hals hatte sie ganz mit einem Kragen voll Schnüren oder Perlen zugedeckt. Die Schürze war dick und wie von Haaren gewebt, von fahler Farbe. Es schien eine gewöhnliche Arbeitsschürze beim Wasserschöpfen, um ihr Kleid nicht mit dem Eimer oder Schlauch zu verderben. Sie trug sie wandelnd über dem Arm geschürzt, den Schlauch bedeckend. Dieser Schlauch war von Leder und hatte zwei feste gebogene Seiten, worin Metall oder Holz schien, und an diesen waren die Handhaben fest, durch welche ein Riemen lief, an dem der Schlauch an ihrem Arm hing. Am Hals war der Schlauch enger und lie~ sich oben zum Eingießen auseinander tun trichterartig und wieder schließen, wie man die Arbeitstaschen schließt. Leer hing der Schlauch platt an der Seite nieder, gefüllt ging er auseinander und faßte wohl so viel als ein Eimer. Jskizzenj
Der Jakobsbrunnen lag auf einem Hügel, eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt vor dem Berg Garizim. Er hatte etwas Raum mit Rasensitzen um sich her. Er war mit einem achteckigen Häuschen umbaut, und dieses mit einer offenen Bogenstellung, unter der sich wohl zwanzig Mann unterstellen konnten ringsum. Unter diesen Bogen führte eine Tür in das Innere des Häuschens, in dessen Mitte der tiefe Brunnen war mit einem sitzhohen Steinrand, zwischen welchem und den Wänden man bequem rings um den Brunnen gehen konnte.
Gleich an der Türe eingetreten, drehte man mit einer Kurbel an einer Walze den drin hängenden Schöpfeimer schwer auf. An der gegenüberstehenden Seite war eine Pumpe, durch welche man Wa~ ser auf die Höhe des Hauses treiben konnte, welches an den drei mit dem Eingang kreuzenden Seiten des Achtecks von außen unter dem Gang oben aus Säulen herausfloß und sich in drei kleinen Bassins an diesen Seiten im Boden des Umgangs sammelte. Dieses war zum Reinigen und Fußwaschen. Der Brunnen war unmittelbar auf seinem
Rande gedeckt. Das Dach hatte eine runde Öffnung und war manchmal mit einer kleinen Kuppel gedeckt.
Es führten mehrere Wege zum Hügel. Der von Sychar wendete sich vom Eingang rechts herum. Die Apostel standen vor der Türe, als Jesus innerhalb des Brunnenhauses mit der Frau sprach. Ich meine, die Frau hatte in Sychar den Namen Salome angenommen, weil sie nicht gekannt sein wollte. In Damaskus hieß sie anders.
Jesus lehrte, als er in die Stadt kam, auf den Straßen, hie4 und da durchwandelnd, und auf dem Platz, wo ein Redestuhl stand. Er ging nicht in ihre Schule, und es war ein ganz ungemeiner Zulauf von Menschen und eine große Freude, daß der Messias zu ihnen gekommen sei. Er hielt sich aber nicht lange auf und zog bei dem anderen Tor wieder hinaus und lehrte noch hier und da drauß e~ bei Häusern und Gärten, die sich ein Stück Wegs nördlich hinzogen. Er blieb etwa eine gute halbe Stunde weit drauß en in einer Herberge und versprach ihnen, am anderen Tag wiederzukommen...
Das samaritische Weib hatte gelbe Armspangen in der Mitte des Ober- und Unterarms, wodurch der weite Ärmel hier zusammengezogen war. Der Halskragen war wollgelb, mit Perlen und Korallen behängt. Beim Wasserschöpfen sah ich sie die Spangen aufschieben, wodurch der Arm nackt und das Zeug gebauscht wurde.
Sie war von halb jüdischen, halb heidnischen Eltern auf einem Landsitz bei Damaskus. Sie verlor die Eltern früh und hatte eine liederliche Amme, wodurch sie böse Leidenschaften bekam. Ihre Männer wurden durch Liebhaber hinweggeräumt, wie das so geht, wenn man im Ehebruch ist. Man kann den einen nicht lassen, und der andere ist hinderlich. Da gibt es Feste, und im Rausch kommt der Mann um durch den Liebhaber, und wenn der nun Mann ist, geht es ihm eben nicht besser. Ihre Kinder waren bei den Verwandten ihrer Väter geblieben. Sie selbst mußte weggehen. Ihr jetziger Buhler war, glaube ich, noch von den Verwandten eines ihrer Männer und war mit ihr aus der Gegend gekommen.
Sie war nur noch tiefer gesunken als Magdalena. Ich habe auch von dieser einmal gesehen und mich immer gescheut, es zu sagen, daß im Anfang ihres verbuhlten Lebens auf Magdalum einer ihrer Liebhaber durch einen zweiten ums Leben gekommen ist.
Die Samariterin war sehr rüstig und lebendig. Sie war aber immer gedrückt in ihrem Gewissen. Sie lebte jetzt ehrbarer und hatte nur mit einem zu tun, den man ihren Mann glaubte.
134 135
Zum Gespräch Jesu mit der Samariterin:
A. K. Emmerick hatte die Samariterin allerdings sehr lieb, und diese schien ihre Liebe zu erwidern, denn dreimal erschien sie ihr in diesen Tagen außer den Betrachtungen vom Wandel des Herrn. Sie sah sie, als eine ganz weiß gekleidete Braut mit einer Krone auf dem Haupt, sich vor Jesu tief und demütig beugen. Ein anderes Mal erblickte sie Dma in dieser Gestalt plötzlich, als schaue sie, von der Straße ihr freundlich durchs Fenster winkend, auf ihr Krankenbett herein. Sie sah dieses im wachen Zustand, wie sie glaubte. Einmal hatte sie eine solche Anschauung in der Gegenwart des Schreibers. Sie schien dabei allerdings zu wachen. Sie hatte in diesen Tagen oft der kleinsten kindischen Ursachen wegen gegen die Versuchung zur Ungeduld zu kämpfen. Diesmal war es der Verdruß an einer einfältigen Aufwärterin, welche über die kleinste Dienstleistung einer anderen eifersüchtig schien. Mitten in ihren kindischen Klagen darüber scheint ihr höherer Zustand sie aufzufordern, sich mit ihm über ihre Schwachheit lustig zu machen, und so spricht sie plötzlich, während sie die Augen noch voll Tränen hat:
"Sieh, da steht die Samariterin vor mir, und da sieh, Jesus. Sie beugt sich den Weg vor ihm herum und blickt ihn so demütig an. Sie ist jetzt ganz anders, ganz schneeweiß und ehrbar gekleidet. Das ist jetzt noch nicht, das kommt noch." Aufmerksam gemacht, wie das so seltsam zu ihren kindischen Klagen passe, muß sie selbst lachen und sich schämen, gesteht aber doch, jenen verkehrten Gedanken nur schwer aus dem Kopf bringen zu können.
Solche erquickende Bilder werden ihr öfters plötzlich vorgestellt, wie eine gütige Mutter ein krankes . . . weinendes Kind in seinem Unmut durch ein Bilderbuch zu beruhigen oder für den Widerstand zu belohnen pflegt.
2. August 18221/ Tagebuoi Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten ~
Ich habe Johannes vor etwa zwei bis drei Tagen in seiner Gefangenschaft gesehen, wie mehrere seiner Jünger mit ihm sprachen. Sie können nicht zu ihm. Aber sie können ihn doch sehen und durch das Gitter ihm etwas reichen. Es ist erlaubt, einige dahin zu lassen. Wenn aber sehr viele kommen, werden sie von den Soldaten abgewiesen.
Sie fragten ihn wegen des TaufensJ. Er befahl ihnen fort zu taufen zu Amon, bis Jesus dort taufen lasse. Johannis Gefängnis ist
i
zwar hell und groß, aber er hat gar kein Lager darin als eine Steinbank, die wie ein Lager ausgehauen ist. Er ist wie immer sehr ernst. Er hat immer etwas Tiefsinniges, Trauriges in seine mJ Gesicht gehabt, wie einer, der das Lamm Gottes erwartete, sah und liebte, und weiß, daß sie es erwurgen werden.1~
Sie taufen schon wieder in Amon. Herodes ist noch nicht da.
3. August 1822 (=10. Ab) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 12-18
Heute hielten sie alle den Sabbath in Ginäa. Jesus lehrte in der Synagoge. Es wurde aus einer Rolle gelesen vom Zug der Kinder Israel durch die Wüste und der Austeilung des Landes Kanaan. Es wurde auch etwas von Jeremias gelesen. Es waren zwölf hartnäckige Pharisäer hier, die mit Jesu disputierten. Jesus lehrte von der Nähe des Reiches Gottes, und wie sie es mit dem Land Kanaan gemacht, so sollten sie es nicht auch mit diesem tun. So legte er alles auf das Reich Gottes aus, und wie sie noch immer in der Wüste herumzögen, und die, welche gegen das Reich Gottes murren würden, sollten in der Wüste sterben.
Er sprach auch von der Strafe über Jerusalem. Es werde eine Zeit kommen, da dieser Tempel nicht mehr stehen werde, und eine Zeit, wo Jerusalem nicht mehr zu erkennen sei. Er sprach auch wieder vom Herrn des Weinbergs, der seinen Sohn sende, und den sie hinausstoßen und töten würden, und vom Eckstein, den die Bauleute verwerfen, aus den Psalmen, und legte es auf den Sohn des Weinbergsherrn aus. Er sprach auch von Elias und Elisäus.
Sie legten ihm spitzfindige Fragen vor. Sie zeigten eine Rolle und fragten, was denn das bedeute, daß Jonas drei Tage im Bauch des Walfisches liege. Er legte dieses auf eine allgemeine, für sie nicht ganz verständliche Art aus, wie der getötete Messias drei Tage im Grabe ruhen werde und in den Schoß Abrahams fahren und wieder auferstehen werde. Darüber lachten sie und verließen meistens die Synagoge.
Einer aber hörte die Lehre Jesu zu Ende und lud ihn mit den Jüngern zur Mahlzeit ein. Doch lauerte auch er noch, obschon er besser als die anderen war. Es waren noch mehrere zugegen. Als er wieder zur Synagoge ging, hatten sie ihm Kranke vor die Schule gebracht und verlangten, er solle heilen und sie ein Zeichen sehen lassen. Jesus heilte aber nicht und sagte, sie wollten nicht glauben an ihn, und er wolle sie auch kein Zeichen sehen lassen. Sie wollten
136 137
ihn aber am Sabbath in Versuchung führen zu heilen, um ihn darüber zu verklagen.
Als der Sabbath zu Ende war, reisten die vornehmeren galiläischen Jünger alle nach Haus. Jesus ging mit Saturnin und zwei anderen nach dem Gute Lazari, wo er noch bleibt. Ich glaube, er will morgen noch in der Gegend umhergehen, und zwar wieder envas südlicher im Gebirge. Es dünkt mich, der Ort heiße Atharot.
Sehr rührend war es, zu sehen, wie Jesus die Kinder des Hausherrn im Garten lehrte. Er hatte sie bald vor sich, bald an seiner Brust, bald die kleineren zu zwei mit den Armen umfaßt. Auch sah ich ihn quer vor ihnen liegen. Er lehrte sie vom Gehorsam gegen die Eltern und von der Ehrerbietung gegen das Alter. Der Vater im Himmel habe ihnen diesen Vater gesetzt. Wie sie ihren Vater ehrten, würden sie auch den himmlischen Vater ehren.
Er sprach auch zu den Kindern von den Söhnen Jakobs und von den Kindern Israel, wie sie gemurrt hätten und darum nicht in das Gelobte Land gekommen wären, und doch sei das Gelobte Land so schön. Da zeigte er ihnen die schönen Bäume und Früchte im Garten und sprach vom Himmelreich, wie das uns auch versprochen sei, so wir die Gebote Gottes erfüllen, und dieses sei ein viel herrlicheres Land, da sei hier eine Wüste dagegen. Sie sollten daher gehorchen und alles dankbar ertragen, was Gott über sie verhänge. Sie sollten nie murren, damit sie in das Himmelreich kämen. Sie sollten nicht zweifeln an dessen Schönheit wie die Israeliten in der Wüste, sie sollten nicht murren, sie sollten glauben, daß es viel besser sei als hier, ja über alles herrlich. Sie sollten sich das immer in Gedanken fest vorstellen und ohne zu murren es verdienen durch jegliche Mühe und Arbeit. So beschäffigte sich Jesus an diesem Tag.
Die Schwester Emmerick erzählte am Nachmittag noch folgendes Nähere von Jesu Sabbathlehre vor den Pharisäern, deren etwa zwölf zugegen waren:
Er sprach von den Kindern von Israel, wie sie, mit dem Richteramt Samuels nicht zufrieden, nach einem König geschrien, und wie sie den Saul erhalten. Jetzt, da die Prophezeiung erfüllt sei, daß das Zepter von Juda genommen sei wegen ihrer Gottlosigkeit, verlangten sie wieder nach einem König und Herstellung des Reiches, und Gott werde ihnen ihren König, ihren eigentlichen. König senden, wie der Herr des Weinbergs seinen Sohn, nachdem seine Knechte von den gottlosen Weinbauern erschlagen werden, sende, und sie würden diesen, ihren König, ebenso töten. Es würde ihnen aber übel
138
ergehen, denn nun werde Gott sie wieder unter die Richter stellen. Dann sprach er von der Zerstörung von Jerusalem, vom verworfenen Eckstein und dem Heil, das von den Juden werde genommen werden.
Als sie ihm die Frage taten von Jonas, sagte er, so würde ihr König drei Tage im Grabe sein und wiederkehren. Worüber sie untereinanderj lachten.
Er sprach nun auch vom Irren der Kinder Israel in der Wüste, und wie sie einen viel näheren Weg in das Gelobte Land hätten nehmen können, wenn sie die Gebote Gottes, auf dem Berg Sinai gegeben, gehalten hätten. Sie seien aber um ihrer Sünden willen immer wieder zurückgesetzt worden, und die Murrenden seien gar in der Wüste gestorben. Nun aber nahe das Reich Gottes und das letzte Erbarmen, und ihr Leben sei wieder ein Irren in der Wüste. Jetzt sollten sie den nächsten Weg wandeln, um zum verheißenen Reiche Gottes zu gelangen. Es werde ihnen jetzt gezeigt.
Da traten drei Pharisäer ganz heuchlerisch und höflich hervor und sagten: "Ehrwürdiger Rabbi, du sprichst immer vom nächsten Weg, sage uns diesen nächsten Weg! " Da sagte Jesus: "Kennt ihr die Zehn Gebote auf Sinai?" Sie sagten: "Ja", und er sprach: "Haltet das erste davon und liebet euren Nächsten wie euch selbst und leget euren Untergebenen nicht schwere Bürden auf, die ihr selbst nicht befolgt! Das ist der Weg!"
Da sagten sie: "Das wußten wir auch, was du da sagst", und Jesus sagte ihnen: "Daß ihr es wisset und nicht tut, ist eure Schuld, um die ihr werdet gezüchtigt werden."
Und nun warf er ihnen vor, wie sie denn auch hier in der Stadt ganz besonders taten, daß sie den Leuten so viel aufbürdeten und selbst das Gesetz nicht hielten. Er sprach auch von den Kleidern der Priester, welche Gott Moses vorgeschrieben, und was sie bedeuteten, und wie sie alles das nicht erfüllten und noch viel Äußerliches, Verkehrtes zusetzten.
Sie waren aber alle sehr erbittert und konnten ihm nichts anhaben. Manchmal sprachen einige untereinander: "Das ist also der Prophet aus Nazareth, ja, der Zimmermannssohn ! " usw.
Das Gut Lazan war höchstens dreiviertel Stunden hiervon, und Jesus ging während des SabbathmorgensJ und nachmittags wieder dahin, lehrte die Kinder, und ging wieder zurück.
139
j
Sonntag 4. August 1822 (=11. Ab) / Tagebudz Bd. V, Heft 9 1 Viertel-Seiten 147-150
Am Sonntagmorgen, den ii~ Ab, hielt Jesus in dem Landhause Lazan bei Ginäa eine sehr große Kinderlehre. Es waren auch benachbarte Kinder zugegen. Er lehrte erst die Knaben und dann die Mägdlein allein auf die Art, wie ich gestern gesagt.
Gegen Mittag ging er mit den drei Jüngern wieder etwas südöstlich etwa vier Stunden zurück in einen hochgelegenen kleinen Ort, Ataroth genannt, der ungefähr zwei Stunden von Samaria lag. Es war dieses ein Hauptsitz der Sadduzäer, und die hier wohnenden hatten bei der Verfolgung der Jünger nach Ostern, wie zu Senabris die Pharisäer, mehrere gefangen und mit ihrem Ausfragen gequält. Es hatten einige von ihnen schon Jesu Lehren in der Herberge bei Sychar belauert, wo er besonders auch die Härte der Pharisäer und Sadduzäer gegen die Samariter gerügt. Sie hatten damals schon einen Plan gemacht, Jesum in Versuchung zu führen, und ihn aufgefordert, den Sabbath in Ataroth zu halten. Er wußte aber ihr Beginnen und ging den weiten Weg nach Ginäa. Mit den Pharisäern dort hatten sie sich auch beredet und schickten am Sonntag morgens Boten zu ihm. Er habe so schön von der Menschenliebe gelehrt. Man solle seinen Nächsten lieben wie sich selbst! Er möge doch nach Ataroth kommen und einen Kranken heilen! Wenn er ihnen dieses Zeichen tue, so wollten sie alle, und auch die Pharisäer von Ginäa, an ihn glauben und seine Lehre in der Gegend ausbreiten.
Jesus kannte ihre Bosheit und wußte ihren Betrug. Der Mann lag schon mehrere Tage unbeweglich und tot, und sie behaupteten gegen alle Einwohner in der Stadt, er liege in Entzückung, und selbst seine Frau wußte nicht, daß er tot sei.
Hätte ihn Jesus nun erweckt, so hätten sie gesagt, daß er nicht tot gewesen sei. Sie kamen Jesu entgegen und führten ihn vor das Haus des Toten. Es war dieser einer der ersten Sadduzäer gewesen und hatte es am ärgsten gegen die Jünger getrieben. Sie trugen den Toten auf einem Tragebett heraus auf die Straße, als Jesus kam. Es standen wohl fünfzehn Sadduzäer und alles Volk umher. Sie hatten den Toten aufgeschnitten und einbalsamiert, um Jesum zu betrügen. Er sah ganz schön aus. Jesus sagte aber: "Er ist tot und wird hier nicht auferstehen, da er die Auferstehung geleugnet! Ihr habt ihn mit Gewürzen gefüllt, aber seht, welche Gewürze das sind!" Da deckten sie die Haut auf, und statt Gewürzen war er voll Würmer.109
Da wurden die Sadduzäer ganz grimmig, denn Jesus sagte alle seine Sünden und Verbrechen laut und öffentlich aus und sagte, das seien die Würmer des bösen Gewissens, welche er sonst bedeckt, die jetzt sein Herz zerfräßen.
Er redete auch drohend ihren Betrug und böse Absicht aus und sprach sehr hart vo n den Sadduzäern, und auch vom Gericht über Jerusalem und alle, welche das Heil nicht annehmen würden.
Sie brachten den Toten aber ganz geschwind wieder in das Haus, und es war ein entsetzliches Lärmen und Schmähen, und als Jesus zu dem Tore mit den Jüngern wieder hinauszog, warf das aufgehetzte Gesindel mit Steinen hinter ihnen her, denn die Aufdeckung der Würmer und seiner Bosheit hatte sie gewaltig geärgert.
Ich sah unter dem bösen Gesindel doch auch einige wohlgesinnte Leute, welche weinten. Es wohnten da in einer Straße an der Mauer abgesondert kranke, blufflüssige Weiber. Sie glaubten an Jesum und flehten in der Ferne, denn sie durften als unrein nicht nahen. Er ging es wohl wissend barmherzig durch ihre Straßen, und da er vorüber war, gingen sie in seine Fußstapfen und küßten sie, und er schaute sich um, und sie genasen.
Jesus ging noch beinahe drei Stunden bis auf einen Hügel in der
Nähe von Engannim. Es liegt dieser Ort ungefähr in derselben Linie
wie Ginäa, aber einige Stunden mehr östlich in einem anderen Tal.
Es ist dieses die gerade Richtung nach Nazareth über Endor und
Naim. Von Naim ist es etwa sieben Stunden.
Jesus übernachtete auf diesem Hügel, wohin ihm mehrere Jünger aus Galiläa entgegengekommen waren, in einem Schuppen einer offenen Herberge, wo sie auch etwas aßen, was die Jünger mitgebracht. (Es waren zwei Jünger und zwei Knechte. Sie kamen ihn dringend von seiner Mutter und einem Hauptmann von Kapernaum einzuladen, dessen Sohn krank war.)
8. August 1822 (= 16. Ab) 1 Tagebuih Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten i6~i66
Jesus kam heute früh in der Dämmerung nach Kana und kehrte bei einem Schriftgelehrten an der Synagoge ein. Nachdem er geruht und sich erquickt hatte, war bald der Vorhof des Hauses voll von Menschen, denn man hatte hier seine Nähe von Engannim aus erfahren, und alles erwartete ihn.
Er lehrte den ganzen Morgen und war von einer Masse Volks
140 141
umgeben, als der sogenannte Hauptmann von Kapernaum ankam. Er kam mit mehreren Knechten und Maultieren. Er war sehr eilig und wie in großer Angst und Sorge und suchte von allen Seiten vergebens durch das Volk zu Jesu durchzudringen, vermochte es aber nicht. Da er mehrmals vergebens zugedrungen war, begann er heftig zu rufen: "Ehrwürdiger Meister, laß deinen Knecht vor dich! Ich bin hier als der Gesandte meines Herrn von Kapernaum und als er selbst und als der Vater seines Sohnes, ich bitte dich, doch gleich mit mir zu kommen, denn mein Sohn ist sehr krank und dem Tode nah."
Jesus hörte nicht auf ihn, er aber suchte, da man auf ihn aufmerksamer wurde, mehr einzudringen, drang jedoch nicht durch und schrie von neuem dasselbe: "Komme doch gleich mit mir, mein Sohn ist am Sterben!"
Da er 50 ungestüm schrie, wendete Jesus das Haupt zu ihm und redete zu ihm, dem Volke zu Gehör: "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht! Ich weiß deine Sache wohl, ihr wollt damit prahlen und den Pharisäern trotzen, und bedürft es ebensosehr als sie. Das ist nicht meine Sendung, daß ich Wunder tue zu euren Zwecken. Ich bedarf nicht eurer Bestätigung, ich werde mich bewähren, wo es der Wille meines Vaters ist, und werde Wunder tun, wo meine Sendung es erfordert."
Er sprach lang und schmälte ihn vor allem Volk, daß er schon lange auf ihn warte, seinen Sohn heilen zu lassen, um damit gegen die Pharisäer zu prahlen. Sie sollten nicht Wunder an sich für andere begehren, sie sollten glauben und sich bekehren.
Das hörte der Mann ohne allen Erfolg an und ließ sich nicht irr~ machen und drang noch näher und rief nochmals: "Was kann das helfen, Meister, mein Sohn ist am Sterben, komme doch gleich mit mir, er ist vielleicht schon tot!"
Da sagte Jesus zu ihm: "Gehe hin, dein Sohn lebt!" Der Mann sagte noch: "Ist das gewiß?" und Jesus sagte: "Er ist gesund in dieser Stunde auf mein Wort."
Da glaubte ihm der Mann und begehrte nicht ferner, daß er mit ihm reite, und bestieg sein Maultier und ritt sehr schnell nach Kapernaum.
(Jesus sagte auch noch, dieses Mal wollte er es noch tun, in einem ähnlichen Fall nicht wieder.
Der Mann kehrte sich aber an alles nicht und rief immerfort. Ganz bis zu Jesu heran ist er gar nicht gekommen.)
Ich sah diesen Mann nicht als den königlichen Beamten selbst, doch aber als den Vater des Sohnes. Er war ein erster Hausbeamter jenes Hauptmanns von Kapernaum. Dieser hatte keine Kinder, und
hatte lange danach verlangt, und hatte einen Sohn dieses seines vertrauten Dieners und seines Weibes als den seinen angenommen, der jetzt schon vierzehn Jahre alt war. Der Bote kam als der Gesandte, als der Herr und Vater selbst. Ich habe alles das gesehen, und ist mir das ganze Verhältnis erklärt, und hat vielleicht Jesus ihn auch deshalb so lange rufen lassen. Es war dieses übrigens nicht bekannt.
Der Knabe hatte schon lange nach Jesu verlangt. Zuerst war die Kranlcheit gelind, und sie verlangten schon nach Jesu um der Phansäer wegen. Seit vierzehn Tagen wurde die Krankheit heftiger, und der Knabe hatte bei den vielen Arzneien immer gesagt: "Die vielen Tränkchen helfen mir nicht, nur Jesus, der Prophet von Nazareth, wird mir helfen!" - Und da nun die Gefahr so groß war, schickten sie schon nach Samaria Botschaft mit den heiligen Frauen, und dann wieder Andreas und Nathanael gegen Engannim. Endlich ritt der Vater und Verwalter selbst nach Kana, wo er Jesum fand. Jesus hatte aber gezögert, um ihre Absicht zu strafen.
Es war von Kana nach Kapernaum eine Tagreise. Der Mann eilte aber so, daß er noch vor Nacht ankam. Ein paar Stunden vor Kapernaum kamen ihm Knechte entgegen und sagten, daß der Knabe gesund sei. Sie hätten ihm nachziehen und sagen sollen, er brauche sich nicht weiter zu bemühen, wenn er Jesum noch nicht gefunden hätte. Man hätte die Kosten sparen können, denn der Knabe sei um die siebente Stunde plötzlich von selbst gesund geworden.
Da sagte er ihnen die Worte Jesu, und sie wunderten sich und eilten mit ihm nach Haus. Ich sah aber den Hauptmann 5 o robabel mit dem Knaben ihm unter der Türe entgegenkommen.
Der Knabe umarmte ihn, und er erzählte die Worte Jesu, und seine mitgewesenen Knechte beteuerten alles. Da war ein großer Jubel.
Ich sah auch ein Mahl bereiten. Der Jüngling saß zwischen seinem Pflegevater und wirklichem Vater, und die Mutter saß auch dabei. Der Knabe liebte den rechten Vater ebensosehr als den vermeinten, und dieser hatte auch große Gewalt im Haus.
Alle Diener und Arbeiter des Hauses und der vielen umliegenden Gärten - denn er wohnte an einer Seite in der Stadt wie auf einem kleinen Landgut - wurden herbeigerufen, allen ward das Wunder erzählt. Alle wurden sehr gerührt und glaubten an Jesum, und ich
142 143
sah alles Gesinde während des Mahles vor dem Saal einen Lobgesang anstimmen. -Der Jüngling ist erst nach dem Tode Jesu zu den Jüngern gekommen.
Ich sah auch Boten von Nazareth heute zu Kana bei Jesu.110 Sie sagten, es sei in seiner Vaterstadt erklungen, welche große Wunder er in Judäa, Samaria und vorgestern in Engannim getan. Er wisse aber wohl, in Nazareth sei man der Meinung, wer nicht in der Schule der Pharisäer gelernt habe, der könne nicht viel wissen. Es sei daher ihr Wunsch, er möge zu ihnen kommen und sie eines besseren belehren. Sie meinten ihn dadurch zu locken. Aber er sagte, er wolle zuerst nach Kapernaum gehen und dann auch zu ihnen kommen.111
10. August J1822J (= 17. Ab) / Tagebu~ Bd. v, Heft 9 / Viertelseiten
187-293
Sie ist krank und unterhält sich mit dem Söhnchen ihres Bruders, und somit bleibt nur folgendes übrig:
Jesus ging am Sabbathmorgen früh mit seinen Jüngern nach Kapernaum aus der Wohnung seiner Mutter, die etwa dreiviertel Stunden gegen Bethsaida zu liegt. Der Weg führt von da etwas aufwärts und dann wieder abwärts nach Kapernaum.
Bald vor dem Tor liegt in einer Tiefe ein Haus, in welches ein frommer alter Mann als Verwalter gesetzt ist. Dieses Haus ist zur Aufnahme Jesu und der Jünger hier bestimmt. Es fanden sich alle Jünger von Bethsaida und der Gegend Kapernaum ein. Maria und die heiligen Frauen folgten später.
Als Jesus in die Stadt kam, waren schon sehr viele Kranke ausgestellt, welche schon gestern gekommen und noch nicht geheilt waren. Jesus heilte sehr viele auf dem Weg zur Synagoge, in welcher er u. a. über eine Parabel lehrte, die ich vergessen habe.
Als er vor der Synagoge beim Herausgehen noch lehrte, warfen sich mehrere Leute vor ihm nieder und begehrten Vergebung ihrer Sünden. Es waren zwei ehebrecherische, von ihren Männern verstoßene, öffentliche Weiber und etwa vier Männer, worunter solche, die mit jenen gesündigt hatten. Sie zerflossen in Tränen und wollten ihre Sünden vor dem ganzen versammelten Volk bekennen. Jesus aber sagte zu ihnen, daß ihre Sünden ihm bekannt seien. Es werde eine Zeit kommen, wo selbst das offene Bekenntnis werde nötig sein. Hier aber könne es nur Ärgernis und ihnen Verfolgung bringen. Er
ermahnte sie auch, über sich zu wachen, damit sie nicht zurückfielen, nie aber selbst bei dem Rückfall zu verzweifeln, sondern sich zu Gott zu wenden und zur Buße. Er vergab ihnen auch ihre Sünden, und da diese Männer fragten, zu welcher Taufe sie gehen sollten, ob zur Johannisjüngertaufe oder ob sie seiner Jünger Taufe harren sollten, sagte er, sie sollten zur Johannisjüngertaufe gehen.
Die Pharisäer, die gegenwärtig waren, wunderten sich sehr, daß er Sünden zu vergeben wage, und setzten ihn darüber zu Rede. Er brachte sie mit seinen Antworten zum Schweigen und sagte, es sei ihm leichter, die Sünden zu vergeben, als zu heilen, denn wer aufrichtig bereue, dem seien die Sünden vergeben, und er sündige nicht leicht wieder - die Kranken aber, die geheilt würden am Leibe, blieben oft an der Seele krank und gebrauchten ihren Leib zur Sünde.
Sie fragten ihn auch, ob dann nun, da diesen Weibern ihre Sünden vergeben seien, ihre Männer, die sie verstoßen, sie wieder nehmen müßten. Jesus sagte, hierüber erlaube die Zeit nicht zu sprechen. Er wolle sie ein andermal darüber belehren. Auch über das Heilen am Sabbath fragten sie ihn, und er verteidigte sich und sagte, wenn ihnen ein Tier in den Brunnen falle am Sabbath usw., zögen sie es heraus. -Nachmittag ging er in das Haus vor Kapernaum mit allen Jüngern. Die heiligen Frauen waren schon dort. Es wurde eine Mahlzeit hier genommen, welche der Hauptmann Sorobabel besorgt hatte. Dieser und Selathiel, der Vater des Knaben, lagen mit zu Tisch. Jesse 112, der Knabe, diente. Die Frauen saßen an einem anderen Tisch. Jesus sprach und lehrte. Sie schleppten ihm die Kranken bis in dieses Haus und drangen mit Hilfsgeschrei in den Speisesaal. Er heilte viele. -Nach Tisch ging er abermals in die Synagoge, und ich hörte ihn
u. a. von Jesajas lehren, wie er dem König Anaz prophezeit: Siehe, die Jungfrau wir~ gebären und einen Sohn gebären, usw.113 Als er die Synagoge verließ, heilte er noch viele Menschen auf den Straßen bis in die Nacht. Unter diesen befanden sich mehrere blutilüssige Frauen, welche, entfernt und verhüllt, traurig standen und ihm und dem Volk nicht nahen durften. Jesus wußte ihr Leid, wendete sich gegen sie und heilte sie mit einem Blick. Er berührte solche Leidende nie. Es liegt ein Mysterium in diesem Verbot, das ich jetzt nicht au~ sprechen kann. An diesem Abend brach ein Festtag an.
Als er mit den Jüngern nach seiner Mutter Haus ging, war die Rede davon, daß er am Morgen mit ihnen nach dem See gehen wolle,
144 145
und ich hörte, daß Petrus sich wegen seinem schlechten Schiff entschuldigte.
Die Leute, denen er die Sünden vergeben hatte, waren in Bußkleidern und verhüllt. -Am vorletzten Sabbach waren die Juden schwarz gekleidet, und die ganze letzte Zeit war ein Bußleben wegen der Feier der Zerstörung Jerusalems. Darum auch seine strengen Lehren von der Strafe über Jerusalem.
Als Jesus nach dem Sabbath beim Anbruch des Festtags, des i8. Ab 114, von seinen vielen Heilungen nach dem Hause seiner Mutter gehend Kapernaum verließ, kam er in der Stadt an einem Gebäude vorüber, welches mit Wasser und einer Brücke umgeben war. Man sperrte darin die bösartigeren Besessenen abends ein. Sie tobten und schrien bei seinem Vorübergehen: "Da geht er! Was will er? Warum will er uns vertreiben?" Da sprach Jesus: "Schweiget und bleibet, bis ich wieder komme, dann ist eure Zeit zu weichen", und sie wurden ruhig.
Als er die Stadt verlassen, sah ich, daß die Pharisäer und Oberen der Stadt sich versammelten und daß der Hauptmann Zorobabel auch dabei war. Sie hielten einen Rat über alles, was sie gesehen hatten und was sie von Jesu halten sollten und welche Maßregeln ergreifen. Sie sagten: "Welchen Aufstand und Unruhe macht dieser Mensch. Aller ruhiger Gang wird gestört. Die Leute verlassen ihre Arbeit und ziehen mit ihm herum. Er beunruhigt und beschimpft alles mit seinen Strafreden. Er spricht immer von seinem Vater. Ist er nicht von Nazareth, der Sohn des armen Zimmermanns? Wie kann er solche Kühnheit und Sicherheit haben? Auf welches Recht stützt er sich? Er heilt und stört am Sabbath. Er vergibt die Sünden. Kommt seine Kraft von oben? Hat er geheime Künste? Wo hat er alle seine Auslegungen der Schrift her? Er ist nicht in die Schule gegangen zu Nazareth. Er muß irgendeinen geheimen Zusammenhang haben mit einem fremden Volk. Er spricht immer von der Ankunft des Reichs, der Nähe des Reichs, der Zerstörung Jerusalems. Sein Vater Joseph war von vornehmem Geschlecht. Vielleicht ist er ein unterschobenes Kind von einem anderen mächtigen Vater, der sich Anhang im Land sucht und sich der Herrschaft von Judäa bemeistern will. Er muß eine große geheime Hinterlage, eine unbekannte Unterstützung haben, auf die er sich verläßt, sonst könnte er nicht so sicher und so kühn, als hätte er alles Recht dazu, gegen allen Gebrauch und Autorität handeln. Er war oft lange abwesend. In wel
chen Verbindungen muß er stehen? Wo mag er seine Künste und Wissenschaft her haben? Was ist zu tun mit ihm, usw.?"
So redeten sie in mancherlei Vermutungen und Ärgernis durchemander. Der Hauptmann Zorobabel hielt sich ganz ruhig und wußte sie zuletzt zu beruhigen, denn er sagte zu ihnen, sie sollten sich ohne Sorge verhalten. Ist seine Macht von Gott, so wird sie sich gewiß bestätigen. Ist sie es nicht, so wird sie zerfallen. Solange er uns heilt und bessert, dürfen wir ihn gewiß lieben und dem danken, der ihn gesandt hat. Jesus übernachtete bei der Wohnung seiner Mutter vor Kapernaum.
15. Aogz~st 118221 (=
22. Ab) 1 Tagebud: Bd. v, Hefi 9 / Viertelseiten
235-240
Jesus ging in der vorigen Nacht, Mittwoch, um zwölf Uhr, aus dem Haus seiner Verwandten in Klein-Sephoris und sonderte sich im Gebete ab.
Ich sah ihn heute zwischen dem kleinen und großen Sephoris in das ehemalige väterliche Gut Annfas gehen. Er hatte nur einen Jünger bei sich. Die hier Wohnenden waren durch Anheiratungen nicht mehr nah mit ihm verwandt. Es war aber noch eine alte wassersüchtige Frau hier bettlägerig, die ihm näher verwandt war, und es saß gewöhnlich ein kleiner blinder Knabe bei ihr.
Er betete mit der alten Frau. Sie mußte ihm nachsprechen, und er hielt ihr etwa eine Minute lang die Hand auf den Kopf und die Magengegend. Da kam sie ganz in sich und war etwa eine Minute ohnmächtig und fühlte sich ganz erleichtert. Jesus gebot ihr dann aufzustehen. Die Wassersucht war dann nicht wie weggeblasen, sondern die Frau konnte gehen und war in kurzer Zeit ohne Beschwerde durch Schweiß und Ausleerung erledigt.
Die Frau bat ihn für den blinden Knaben. Er war etwa acht Jahre alt und hatte nie gesehen und gesprochen, aber er hörte. Sie lobte seine Frömmigkeit und seinen Gehorsam. ~esus legte ihm den Zeigefinger in den Mund, und dann hauchte er auf beide Daumen seiner Hand oder benetzte sie mit Speichel, was ich nicht mehr weiß, und hielt sie, betend emporschauend, zugleich auf die Augen des Knaben, die geschlossen waren. Dann schlug er die Augen auf, und das erste, was er (jemals) erblickte, war Jesus (sein Erlöser). Der Knabe war ganz verwirrt vor Freude, Ungewohniheit und Erstaunen. Er flog unsicher gegen Jesum hin und dankte stammelnd und weinte zu
146 147
seinen Füßen. Er ermahnte ihn aber über den Gehorsam und die Elternliebe. Da er blind dieselbe geübt, solle er sie sehend noch treuer ausüben und seine Augen nicht zur Sünde gebrauchen, usw. Hernach kamen die Eltern, die Leute des Hauses, und es war große Freude und Lobpreisen.
Jesus heilte nicht einen wie den anderen. Er heilte auch nicht anders als die Apostel und die späteren Heiligen und Priester bis auf unsere Zeit. Er legte die Hände auf und betete mit den Kranken. Er tat es aber schneller als die Apostel. Seine Heilungen und Wunder tat er auch als Vorbild für seine Nachfolger und Jünger. Er tat sie immer auf eine Art, welche dem Übel und Bedürfnis angemessen war. Lahme berührte er, und ihre Muskeln wurden entbunden, und sie richteten sich auf. Bei zerbrochenen Gliedern faßte er den Bruch in die Hände, und sie fügten sich zusammen. Von Aussätzigen sah ich auf seine Berührung die Blattern sich sogleich trocken abschuppen. Aber ich sah rote Flecken zurückbleiben, welche nach und nach, jedoch schneller als gewöhnlich und nach dem Grade des Verdienstes der Heilung vergingen. Ich habe nie gesehen, daß er eine Heilung getan, so daß ein Buckliger im Augenblick kerzengerade, ein krummer Knochen ein gerader Knochen gewesen sei, nicht, als habe er es nicht gekonnt, sondern er tat es nicht, denn seine Wunder waren kein Schauspiel, sondern sie waren Werke der Barmherzigkeit. Sie waren ein Bild seiner Sendung, ein Entbinden, Versöhnen, Lehren, Entwickeln, Erziehen, Erlösen, und so wie er seiner Erlösung teilhaftig zu werden, die Mitwirkung der Menschen verlangte, so mußte auch bei den Heilungen der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, die Reue und Besserung der Menschen als Mitwirkung des Empfangs erscheinen. Jedem Zustand geschah sein Recht in der Behandlung, wodurch eine jede Krankheit und ihre Heilung ein Sinnbild einer geistlichen Krankheit, einer Sünde und Strafe und einer Heilung, einer Verzeihung und Besserung wurde ~.
Nur bei den Heiden sah ich einige seiner Wunder auffallender und seltsamer. Die Wunder der Apostel und späterer Heiliger waren weit auffallender und dem gemeinen Naturgang widersprechender, denn die Heiden bedurften Erschütterung, die Juden nur Entbindung, usw.
Oft heilte er durch Gebet in die Ferne, oft durch einen Blick, besonders blutilüssige Frauen, welche ihm nicht zu nahen wagten und auch nicht durften nach jüdischen Gesetzen. Solche Gesetze, welche einen geheimen Sinn hatten, befolgte er, andere nicht.
Ich habe zu Ataroch blutilüssige Frauen seine Fußstapfen küssen
und genesen gesehen. Ich sah in Kapernaum solche aus der Ferne nach ihm blicken und genesen.
Jesus lehrte noch in der Gegend hie und da an einzelnen Orten... Gegen Abend ging er an eine einzeln bei einigen Wohnungen liegende Schule in gleicher Entfernung von Nazareth als KleinSephoris. Hier kamen sein zweiter ihn begleitender Jünger und der Jünger Parmenas von Nazareth zu ihm. Sie aßen dort bei einer Herberge unter freiem Himmel einige Speisen. Ich sah Synagogendiener von Groß-Sephoris Rollen hierher tragen und glaube deswegen, es werde morgen eine Lehre hier gehalten werden.
Parmenas war schon ein Jugendfreund Jesu und würde bereits mit den anderen Jüngern ihm gefolgt sein, wenn er nicht ein paar arme Eltern in Nazareth gehabt hätte, welche er durch allerlei Geschäfte und besonders durch Botengänge ernährte...
fAugust 1822J 1 Tagebutii Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 311-312
... Ich sah bei allen Heilungen einen gewissen Übergang nach Art der Krankheiten und Sünden. Ich sah bei allen, über die er betete, oder denen er die Hand auflegte, eine Stille und Innerlichkeit von einigen Augenblicken eintreten, und sie erhoben sich genesend, wie aus einer kleinen Ohnmacht. Lahme erhoben sich sanft, warfen sich vor ihm nieder und waren gesund, aber die ganze Kraft und Behendigkeit der Glieder trat erst nach einiger Zeit ein, bei einigen in Stunden, bei anderen in Tagen, usw.
Ich sah Wassersüchtige, die noch zu ihm wanken konnten, und solche, die getragen wurden. Er legte diesen meistens die Hand auf Kopf und Magen. Sie konnten nach seinen Worten sogleich sich aufrichten und gehen, fühlten sich ganz leicht, und das Wasser wich in Schweiß von ihnen. Aussätzige verloren gleich nach seiner Heilung die Schuppen, hatten dankend aber doch noch rote Male, wo der Ausschlag gesessen.
Sehend, sprechend, hörend Gewordene hatten im Anfang noch die Äußerung der Ungewohnheit dieser Sinne.
Ich sah Gichtgeschwollene geheilt. Sie waren schmerzlos und konnten gehen, aber die Geschwulst war nicht wie weggeflogen, sondern sie wich nur sehr bald.
Krampfige waren gleich geheilt, die Fieber wichen, aber die Menschen waren nicht im Augenblick wieder ganz stark und frisch. Sie genasen wie eine verwelkte Pflanze auf den Regen.
148 149
Die Besessenen sanken gewöhnlich in kurze Ohnrnacht und erhoben sich dann frei, aber müde und mit beruhigtem Antlitz. So ging alles sehr ruhig und ordentlich her, und nur den Ungläubigen und Feindseligen hatten die Wunder Jesu etwas Schreckliches.
Die Heiden, welche hierher zogen, waren meistens durch Leute, welche bei Johannis Taufe und Lehre gewesen, auch durch Heiden aus Obergaliläa und sonst, wo Jesus gelehrt und geheilt hatte, aufgeregt und strebten nach Unterricht. Manche hatten Johannis Taufe, andere nicht. Jesus befahl ihnen die Beschneidung nicht. Er lehrte, wenn sie darüber fragten, von der Beschneidung des Herzens und aller Sinne. Er lehrte sie, wie sie sich halten sollten. Er lehrte sie Nächstenliebe, Mäßigkeit, Abbruch, befahl ihnen, die Zehn Gebote zu halten, lehrte sie einzelne Teile eines Gebetes, wie einzelne Bitten des Vaterunsers. Er sagte ihnen auch, daß er ihnen Jünger senden wollte, und ich sah, daß zu solchen die länger hauptsächlich nachher kamen.
Freitag, Jr 6.1 August ,1822
115 / Tagebuch Bd. v, Heft 9 / Viertelseiten 24~244
Ich sah heute morgen viele Lehrer und Pharisäer aus Groß-Sephoris und Klein-Sephoris und der Gegend und auch einiges andere Volk in der allein liegenden Schule zusammenkommen, bei der Jesus sich gestern eingefunden hatte. Sie kamen mit ihm über die Stelle von der Ehescheidung zu disputieren, welche er am Mittwoch dem Lehrer in der Synagoge zu Klein-Sephoris als unerlaubt eingeflickt verwiesen hatte. Sie hatten dieses in Groß-Sephoris sehr übelgenommen, denn diese eingeschobene Auslegung stammte aus ihrer Lehre her. Die Ehescheidungen wurden in dieser Stadt sehr leichtsinnig betrieben, und sie hatten ein eigenes Haus, wo sie die geschiedenen Frauen hineintaten.
Jener Lehrer, der seine Schuld eingestanden, hatte eine Gesetzrolle abgeschrieben und kleine verkehrte Auslegungen dazwischen eingefügt. Sie disputierten lange gegen Jesum und wollten gar nicht einsehen, wie er sich herausnehmen könne, das auszustreichen. Er brachte sie aber zum Schweigen, jedoch nicht zur Erkenntnis, wie den ersten. Er bewies ihnen das Verbot der Einschaltung, und daher die Pflicht der Austilgung, und bewies ihnen die Falschheit jener Erklärung und verwies die Umgehung des Gesetzes der Ehescheidung in ihrer Stadt scharf. Er sagte, in welchen Fällen es ganz unerlaubt
sei, daß der Mann die Frau verstoße, und sagte, wenn ein Teil den anderen gar nicht lieben könnte, so könne er sich mit Einwilligung des anderen von ihm absondern, aber der stärkere Teil dürfe den anderen nicht gegen dessen Willen und Schuld vertreiben.
Er richtete aber wenig bei ihnen aus. Sie waren geärgert und aufgeblasen, obschon sie ihn nicht widerlegen konnten. -Der von Jesu in Untersephoris überwiesene und bekehrte Schriftgelehrte tat sich ganz von den Pharisäern ab und erklärte seiner Gemeinde, er werde ohne Zusatz künftig das Gesetz lehren, und wenn sie dies nicht wollten, sich ganz zurückziehen. Die eingeschaltete Stelle in das Scheidungsgesetz war: Wenn ein Teil der zwei Eheleute früher mit einem anderen zu tun gehabt habe, so bestehe die Ehe nicht, und der mit dem einen Teil zu tun gehabt habe, könne diesen als sein reklamieren, wenn die Leute auch gut zusammenlebten. Dieses verwarf Jesus und nannte das Scheidungsgesetz nur als für ein noch rohes Volk gegeben. Er erlaubte auch wohl Scheidung, doch nie Wiederverehelichung.
Es waren aber zwei der vornehmsten Pharisäer bei diesem Disput selbst in der Lage, hieraus Scheidung für sich zu entwickeln 116, und sie hatten darum seit längerer Zeit solche Gesetzerweiterungen auf die Bahn gebracht. Es war nicht bekannt, aber Jesus wußte es und sagte zu ihnen: "Ihr verteidigt doch in dieser Gesetzverdrehung nicht etwa eure eigene Fleischesnot?" Darüber ärgerten sie sich ganz entsetzlich.
Nachmittags ging Jesus nach Nazareth, wohin er etwa zwei Stunden hatte, ungefähr ebensoweit als von Klein-Sephoris, welches von hier östlicher lag.117
Jesus kehrte an der Seite, wo er einging, vor der Stadt in der Wohnung der Nachgelassenen seines verstorbenen Freundes, des Esseners Eliud, ein. Sie wuschen ihm die Füße und gaben ihm eine Erquickung. Diese Leute waren ruhig dienend und liebevoll. Sie sagten ihm auch, wie sehr die Nazarethaner sich seiner Ankunft erfreuten. Er sagte ihnen aber, diese Freude werde nicht lange dauern, denn sie würden nicht hören wollen, was er ihnen sagen müsse.
Er ging hierauf in die Stadt. Man hatte vor dem Tor auf iün zu warten bestellt. Kaum erschien er, als ihm verschiedene Pharisäer und Vornehme und vieles Volk entgegenkam en. Man empfing ihn sehr feierlich und wollte ihn in eine öffentliche Herberge führen, wo sie ihm eine Empfangsmahlzeit vor dem Sabbath eingerichtet
150
151
hatten. Er nahm es aber nicht an und sagte, er habe jetzt anderes zu tun, und begab sich gleich in die Synagoge, wohin sie ihm folgten und sehr vieles Volk zusammenkam. Es war noch vor dem Einbruch des Sabbaths.
Er lehrte hier von der Ankunft des Reichs, von der Erfüllung der Prophezeiungen. Er begehrte die Rollen des Jesajas und rollte sie auf und las 118 eine Stelle, die er ganz sprach, als sei von ihm selbst die Rede, daß der Geist Gottes über ihm sei, und daß er gekommen sei, den armen, elenden Menschen das Heil zu verkünden, und wie alles Unrecht sollte ausgeglichen . . . die Witwen getröstet, die Kranken geheilt, den Sündern vergeben werden, usw. Das stand teils darin, teils legte er es so aus. Er sprach gar schön und lieblich. Sie waren alle verwundert und noch voll Freude an ihm heute abends, sprachen aber doch manchmal untereinander: "Er spricht gerade, als wenn er der Messias selbst sei! " Aber die Bewunderung hatte sie so gefesselt, daß sie voll Eitelkeit waren, daß er aus ihrer Stadt sei, und sie hörten ganz vergnügt zu.
Er lehrte auch noch, als der Sabbath anging, von einer Stimme des Wegebereiters in der Wüste 119, und wie alles solle ausgeglichen und geebnet werden. Nachher war er mit ihnen bei einem Mahl. Sie waren sehr freundlich mit ihm. Sie sprachen auch mit ihm, es seien viele Kranke da, er solle sie doch heilen. Er lehnte es aber ab, und sie nahmen das einstweilen so hin, meinten jedoch, er werde es morgen doch tun. Nach dem Mahl ging er wieder zu den Essenern hinaus. Da diese noch sehr erfreut waren über seinen guten Empfang, sagte er ihnen, sie sollten warten bis zum folgenden Tag, da würden sie anderes erfahren.
Samstag, 17. August 11822
(=24. Ab) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 1 Viertel-seiten 245-252
Am Samstagmorgen lehrte Jesus wieder in der Synagoge. Es wollte zwar ein anderer Jude, an dem die gewöhnliche Reihe war, die Rolle nehmen. Jesus aber verlangte die Rolle und lehrte aus dem fünften Buch Moses', Kap. 4, von dem Gehorsam gegen die Gebote, und daß man nichts hinzu- und davontun solle, und wie Moses den Kindern Israel alles wiederholt, was Gott geboten, und wie sie es schlecht gehalten. Es kamen auch die Zehn Gebote in der Lesung vor und die Auslegung des ersten Gebots von der Liebe Gottes. Jesus lehrte hierüber sehr streng und warf ihnen vor, wie
sie allerlei zum Gesetze zuflickten und dem armen Volk Lasten auferlegten und das Gesetz selbst nicht erfüllten. Er griff sie auch so ernst an, daß sie sich ärgerten, denn sie konnten nichts sagen, daß er die Unwahrheit spräche.
Sie murrten aber und sagten zueinander: "Wie ist er auf einmal so keck, er ist kurze Zeit hier weg und stellt sich wunder wer er wäre! Er spricht gar, als sei er der Messias, und wir kennen seinen Vater, den armen Zimmermann, gut, und ihn auch! Wo hat er gelernt? Wie wagt er uns das zu bieten?" Und sie fingen an, sich stille an ihm zu ärgern, denn sie waren beschämt und überführt vor allem Volk.
Er lehrte aber ruhig fort und ging zu seiner Stunde hinaus zu der Essenerfamihe, weniges zu essen. Hier kamen die Söhne des reichen Mannes zu ihm, welche ihn schon die vorigen Male um Aufnahme unter die Jünger so dringend gebeten hatten, deren Eltern aber nur weltlichen Ruhm und Gelehrsamkeit dabei suchten. Sie verlangten, er solle bei ihnen essen. Er nahm es nicht an. Sie baten nochmals um Aufnahme und sagten, daß sie alles erfüllt hätten, was er ihnen geboten. Da sagte er: "Wenn ihr das getan habet, so bedürft ihr nicht, meine Schüler zu werden, so seid ihr bereits selbst Meister! " Und somit wies er sie ab.
Er aß und lehrte bei den Essenern und im häuslichen Kreis, und sie sprachen, wie sie auf mancherlei Weise bedrückt würden. Er riet ihnen auch, nach Kapernaum zu ziehen, wo er künftig wohnen würde.
Unterdessen hatten die Pharisäer sich untereinander beraten und aufgehetzt und beschlossen, wenn er heute abend wieder so frei spreche, ihm zu zeigen, daß er kein Recht hier habe, und an ihm auszuüben, was man in Jerusalem längst gewünscht. Sie hofften aber noch immer, er würde einlenken und Wunder tun aus Respekt vor ihnen, und als er in die Synagoge zum Schluß des Sabbaths kam, hatten sie Kranke vor die Synagoge gebracht. Er ging aber durch sie durch und heilte keinen.
In der Synagoge fuhr er fort, von der Fülle der Zeit, von seiner Sendung, von der letzten Zeit der Gnade zu sprechen, und von ihrem Verderben und ihrer Strafe, so sie sich nicht besserten, und wie er gekommen sei, zu helfen, zu heilen und zu lehren.
So ärgerten sie sich immer mehr und murrten. Da sagte er: "Ihr saget aber: Arzt, heile dich selber! So du in Kapernaum und sonst Wunder getan, tue sie nun auch hier an deiner Vaterstadt! Aber es gilt kein Prophet etwas in seiner Vaterstadt! " Da ärgerten sie sich
152 153
immer mehr und murrten, und er verglich die jetzige Zeit mit großer Hungersnot, und die einzelnen Städte mit armen Witwen, und sagte, zu Elias' Zeiten bei der Hungersnot waren auch viele Witwen im Land, und der Prophet sei doch zu keiner gesandt worden als zu der Witwe zu Sarepta, und zu Elisäus' Zeiten seien viele Aussätzige gewesen, und er habe doch nur Naeman, den Syrer, geheilt. Und so verglich er ihre Stadt mit einem Aussätzigen, der nicht geheilt wurde. Sie aber ergrimmten . . . entsetzlich, daß er sie mit Aussätzigen verglich, und standen von ihren Sitzen auf und tobten gegen ihn und wollten ihn ergreifen. Er sagte aber: "Haltet, was ihr lehret, und brechet den Sabbath nicht! Hernach tuet, was ihr vorhabt! " So ließen sie ihn mit Murren und mancherlei Hohn reden und verließen ihre Plätze und gingen hinaus gegen die Türe.
Jesus aber lehrte noch und legte seine letzten Worte aus und begab sich aus der Synagoge, und ungefähr zwanzig ergrimmte Pharisäer umgaben ihn vor der Türe und faßten ihn an und sagten:
"Wohlan, nun komme mit uns auf einen hohen Platz. Da magst du deine Lehre nochmals vorbringen, da wollen wir dir antworten, wie auf deine Lehre zu antworten ist!"
Er sagte ihnen aber, sie sollten ihn lassen, er wolle ihnen folgen, und sie gingen rings um ihn wie eine Wache, und vieles Volk hinterdrein, und es war ein unbändiges Schmähen und Höhnen im Augenblick, da der Sabbath geschlossen war. Sie tobten durcheinander. Jeder wollte einen besseren Hohn anbringen: "Wir wollen dir antworten! Du sollst zur Witwe von Sarepta gehen! Du sollst Naeman, den Syrer, heilen! Bist du Elias, so fahre gen Himmel! Wir wollen dir einen guten Platz zeigen! Wer bist du? Warum hast du deinen Anhang nicht mitgebracht? Du hattest den Mut nicht! Hast du nicht hier mit deinen armen Eltern dein Brot gehabt, und nun, da du satt bist, willst du uns schmähen! Aber wir wollen dich hören, du sollst reden vor allem Volk unter freiem Himmel, wir wollen dir antworten! " Und so ging es unter Geschrei des Volkes den Berg hinan. Jesus aber lehrte immer ruhig fort und antwortete auf ihre Reden mit heiligen Sprüchen und tiefen Worten, welche sie teils beschämten, teils mehr ergrimmten.
Die Synagoge lag ganz an der Abendseite von Nazareth. Es ward schon dunkel. Sie hatten ein paar Leuchten bei sich. Sie führten ihn an der Morgenseite der Synagoge herum und drehten sich hinter ihr in einer breiten Straße wieder gegen Abend zur Stadt hinaus. Am Berg aufsteigend kamen sie auf einen hohen Rücken, auf dessen
mitternächdicher Seite unten Sumpf war und der gegen Mittag zu einen Felsvorsprung mit einem steilen Absturz bildete. Es war da eine Stelle, wo sie Verbrecher hinabzustürzen pflegten, und sie wollten ihn da nochmals zur Rede stellen und dann hinabstoßen. Der Abgrund ging in eine enge Schlucht.
Als sie aber nicht weit vor dem Orte waren, sah ich Jesum, der wie ein Gefangener zwischen ihnen war, stillstehen. Sie aber gingen schimpfend und höhnend weiter.
Ich sah zwei lange lichte Gestalten in dem Augenblick neben Jesu und sah, daß er hierauf eine Strecke zwischen dem nachdrängenden Volk wieder zurückging, und dann längs der Stadtmauer auf dem Bergrücken von Nanareth hin und bis an das Tor, durch welches er gestern hereingekommen, und er ging wieder in das Haus der Essener. Es war diesen nicht bange um ihn gewesen, sie glaubten an ihn und erwarteten ihn. Er nahm einige Erquickung zu sich, sprach von diesem Ereignis, sagte ihnen nochmals, nach Kapernaum zu ziehen, erinnerte sie, daß er ihnen diese Behandlung vorausgesagt, und verließ nach etwa einer halben Stunde die Stadt, anfangs in der Richtung, als gehe er gen Kana zu.
Nichts war lächerlicher als die Bosheit und Verwirrung und der Lärm der Pharisäer, als sie ihn auf einmal nicht mehr zwischen sich sahen. Es war ein Geschrei: "Halt! Wo ist er? Halt!" Und das nachdringende Volk drang vor und sie zurück, und es war auf dem schmalen Weg ein Gedränge und Getobe, und einer ergriff den anderen, und sie zankten und schrien und liefen nach allen Schluchten und leuchteten in die Höhlen und meinten, da habe er sich verkrochen. Sie liefen Gefahr, selbst Hals und Bein zu brechen, und jeder schimpfte den anderen, daß er durch seine Schuld entwischt sei. Sie kehrten endlich stille wieder um, nachdem Jesus längst aus der Stadt war. Doch besetzten sie die ganze Gegend des Berges mit Wachen, und rückkehrend sagten sie, da sehe man, wer er sei, er sei ein Gaukler, ein Zauberer, der Teufel habe ihm geholfen, jetzt werde er auf einmal in einem anderen Winkel wieder hervorkommen und alles in Aufruhr bringen.
23. August 1322 (= 30. Ab) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten
313-319
Gestern abend sah ich schon in Bethanien und Kapernaum die Fahnen mit Knoten daran auf den Synagogen (und Fruchtsdhnüre an denselben) und anderen öffentlichen größeren Häusern heraus-
154 155
hängen, weil der letzte Tag des Monats Ab eintrat und heute abend mit dem Sabbaih der erste Elul beginnt.
Jesus heilte heute morgen noch viele kranke Juden in Bethsaida. Er aß in Petri Haus und ging nachher mit den Jüngern, wohin die Frauen schon vorausgegangen, nach Petri Haus, dicht vor Kapernaum, wo ihn wieder viele Kranke erwarteten. Es waren zwei taube Männer dabei, denen Jesus die Finger in die Ohren legte. Zwei andere wurden herangeführt, die kaum gehen konnten und deren Arme unbeweglich steif und die Hände dick geschwollen waren. Jesus legte ihnen die Hand auf und betete und faßte sie bei den beiden Händen und bewegte diese auf und nieder, und sie waren genesen. Die Geschwulst aber wich nicht augenblicklich, sondern etwa in ein paar Stunden. Er ermahnte sie auch, ihre Hände künftig zur Ehre Gottes zu gebrauchen, denn sie waren wegen Sünden in diesem Zustand.
Er heilte noch viele und ging dann zum Sabbath in die Stadt. Es waren unbeschreiblich viele Leute darin, und man hatte die Besessenen aus dem Gefangenenhaus losgelassen. Sie liefen ihm auf den Straßen entgegen und schrien ihn an. Er befahl ihnen aber zu schweigen und auszufahren. Da folgten sie ruhig zur Synagoge zum Erstaunen aller Menschen und hörten seine Lehre.
Die Pharisäer, und besonders die fünfzehn Neugekommenen, saßen um seinen Lehrstuhl her. Man behandelte ihn mit wirklicher Scheu und geheuchelter Ehrfurcht. Man gab ihm die Rollen, und er lehrte aus Jesajas (Kap. 49), daß Gott seines Volkes nicht vergessen habe. Ich erinnere mich, daß er las, wenn auch ein Weib seines Kindes vergessen könne, so würde Gott seines Volkes doch nicht vergessen. Er las und legte aus dem folgenden aus, daß Gott durch die Gottlosigkeit der Menschen nicht könne gebunden werden, sich der Verlassenen zu erbarmen. Es sei die Zeit nun gekommen, wovon der Prophet spreche, Sions Mauern sehe er immerdar; jetzt sei die Zeit, wo die Zerstörer fliehen würden und die Baumeister kommen. Er würde viele versammeln, sein Heiligtum zu zieren. Es würden so viele fromm und gut, so viele würden Wohltäter und Führer des armen Volkes werden, daß die unfruchtbare Synagoge sagen werde:
"Wer hat mir diese Kinder gezeugt?" Die Heiden sollten sich zur Kirche bekehren, die Könige ihr dienen. Der Gott Jakobs werde dem Feind, werde der verderbten Synagoge ihre Beute entreißen, und werde die, welche sich am Heil und Heiland wie Mörder vergreifen, gegeneinander wüten und... einander selbst erwürgen lassen. Er
legte dieses auf den Untergang von Jerusalem aus, so es das Reich der Gnade nicht annähme. Gott frage, ob er sich denn von der Synagoge geschieden habe, ob sie denn einen Scheidebrief habe, ob er denn sein Volk verkauft habe? Ja, wegen der Sünden, sagen sie verkauft. Die Synagoge sei wegen ihrer Verbrechen verlassen! Er habe gerufen, gemahnt, es habe niemand geantwortet. Aber Gott sei mächtig, er könne Himmel und Erde erschüttern.
Alles legte Jesus auf seine Zeit aus. Er bewies, daß alles erfüllt sei. Er sagte, daß der Vater ihn ges and t habe, das Heil zu verkünden und zu bringen und die von der Synagoge Verlassenen und Verführten zu sammeln, und da er die Stelle aussprach als von sich, Gott der Herr habe ihm eine weise Zunge gegeben, die Verlassenen, Verirrten zurückzuführen, er habe ihm die Ohren früh geöffnet, seine Gebote zu hören, und er habe nicht widersprochen als Jesus dieses sagte, nahmen die Pharisäer es ganz plump, als lobe er sich selber. Wenn sie gleich ganz von seiner Rede hingerissen waren und nach der Lehre zueinander sagten, nie habe ein Prophet so gelehrt, so zischelten sie einander doch in die Ohren. Er legte dann noch die Stellen des Prophetenj, daß er sich habe gewiß Mühe um sie gegeben, daß er sich habe ins Angesicht schlagen und seinen Leib habe geißeln lassen, auf die Verfolgung aus, die er erdulde und noch erdulden werde. Er sprach von seiner Mißhandlung in Nazareth, aber wer ihn verdammen wolle, d er solle hervortreten. Alle seine Feinde würden veralten und verfallen mit ihrer Lehre. Der Richter würde über sie kommen. Die Gottesfürchtigen sollten seine Stimme hören, die Unwissenden ohne Erleuchtung sollten zu Gott rufen und hoffen. Das Gericht werde kommen, und die das Feuer angezündet, würden darin zugrunde gehen. Das legte er wieder auf den Untergang des jüdischen Volkes und Jerusalems aus.
Sie konnten ihm kein Wort widersprechen. Sie hörten ganz still zu, nur zischelten sie einander in die Ohren und höhnten und waren doch alle hingerissen.
Er erklärte auch noch etwas aus Moses, das kommt aber immer zuletzt. Er fügte auch noch eine Parabel an und sprach diese mehr zu seinen Jüngern, und zwar dem verräterischen jungen nazarethischen Schriftgelehrten zu Gehör. Es war die Parabel von den ausgeliehenen Talenten, weil dieser so eitel auf seine Kenntnisse war. Dieser wurde dadurch innerlich sehr beschämt, aber nicht gebessert. Er führte die Parabel nicht ganz so an, wie sie im Evangelium steht, aber ganz ähnlich.
156
157
Vor der Synagoge heilte er noch auf der Straße und ging dann vor das Tor mit seinen Jüngern in Petri Haus. Es waren aber Nathanael (Cased) und sponsus und Thaddäus zu diesem Sabbath hierher von Kana gekommen. Thaddäus hielt sich öfters dort auf. Er ging überhaupt oft her und hin im Land, denn er handelte mit Fischernetzen, Segeltuch, Strickwerk und dergleichen. Das Haus war wieder voll von Kranken in der Nacht. Es befanden sich auch abgesondert mehrere flutflüssige Frauen. Einige leiteten sie zu ihm. Eine andere brachte Frauen auf einem Tragebett, ganz eingewickelt Sie sahen bleich und elend aus und hatten schon lange sich nach seiner Hilfe gesehnt. Ich sah diesmal, daß er ihnen die Hände auflegte und sie segnete und daß er die Bettlägerige loszuwickeln und ihr aufzustehen befahl. Eine half der anderen. Er ermahnte sie und entließ sie. Man nahm noch eine kleine Erquickung wie gewöhnlich, und er sprach noch mit den Jüngern. Als sie schlafen gegangen, sonderte er sich nachts noch im Gebete ab.
Die lauernden Pharisäer in Kapernaum hatten den Zweck ihrer Sendung nicht öffentlich ausgesprochen. Sie hatten den Hauptmann Sorobabel auch nur heimlich ausgefragt. Sie hielten sich hier auf unter dem Vorwand, wie manche Juden an andere Orte auf den Sabbath zu reisen, besonders wo ein berühmter Lehrer ist, und auch wie viele in die Gegend Genezareth kommen, sich von Geschäften in ihrer Schönheit und Fruchtbarkeit zu erholen.
27. August 1822J 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 348-356
Die Herodianer waren wieder nach Jotapata zurückgekehrt, und man bearbeitete dort das Volk, wenn Jesus etwa kommen sollte. Man sagte den E inwohnern, es sei möglich, daß Jesus, der Prophet von Nazareth, der am vorigen Sabbath so viel Spektakel in Kapernaum und den vorhergehenden Sabbath in Nazareth gemacht, da er hier nahe bei dem Brunnen Bethuel sei, vielleicht nach Jotapata komme, etwa gar auf den Sabbath. Man warnte sie, sich nicht verführen zu lassen. Sie sollten ihm nicht zujauchzen und ihn nicht so lange reden lassen, sondern ihn so oft unterbrechen mit Murren und Einwürfen, als er ihnen etwas Unbegreifliches, Fremdes vorbringe. So wurde das Volk vorbereitet.
Jesus war am Morgen noch in Bad Bethulien. Ich sah ihn noch eine gar kindliche Lehre halten. Es lagen viele Männer in einem Kreise um ihn her. Er ging inmitten zwischen ihnen herum. Im Hintergrund entfernt und schüchtern standen mehrere gichtlahme Männer, welche das Bad brauchten. Sie hatten sich nie zu Jesu herangewagt. Jesus wiederholte im allgemeinen, was er gestern und vorgestern gelehrt hatte und ermahnte sie zur Reinigung von Sünden. Alle liebten ihn und waren gerührt. Manche sagten: "Herr, wer dich gehört, kann dir nicht widerstehen." Jesus fragte sie. "Ihr habet viel von mir reden hören und habet mich selbst gehört. Wer glaubt ihr, daß ich sei?" Da sagten einige: "Herr, du bist ein Prophet." Andere: "Du bist mehr als ein Prophet. Kein Prophet lehrte solches, keiner tat deine Taten! " Andere aber schwiegen, und Jesus, welcher fühlte, was diese dachten, zeigte auf die Schweigenden und sprach:
"Diese haben recht!"
Einer von den Leuten sagte auch: "Herr, du kannst alles, ist es wahr? Sie sagen, du hättest schon Tote erweckt, die Tochter Jain!" Er meinte jenen Jairus, der in einer Stadt nicht weit von Gabbatha oder Gibea wohnte, wo so verderbtes armes Volk von ihm gelehrt wurde. Ich habe es früher einmal erzählt. Jesus sagte: "Ja", und jener sprach noch davon, warum der Mann nur in einem so schlechten Ort lebte. Da sprach Jesus von Quellen in der Wüste, nämlich es sei gut, daß die Schwachen einen Führer hatten. Die Leute waren sehr vertraut.
Er fragte sie dann: "Was wißt ihr von mir? Was sagte man auch Böses von mir?" Da sagten einige: "Man klagt dich an, daß du am Sabbath deine Werke nicht einstellst und die Kranken heilst." Da zeigte Jesus nach einem nahe liegenden kleinen Schilfteich, an welchem Hirtenknaben zarte junge Lämmer und anderes junges Vieh weideten, und sagte: "Sehet die schwachen Hirtenknaben und die jungen zarten Lämmer! Wenn eines derselben in den Sumpf stürzte und blökte, würden die anderen nicht alle umherstehen und traurig schreien, und die schwachen Knaben könnten nicht helfen, und der Sohn des Herrn dieser Lämmer ging vorüber am Sabbath und wäre gesandt, die Lämmer zu erhalten und zu weiden. Würde er sich nicht des Lammes erbarmen und es aus dem Sumpf ziehen?" Da hoben sie alle die Hände empor wie die Kinder im Katechismus und schrien: "Ja, ja, er würde es tun." Da sagte Jesus: "Und so es kein Lamm wäre, so es die gefallenen Kinder des himmlischen Vaters~ so es eure Brüder wären, ja ihr selbst, sollte der Sohn des himmlischen Vaters ihnen am Sabbath nicht helfen?" Da sagten wieder alle: "Ja, ja", und Jesus zeigte nach den femstehenden gichtkranken Männern und sagte: "Sehet diese kranken Brüder, sollte ich ihnen nicht helfen,
158 159
wenn sie am Sabbath mich um Hilfe anflehten? Sollten sie keine
Verzeihung der Sünden haben, so sie am Sabbaih bereuten, am
Sabbaih die Sünde bekennten und zum Vater im Himmel schrien?"
Da riefen alle mit aufgereckten Händen: "Ja, ja! "
Jesus winkte jenen Gichtkranken, und sie schlichen schwerfällig in den Kreis. Er sprach einige Worte vom Glauben mit ihnen und betete und sagte: "Strecket eure Arme aus! " Da streckten sie die kranken Arme gegen ihn, und er fuhr ihnen mit der Hand über den Arm und hauchte auf ihre Hände nur einen Augenblick, und sie fühlten sich geheilt und konnten ihre Glieder gebrauchen. Jesus sagte ihnen noch, sie sollten sich baden, und ermahnte sie, sich von gewissen Getränken zu enthalten. Sie warfen sich vor ihm nieder und dankten ihm, und die ganze Gesellschaft war voll Lob und Preis.
Nun aber wollte Jesus von dannen gehen. Sie baten ihn aber noch zu bleiben und waren voll Liebe und guter Gesinnung, und viele waren sehr gerührt. Jesus sagte, er müsse weitergehen und seiner Sendung folgen. Sie geleiteten ihn noch ein Stück Wegs mit den Jüngern, und er segnete sie und ging nach Jotapata, welches etwa eineinhalb Stunden östlich von hier liegt...
Es war Nachmittag, als er hier ankam. Er wusch die Füße und nahm einen Bissen in einer Herberge vor der Stadt. In Jotapata gingen die Jünger vor ihm her nach den Vorstehern der Synagoge und begehrten die Schlüssel für ihren Meister. Er wolle lehren. Da eilte vieles Volk zusammen, und die Schriftgelehrten und Herodianer waren voll Erwartung, ihn in seiner Lehre zu fangen.
Als er in der Synagoge war, legten sie ihm Fragen über die Annäherung des Reiches, über die Zeitrechnung, Erfüllung der Wochen Daniels und über die Annäherung des Messias vor. Jesus hielt eine lange Lehre darüber und wies die ganze Erfüllung der Prophezeiungen mit dem Eintritt dieser Zeit nach. Er sprach auch von Johannes und dessen Weissagung. Sie sagten dabei ganz heuchlerisch, er möge sich doch in seinen Lehren etwas in acht nehrnen und die jüdischen Gebräuche nicht verletzen, er möge sich doch durch die Gefangenschaft Johannis warnen lassen. Was er von der Erfüllung der Wochen Daniels und der Nähe des Messias und Königs der Juden sage, sei ganz vortreiflich, und sei auch ganz ihre Meinung. Sie könnten aber doch den Messias nirgends finden, sie möchten hinschauen, wohin sie wollten. Jesus hatte aber die Prophezeiungen ganz allgemein auf seine Person hin gedeutet, und sie hatten es woM verstanden, stellten sich aber an, als könne das niemand einfallen
und als hätten sie das gar nicht verstanden, denn sie wünschten, daß er recht deutlich heraussprechen sollte, um ihn anklagen zu können. Da sagte Jesus zu ihnen: "Wie heuchelt ihr, was wendet ihr euch von mir ab und verachtet mich? Ihr lauert auf mich und wollet mit den Sadduzäern ein neues Komplott anstiften, wie am Passah zu Jerusalem. Was warnt ihr mich durch Johannes und vor Herodes?"
Und nun sagte er ihnen alle Schandtaten der Familie des Herodes ins Angesicht, alle seine Mordtaten, seine Angst vor dem neugeborenen König der Juden, seinen greulichen Kindermord und sein scheußliches Ende, so auch die Verbrechen seiner Nachfolger, den Ehebruch des Antipas und die Gefangennahme Johannis. So sprach er von der heuchelnden Sekte der Herodianer, welche mit den Sadduzäern zusammenhingen, und welchen Messias, welches Reich Gottes sie erwarteten. Er zeigte auch in die Ferne nach verschiedenen Orten und sagte: "Sie werden nichts gegen mich vermögen, bis meine Sendung erfüllt ist. Ich werde noch zweimal Samaria, Judäa und Galiläa durchwandern. Ihr habt große Zeichen von mir gesehen, ihr werdet noch größere sehen und werdet blind bleiben!" Dann sprach er noch von dem Gericht, von dem Töten der Propheten und von der Strafe über Jerusalem, usw.
Die Herodianer aber, welche ein geheimer Orden waren, der sich nicht gern öffentlich verkünden sah, wurden ganz bleich, als er von des Herodes Schandtaten redete und die Geheimnisse dieser Sekte gerade vor dem Volk aussprach. Sie schwiegen und verließen einzeln die Synagoge, so auch die Sadduzäer, welche hier die Schulen innehatten. Pharisäer waren nicht hier.
Er war nun mit den sieben Jüngern und dem Volk allein und lehrte diese noch eine Zeitlang. Viele waren gerührt und sagten, sie hätten noch nie so lehren gehört, und er lehre besser als ihre Lehrer. Sie besserten sich auch und folgten ihm später nach. Ein großer Teil des Volkes aber, von den Sadduzäern und Herodianern aufgewiegelt, murrte und machte Tumult.
Da verließ Jesus mit etwa sieben Jüngern die Stadt und ging südlich durch das Tal und dann aufwärts ein paar Stunden in ein Erntefeld und kehrte südöstlich von Bethulien und nordöstlich von Senabris zwischen beiden Städten in einem großen Bauernhaus ein. In diesem Haus waren gute, ihm bekannte Leute. Die heiligen Frauen übernachteten hier oft auf den Reisen nach Bethanien, und es kehrten hier die Boten hin und wieder ein.
i6o i6i
28.29. August 18221/ Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 357~35812O
Jesus hat auf diesem Erntefeld, welches dasselbe ist, auf welchem er später mit den Jüngern die Ähren ausgerauft hat, die im Evangelium vorkommen, bei den Schnittern, Ährensammlerinnen und Binderinnen gelehrt. Er ging hier und da auf dem Feld umher und erzählte vom Sämann und von dem steinigen Acker. Hier war der Acker auch steinig. Er sagte, daß er auch gekommen sei, die guten Ähren zu sammeln, und er erzählte auch das Gleichnis vom Ausraufen des Unkrauts bei der Ernte. Er verglich die Ernte mit dem Reich Gottes. Er erzählte dieses in Zwischenräumen der Arbeit und ging von einem Feld zum anderen. Die Halme blieben hoch stehen, nur die Ähren wurden abgeschnitten und ins Kreuz gebunden.
Am Abend hielt er eine große Lehre vor allen Arbeitern nach der Ernte an einem Hügel. Er sprach auch ein Gleichnis von einem Bach, der dort vorüberfloß, vom sanften, segenbringenden Wandel, von der vorüberfließenden Welle der Gnade, vom Leiten der Gnade auf unser Feld usw.
Er sandte hierauf die zwei Johannisjünger nach Amon zu den Jüngern. Er ließ den Jüngern sagen, sich gegen Machärus zu begeben und das Volk zu beruhigen, denn er wußte, daß ein Tumult vor Machäru s ausgebrochen war. Es hatten sich die Täuflinge sehr zu Amon gehäuft. Es waren große Züge angekommen, und als sie hörten, der Prophet sei gefangen, so zogen sie gegen Machärus, und viele Leute hängten sich an, und sie tobten und schrien, man solle den Johannes freigeben, daß er sie lehre und taufe. Sie warfen auch mit Steinen. Die Wachen schlossen alle Zugänge. Herodes stellte sich, als sei er nicht zu Hause.
29. August 1822 1 Tagebuch Bd. V, Heft 9 / Viertelseiten 364-369
Es waren die Jünger des Johannes, die im Bad von Bethulien zu ihm gekommen, welche Jesus nach Amon zurücksandte von hier, mit der Aufforderung, sie sollten um Johannes jetzt noch nicht in Sorge sein, sie sollten aber schnell nach Machärus senden, daß die Leute dort auseinandergehen möchten, um das Schicksal Johannis nicht zu verschlimmern, denn dieser Tumult könne ihm schweres Gefängnis oder gar den Tod verursachen.
Er schickte selbst einige Hirten von hier gerade nach Machäru~, um sie zu beruhigen.
Herodes und sein Weib waren in Machärus. Ich sah, daß Herodes
den Täufer vor sich berufen ließ. Herodes saß in einem großen Saal in der Nähe der Gefängnisse vor seiner Wache und mehreren Beamten und Schriftgelehrten, besonders Herodianem und Sadduzäern. Johannes wurde in einen Gang vor diesen Saal gebracht und stand vor der großen offenen Türe zwischen den Wachen. Ich sah das Weib des Herodes mit großer Frechheit und voll Hohn an Johannes vorüber in den Saal des Herodes hineinstreichen und sich auf einen hohen Sitz niederlassen. Dieses Weib hatte eine andere Gesichtsform als die meisten jüdischen Frauen. Alle Formen waren sehr spitz und scharf, und der Kopf selbst sehr spitz. Ihre Mienen waren in steter buhlerischer Bewegung. Sie war sehr schön gewachsen und in ihrer Kleidung sehr frech und getrieben, sehr eng geschnürt. Man sah alle Formen ihres Leibes, und jedes Glied war, als spreche es von sich und wolle seine Schönheit zeigen und anbieten und wieder verbergen. Sie mußte jedem unschuldigen Menschen ärgerlich sein und lockte doch alle Augen auf sich.
Herodes fragte den Johannes, er solle ihm deutlich sagen, was er von Jesu halte, der solchen Aufruhr in Galiläa mache. Wer er denn sei, ob er an seine Stelle nun komme. Er habe zwar gehört, daß er früher von ihm verkündet, aber er habe dieses nicht besonders geachtet. Er solle nun nochmals ihm seine volle Meinung sagen, denn dieser Mensch führe wunderbare Reden, spreche von einem Reich, nenne sich in Gleichnissen einen Königssohn u. dgl., da er doch der Sohn eines armen Zimmermanns sei. Nun sah ich, daß Johannes mit lauter Stimme, und ganz als rede er vor dem versammelten Volk, von Jesu Zeugnis gab, wie er nur sein Wegbereiter sei, wie er nichts sei gegen ihn, wie nie ein Mensch noch Prophet das gewesen, noch sein werde, was er sei, daß er der Sohn des Vaters, der Christus, daß er der König der Könige, der Heiland und Hersteller des Reichs, sei, daß keine Gewalt über seine Gewalt, daß er das Lamm Gottes sei, welches die Sünden der Welt trage, usw. So redete er von Jesu laut rufend, nannte sich seinen Vorläufer und Wegbereiter und geringsten Diener. Er sprach dies alles in solcher Begeisterung und laut und hatte ein so übernatürliches Wesen, daß Herodes in die größte Angst kam und sich zuletzt gar die Ohren zuhielt. Er sagte hierauf zu Johannes: "Du weißt, daß ich dir wohl will, aber du redest Aufruhr erregend gegen mich vor dem Volk, indem du meine Ehe verwirfst. So du deinen verkehrten Eifer mäßigst und vor dem Volke meine Verbindung anerkennst, will ich dich freilassen, und du magst hingehen und lehren und taufen." Da erhob Johannes
162
163
abermals seine Stimme mit großem Ernst gegen Herodes und strafte ihn seines Wandels vor dem Volk und sagte ihm: "Ich kenne deine Gesinnung und weiß, daß du das Rechte erkennst und vor dem Gerichte zitterst, aber du hast dich mit Schleppsäcken behängt und liegst in den Schlingen der Unzucht gefangen."
Der Grimm des Weibes bei diesen Worten war nicht auszusprechen, und Herodes kam in solche Angst, daß er den Johannes schnell hinwegzubringen gebot. Er ließ ihn in einen anderen Kerker bringen, welcher keine Aussicht nach außen hatte, so daß er nicht mehr vom Volk konnte gehört werden... Dieses Verhör hielt Herodes aus Sorge über den Aufruhr der Täuflinge und die Nachrichten der Herodianer von Jesu Wundern.
Es war aber im ganzen Land ein Gespräch wegen der strengen Hinrichtung einiger Ehebrecher in Jerusalem, welche die Herodianer aus Galiläa dahin geliefert hatten. Man sprach davon, daß man die kleinen Verbrecher hinrichte und die großen laufen lasse, und daß eben diese Ankläger, die Herodianer, dem ehebrecherischen Herodes zugetan seien, und daß dieser den Johannes gefangengenommen, weil er ihn des Ehebruchs beschuldigt hatte. Dem Herodes war dabei nicht gut zumute.
Ich habe diese Ehebrecher richten sehen. Man las ihnen ihr Verbrechen vor und stieß sie in einer Falle in ein schmales Loch, an dessen Rand sie standen. Sie fielen auf ein Messer, das ihnen die Kehle abschnitt, und unten in einem Gewölbe standen Büttel, welche die Leichname beiseite schleppten. Es war eine Maschine, in die sie stürzten. Es war in der Gegend, wo Jakobus gerichtet wurde...
3. September J18221 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 ~ Viertelseiten
i6; 21-36
Ich sah und hörte auch, was sie damals lernten. Es war von der Religion Abrahams...
Die KananfäJerinnen lernten auch damals von der Erschaffung der Welt und von der Verführung der Eva dureh den Satan. Die bloße Erzählung vom Apfelessen habe ich nicht gehört, aber wohl von sündlicher Vermischung. Ich selbst sah es immer, daß durch das Essen das Gelüsten entstand und diesem die Sünde folgte. Aber sie lernten doch, daß der Satan das Sehenwerden versprochen, und daß die Menschen blind geworden, daß ihnen ein Schauen verloren sei und daß sie nun arbeiten und ringen mußten nach Erkenntnis, und daß Abraham das Heil verheißen sei, usw.
Sie wurden auch gelehrt von der Vermischung der Kinder Gottes und der Menschen und von dem greulichen Geschlecht, das auf dem hohen Berg gewohnt vor der Sintflut und Zauberei und alle Künste getrieben, und in dieser Lehre war das nachherige Treiben mit dem sogenannten Babylonischen Turm mit eingeschlossen, und sie wurden vor solchen Menschen und dem eitlen Trachten und Treiben nach Künsten und Zaubereien und Sinnenbelustigung gewarnt und wurden zur Gottesfurcht, Gehorsam und dem einfachen Hirtenleben angewiesen. Sie lernten auch von Noah, seinen Söhnen und den verschiedenen Stämmen.
Es gab damals auch heilige Bücher. Abraham hatte auch eine heilige Lehre. Ich weiß, daß er sie Isaak übergab und daß Jakob sie bei dem Segen empfing. Ich weiß, daß die Altväter sie oft in den Kleidern eingenäht hatten, und daß selbst Joseph ein solches Buch in den Kleidern eingenäht sorgsam vor Pharao verbarg.
Wenn eine solche Kananäjerin oder andere Fremde sich mit den Israeliten verheiratete, wurde ihr ein Zeichen an die Brust oder zwischen die Brüste gemacht. Es waren diese Zeichen verschieden, und es waren bald ganze Linien, bald einzelne Buchstaben, wie der Stempel, das Wappen Abrahams.
Es lag damals die größte Aufgabe der Religion und der barmherzigen Absichten Gottes mit den Menschen in der Entwicklung eines reineren Menschenstammes, in Trennung und Sammlung der Rassen zu einem heiligeren Geschlecht, welche Entwicklung bei der Geburt der Heiligen Jungfrau erst ihr Ziel erreichte und in allen Propheten und heiligen Zeitgenossen, und dieses währt auf gewisse Art noch jetzt fort.
Es hatten in jenen alten Zeiten auch einzelne Stämme gewisse natürliche Zeichen an sich, wie Muttermale, und besonders auch einzelne auserwählte Sprossen aus denselben, welche Gott zu Propheten, Königen oder auch andern Zwecken bestimmt hatte, und man achtete sehr darauf. Es war dieses ungefähr so, wie noch heutzutag auf Kinder geachtet wird, die mit gewissen Zeichen, z. B. dem sog. Helm und dergleichen, geboren werden. Es waren solche Kinder weiblichen Geschlechts gewöhnlich an der Brust und die Knaben an den Geschlechtsgliedern gezeichnet.
Sie sagt, es seien Male gewesen oder
so etwas.121 Einzelne Männer hätten es auch in der Hüfte gehabt 122, und spricht nicht gern davon. Es seien gezeid~nete Menschen gewesen von einer gewissen Bestimmung. Es habe auch Leute gegeben, welche diese Zeichen unter-
164 165
suchten und verstanden, denn es war oft der Fall, daß sie verfälscht wurden, um einen in irgendeine Rasse oder Würde einzuschließen, wodurcl~ viel verdorben werden konnte. Alles dieses deutet auf die Hand, welche Abraham seinem Knecht in die Hüfte legt, als er ihn bevollmüchtigt, seinem Sohn das Weib Rebekka zu holen, und auch auf die Zeichen, welche die Vorfahren Annas an ihren Töchtern
suchten, und auch Anna, und die, wie sie sagt, von den Essenern lihnen gesagt wurden auf pro phetische Weise.
Ja die Beschneidung selbst scheint ein solches von Gott nun mechanisch eingeführtes Zeichen zu sein zu der Einweihung einer reinen Rasse. ob wohl, was sie unbestimmt von anderer Beschneidung bei andern Völkern sagte, von solchen Zeichen zu verstehen ist? Sie unterscheidet jedoch hiervon, was Gott Abraham gegeben, und dieser seinem Erstgeborenen, das sie immer noch als etwas Sakramentalisches zu heiliger Propagation beschreibt. Auch das aus Jakobs Hüfte Gebrochene?
Bei dieser Gelegenheit sagte sie von Abraham, seine Eltern seien Heiden gewesen und hätten kleine Figuren an gebetet. Auch Abraham habe anfangs noch solche kleine Figuren gehabt. Sie sagt, die Stelle in der Schrift, "Gott führte ihn aus dem Feuer der Chaldäer" (IJ. Esra Nehemial 9, 7) heiße so viel, als habe er ihn frei gehalten von der großen Üppigkeit dieses Volkes, habe ihn bewahrt vor der Feueranbetung, habe ihn ausgeführt aus der Stadt Ur, welches Feuer heißt. Sie wisse aber doch auch noch dunkel eine Geschichte, wie er als Kind im Feuer, so wie Moses im Wasser habe umkommen sollen, und daß seine Amme sich mit ihm verborgen habe, weil auf ihm eine besondere Prophezeiung geruht h~be, und daß seine Amme umgekommen und er eine andere erhalten habe...
Jesus ging am 3. morgens mit den Jüngern in die Knabenschule, bei der er gewohnt. Diese Schule war jetzt eine Stiftung für auf-gefundene elternlose und aus der Sklaverei losgekaufte Judenkinder männlichen und weiblichen Geschlechts. Es waren solche, die entführt und von der jüdischen Lehre entfernt erzogen worden waren. Die Knaben waren von verschiedenem Alter, die Mädchen aber noch verschiedener, so daß die Erwachsenen die Kleineren wieder lehrten. Es hatten an dieser Schule als Lehrer auch Pharisäer und Sadduzäer teil, welche später als Jesus hereinkamen.
Die Knaben hatten außer dem Propheten Elisäus heute etwas von Hiob auszurechnen und konnten gar nicht damit fertig werden.
Jesus legte es ihnen aus und schrieb ihnen alles mit einigen
Buchstaben auf. Er erklärte ihnen auch etwas von einem Maß. Ich habe den Namen vergessen ...
Jesus erklärte den Knaben viel vom Buch Hiob, und zwar weil es von einzelnen Rabbinern als wahre Geschichte angefochten wurde, indem die Edomiter, aus deren Volk Herodes stammte, damit die Juden aufzogen und verspotteten, als glaubten sie an die Wahrheit dieser Geschichte von einem Mann aus dem Land Edom, den doch kein Mensch dort kenne, und es sei diese eine bloße Fabel gewesen, die Israeliten in der Wüste zu unterhalten.
Jesus erzählte den Knaben nun die Geschichte Hiobs, wie sie wirklich geschehen sei, und erzählte sie zugleich in der Weise eines Propheten und eines Kinderlehrers, als sehe er alles vor sich, als sei es seine eigene Geschichte, als habe er alles gesehen und gehört, als habe Hiob sie ihm erzählt. Man wußte nicht, ob er damals mit gelebt oder ob er ein Engel Gottes oder Gott selbst sei. Das war den Knaben nicht sehr befremdend, denn sie fühlten bald, daß Jesus ein Prophet sei, und wußten auch von Melchisedek, daß man nicht wußte, wer er war. Ich habe leider das meiste aus Kummer und Angst vergessen, weiß aber doch noch einiges von der Lehre über Hiob.
Hiob war ein Vorfahre Abrahams von dessen Mutter her im vierten Geschlechtsalter.12: Seine Geschichte und seine Gespräche mit Gott wurden weitläufig von zweien seiner treuesten Knechte, welche wie Rentmeister waren, aufgeschrieben, und zwar aus seinem Mund, wie er es ihnen selbst erzählte. Diese beiden Diener hießen Hai 124 und Uis oder Ois. Sie schrieben auf Rinden. Diese Geschichte wurde gar heilig gehalten bei seinen Nachkommen und kam von Geschlecht auf Geschlecht bis auf Abraham. Auch in der Schule der Rebekka wurden die Kanan~äe rinnen daraus unterrichtet wegen der Unterwürfigkeit unter die Prüfungen Gottes.
So kam diese Geschichte durch Jakob und Joseph zu den Kindern Israels nach Ägypten, und Moses zog sie zusammen und richtete sie zum Gebrauch der Israeliten in ihrer Bedrückung in Ägypten und ihren Beschwerden in der. .. Wüste anders ein, denn sie war sehr viel weitläufiger, und es war vieles darin, was sie nicht verstanden und was ihnen nicht gedient haben würde. Salomon aber arbeitete sie nochmals ganz um und ließ vieles weg und setzte vieles hinzu von dem Seinigen, und so ward diese wahre Geschichte zu einem Erbauungsbuch, voll der Weisheit Hiobs, Moses' und Salomons, und man konnte schwer die eigentliche Geschichte Hiobs herausfinden,
i66 167
denn sie war auch in Länder- und Volksnamen dem Lande Kanaan nähergebracht, wodurch man glaubte, Hiob sei ein Edomiter.
Hiob hat an verschiedenen Orten gewohnt und seine Leiden an drei verschiedenen Orten ausgehalten. Das erste Mal hatte er neun, dann sieben, dann zwölf Jahre... Ruhe, und immer traf ihn das Leiden auf einer anderen Wohnstelle. Seine Eltern waren reich und wohnten in der Gegend eines Berges, wo es auf der einen Seite warm, auf der anderen kalt und voll Eis ist. Er hatte noch mehrere Bräder. Zuletzt waren einige davon bei ihm. Er konnte nicht bei seinen Eltern bleiben, denn er hatte eine andere Gesinnung und betete Gott allein an in der Natur, und besonders in den Sternen und dem Wechsel des Lichtes. Er redete immer von den wunderbaren Geschöpfen mit Gott und hatte einen reineren Dienst.
Er zog mit den Seinigen nördlich des Kaukasus.125
Hier war eine sehr elende Gegend und viel Moor, und ich meine, es wohnt jetzt ein Volk dort mit platten Nasen, hohen Backenknochen und kleinen Augen. Hier fing Hiob zuerst an, und es gelang ihm alles. Er sammelte allerlei arme verlassene Menschen, die in Höhlen und Büschen wohnten und nichts zu leben hatten als Vögel und andere Tiere, die sie fingen und das Fleisch roh aßen. Er baute mit ihnen das Land, und sie gruben selbst alles um.
Hiob und seine Leute gingen damals schier ganz nackt. Sie hatten nur eine kleine Schürze um. Die Weiber waren kurios bekleidet. Auf den Brüsten hatten sie wie Kapseln, dann war der Leib bis zum Nabel wieder nackt. Dann hatten sie den Unterleib und die Lenden mit einer Bekleidung gleich Hosen bedeckt, die um die Knie weit und kraus waren. Ihre Beine waren nackt. Alles das sah ich, während Jesus von diesem Volk lehrte.
Hiob gedieh alles. Er wohnte in Zelten, sein Vieh mehrte sich, und es wurden ihm einmal drei Söhne, ein andermal drei Töchter zugleich geboren. Er hatte damals nur eine Frau, später hatte er drei Weiber. Er hatte hier noch keine Stadt, sondern lebte hin- und herziehend auf den Feldern. Sie aßen das Getreide nicht zu Brot gebacken, sondern als Brei und geröstet. Das Fleisch aßen sie damals noch roh, aber er führte nachher das Kochen ein.
Er war unbeschreiblich sanft, lieb, gerecht und wohltätig und half allem armen Volk. Auch war er sehr keusch und hielt die fleischliche Lust für einen Zustand des Bußlebens, für eine Sünden-strafe.
Er war mit Gott sehr vertraut, und Gott erschien ihm oft durch
einen Engel oder weisen Mann, wie sie es nannten. Er betete keine Götzen an, wie die anderen Leute umher, welche sich allerlei Tierbilder machten und sie anbeteten. Er hatte sich aber ein Bild... des allmächtigen Gottes ersonnen und verfertigt. Es war die Figur eines Kindes mit Sttahlen um den Kopf. Die Hände hielt es untereinander und hatte in der einen Hand eine Kugel, worauf Wasserwellen und ein Schiffchen abgebildet waren. Ich meine, es sollte die Sintflut vorstellen. Es war diese Figur glänzend wie von Metall, und er konnte sie überall mitnehmen. Er betete und opferte Körner davor, die er verbrannte. Der Dampf stieg wie durch einen Trichter hoch in die Höhe.
Ich habe den Gebrauch der Beschneidung nicht bei ihm bemerkt. Wenn aber die Kinder geboren waren, wurden sie eine Zeitlang in eine Grube mit Wasser gehalten, und wenn sie krank davon wurden und es nicht vertrugen, hielt man nichts auf sie und glaubte, sie seien nicht viel wert.126 Hier überkam den Hiob sein erstes Unglück. Es war immer ein Gefecht und Streiten zwischen jedem Leiden, denn er war mit vielen bösartigen Stämmen umgeben, und er zog nachher mehr auf das Gebirg 127, wo er wieder neu anfing und ihm alles wieder gedieh. Hier fingen er und seine Leute schon an, sich mehr zu bekleiden, und sie wurden schon viel vollkommener im Leben.
Hier war er sehr geachtet von einem König und begleitete eine Königsbraut nach Ägvpten mit Kamelen und vielen Leuten und blieb wohl an fünf Jahre in Ägypten, wo er sehr geehrt wurde. In Ägypten steckten sie damals, glaube ich, die Kinder in glühende Götzenbilder, und ich meine, das kam durch ihn ab, und sie machten sich nachher ihre kuriosen Bilder vom Ochsen.
Als er wieder nach Haus kam, traf ihn das zweite Unglück, und als ihn das dritte traf nach zwölf Jahren Ruhe, wohnte er mehr südlich, und von Jericho aus gerade gegen Morgen.
Ich glaube, es war ihm diese Gegend nach seinem zweiten Leiden gegeben worden, weil man ihn überall sehr liebte und ehrte wegen seiner großen Gerechtigkeit, Gottesfurcht und Wissenschaft.
Er hatte hier wieder von neuem angefangen in einem sehr ebenen Land. Auf einer Höhe, die fruchtbar war, liefen allerlei edle Tiere, auch Kamele, wild, und man fing sie sich da heraus, wie bei uns die wilden Pferde in der Heide.
Auf dieser Höhe baute er sich an, wurde sehr reich und baute eine Stadt, so nahm er zu. Die Stadt war auf steinernen Grundlagen,
i68 169
oben mit Zeltdächern. Und als er wieder ganz im Flor war, überfiel ihn das dritte Leid, da er so entsetzlich krank ward.
Als er auch dieses überstanden, mit großer Weisheit und Geduld, wurde er wieder ganz gesund und bekam noch viele Söhne und Töchter. Ich meine, er ist ganz spät gestorben, als ein anderes Volk eindrang.
Wenngleich die Geschichte von Hiob ganz verändert ist, so sind doch noch sehr viele wirkliche Reden von Hiob darin, und ich meine, ich wollte sie alle unterscheiden. Zu der Geschichte von den Knechten, wie sie so schnell hintereinander kommen, ist zu bemerken, daß die Worte: "und als er noch davon redete" bedeuten: und als das letzte Leiden noch im Gedächtnis der Menschen war, noch nicht ganz getilgt war.
Daß der Satan vor Gott tritt mit den Kindern Gottes und den Hiob verklagt, das ist auch nur so zusammengezogen geschrieben. Es waren damals viele verkehrte böse Geister mit den abgöttischen Menschen, und sie erschienen ihnen wohl in Gestalt von weisen Männern.138 So wurden hier die bösen Nachbarn gegen Hiob auf-gehetzt. Sie verleumdeten Hiob, sie sagten, er diene Gott nicht recht, er habe alles vollauf, er habe leicht gut sein. Da wollte nun Gott zeigen, daß Leiden oft nur Prüfung sind, usw.129
Die Freunde, die um Hiob herum sprechen, bezeichnen die Betrachtung der ihm Befreundeten über seine Schicksale. Hiob erwartete sehnsüchtig den Erlöser und trug zum Stamm Davids bei. Er verhält sich zu Abraham durch Abrahams Mutter, die aus seinen Nachkommen war, wie die Vorfahren Annas zu Maria, usw.
4. September 1822 (=12. Elul) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 / Viertelseiten
41-42
130
Jesus ging heute morgen in die Synagoge. Alle die Pharisäer und Sadduzäer, welche im Ort waren, und vieles Volk kamen hinein. Er schlug die Rollen auf und erklärte aus den Propheten, und sie disputierten mit ihm ganz hartnäckig, und er beschämte sie alle. Es war aber ein Mann mit lahmen Armen und Händen bis an die Türe der Synagoge gekrochen. Er hatte sich so lange gesehnt, und endlich war es ihm gelungen, dahin zu kommen, wo Jesus vorbei mußte, wenn er herausging. Einige Pharisäer ärgerten sich an ihm und sagten ihm, hinwegzugehen, und da er nicht wollte, wollten sie ihn wegschieben. Er stemmte sich nun aber so gut er konnte gegen die Türe und sah
gar wehmütig nach Jesu, der auf erhöhtem Stand durch die vielen Menschen von ihm getrennt, und zwar ziemlich entfernt war. Jesus aber wendete sich gegen ihn und sprach: "Was verlangst du von mir?" Da sprach der Mann: "Herr, ich flehe, daß du mich heilest, denn du vermagst es, so du willst." Und Jesus sprach zu ihm: "Dein Glaube hat dir geholfen, strecke deine Hände aus über das Volk!" und in dem Augenblick war dem Mann aus der Entfernung geholfen. Er streckte seine Hände empor und lobte Gott. Jesus sagte nun:
~Gehe nach Hause und mache kein Aufsehen." Der Mann aber antwortete: "Herr, wie kann ich eine so große Wohltat verschweigen!" Und er ging hinaus und verkündete es allen Menschen, und es kamen nun viele Kranke vor der Synagoge zusammen, welche Jesus heilte, als er herausging.
Nachher war er bei einer Mahlzeit mit den Pharisäern, welche ihn trotz ihrem inneren Ärger äußerlich immer mit vieler Höflichkeit behandelten, um ihn auszulauern. Am Abend hat er noch geheilt.
6. September 1822 (=14. Elul) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 l Viertelseiten
5~55
Jesus hielt am Morgen eine große, herrliche Lehre auf einem Hügel mitten im Ort, wo die Einwohner ihm einen Lehrstuhl zubereitet hatten. Es waren sehr viele Menschen da, u. a. auch etwa zehn Pharisäer, welche aus benachbarten Orten hierhergekommen waren, um auf seine Lehre zu lauern.
Er lehrte hier sehr mild und liebevoll gegen das Volk, welches gutartig und durch den Besuch von Johannis Lehre und durch die Taufe, welche viele empfangen hatten, schon sehr gebessert war. Er ermahnte sie, zufrieden bei ihrem geringen Stand zu bleiben, arbeitsam und barmherzig zu sein. Er sprach von der Zeit der Gnade und von dem Reich und dem Messias und deutlicher als sonst von sich selbst. Er sprach von Johannes und seinem Zeugnis, von dessen Gefangenschaft und Verfolgung. Er sprach auch von den königlichen Ehebrechern, die er ermahnt. Deswegen sei er gefangen. In Jerusalem aber habe man die Ehebrecher, welche ihre Laster doch nicht so öffentlich getrieben, hingerichtet. Er sprach sehr deutlich und treffend. Er ermahnte jeden Stand, jedes Geschlecht und Alter insbesondere. Ein Pharisäer fragte, ob er denn in Johannis Stelle trete, oder ob er der sei, von dem Johannes gesprochen. Er antwortete umgehend und verwies ihm seine lauernde Frage.
171
170
Er hielt nachher noch eine sehr rührende Ermahnung an die Knaben und Mägdlein. Er ermahnte die Knaben u. a. zur Geduld, und wenn ein anderer sie schlage oder werfe, es nicht zu erwidern, sondern es geduldig zu leiden, sich zurückzuziehen und dem Feind zu vergeben. Nichts sollten sie erwidern als die Liebe doppelt, und selbst ihren Feinden sollten sie Liebe erweisen. Sie sollten nicht nach fremdem Eigentum verlangen, und wenn ein anderer Knabe gern ihre Federn, ihr Schreibzeug, ihr Spielwerk, ihre Früchte hätte, so sollten sie ihm noch mehr geben, als er wolle, und seine Habsucht ganz sättigen, wenn sie die Sachen weggeben dürften. Denn nur die Geduldigen, die Liebenden und Freigebigen würden einen Stuhl in seinem Reiche erhalten, und diesen Stuhl beschrieb er ihnen ganz kindlich wie einen schönen ihren. Er sprach von den Gütern der Erde, die man hingeben müsse, um die Güter des Himmels zu erlangen. Die Mädchen ermahnte er u. a., einander nicht um den Vorzug und schöne Kleider zu beneiden, und alle zu Gehorsam, Eltemliebe, Milde und Gottesfurcht.
Am Schluß der öffentlichen Lehre wandte er sich zu seinen Jüngern und... ermahnte und tröstete sie ungemein liebevoll, alles mit ihm zu ertragen und keiner weltlichen Sorge nachzugeben. Er sagte ihnen, daß sein Vater im Himmel sie reichlich belohnen werde und daß sie das Reich mit ihm besitzen sollten. Er sprach von der Verfolgung, die er und sie mit ihm erleiden würden, und sprach deutlich heraus, wenn die Pharisäer, die Sadduzäer und Herodianer sie lieben oder loben würden, so sollten sie daraus merken, daß sie von seiner Lehre gewichen und seine Jünger nicht mehr seien. Er nannte diese Sekten mit bezeichnenden Beinamen.
Er lobte aber die Einwohner hier vorzüglich wegen ihrer Mildtätigkeit, denn sie nahmen oft von den armen Waisen aus der Schule zu Abel Mehola zu sich in ihre Dienste und Arbeit. Er lobte sie auch wegen einer neuen Synagoge, die sie gebaut durch Beisteuer, wozu auch fromme Leute aus Kapernaum beigetragen.
Dann heilte er noch viele Kranke und aß mit allen den Jüngern in der Herberge und ging am Abend, da der Sabbath anging, in die Synagoge.
Jesus lehrte in der Synagoge aus Jesajas (Kap. 51, 12): "Ich, ich bin euer Tröster." Er sprach gegen die Menschenfurcht. Sie sollten sich nicht vor den Pharisäern und anderen Drängern fürchten und denken, daß Gott sie erschaffen und erhalten bis jetzt. Er legte die Worte: "Ich lege mein Wort in deinen Mund~ aus, daß Gott den
Messias ges and t, daß dieser Gottes Wort im Munde seines Volkes sei, und daß dieser Messias Gottes Wort spreche, und daß sie sein Volk seien.
Alles das deutete er so klar auf sich, daß die Pharisäer unterernander flüsterten, er gebe sich für den Messias aus.
Dann sagte er, Jerusalem solle erwachen von seinem Rausch. Der Grimm sei vorüber, die Gnade sei da. Keinen habe die unfruchtbare Synagoge erzeugt und geboren, der das arme Volk leite und auf-richte, jetzt aber sollten die Verderber, die Heuchler und Unterdrücker gestraft und unterdrückt werden. Jerusalem solle sich erheben, Sion aufwachen. Alles das legte er im geistlichen Sinne aus auf die frommen und heiligen Leute, auf die Bußetuenden, auf die, welche durch den Jordan der Taufe in das verheißene Kanaan, in das Reich seines Vaters einziehen würden.
Es solle kein Unbeschnittener noch Unreiner, keiner, welche seine Sinne nicht gebändigt, kein Sünder mehr das Volk verderben. So lehrte er fort von der Erlösung und dem Namen Gottes, der verkündet werde jetzt unter ihnen, usw. Er lehrte auch aus V. Moses i6-i8 über die Richter und Amtsleute, über das Rechtverdrehen und das Bestechen, und traf scharf auf die Pharisäer auch von Priestern, von Abgötterei usw.
Nachher heilte er noch viele Kranke vor der Synagoge.
7. September 118221 (= i5.-16. Elul) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 1 Viertel-Seiten 56-61 ~
Es war eine große Menge Volkes da, von dieser und besonders von der anderen Seite. Alle Zuhörer Johannis wollten nun Jesum hören. Sehr viele Täuflinge waren da, und eine große Karawane von Heiden von der Ostseite des Galiläischen Meeres, die nach Amon hatte ziehen wollen, war herübergekommen, um Jesum zu hören, und lag in einem Lager außerhalb Besek.
Es waren auch eine große Anzahl . . . und viele Besessene in Besek.
Dieser Ort lag nicht dicht am Jordan, sondern etwa dreiviertel Stunden davon an einem kleinen raschen Bach, welcher den Ort in zwei Orte trennte, wovon der erste höher lag und der dem Jordan nähere niedriger.
Jesus lehrte in der Synagoge wieder aus Jesajas (~i u. 52) und Moses (V. 16-21). Er sprach von Johannes und dem Messias. Er
172 173
1
sprach die Kennzeichen des Messias aus und lehrte hier eine ganz andere Lehre als gewöhnlich, denn er sprach es sehr deutlich aus, daß er der Messias sei, da viele der Anwesenden durch die Lehren Johannis schon sehr vorbereitet waren. Es floß diese Lehre aus Jesajas (52, 13-15). Er sprach, der Messias werde sie versammeln, er werde voll Weisheit sein, erhöht und verherrlicht werden. Und wie viele sich über das unter den Heiden zertretene und verwüstete Jerusalem entsetzt hätten, so werde auch sein Erlöser unter den Menschen ohne Ansehen verfolgt und verachtet erscheinen. Er werde viele Heiden taufen und reinigen. Die Könige würden von ihm belehrt schweigen, und die, denen er nicht verkündet worden sei, würden seine Lehre vernehmen, würden ihn sehen. Er wiederholte auch alle seine Taten und Wunder seit seiner Taufe und alle Verfolgung, die er erlitten zu Jerusalem und zu Nazareth, die Verachtung, das Lauern und Hohnlächeln der Pharisäer. Er erwähnte das Wunder zu Kana, die geheilten Blinden, Stummen, Tauben, Lahmen, die Tochter ... Jairi zu Gabaa 1~2, die er von den Toten erweckt.
Er zeigte nach der Gegend hin und sagte: "Es ist nicht sehr weit von hier, gehet und fraget, ob dem nicht so sei!" Er sagte: "Ihr habt den Johannes gesehen und erkannt, er hat auch gesagt, daß er sein Vorläufer, sein Wegbereiter sei. War Johannes weichlich, zärtlich, vornehm oder war er als einer aus der Wüste? Wohnte er in Palästen, aß er köstliche Speisen, trug er zarte Kleider, sprach feine, glatte Worte? Er sagte aber, daß er der Vorläufer sei! Trägt de nn der Diener nicht das Kleid seines Herrn? Wird ein König, ein glänzender, mächtiger, reicher Herr, wie ihr ihn erwartet als euren Messias, einen solchen Vorläufer haben? Aber ihr habt den Erlöser, und ihr wollt ihn nicht erkennen, er ist nicht nach eure r Hoffart, und weil er nicht so ist wie ihr, so wollt ihr ihn nicht kennen."
Er lehrte auch noch vieles über V. Moses, i8, i8. "Ich will ihnen einen Propheten erwecken aus ihren Brüdern, und wer seine Worte in meinem Namen nicht hören wird, von dem will ich Rechenschaft fordern. "
Es war eine ganz gewaltige Lehre, und es wagte ihm keiner zu widersprechen.
Er sagte auch zu ihnen: "Johannes war einsam in der Wüste und ging zu niemand. Das war euch nicht recht. Ich gehe von Ort zu Ort und lehre und heile, und das ist euch auch nicht recht. Was wollt ihr für einen Messias? Jeder will etwas anderes. Ihr seid wie die Kinder, welche auf den Straßen laufen. Jedes macht sich ein anderes Instru
ment, darauf zu blasen, der eine ein tiefes Horn von Bast, der andere eine hohe Rohrpfeife~, und nun nannte er allerlei Kinderspielwerk her, und wie jedes wolle, man solle in seinem Ton singen, und jedem gefiele das seine Spielwerk.lu
Gegen Abend, als er aus der Synagoge kam, war eine große Menge von Kranken vor derselben versammelt. Viele lagen auf Tragbetten, und es waren Zeltdächer über sie gespannt.
Jesus ging von seinen Jüngern begleitet von einem zum anderen und heilte sie. Dazwischen waren hier und da Besessene, welche tobten und ihn anschrien, und er befreite sie, indem er vorüberging und ihnen befahl. Es waren aber hier Lahme, Schwindsüchtige, Wassersüchtige, Leute mit Geschwüren am Hals wie Drüsen, Taube und Stumme, und er heilte sie alle einzeln mit Auflegung der Hände, doch waren seine Art und Berührung verschieden. Die Genesenen waren teils gleich ganz geheilt, nur noch etwas schwach, teils ganz erleichtert, und die Genesung folgte schnell, je nachdem die Art des Übels und das Gemüt des Kranken war. Die Geheilten gingen von
dannen und sangen einen Psalm von David.
Es waren aber so viele Kranke, daß Jesus nicht ganz herumkommen konnte. Die Jünger halfen ihm mit Heben, Aufrichten, Los-wickeln der Kranken, und Jesus legte Andreas, Johannes und Judas Barsabas die Hände auf den Kopf und nahm ihre Hände in seine Hand und befahl ihnen, an einem Teil der Kranken in seinem Namen zu tun, wie er tue. Sie taten dieses auch sogleich und heilten viele.
Hierauf begab sich Jesus mit den Jüngern nach der Herberge, wo sie eine Mahlzeit hatten, und niemand anderer war dabei. Er ließ aber einen großen Teil der Speisen, die übrig waren und die er segnete, hinaus zu den vor Besek lagernden armen Heiden und auch zu anderen Armen bringen. Diese Heidenkarawanen waren von Jüngern gelehrt worden.
28. September 1822 (=7. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 / Viertelseiten
193-204
Am Morgen sah ich viele Kranke bei Jesu vor der Stadt. Er heilte sie. Es lag ganz voll unter den Laubhütten. Als die Priester zu ihm kamen, sagte er zu ihnen: "Was seid ihr heute nacht so in Sorgen über meine gestrige Lehre gewesen, warum fürchtet ihr euch vor einem Kriegsheer? Da Gott die Gerechten beschützt, erfüllet das Gesetz und die Propheten! Warum fürchtet ihr euch?~ Er lehrte dann noch wieder wie gestern in der Synagoge.
174
17~
Gegen Mittag kam ein heidnisches Weib ganz scheu zu den Jüngern und flehte ihn an, in ihr Haus zu kommen und ihr Kind zu heilen. Jesus kam auch nach Tisch mit mehreren Jüngern in die Heidenstadt. Der Mann dieser Frau empfing ihn am Tore und führte ihn in das Haus. Da warf sich die Frau vor ihm nieder und sagte:
"Herr, ich habe von deinen Taten gehört, und daß du Größeres tust als Elias. Sieh, mein einziges Knäblein ist am Sterben, und unsere weise Frau kann ihm nicht helfen. Erbarme dich über uns! " Der Knabe lag aber in der Ecke in einem Kästchen. Er war etwa drei Jahre alt. Sein Vater war gestern abend im Weinberg gewesen und das Kind mit ihm. Es hatte wenige Beeren gegessen, und der Vater hatte es laut wimmernd zurückgebracht. Die Mutter hatte es bis jetzt immer im Schoße gehabt und alles versucht. Es war aber schon ganz wie tot. Da lief sie zur Judenstadt und bat Jesum, denn die Heiden hatten von seinen gestrigen Heilungen gehört.
Jesus sagte zu ihr: "Lasse mich mit dem Kinde allein und schicke mir zwei meiner Jünger!" Es kamen aber Judas Barsabas und Nathanael, der Bräutigam, herein. Jesus nahm den Knaben von seinem Lager auf seinen Schoß in seine Arme und legte ihn mit seiner Brust an die seine und hatte ihn quer um sich liegen und an sich geschlo~ sen und beugte sein Angesicht zu des Kindes Angesicht und hauchte es an. Da schloß das Kind die Augen auf und regte sich, und Jesus stellte das Kind vor sich in die Höhe und befahl den beiden Jüngern, die Hände auf des Kindes Haupt zu legen und es zu segnen. Sie taten es. Da war das Kind ganz gesund, und er brachte es seinen harrenden Eltern, welche es umarmten und sich vor Jesu nieder-warfen unter Tränen. Die Frau sagte noch: "Groß ist der Gott Israels. Er ist über alle Götter! Mein Vater hat mir das schon gesagt, und ich will auch keinen anderen Göttern mehr dienen."
Es waren bald viele Leute versammelt, und sie brachten dem Herrn noch mehrere Kinder. Ein Knäb lei~ von einem Jahr heilte er durch Handauflegung. Ein Knabe von sieben Jahren hatte Konvulsionen und war wie blödsinnig. Er war dämonisch krank, doch ohne heftige Anfälle und oft wie lahm und stumm, usw. Jesus segnete ihn und befahl, ihn zu baden in einem Bade aus drei Wassern gemischt: aus dem warmen Brunnen Omathus nördlich am Fuße des Berges von Gadara, aus dem Bache Chrit bei Abila und aus dem Jordan. Die Juden hatten hier Jordanswasser von der Gegend, wo Elias hinübergegangen, in Schläuchen vorrätig und brauchten es bei den Aussätzigen.
Es klagten unter den Heidinnen auch die Mütter, daß sie so viel Unglück mit ihren Kindern hätten und die Priesterin sie nicht immer heilen könne. Da befahl ihnen Jesus, diese Priesterin zu rufen.
Diese Frau kam ungern und wollte nicht herein. Sie war ganz verhüllt. Jesus befahl ihr zu nahen. Sie sah ihn aber nicht an und wand te das Gesicht ab, und ihr Betragen war auf die Art wie das der Besessenen, welche innerlich gezwungen werden, sich von dem Anblick Jesu wegzuwenden, aber doch auf seinen Befehl heran-nahen. Jesus sagte aber zu den versammelten Heidinnen und Männern: "Ich will euch zeigen, welche Weisheit ihr in dieser Frau und ihrer Kunst verehrt." Und somit befahl er, ihre Geister sollten sie verlassen. Da ging wie ein schwarzer Dampf von ihr, und allerlei Gestalten von Ungeziefer, Schlangen, Kröten, Ratten, Drachen wichen in diesem Dampf wie Schatten von ihr ab. Es war ein greulicher Anblick, und Jesus sagte: "Seht, welcher Lehre ihr folget!" Die Frau aber sank auf die Erde in die Knie und weinte und wimmerte. Nun war sie ganz geschmeidig und gutwillig, und Jesus befahl ihr zu sagen, wie sie es machte, um die Kinder zu heilen, und sie sagte unter Tränen, halb wider ihren Willen, wie sie gelehrt sei, wobei dann herauskam, daß sie die Kinder durch die Zauberei krank machte, um sie zur Ehre der Götter zu heilen.
Jesus befahl ihr nun, mit ihm und den Jüngern dahin zu gehen, wo der Gott Moloch stehe, und er ließ mehrere heidnische Priester dazu rufen. Es versammelte sich auch vieles Volk umher, denn es war der Ruf von der Heilung der Kinder schon bekannt geworden.
Es war dieser Ort aber kein Tempel, sondern ein Hügel, rings von Gräben umgeben, und der Gott selbst war zwischen den Gräbern unter der Erde in einem Gewölbe, das mit einem Deckel verdeckt war.
(Die Gräber um den Moloch, von den~en ich sprach, waren in dem Gewölbe, wo er stand, unter der Erde umher. Ich sah keine Särge. Diese Heiden verbrannten die Toten. Es standen da viele große Töpfe, wie kleine Fässer groß, ich meine, von Metall gegossen. Es sah nicht wie Töpferzeug aus. Darin warenj Asche und Beine. Ich sah aber bei vielen wie ausgestopfte kleine Puppen, wie die Mumien, ich glaube, daß die einzelne Verstorbene vorstellen sollten, weiß aber nicht, ob sie etwas enthielten.134 In Ägypten bei den Mumien standen auch oft die Abbildungen der Verstorbenen, bei Josephs Mumie aber nicht, denn diese stand so am Eingang, als wenn man alle Augenblicke sie woanders hinzubringen gedächte. N. B.:
176 177
Die Kinder Esaus und die anderen verheideten Abkommen Abrahams begruben ihre Toten.)
Jesus sagte nun den Götzenpriestern, sie möchten ihren Gott doch hervorrufen, und da sie ihn durch eine Maschine heraufsteigen machten, bedauerte sie Jesus, daß sie einen Gott hatten, der sich nicht selbst helfen könne. Er sagte aber der Priesterin, sie solle nun laut das Lob ihres Gottes aussprechen und erzählen, wie sie ihm dienten, und was er ihnen dafür gebe. Da ging es der Frau schier wie dem Propheten Balaam. Sie sagte laut alle Greuel dieses Dienstes aus und verkündete die Wunder des Gottes Israels vor allem Volk.
Jesus befahl nun seinen Jüngern, sie sollten den Götzen umwerfen und hin- und herwälzen, und sie taten es. Er sagte aber: "Ihr sehet, welchen Götzen ihr dienet, sehet die Geister, die ihr anbetet ! " Und es erschienen aus dem Bilde herausfahrend vor den Augen aller Anwesenden allerlei greuliche, teuflische Gestalten und zitterten und krochen umher und verschwanden wieder in die Erde hinab bei den Gräbern.
Die Heiden waren sehr erschreckt und beschämt. Jesus sagte:
"Wenn wir euren Götzen wieder in die Grube hinabwerfen, wird er wohl in Stücke gehen." Die Priester baten ihn aber, er möge ihn doch nicht zerbrechen, und er ließ sie ihn wieder aufrichten und hinabhaspeln. Die weisen Heiden waren sehr gerührt und beschämt, besonders die Priester. Einige waren jedoch sehr unwillig unter ihnen. Das Volk war jedoch ganz auf Jesu Seite. Er hielt ihnen noch eine schöne Lehre, und es bekehrten sich viele.
Der Gott Moloch saß wie ein Ochse auf den Hinterbeinen. Er hatte die Arme, wie einer, der etwas auf den beiden Armen fassen will, und diese Arme konnte er mit einer Vorrichtung 135 an sich ziehen. Er war sehr groß und dick, wie ein sitzender Ochse. Er hatte ein Tiergesicht, doch nicht ganz wie ein Ochse. Sein Kopf war oben in einen weiten Rachen gespalten, und auf der Stirn hatte er ein gekrümmtes Horn. Der Gott saß in einer weiten Schale. Er hatte um den Leib herum mehrere Vorspriinge, wie offene Taschen. Bei Festen wurde er bekleidet. Es bestand diese Bekleidung aus einer Art langer Riemen, die ihm um den Hals gehängt wurden. In de m Becken unter ihm ward Feuer gemacht beim Opfer. Es brannten immer viele Lampen am den Rand des Beckens vor ihm.
Sonst hatten sie ihm oft Kinder geopfert. Jetzt durften sie es nicht mehr. Sie opferten ihm allerlei Tiere, welche sie in den Öffnungen semes Leibes verbrannten oder durch die Öffnung des Kopfes hinein-
warfen. Das schönste Opfer war für ihn eine syrische Kamelziege. Es waren auch Zugwerke da, an denen sie sich zu dem Gott hinab-lassen konnten. Der Gott stand ganz in der Erde zwischen lauter Gräbern. Sein Dienst war nicht recht mehr im Gang. Sie riefen ihn nur in Zauberei an, und die Frau hatte besonders wegen der kranken Kinder mit ihm zu tun. In jede der Taschen an seinem Leib erhielt er besondere Opfer. Sonst wurden ihm die Kinder in die Arme gelegt und durch das Fenster unter ihm und in ihm (er war hohl), das im Kessel brannte, verzehrt. Er zog dann die Arme an sich und erdrückte sie, daß sie nicht so laut schrien. Er hatte auch eine Vorrichtung an den Beinen, und sie konnten ihn auch aufstellen. Er war mit Strahlen umgeben. jSkizzen
29. September J1822J (= 8. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10 ~ Viertel-Seiten 205-212 137
Die Heiden, deren Kinder Jesus gestern in Gadara heilte, fragten ihn, wo sie sich hinwenden sollten, denn sie wollten sich von dem Götzendienst abtun. Jesus sprach ihnen von der Taufe, und daß sie sich einstweilen ruhig verhalten und harren sollten. Er sprach ihnen von Gott als einem Vater, dem wir unsere bösen Gelüste opfern müßten, und der keiner anderen Opfer als unserer Herzen bedürfe, usw. Er sprach gegen die Heiden immer deutlicher aus, daß Gott unserer Opfer nicht bedürfe, als gegen die Juden. Er ermahnte sie zur Reue und Buße, zum Dank für die Wohltaten und zur Barmherzigkeit gegen die Elenden.
In der Judenstadt schloß er noch den Sabbaih, nahm ein Mahl em, und dann begann der Sabbath des Fasttages wegen der Anbetung des Goldenen Kalbes ~ welches den 8. Tisri gefeiert wurde, weil der siebente als gewöhnlicher Fasttag dieses Jahr auf den Sabbath fiel.
Jesus lehrte und heilte am 8. Tisri noch morgens in Gadara und verließ nachmittags die Stadt. Die Heiden, deren Kinder er geheilt, dankten ihm nochmals vor der Heidenstadt, und er segnete sie und grng mit jetzt beinahe zwöf Jüngern hinab durch das Tal südlich von Gadara, dann über einen anderen Berg südlich und bis zu einem Flüßchen, das in einem Tal herabkommt aus dem Gebirg unter Betharampta-Julias, wo die Bergwerke von hier gegen Morgen liegen.1~
An diesem Flüßchen in einer Herberge blieb Jesus heute abend
178
179
etwa drei Stunden südlich von Gadara. Es waren dort allerlei Leute mit Einsammeln von Früchten beschäftigt, bei welchen er hin und wieder ging und lehrte. Es waren dieses Juden. Es war... aber auch ein Trupp Heiden in der Gegend, welche in der Nähe des Flüßchens von einem Heckengewächs weiße Blumen sammelten. Ich weiß nicht, wozu sie gebraucht wurden. Sie sammelten aber auch ganz große, scheußliche Käfer und Insekten, vor welchen mir schauderte, und als Jesus ihnen nahte, zogen sie sich zurück und waren wie scheu.
Ich hatte da einen wunderlichen Anblick, vor dem es mir noch graust, und es war mir in demselben Augenblick so greulich, daß ich mich vor Ekel und Schrecken schüttelte...
Bei dem Käfersammeln der Heiden kriegte ich einen Blick ungefähr eine Stunde südlicher an der Abendseite eines Bergabhangs nach einer Stadt Dion oder Dium. Da sah ich einen greulichen Götzen vor dem Tore der Stadt unter einem, ich meine Weidenbaum, so groß wie ein Nußbaum, sitzen. Er hatte eine ziemlich menschliche, doch mehr affenartige Gestalt mit kurzen Armen und dünnen Beinen, doch auf menschliche Art sitzend. Sein Kopf war oben sehr spitz und hatte zwei kleine gekrümmte Hörner, die Mondsicheln. Sein Gesicht war menschlich, doch greulich, mit senkrechter, sehr langer Nase. Der Mundteil war verhältnismäßig sehr klein, das Kinn niedrig, doch vorstehend, das Maul groß und tierisch, der Leib schlank, um den Schoß eine Schürze, wie ein Sack, die Beine ziemlich dünn, die Füße lang, mit kralligen Zehen. In der einen Hand hatte er einen Kelch auf einem Stiel in der anderen hielt er eine große Schmetterlingsfigur.140 Dieser Schmetterling sah aber teils wie ein Vogel, teils wie ein ekelhaftes Insekt aus. Hinten, wo der Götze ihn hielt, war er wie eine Puppe (Insektenlarve) gedreht und gewickelt. Vor der Hand breitete er ein paar ausgezackte Flügel aus, und sein Kopf hatte rote blinkende Augen und einen offenen Schnabel. Der Gott saß wie in einem ihn umgebenden Thron. Unter seinen getrennten Beinen war eine Feuerstelle in seinem Sitz.
Der ganze Schmetterling war sehr blinjkend und bunt. Das Greulichste aber war mir, rund um den Kopf des Götzen über die Stirn weg hatte er einen Kranz wie eine Krone von gräßlich großen, ekelhaften Käfern und fliegenden Würmer nj. Einer hatte den anderen wie gepackt, und über der Stirn in der Mitte des spitzen Kopfes zwischen den Hörnern Saß einer, größer und ekelhafter als alle die anderen, an welchen sich die beiden anderen Enden anschlossen. Sie waren schimmernd und von allerlei Farben, aber von greulicher,
giftiger Gestalt, mit langen Bäuchen, Füßen, Zangen und Stacheln. Diese Tiere sind mir an sich so greulich, und diese waren es mir noch mehr. Kaum sah ich sie an und meinte, weil sie so still saßen, sie seien gemacht, als ich auf einmal, da Jesus in die Nähe der Heiden kam, welche solche Tiere am Flüßchen für den Gott suchten, die ganze Krone auseinanderfahren und fortfliegen sah, worüber ich so erschrak, als kämen sie mir auf den Leib.
Ich sah aber, wie sie wie ein dunkler Schwarm, der sich zerstreut, in Löcher und Winkel der Gegend flogen, und sah allerlei gräßliche, schwarze Geistergestalten, welche sich mit ihnen zu verbergen schienen, als kröchen sie bang mit ihnen in die Löcher. (Sie will dies für Irrtum, Vorstellung erklären, sagt aber doch:) Es waren dieses die bösen Geister, die mit diesen Käfern in dem Belzebub geehrt wurden. Daß aber die Käfer so still saßen, war, glaube ich, weil sie dem Götzen Blut oder sonst etwas um die Stirne schmierten. Sie kann das Bild nicht gräßlich genug beschreiben. lskizzenl
30. September J1822J (=9. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft 10/ Viertels eiten
213~216141
Montag gegen zehn Uhr morgens kam Jesus von der Herberge am Flüßchen etwa eine Stunde weiter südlich am östlichen Berg-abhang, gegen den Jordan ein paar Stunden östlich von Skythopolis gelegen, vor Dium an, und zwar vor dem jüdischen Teile der Stadt, der an einer Seite und viel kleiner als die Heidenstadt142 war, welche schön gebaut am Busen eines Bergabhangs hinauf liegt und mehrere Tempel hat. Die Judenstadt ist ganz getrennt, und vor dieser Seite steht der Belzebub nicht.
Wo Jesus ankam vor der Stadt, waren die Laubhüttenl4s schon größtenteils fertig, und unter einer derselben wurde er von den Priestern und Vorgesetzten des Ortes, wie gewöhnlich, mit Fußwaschung und Imbiß feierlich empfangen. Er begann aber sogleich zu den vielen Kranken zu gehen, welche unter den Laubhütten144 hin bis zu der Stadt lagen und standen. Die Jünger waren helfend und Ordnung haltend. Es waren Kranke aller Art, Lahme, Stumme, Blinde, Wassersüchtige, Gichtbrüchige. Er heilte und ermahnte viele. Es waren einige dabei, welche zwischen dreifüßigen Krücken aufrechtstanden. Es waren Krücken, auf welchen sie lehnen konnten, ohne die Füße zu gebrauchen, fast wie Laufstühle. Zuletzt kam er zu den kranken Frauen.
i8o i8i
Sie lagen und lehrten und saßen der Stadt näher unter einer langen Laubhütte 145, welche über einen terrassenförmigen Erdsitz gebaut war. Dieser Sitz war mit einem feinen, schönen, langen, von oben niederhängenden Gras belegt, welches wie sanfte seidene Haare niederhing, und darüber waren Teppiche gebreitet. Es waren mehrere blutilüssige Frauen, ganz verhüllt, entfernter, und auch einige Melancholische, ganz finster und braun, bleich dasitzend, und andere Kranke. Jesus redete sie sehr liebevoll an und heilte sie, eine nach der anderen, und gab ihnen verschiedene Weisungen zu Badereinigungen und Winke zur Besserung einzelner Fehler und Sünden und zu Genugtuungen. Er heilte und segnete auch mehrere Kinder, welche die Mütter brachten.
Diese Arbeit währte bis Nachmittag und endete mit einer allgemeinen Freude. Alle Genesenden zogen lobsingend, ihre Betten und Krücken tragendj und ganz heiter und froh, von ihren freudigen Verwandten, Freunden und Dienern begleitet, in einer schönen Ordnung, wie sie geheilt worden waren, in die Stadt, und Jesus mit den Jüngern und Leviten war in ihrer Mitte. Die Demut und der Ernst Jesu in solchen Fällen sind unaussprechlich.
Die Kinder und Frauen zogen voraus, und sie sangen alle den vierzigsten Psalm Davids: "Heil dem, der sich der Dürftigen annimmt." Sie gingen nach der Synagoge und dankten Gott. Dann aber war ein Mahl unter einer Laubhütte, von Obst, Vögeln, Honig-waben und geröstetem Brot.
Als der Sabbaih aber anging, begaben sie sich alle in Trauer-kleidern nach der Synagoge, denn es begann der 10. Tisri, der große Versöhnungstag der Juden.
~. Okt. 1822J (= 10. Tis"i) 1 Tagebuei Bd. V, Heft Ii / Viertelseiten 3-6
Ich habe vieles von dem Versöhnungsfest in Jerusalem gesehen. Ich sah viele Reinigungen des Hohenpriesters, mühsame Vorbereitungen und Enthaltungen, vieles Opfern, Blutsprengen und Räuchern. Ich habe auch den Sühnbock gesehen, und wie über zwei Böcke sei gelost, wie der eine geopfert, der andere in die Wüste getrieben ward. Es ward diesem etwas an den Schwanz gebunden. Ich meine, es ist Feuer darin gewesen. Da sei er in der Wüste geängstigt in den Abgrund gestürzt.
In diese Wüste, die über dem Ölberg hinaus anfange, ist auch einmal David gegangen, usw.
Der Hohepriester war heute gewaltig betrübt und verwirrt. Er hatte gewünscht, es möge ein anderer an Seiner Stelle das Amt tun. Er ging mit großer Angst ins Allerheiligste. Er bat das Volk sehr, für ihn zu beten. Das Volk meinte auch, er müsse eine Sünde auf sich haben, und war sehr besorgt, es möge ihm im Allerheiligsten ein Unglück geschehen. Es drückte ihn das Gewissen, weil er Anteil an der Ermordung des Zacharias, des Vaters Johannis, gehabt, und seine Sünde wucherte in seinem (Sehwieger)sohn, der Jesum verurteilte. Es war nicht Kaiphas, ich meine, es war sein (Schwieger)vater.146
Ich sah die Zeremonie im Allerheiligsten. Das Heiligtum war nicht mehr da, aber doch waren noch allerlei Tüchlein und Behälter in der Bundeslade, die neuer und ganz neumodischer war. Die Engel waren anders. Sie saßen (wie sie unbestimmt beschreibt) wie mit drei Bahnen umgeben mit einem Fuß oben, und einem an den Seiten niederhängend. Die Krone war noch zwischen ihnen. Es war allerlei Heiliges in der Lade, Öl, Rauchwerk. Ich habe alle Zeremonien gesehen, die er machte, habe es aber vergessen..
Ich erinnere mich nur noch, daß er räucherte, Blut sprengte, und daß er auch ein Tüchlein aus dem Heiligtum nahm und sich in einen Finger verwundete oder Blut am Finger hatte, und daß dieses mit Wasser gemischt ward, und daß er einer Reihe von Priestern es zu trinken brachte. Es war ein e Art Vorbild der Kommunion. Ich weiß nicht gewiß, ob er das Tüchlein aus dem Heiligtum auch in das Wasser legte. Sonst wurde bei gewissen Gelegenheiten über das Heiligtum gegossenes Wasser getrunken, wie ich in den Mysterien gesehen. Vielleicht war jetzt das leere Tuch Ersatz. Ich weiß jetzt nicht deutlich: War das Blut gewöhnlich am Versöhnungstag? War es vorbildlich auf das Blut des Hohenpriesters Jesus? Ich sah auch, daß er von Gott gestraft und sehr elend wurde und mit dem Aussatz geschlagen. Es war eine große Verwirrung im Tempel. Ich habe auch in diesem Bild eine ganz erschütternde Strafpredigt im Tempel gehört und sehr viele Bilder aus dem Leben der Propheten und von dem Greuel der Abgötterei in Israel gesehen.
2. Oktober 1822J 1 Tagebudz Bd. V, Heft ii / Viertelseiten 11-12
Als mir die Abgötterei der Menschen, die Tier- und Götzenanbetung von den ersten Zeiten und die häufige Hinwendung der Israeliten zu den Götzen und die große Barrriherzigkeit Gottes durch
182
183
die Propheten gezeigt wurde n und ich mich wunderte, wie die Menschen nur solchen Greuel anbeten könnten, wurde mir in einem Bild all derselbe Greuel noch jetzt bestehend gezeigt, aber nur auf eine geistliche Weise. Ich sah nämlich unzählige Bilder durch die ganze Welt, wie Götzendienst in der Christenheit getrieben wurde, und zwar sah ich es in schier allen den Gestalten, in welchen es ehemals geschah. Ich sah Priester, welche Schlangen anbeteten neben dem Sakrament, und ihre verschiedenen Leidenschaften glichen verschiedenen Figuren solcher Schlangen; ich sah auch bei Vornehmen und Gelehrten allerlei solche Tiere, die sie anbeteten, während sie über alle Religion sich hinausdachten. Ich sah Kröten und allerlei häßlichere Tiere bei geringen, armen, versunkenen Leuten. Ich sah au~ Gemeinden im Götzendienst, zum Beispiel eine dunkle, ich meine, reformierte Kirche im Norden, mit leerem, greulichem Altar, über welchem Raben standen, die sie anbeteten. Sie sahen zwar solche Tiere nicht, aber sie beteten sie in ihren Eitelkeiten und aufgeblasene ~ Eigendünkel an. Ich sah Geistliche, welchen Möpschen, kleine Fratzen, die Blätter beim Brevierbeten umkehrten.
Ja, ich sah auch selbst in Rom bei Kardinälen und großen Geistlichen förmlich alte Götzenbilder, wie Moloch, Baal usw. mitten unter den Büchern auf dem Tisch stehen und herrschen, ja ihnen Bissen reichen. Ich sah auch einfältige fromme Leute, wie Propheten, die von ihnen verlacht und verachtet wurden. Ich sah, daß es jetzt so greulich als je war, und daß die Götzenbilder nichts Zufälliges hatten, sondern daß, wenn die Gottlosigkeit und Abgötterei der jetzigen Menschen auf einmal eine körperliche Gestalt, und ihr Empfinden ein Handeln würden, dieselben Götzen wie sonst dastehen würden.
6.1-8. Oktober 1822J 1 Tagebu~ Bd. V, Heft II 1 Viertelseitea 48~5
Jesus lehrte und heilte in Ainon und ging dann gegen zehn Uhr von den Jüngern und vielen anderen Einwohnern begleitet nach Sukkoth, ein Weg von kaum einer Stunde. Der größte Teil des Weges war mit Laubhütten147 und Zelten bedeckt, denn viele aus der Gegend feierten hier das Fest, und die stets hier durchziehenden Karawanen lagen während de~sselben still. Es war der ganze Weg wie eine Luststraße. Es waren Speisebehälter hinter den Lauben wie Kasten mit Zelten überspannt. Die Leute konnten auch etwas um Geld haben.
Auf diesem Weg brachte Jesus wohl mehrere Stunden zu, denn
er ward überall begrüßt und stand hier und da still und lehrte, so daß er erst gegen fünf Uhr nach Tisch nach Sukkoth in die Synagoge kam.
Sukkoth lag am nördlichen Ufer des Jabbok.1~ Er ging über eine kleine Brücke dahin. An einer anderen Stelle fährt man über. Es liegt am mittäglichen Ufer, wo Jesus herkam, eine Stadt etwas mehr gegen Morgen 149, wo Jesus neulich war, da er nach Ramoth in Gilead ging. An der Seite von Sukkoth morgendlicher liegt auch Mahanaim.154 An diesem Ort hat Jakob zuerst sein Lager auf~geschlagen und ist hierauf gen Amon gezogen, bis wohin er seine Weiden von hier zuerst erstreckte.
Sukkoth war jetzt eine schöne Stadt, und eine sehr schöne Synagoge war da, und es wurde heut hier ein sehr schönes Fest außer dem Laubhüttenfest152 zum Gedächtnis der Versöhnung zwischen Esau und Jakob gefeiert. Sie waren den ganzen Tag damit beschäftigt. Es waren hier Leute aus der ganzen Gegend. Gestern in Amon unter den Schulkindern waren auch viele von den Waisenkindern aus der Schule in Abelmehola, wo Jesus neulich lehrte. Diese waren nun heute hier in Sukkoth. Es war aber der wirkliche Gedächtnistag von Jakobs191 und Esaus Versöhnung, welche nach der Überlieferung der Juden heute geschehen war.
Die Synagoge, eine der schönsten, die ich je gesehen, war heute durch den großen Festschmuck mit unzähligen Kränzen und Laub-gewinden und vielen schönen blinkenden Lampen noch viel prächtiger. Sie hat acht Säulen und ist hoch. An beiden Seiten des Gebäudes laufen Gänge hin, welche zu langen... Gebäuden führen, in denen Wohnungen der Leviten und Schulen sind. Ein Teil der Synagoge ist erhöht, und hier steht vorne gegen die Mitte eine geschmückte Säule mit Gefächern und Brüstungen umher, worin Gesetz-rollen bewahrt werden. Hinter diesem Gerüst steht ein Tisch, an welche~ man durch einen Vorhang einen abgesonderten Raum bilden kann. Ein paar Schritte weiter zurück befindet sich eine Reihe von Sitzen der Priester, und in der Mitte ein etwas erhöhter Sitz für den Lehrenden. Hinter diesen Sitzen steht ein Rauchaltar, über welchem oben in der Decke eine Öffnung ist, und hinter diesem Altar am Ende des Gebäudes stehen Tische, worauf die Gaben gestellt werden. Unten in der Mitte der Synagoge stehen die Männer nach ihren Klassen. Links, etwas erhöht, ist der Ort der Weiber abgegittert, und rechts ist die Stelle der Schulkinder nach ihren Klassen und ihrem Geschlecht ebenso. Skizze
184 i8~
Es war heute das ganze Fest ein Pest der Aussöhnung mit Gott und den Menschen, und es war ein Sündenbekenntnis, ein öffentliches oder auch privates dabei, wie jeder wollte. Alle gingen um den Rauchaltar und opferten Gaben zur Aussöhnung, erhielten auch eine Buße und taten freiwillig Gelübde. Es hatte viel Ähnliches mit unserer Beichte.
Der Priester auf dem Lehrstuhl lehrte von Jakob und Esau, welche sich heute mit Gott und untereinander ausgesöhnt, und auch wie Laban und Jakob sich ausgesöhnt, und wie sie geopfert. Man ermahnte zur Buße. Viele Anwesenden waren durch die Lehre Johannis früher und die Lehre Jesu vor einigen Tagen sehr gerührt und hatten nur auf diesen feierlichen Tag gewartet. Die Männer, welche ihr Gewissen beschwert fühlten, gingen durch das Gitter bei dem Gesetzstuhl und hinter dem Altar herum und stellten ihr Opfer auf die Tische, welches ein Priester empfing. Dann traten sie vor die Priester hinter den Gesetzkasten und bekannten entweder öffentlich vor ihnen ihre Sünden oder begehrten einen der Priester, welchen sie wollten. Der trat dann mit ihnen hinter den Vorhang an den Tisch, und sie bekannten ihm heimlich und erlegten ihm eine Buße.
Es wurde dabei Räucherwerk auf den Altar gestreut, und der Rauch mußte auf gewisse Weise wolkend oben hinausziehen, wobei die Leute gewissen Zeichen glaubten, ob die Reue des Sünders gut und ob die Sünden vergeben seien. Währen& dess~ sangen und beteten die übrigen Anwesenden. Die Sünder legten eine Art Glaubensbekenntnis ab, vom Gesetz und ihrem Bleiben bei Israel und dem Allerheiligsten. Dann warfen sie sich zur Erde und bekannten, wo sie gefehlt hatten, oft mit Tränen.
Die büßenden Frauen kamen nach den Männern. Ihre Opfer wurden von den Priestern empfangen, und sie ließen den Priester hinter ein Gitter rufen, wo sie bekannten.
Die Juden klagten sich allerlei Verletzungen ihrer Gebräuche und auch der Sünde gegen die Zehn Gebote an. Sie hatten aber auch etwas Seltsames in ihrem Bekenntnis, was ich nicht recht wiederzuerzählen weiß. Sie klagten sich darin der Sünden ihrer Voreltern an und sprachen von einer sündigen Seele derselben, die sie von ... empfangen hatten, und von einer heiligen Seele, die sie von Gott hätten, und es war ganz, als sprächen sie von zwei Seelen. Die Lehrer sagten auch etwas davon. Es war so ein Gerede, als sprächen sie: "Ihre sündige Seele bleibe nicht in uns, und unsere heilige Seele bleibe in uns ! " Es war ein Gerede von einem Durcheinander und
Ineinander und Auseinander sündiger und heiliger Seelen, daß ich es nicht mehr recht weiß.
Jesus aber lehrte nachher anders davon und sagte dabei, das solle nicht mehr so sein. Ihre sündigen Seelen sollten nicht mehr in uns sein, und es war eine rührende Lehre, denn sie deutete darauf, daß er für alle Seelen genugtun werde. Das war nun wohl mir, aber den damaligen Juden nicht verständlich.
Sie klagten sich also der Sünden ihrer Eltern an, und es war, als wußten sie, daß dadurch allerlei Übel über sie käme, und als glaubten sie, ... dadurch selbst noch in der Sündengewohnheit zu sein.
Jesus kam erst später, da diese Bußandacht schon im Gang war. Er ward vor der Synagoge empfangen und stand anfangs an der einen Seite oben bei den Lehrern, während ein anderer lehrte. Es war etwa fünf Uhr, als er kam.
Die Opfer der Büßenden bestanden in allerlei Früchten und auch in Münzen und Kleidungsstücken für die Priester, auch Stoffen, seidenen Quasten und Knoten, in Gürteln usw. und hauptsächlich in Rauchwerk, wovon etwas verbrannt wurde...
Ich sah aber da ein rührendes Schauspiel. Schon während Frühere bekannten und opferten, sah ich eine vornehme Frau, welche einen vergitterten Stuhl allein und zunächst an dem abgesperrten Bußplatz hatte, in ihrem Stuhl sehr unruhig und bewegt. Ihre Magd war bei ihr, und sie hatte ihre Opfergaben in einem Korb neben sich auf einem Schemel stehen. Sie konnte gar nicht erwarten, daß sie an die Reihe komme, und da sie endlich ihre Betrübnis und Begierde nach Versöhnung nicht mehr aushalten konnte, trat sie, und ihre Magd mit dem Opfer vor ihr her, verschleiert durch das Gitter gegen die Priester hin an einen Ort, wo die Weiber gar nicht hinzukommen pflegten. Die dort stehenden Aufseher wollten sie zurückdrängen; aber die Magd ließ sich nicht halten. Sie drängte sich durch und rief:
"Platz, macht Platz für meine Frau! Sie will opfern, sie will büßen. Platz für sie, sie will ihre Seele reinigen!"
So drang die Frau ganz bewegt und zerknirscht vor die Priester, welche ihr teils entgegentraten, und flehte um Versöhnung auf ihren Knien liegend. Sie wiesen sie aber zurück, sie gehöre nicht hierher. Jedoch ein junger Priester nahm sie bei der Hand und sagte:
"Ich will dich aussöhnen; gehört dein Leib nicht hierher, so gehört deine Seele doch hierher, weil du büßest", und er wendete sich mit ihr gegen Jesu und sagte: "Rabbi, entscheide du!q Da warf sich die Frau... vor Jesu auf das Angesicht, und er sprach: "Ja, ihre Seele
i86 187
gehört hierher, lasse das Menschenkind büßen! " Und der Priester trat mit ihr in das Zelt, und sie trat wieder hervor und warf sich unter Tränen an die Erde platt hin und sprach: "Wischet eure Füße an mir ab, denn ich bin eine Ehebrecherin!" Und die Priester berührten sie mit den Füßen. -Es ward aber ihr Mann herzugerufen, der nichts davon wußte,
und er wurde durch Jesu Reden, der jetzt auf dem Lehrstuhl stand, sehr gerührt. Er weinte, und seine Frau, verhüllt an der Erde vor ihrn liegend, bekannte ihre Schuld und war mehr sterbend in Tränen als lebend. Und Jesus sprach zu ihr: "Deine Sünden sind dir vergeben. Stehe auf, du Kind Gottes!" Und der Mann war tief erschüttert und reichte seiner Frau die Hand. - Ihre Hände wurden sodann mit der Frau Schleier und des Mannes schmaler langer Halshülle zusammen-gebunden und nach einem Segen gelöst. Es war wie eine neue Trauung.
Die Frau war nach ihrer Aussöhnung ganz wie berauscht vor Freude. Sie rief schon früher, als sie die Opfer hinreichte: "Betet, betet, räuchert, opfert, daß mir meine Sünden vergeben werden." Und nun stammelte und rief sie allerlei Psalmenstellen aus und wurde von dem Priester nach ihrem Gitterstuhl zutückgebracht.
Ihr Opfer bestand in vielen der kostbaren Früchte, welche am Laubhüttenfest gebraucht werden. Sie waren künstlich aufeinander-gelegt, so daß sie einander nicht drückten. Sie opferte auch Borten und seidene Troddeln und Quasten für Priesterkleider.
Verbrennen aber ließ sie mehrere schöne seidene Kleider, in denen sie vor ihrem Buhler Eitelkeit getrieben.
(Ich dachte noch: "Hätte ich das für Kinderkäppchen!")
Sie war eine große, mächtige, schön gewachsene Frau und von einem lebendigen feurigen Geist. Wegen ihrer großen Reue und ihrem freiwilligen Bekenntnis wurde ihr ihre Schuld erlassen, und ihr Mann söhnte sich herzlich mit ihr aus.
Sie hatte keine Kinder in dem Ehebruch, aber lange heimlich mit jenem Manne gelebt. Sie selbst hatte das Verhältnis abgebrochen und den Buhler auch zur Buße gebracht. Sie brauchte ihn nicht vor den Priestern zu nennen, und ihr Mann sollte ihn auch nicht kennen. Es wurde ihm verboten, nach ihm zu fragen - ihr, ihn zu nennen. Der Mann war fromm und vergaß und verzieh von Herzen. -Das Volk hatte zwar die näheren Umstände nicht vernommen,
jedoch die Störung, und daß etwas Fremdes vorging, und den Ruf zu Gebet und Opfer der Frau. Alle beteten herzlich und freuten sich
über die, welche Buße getan. Es waren sehr gute Leute an diesem Ort, wie überhaupt auf der ganzen Morgenseite des Jordans. Sie hatten viel mehr von den Sitten der Altväter.
Jesus lehrte noch sehr schön und rührend. Ich entsinne mich deutlich, daß er über die Sünden der Vorfahren und unseren Teil an denselben sprach und einiges in ihren Begriffen darüber berichtigte. Er bediente sich einmal des Ausdrucks: "Eure Väter haben Weinbeer gegessen, und euch sind die Zähne davon stumpf geworden."
Die Schullehrer wurden auch über die Fehler ihrer Schulkinder gefragt und dann diese ermahnt, und so sie sich selbst anklagten und Reue hatten, wurde ihnen vergeben. -Es waren aber viele Kranke vor der Synagoge, und wenn es gleich am Laubhüttenfest1~2 nicht gewöhnlich war, die Kranken heran-zulassen, so ließ sie Jesus doch in die Gänge zwischen der Synagoge und den... Wohnungen der Lehrer durch die Jünger bringen und ging am Schluß des Festes, da schon längst die ganze Synagoge von Lampen schimmerte, in die Gänge und heilte viele Kranke.
Als er aber in diese Gänge trat, 5 and te die ausgesöhnte Frau zu ihm und bat, mit ihm einige Worte zu reden, und Jesus ging zu ihr, wo sie stand, und trat mit ihr abseits. Da warf sie sich aber vor ihm nieder und sprach: "Meister, der Mann, mit dem ich gesündigt habe, fleht dich an, daß du ihn versöhnest." Jesus sagte ihr, daß er nach dem Mahle an diesem Orte mit ihm sprechen wolle.
Nach der Heilung der Kranken war eine Laubhüttenmahlzeit auf einem freien Platz des Ortes. Jesus, die Jünger und Leviten und Vornehmeren des Ortes saßen in einer großen, schönen Laube; die anderen Lauben waren umher. Die Frauen und Männer waren getrennt. Es wurden auch die Armen gespeist, und jeder sandte vom Besten seines Tisches zu ihnen. Jesus ging von Tisch zu Tisch und auch zum Tische der Frauen.
Die Versöhnte war voll Freude, und all ihre Freundinnen waren freudig um sie her und wünschten ihr von Herzen Glück. Als Jesus noch so umherging, war sie sehr beunruhigt und sah immer nach ihm hin und dachte, wenn er nur nicht versäumt, die Buße des Mannes anzunehmen, der auf ihn wartet! Denn sie wußte, daß jener schon an der Stelle harrte. Jesus nahte ihr aber und beruhigte sie. Er wisse schon ihre Sorge, es werde alles zu seiner Zeit geschehen.
Nach einiger Zeit gingen die Gäste auseinander, und der Herr ging zu seiner Wohnung an der Synagoge. Ich sah dort jenen Mann in den Gängen bei der Synagoge harren und sich vor Jesu niederwerfen.
i88 189
Er bekannte seine Schuld. Jesus tröstete ihn und ermahnte ihn, nicht wieder zu fallen, und er erhielt auch eine Buße. Er mußte, ich weiß nicht mehr wozu, den Priestern eine gewisse Zeit lang wöchentlich etwas entrichten. Es war zu einem milden Zweck. Ich meine aber, daß dieses sein Opfer und ein Gelübde war; denn er hatte nicht öffentlich geopfert, um kein Ärgernis mit dem so hart verletzten Mann zu geben, und sich ganz in Reue und Tränen zurückgehalten. -Hier in Sukkoth sah, wie ich meine, Jakob die zwei Heerlager bei
Mahanaim153 als ein Vorbild, da er nach Mesopotamien reiste. Und da er zurückkehrte, sah er sie wieder, und erfüllt in den zwei Scharen von Vieh und Familie, die er mit sich führte, und in seinem und Esaus Heer...
Jesus ging heute morgens von Sukkoth nach Ainon zurück, lehrte auf dem Taufplatz und heilte mehrere Kranke...
i8. Oktober (18221
(=27. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft ii / Viertelseiten
125-128
Jesus ging heute, am Freitag, 27. Tisri, morgens zwei Stunden über den Waldrücken von Salem nach Arumah. Die Pharisäer empfingen ihn nicht vor dem Tor. Er ging mit etwa sieben der unbekannteren Jünger, die noch bei ihm sind, geschürzt durch das Stadttor ein. Da empfingen sie einige wohlgesinnte Bürger nach der Landessitte, wie man es Reisenden tut, die geschürzt zum Tor eingehen, denn die ungeschürzt kommen, die haben schon vor dem Tor Gastfreiheit empfangen.
Sie führten sie in ein Haus, wuschen ihnen die Füße, reinigten die Kleider und reichten ihnen den Bissen.
Hernach ging Jesus nach der Synagoge in das Priesterhaus, wo sich Simons Bruder mit mehreren anderen, Pharisäern und Sadduzäern, befand, welche von Thebez und anderen Orten hierher gekommen waren.
Sie nahmen allerlei Schriftrollen mit und gingen mit Jesu nach einem Badebrunnen und Lustplatz vor der Stadt und unterhielten sich untereinander über die Schriftstellen, welche in der heutigen Sabbathiesung vorkamen. Es war dieses wie ein Vorbereiten auf die Predigt. Sie sprachen ganz höflich und glatt mit Jesu und baten ihn, heute abend zu lehren, aber ihnen doch ja das Volk nicht aufrühre tisch zu machen. Das gaben sie so zu verstehen.
Jesus antwortete sehr derb und gerade, er werde lehren nach dem,
was die Schrift enthalte, die Wahrheit, und er sprach auch von den Wölfen in Schafskleidern.
Gegen drei Uhr gingen sie zum Mahl in das Haus von Simons Bruder iM, der Frau und Kinder hatte, die Jesus auch begrüßte. Es waren viele Gäste da, auch weibliche, welche mit den Frauen abgesondert aßen.1~
Am Abend lehrte Jesus in der Synagoge. Er lehrte von Abrahams Beruf und Reise nach Ägypten. Er sprach von der hebräischen Sprache, von Noah, Heber..., Hiob usw., und ich sah viele Bilder aus dieser Lehre folgen.150 Er lehrte auch noch von Moses.157 Er sagte, daß schon in Heber Gott die Israeliten ausgesondert habe, denn diesem Mann habe er eine neue Sprache gegeben, die hebräische, welche mit anderen keine Gemeinschaft habe, um sein Geschlecht ganz abzusondern von allen anderen, denn früher habe er wie Adam, Sech und Noah die erste Muttersprache gesprochen. Die sei aber bei dem babylonischen Bau in viele Mundarten zerfallen und verwirrt worden, und Gott habe, um Heber ganz abzusondern, ihm eine eigene heilige, die althebräische Sprache gegeben, und ohne diese Sprache würden sie nie so rein und abgesondert geblieben sein. Hierüber hat Jesus gelehrt, und über den ganzen Ruf Abrahams usw.1~
19. Oktober (1822 (=28. Tisri) 1 Tagebuch Bd. V, Heft ii / Viertelseiten
129-135
Jesus wohnte hier im Hause des Bruders SimonsJ des Aussätzigen.15~ Der bethanische Simon stammte auch von hier. Der hiesige war fest und gelehrt in seiner Sache. Der bethanische war unbedeutender, wollte aber mehr bedeuten.
Es war in dem Hause hier alles gut eingerichtet, und wenn Jesus gleich nicht mit gläubiger Ehrfurcht behandelt wurde, so war doch alles nach der Gastfreundschaft in der besten Ordnung. Jesus hatte ein schönes abgesondertes Lager, einen eigenen abgesonderten Betort, die Gefäße und Tücher zum Waschen waren schön, und der Hausherr tat die schicklichen Dienstleistungen. Frau und Kinder kamen wenig zum Vorschein.
Jair von Phasael, der Mann, dem Jesus die Tochter erweckt hatte, war auch hier zum Sabbath und hatte mit Jesu gesprochen. Er verweilte bei den Jüngern und ging mit ihnen umher. Seine von Jesu erweckte Tochter war nicht in Phasael. Sie war hinauf nach Abelmehola1~~ zu den Mädchen in der Schule gereist. Es kamen da in
190 191
diesen Tagen viele junge Wichter zusammen, wie am 26. Tisri, am Donnerstag, die Männer einander besucht hatten. Ich weiß nicht, was das für ein Festtag gewesen ist. Abelmehola mag etwas über sechs Stunden von Phasael sein.
Die Knechte des Hauptmanns ~orobabel von Kapernaurn waren auch auf dem Laubhüttenfest zu Ainon und am Jordan gewesen, was mir jetzt einfällt. Sie waren schon früher getauft. Einer davon war mit dem zyprischen Mann gegen Ophra von Macherunt zu Jesu gekommen und mit diesem nach Kapernaum zurückgereist. Ich meine, dieser zyprische Mann ist noch ein Jünger von Jesu geworden. Jesus hatte einen Jünger Mnason aus Zypern. Ich weiß nicht, ob es dieser ist.
Jesus lehrte am Morgen in der Synagoge noch von Abrahams Beruf und Je saias. Ich habe dabei wieder vieles von den Altvätern gesehen.161
Mittags ging er aus der Stadt nach der Abendseite, wo ein altes großes Gebäude war. Man mußte an der Südseite der Stadt hinausgehen und hinter der Mauer herum bis zur Abendseite. Es war dieses Haus eine Art Zusammenwohnung von alten Männern und Witwen. Die Männer wohnten unten, die Frauen oben. Es waren keine Essener, was ich sonst vielleicht gemeint, aber sie lebten auch nach einer gewissen Ordnung und hatten lange weiße Kleider an. Jesus lehrte sie beide eine Weile und tröstete sie. Ich habe das Nähere vergessen.
Hierauf ging Jesus zu einer großen Mahlzeit. Sie währte bis zurn Sabbaih. Ich sehe Jesurn nie viel bei solchen Mahlzeiten essen. Er geht von einem Tisch zum anderen, lehrt und erzählt meistens.
Am Abend in der Synagoge und den Häusern war ein Fest. Man feierte, da der Sabbaih zu Ende war und der neue Sabbaih anging, das Fest der Einweihung des Tempels Salomonis. Die ganze Synagoge war voll von Lichtern. In der Mitte stand eine große Pyramide von Lichtern. Es war dieses Fest, glaube ich, schon vorbei. Der Tag war, meine ich, am Ende des Laubhüttenfestes und wurde heute nachgefeiert. -Jesus lehrte von der Einweihung, und wie Gott Salomon in der
Nacht erschienen sei und ihm gesagt habe, er wolle Israel und den Tempel erhalten, so es ihm treu bleibe, und wolle darin wohnen unter ihnen. Er wolle ihn aber zerstören, wenn sie von ihm abfielen. Und Jesus legte dieses auf die jetzige Zeit aus, und wie es nun so weit gekommen sei, und so sie sich nicht bekehrten, werde der Tempel zerstört werden, und er sprach sehr scharf davon.
Die Pharisäer aber fingen an mit ihm zu disputieren und legten diese Worte Gottes zu Salomon aus als nicht so gesprochen, sondern als ein Gedicht, eine Phantasie von Salomon.
Der Disput war sehr lebhaft. Ich sah Jesum sehr eifrig werden. Er hatte ein Wesen, daß sie erschüttert wurden und ihn kaum anblicken konnten. Er sagte zu ihnen durch Sätze, welche aus der Lehre dieses Sabbaths hervorgingen, von den Verstellungen und Verdrehungen der ewigen Wahrheiten, der Geschichte und Zeitrechnung der alten heidnischen Völker, zum Beispiel der Ägypter - wie sie es wagen könnten, diesen Vorwürfe zu machen, da sie selbst bereits in so elendem Zustande seien, das, was ihnen so nah und so heilig über-liefert sei, das Wort des Allmächtigen, auf welches sein Bund mit ihrem heiligen Tempel gegründet sei, als eine Fabel, als ein Gedicht nach ihrer Bequemlichkeit, nach der Art, die ihren Sünden schmeichelte, zu verwerfen.
Er beteuerte und wiederholte die Verheißung Gottes an SalomonJ noch einmal. Er sagte ihnen, daß in ihrer sündhaften Vorstellung und Auslegung die Drohung Jehovas sich schon der Erfüllung nähere, denn wo der Glaube an seine heiligsten Verheißungen wanke, wanke auch der Grund seines Tempels. Er sprach zu ihnen...: "Ja, der Tempel wird abgebrochen und zerstört werden, weil ihr an die Verheißung nicht glaubt, weil ihr das Heilige nicht erkennet und nicht heiliget. Ihr werdet selbst an seiner Zerstörung arbeiten. Es wird kein Teil an ihm unverletzt bleiben. Er wird zerbrochen werden urn eurer Sünden willen!"
Auf diese Art sprach Jesus, und zwar mit solcher Hindeutung, daß er sich selbst unter dem Tempel zu verstehen schien, wie er es vor seinem Leiden deutlicher sagte: "Ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen." Es war hier nicht so deutlich ausgesprochen, aber doch so, daß sie mit Schauer und Ergrimmen das Wunderbare, Geheimnisvolle in seiner Rede fühlten.
Sie murrten und wurden sehr unwillig. Jesus aber störte sich nicht und fuhr sehr schön in seiner Lehre fort, so daß sie nicht mehr widersprechen konnten und ganz wider ihren Willen innerlich überwältigt waren.
Beim Herausgehen aus der Synagoge reichten sie ihm die Hände und machten eine Art Entschuldigung und schienen äußerlich den Frieden herstellen zu wollen. Jesus sagte noch einige ernste Worte ganz sanft und verließ die Schule, welche geschlossen ward.
192
1Q~
20. Oktober
,18221 (= 29. Tisri) 1 Tagebual Bd. V, Heft II 1 Viertel-Seite 141
Sie war sehr zerstreut, und es blieb nichts übrig als:
Jesus sprach am Morgen nochmals sehr ernsthaft gegen die Pharisäer, daß sie den Geist ihrer Religion verloren hätten und auf nichts als auf Sitten und Gebräuche hielten, die sie wie leere Schalen bewahrten, während-dem sie den Kern verderben ließen. Sie sprachen dagegen von der Heiligkeit dieser Formen und mußten endlich schweigen, da ihnen Jesus Beispiele von den Heiden gab, welchen die leeren Formen endlich der Satan ausgefüllt habe.
Später ging Jesus drei Stunden nördlich nach einer Stadt, welche in dem Tal vor Samaria liegt, wo Abraham sich zuerst niederließ.
Es ist eine Herberge der Gemeinde von Lazarus errichtet davor. Es verwaltet sie eine etwas verwandte Familie aus Nazareth, deren Namen ich nicht mehr weiß. Hier blieb Jesus heute nacht. -
23. Oktober 118221 (-2. Mard:eswan) I Tagebuti Bd. V, Heft ii 1 Viertel-seiten 153-154
... Jesus sagte ja selbst im Evangelio einmal, daß eine Art der Teufel anders ausgetrieben wird als die andere. Er heilte gewiß jeden, wie es seinem Übel, seinem Glauben und seiner Natur angemessen war. So wie er noch jetzt jeden Sünder anders züchtigt, anders bekehrt. Jesus zerbrach die Gesetze der Natur nicht, er löste nur ihre Bande. Er zerhieb keinen Knoten, er löste ihn auf. Er konnte sie alle lösen. Er hatte alle Schlüssel, und insofern Gott Mensch geworden war, handelte er in menschlichen Weisen, die er heiligte.
Ich hatte auch früher einmal die Unterweisung, er habe... vorbildlich so verschieden geheilt, um die Jünger die Formen für jede Handlung zu lehren. Die verschiedenen Formen des kirchlichen Segens und der Weihungen und Sakramente deuten schon hierauf.
13. November 18221 (= 23. Marcheswan) 1 Tagebuti Bd. V, Heft 12 / Viertelseiten 11~13O
Magdalena mit ihrer Magd und Mara Suphonitis, Dma Samaritis und Anna Kleophä waren morgens schon bei guter Zeit auf dem Berg, der mit verschiedenen Hügeln von der Seite von Magdalum anstieg.
Es waren schon unzählige Menschen umhergelagert, und Leute mit
1
1
1
Eseln hatten Speise heraufgebracht. Kranke aller Art wurden herauf-getragen und geführt und nach ihrer Gattung zusammen an verschiedene Stellen näher und entfernter gestellt. Es waren teils leichte Zelte, teils Lauben über sie zum Schatten gebaut. Es waren Jünger Jesu oben, welche die Leute mit vieler Liebe ordneten und ihnen auf alle Weise halfen.
Um den Lehrstuhl war ein gemauerter Halbkreis, doch kein tiefer Sessel. Über dem Stuhl war eine Decke, und hier und da ware~ über die Menschen Zeltdächer gespannt. Magdalena und die Frauen hatten in einiger Entfernung einen bequemen Sitz an der Anhöhe. Die Frauen waren zusammen.
Jesus kam mit den Jüngern gegen zehn Uhr oben an. Die Pharisäer, Herodianer und Sadduzäer kamen auch mit. Jesus ging auf den Lehrstuhl. Die Jünger standen an einer Seite, die Pharisäer an der anderen im Kreis.
Es wurden in der Lehre mehrere Stillstände gemacht, wo die Leute wechselten und eine andere Partie hervortrat. Mehreres wurde wiederholt in seiner Lehre. In den Zwischenräumen nahmen die Leute und auch er einmal eine kleine Erquickung. Man gab ihm einen Bissen und reichte ihm zu trinken.
Die Lehre, die er heute hier hielt, war eine der schärfsten und gewaltigsten, die er je gehalten. Ehe er betete, gleich am Anfang, sagte er zu ihnen, sie sollten sich nicht an ihm ärgern, wenn er Gott seinen Vater nenne, denn wer den Willen des Vaters im Himmel tue, der sei sein Sohn, und daß er des Vaters Wille n tue, bewies er ihnen dann.
Hierauf betete er zu seinem Vater laut und begann eine strenge Bußpredigt auf Art der prophetischen Lehren. Er umfaßte alles, was geschehen von der Zeit der Verheißung an, führte die Drohungen der Propheten, die Erfüllung derselben als Vorbilder an, von der jetzigen Zeit und der nächsten Zukunit. Er bewies die Ankunft des Messias aus der Erfüllung der Prophezeiungen.
Er sprach von Johannes, dem Vorläufer und Wegebereiter, und wie er seine Wegebereitung redlich erfüllt habe, wie sie aber immer verstockt blieben. Er führte alle ihre Laster, ihre Heuchelei, ihre Abgötterei mit dem sündlichen Fleisch an. Er schilderte die Pharisäer, Sadduzäer und Herodianer sehr scharf. Er sprach mit großem Eifer von dem Zorne Gottes und dem nahenden Gericht, er sprach von der Zerstörung von Jerusalem und des Tempels und dem Wehe über dieses Land.
195
194
Er sprach auch vieles aus dem Propheten Malachias und erklärte es und führte es aus, vom Vorläufer, vom Messias, von einem reinen neuen Speiseopfer, was sich deutlich von dem heiligen Meßopfer verstand (die Juden verstanden es nicht) und vorn Gericht über die Gottlosen und der Rückkehr des Messias am Jüngsten Tag und vom Vertrauen und Trost der Gottesfürchtigen. Er sprach vom Weggehen der Gnade zu den Heiden. Er redete die Jünger an, forderte sie zur Treue und Ausdauer auf. Er sagte ihnen, daß er sie senden wolle zu allen, um das Heil zu lehren. Er sagte ihnen, sie sollten sich nicht zu den Pharisäern, nicht zu den Sadduzäern halten und nicht zu den Herodianern, die er alle öffentlich scharf beschrieb und mit treffenden Vergleichen belegte, ja auf die er gerade hinzeigte. Das war nun um so verdrießlicher für sie, weil keiner öffentlich ein Herodianer heißen wollte. Sie waren dieser Sekte meist heimlich zugetan.
Jesus hat in dieser Lehre meist aus den Propheten gesprochen. Einmal sagte er auch, wenn sie das Heil nicht annehmen würden, werde es ihnen schlimmer gehen als Sodoma und Gomorra. Da glaubten nun die Pharisäer, sie könnten.. . ihn da mit fangen, und als eine Pause war, sagten sie zu ihm, ob dann dieser Berg, diese Stadt, das ganze Land versinken solle mit ihnen allen, und wie dann noch etwas Schlimmeres möglich sei. Da antwortete er, in Sodoma seien die Steine versunken, aber nicht alle Seelen, denn sie hätten die Verheißung nicht gekannt und das Gesetz nicht gehabt und keine Propheten. Und er sprach noch Worte, welche ich von seiner Höllenfahrt verstand, und der Rettung vieler. Die Juden verstanden das nicht. Ich aber hatte eine kindische Freude daraus zu sehen, daß diese Menschen nicht alle verloren seien.
Von den jetzigen Juden aber sprach er, ihnen sei alles gegeben, sie seien auserwählt, von Gott zu seinem Volk gemacht, sie hätten alle Weisung und Warnung, Verheißung und Erfüllung, so sie dieselbe aber zurückstießen und im Unglauben beharrten, würden nicht die Steine, die Berge, die ihrem Herrn gehorchten, sondern ihre steinharten Herzen, ihre Seelen vom Abgrund verschlungen werden. Dieses sei ärger als das Schicksal Sodomas und Gomorras.
Als Jesus die Sünder so streng zur Buße gerufen, die Strafgerichte so scharf ausgesprochen hatte, wurde er wieder ganz voll Liebe und rief alle Sünder zu sich, ja er vergoß Tränen der Liebe, er betete, sein Vater möge die Herzen rühren. Wenn nur ein Haufen, nur einige, nur einer zu ihm käme, auch mit aller Schuld belastet, wenn er nur eine Seele gewinnen könne, er wolle alles mit ihr
teilen, er wolle alles für sie hingeben, er wolle gern mit seinem Leben für sie bezahlen!
Er streckte die Hände gegen alle aus, er rief sie: "Kommet, kommet ihr, die ihr mühselig und belastet seid, kommet ihr Sünder, tuet Buße! Glaubet und teilet das Reich mit mir!" Auch zu den Pharisäern und allen seinen Feinden streckte er die Arme aus, wenn auch nur einer zu ihm kommen wolle.
Magdalena hatte anfangs wie eine schöne, vornehme, etwas selbstsichere oder doch wenigstens so scheinen wollende Dame bei den anderen Frauen gesessen. Doch innerlich war sie schon beschämt und bewegt heraufgekommen. Anfangs sah sie umher unter der Menge. Als Jesus aber erschien und lehrte, wurden ihr Blick und ihre Seele immer mehr auf ihn gefesselt. Sie wurde heftig von seiner Bußrede, von seiner Lasterschilderung, von den Drohungen der Strafe erschüttert. Sie konnte nicht widerstehen. Sie bebte und weinte unter ihrem Schleier.
Als er nun so liebevoll und flehend den Sündern zurief, sie sollten zu ihm kommen, waren viele Menschen hingerissen, und es war eine Bewegung in dem Kreis. Das Volk drängte sich näher heran; auch Magdalena und die Frauen, auf ihre Veranlassung, nahten sich.
Als er aber sagte: "Ach, und wenn es auch nur eine Seele wäre, die zu mir nahte", war Magdalena so bewegt, daß sie zu ihm hin wollte. Sie tat einen Schritt vorwärts. Die anderen aber hielten sie zurück, um keine Störung zu machen, und sagten: "Nachher! Nachher!" Es erregte diese ihre Unruhe kaum unter den Nächsten Aufmerksamkeit, weil alle ganz auf Jesu Worte gespannt waren.
Jesus aber, als wisse er Magdalenas Rührung, antwortete sogleich mit Trost auf dieselbe, indem er fortfuhr, wenn auch nur ein Funke der Buße, der Reue, der Liebe, des Glaubens, der Hoffnung durch seine Worte in ein armes verirrtes Herz gefallen sei, es solle Früchte tragen, es solle ihm angerechnet werden, es solle leben und wachsen, er wolle es nähren und großziehen und zum Vater zurückführen.
Diese Worte trösteten Magdalena. Sie fühlte sie durch und durch und setzte sich wieder zu den anderen.
Hierüber ward es etwa sechs Uhr. Die Sonne stand schon tief dem Berg im Rücken. Jesus war bei der Lehre gegen Abend gerichtet. Dahin ging die Aussicht des Lehrorts. Hinter ihm standen keine Menschen. Er betete, segnete und beurlaubte die Menge. Er sagte zu den Jüngern, bei den Leuten, welche Speise hätten, sie zu kaufen und den Armen und Bedüritigen auszuteilen. Überhaupt sollten sie
196
197
alles, was einzelne überflüssig hätten, kaufen und den Armen austeilen, auch selbst um es mit nach Hause zu nehinen. Sie sollten nichts Überflüssiges übriglassen und mit freundlicher Bitte oder um Geld alles verteilen.
Ein Teil der Jünger ging sogleich an dieses Geschäft. Die meisten Leute gaben gern, und die anderen verkauften gern. Die Jünger aber waren meist hier in der Gegend bekannt und taten es mit großer Liebe, und so wurden die Armen gut versorgt und dankten der Milde des Herrn.
Die anderen Jünger gingen unterdessen mit Jesu zu den vielen Kranken, welche an einer Seite des Weges hinab an einem Busen des Berges gebettet waren.
Die meisten Pharisäer und dergleichen kehrten geärgert, gerührt, verwundert, ergrimmt nach Gabara zurück, und Simon Sebulon, der Vorsteher, erinnerte Jesum noch vorher, daß er ihn zur Abendmahls-zeit in seinem Hause geladen habe. Jesus sagte ihm, er werde kommen. So gingen sie dann einstweilen hinab und mäkelten und krittelten unterwegs so lange über Jesum, seine Lehre und sein Wesen, indem sich einer vor dem anderen schämte, seine Rührung merken zu lassen, daß sie, in die Stadt gekommen, ganz in ihrer Selbstgerechtigkeit wieder hergestellt waren.
Magdalena und die vier anderen Frauen aber folgten Jesu sogleich und stellten sich unter das Volk bei dk~ kranken Frauen und schienen da helfen zu wollen, wie sie konnten. Magdalena war sehr gerührt, und das Elend, das sie sah, erschütterte sie noch mehr.
Jesus war erst lange mit den Männern beschäftigt. Er heilte Kranke aller Art, und der Lobgesang der wegziehenden Geheilten und ihrer Begleiter drang in die Luft.
Als Jesus mit den Jüngern den kranken Frauen nahte, wurden durch die andrängende Menge und den Raum, dessen Jesus und die Seinigen bedurften, Magdalena und die Frauen etwas mehr entfernt. Sie suchte aber jede Gelegenheit, jede Öffnung, um dem Herrn zu nahen, der sich aber immer wieder hinwegwendete.
Jesus heilte auch einige blutilüssige abgesonderte Frauen, und wie wurde es der weichlichen, vom Anblick des Elends ganz entwöhnten Magdalena zu Mut, und welche Erinnerung, welcher Dank kam in die Seele der Mara Suphanitis, als sechs, zu drei und drei aneinander-gebundene Frauen von anderen starken Mägden an langen Tüchern oder Riemen mit Gewalt gegen Jesum herangeführt wurden. Sie waren auf schreckliche Art mit unreinen Geistern besessen. Es sind
die ersten besessenen Frauen, die ich öffentlich zu ihm bringen sah. Sie waren teils über den See Genezareth, teils von Samaria hergebracht. Ich meine, es waren auch Heidinnen dabei. Man hatte sie erst hier oben so zusammengebunden. Sie waren manchmal ganz still und sanft. Sie taten auch einander nichts. Wenn sie aber in die Nähe von Männern kamen, wurden sie ganz rasend, stürzten gegen sie an, schrien, wurden hin- und hergeschleudert und wälzten sich unter den greulichsten Konvulsionen an der Erde. Es war ein schauderhafter Anblick. Man band sie und hielt sie abgesondert während Jesu Lehre, und jetzt wurden sie zuletzt herangeführt.
Als sie Jesu und den Jüngern nahten, fielen sie in heftigen Widerstand. Der Satan fürchtete den Herrn und zerrte sie entsetzlich. Sie schrien die . . . widerlichsten Töne aus und verdrehten ihre Glieder auf die gräßlichste Art. Jesus wandte sich zu ihnen und gebot ihnen zu schweigen und zu ruhen. Da standen sie still und starr.
Nun nahte er ihnen, ließ sie losbinden, befahl ihnen niederzuknien, betete, legte ihnen die Hände auf, und sie sanken unter seiner Hand in eine kurze Ohnmacht. Da sah ich den Feind wie einen dunkeln Dampf von ihnen weichen, und nun wurden sie von ihren Angehörigen aufgenommen und standen weinend und verschleiert vor Jesu, beugten sich vor ihm zur Erde und dankten. Jesus ermahnte sie zur Bekehrung, Reinigung und Buße, damit das Übel nicht noch gräßlicher wieder zurückkehre.
Nun war es schon in der Dämmerung, und Jesus ging von den Jüngern begleitet nach Gabara hinab. Es zogen viele Leute in Scharen, auch einige der Pharisäer, vor und hinter ihm.
Magdalena aber, ihrer Empfindung immer ohne äußere Rücksichten hingegeben, folgte dicht nach ihm in der Schar der Jünger, und ebenso wegen ihr die anderen vier Frauen. Sie suchte Jesu immer so nahe als möglich zu sein. Da dieses für Frauen nun etwas ganz Ungewöhnliches war, so sagten einige der Jünger es Jesu. Er w and te sich aber zu ihnen und sprach: "Lasset sie gehen, dieses ist nicht eure Sache! "
So kam Jesus zur Stadt, und als er dem Feschaus nahte, in welchem Simon Sebulon die Mahlzeit angerichtet hatte, war der Vorhof wieder voll Kranker und Armer, welche bei seiner Annäherung hineingetreten waren, und sie riefen die Hilfe Jesu an, der sich sogleich zu ihnen begab und sie ermahnte, tröstete und heilte. Indem aber kam Simon Sebulon mit einigen anderen Pharisäern und sagte zu Jesu, er möge doch zum Mahle kommen, sie warteten, er habe doch
198 199
heute wohl schon genug getan. Diese Leute möchten bis auf ein andermal warten, und die Armen wollte er gar hinwegweisen. Jesus sagte ihm aber, dieses seien seine Gäste, die er eingeladen, und er müsse sie erst erquicken. Wenn er ihn aber zur Mahlzeit eingeladen habe, so habe er diese auch eingeladen, und er werde erst zu seinem Mahle kommen, wenn diesen geholfen sei, und werde mit diesen kommen. Da mußten die Pharisäer wieder abziehen und noch dazu Tische für die genesenen Kranken und Armen in den Hallen um den Vorhof anrichten. Jesus heilte sie aber alle, und die Jünger brachten jene, welche bleiben wollten, an die Tische, welche für sie gerüstet waren, und es wurden ihnen Lampen angezündet.
Magdalena und die Frauen harten auch Jesum hierhin begleitet und hielten sich in den Hallen des Vorhofs auf, wo sie an den Speisesaal stießen. Jesus kam nachher mit einem Teil der Jünger zu Tisch. Es war ein reichliches Mahl, und Jesus sandjte oft von den Speisen an die Tische der Armen durch die Jünger, welche ihnen dienten und mit ihnen aßen.
Jesus lehrte unter dem Mahl, und die Pharisäer waren eben in einem heftigen Disput mit ihm. Ich habe vergessen worüber, weil ich immer auf Magdalena sah, welche sich mit ihren Begleiterinnen dem Eingang der Halle genähert hatte. Magdalena trat immer etwas näher, und die Frauen folgten in einiger Entfernung. Auf einmal ging Magdalena in demütiger Beugung des Leibes, das Haupt verschleiert, in der einen Hand eine kleine weiße Flasche haltend, die mit einem Büschel Kräuter verstopft war, mit raschen Schritten in die Mitte des Saales hinter Jesum und goß ihm das Fläschchen auf das Haupt aus und faßte das lange Ende ihres Schleiers zwischen beide n Hände zusammengefaltet und streifte damit einmal über das Haupt Jesu, als wolle sie die Haare glatt streichen und den Überfluß der Salbe damit abtrocknen.
Als diese Handlung schnell geschehen war, trat sie einige Schritte zurück. Das ganze heftige Gespräch war unterbrochen. Alles war stille und schaute auf das Weib und Jesum. Wohlgeruch verbreitete sich. Jesus war ruhig. Viele steckten die Köpfe zusammen, blickten unwillig gegen Magdalena und flüsterten. Simon Sebulon schien besonders geärgert, und Jesus sagte zu ihm: "Ich weiß wohl, was du denkst, Simon, du denkst, es sei nicht schicklich, daß ich von diesem Weib mir das Haupt salben lasse, du denkst, sie ist eine Sünderin, aber du hast unrecht, denn sie hat aus Liebe getan, was du unter-lassen hast. Du hast mir die Ehre, die dem Gast gebührt, nicht er-
wiesen." Und nun wendete er sich zu Magdalena, die noch dastand, und sagte: "Gehe in Frieden, dir ist vieles vergeben." Da ging Magdalena zu den anderen zurück, und sie verließen das Haus.
Jesus aber sprach zu der Gesellschaft von ihr und nannte sie ein gutes Weib, welches viel Mitleiden habe, und sprach von dem Richten anderer, von dem Beschuldigen offener, bekannter Schuld, während man oft viel größere heimliche in seinem Herzen trage. Er sprach mit ihnen und lehrte noch lange und ging sodann mit den Seinigen zur Herberge.
Magdalena war gerührt und erschüttert von allem, was sie gehört und gesehen. Sie war in ihrem Innern überwältigt, und weil eine gewisse heftige Hingebung und Großmut in ihr war, wollte sie Jesum ehren und ihm ihre Rührung bezeigen. Sie hatte mit Bekümmernis gesehen, daß ihm, dem wunderbarsten, heiligsten, geistvollsten Lehrer, ihm, dem liebevollsten, wundertätigen Helfer von diesen Pharisäern keine Ehre, keine gastfreundliche Auszeichnung beim
E
mpfang und während der Mahlzeit geschehen war, und fühlte sich
in ihrem Innern bewogen, es statt aller zu tun, denn die Worte Jesu, wenn auch nur einer gerührt sei und kommen wolle, hatte sie nicht vergessen. Die kleine Flasche Skizzel, welche etwa eine Hand groß war, trug sie meist bei sich, wie vornehme Damen dies heute wohl tun. Sie hatte ein weißes Oberkleid mit großen roten Blumen und kleinen Blättchen durchstickt. Es hatte weite, mit Armringen kraus gefaßte Ärmel, war auf dem Rücken weit ausgeschnitten und hing von da ohne Taille in einem Stück nieder. Es war vorne offen und erst über den Knien mit Riemen oder Schnüren verbunden. Die Brust und den Rücken bedeckten ein festes, mit Schnüren und Geschmeide verziertes Stück, skalpulierartig über die Schultern gelegt und an den Seiten verbunden. Darunter war ein anderer bunter Rock. Sie hatte diesmal den Schleier, der sonst um den Hals geschlungen war, weit über alles ausgebreitet. Sie war größer als alle die anderen Frauen, mächtig, fleischig, und doch schlank. Sie hatte sehr schmale und schöne spitze Finger, kleine aber schlanke Füße, eine edle Bewegung, sehr schöne, reiche, lange Haare.
i6. November 11822J (= 26. Maro,es'van) ~ Tagebudi Bd. v, Heft 12 1 Vier felseiten 152-156
Jesus lehrte am Morgen ungehindert in der Synagoge. Die Pharisäer hatten zueinander gesagt: "Wir können jetzt nichts mit ihm
200 201
anfangen, sein Anhang ist zu groß. Wir wollen ihm nur dann und wann widersprechen, wollen alles nach Jerusalem melden und dann warten, bis er zum Osterfest zum Tempel kommt! "
Es waren aber von neuem sehr viele Kranke in den Straßen, die teils gestern noch kurz vor dem Sabbath angekommen, teils vorher, nicht gläubig, aus den Winkeln der Stadt auf das Gerücht von den gestrigen Heilungen hervorgekommen waren. Auch sah ich viele, welche schon mehrmals dagewesen, aber nur Linderung empfangen hatten und wiederkehrten. Ich erhielt dabei die Erklärung: "Diese Kranken sind die lauen, hinfälligen, unbestimmten, trägen Seelen, welche sich schwerer bekehren als die heftigen großen Sünder. Magdalena bekehrte sich mit Kampf nach mehreren Rückfällen, dann mit großer Gewalt, Dma Samaritis schnell, Mara Suphanitis lange sehnsüchtig, dann plötzlich, alle die großen Sünderinnen sehr schnell und kräftig, so auch der starke Paulus wie mit einem Blitzstrahl. Judas schwankte immer und ging zu Grund.
So sind es auch die heftigen großen Übel, welche ich Jesum nach seiner Weisheit sogleich lösen sehe, weil solche Kranke teils wie die Besessene~ willenlos sind in ihren Zuständen, teils mit von ihren Leiden überwältigtem Willen, nämlich die Schwerkranken. Andere Kränkelnde aber, welche bei ihrem Leiden nur etwas unbequemer sündigen und ohne wahre Bekehrung sind, sehe ich oft von ihm entweder abgewiesen und zur Besserung ermahnt oder nur gelindert, um ihre Seelen mehr zu zähmen durch den Druck ihrer Fesseln.
Jesus kann sie alle gleich heilen, aber er heilt nur die, welche glauben und Buße tun, und warnt sie oft vor dem Rückfall. Ich habe auch oft gesehen, daß er bloß Kränkelnde schnell geheilt, so es ihrer Seele gedeihlich war. Aber er ist ja nicht gekommen, die Leiber zur Sünde gesund zu machen, sondern die Leiber zu heilen, um die Seelen zu retten und zu erlösen.
Ich sehe aber immer in jeder Art der Krankheit eine göttliche Absicht und ein Sinnbild irgendeiner auf dem Menschen haftenden eigenen, auch wohl fremden, ihm wissentlich oder unwissentlich zu tilgen zukommenden Schuld oder ein ihm ganz eigen zugetichtetes Kapital der Prüfung, der Führung, der Geduld, womit er in dem Ertragen wuchern soll, so daß eigentlich keiner unschuldig leidet, denn wer ist unschuldig, da der Sohn Gottes die Sünden der Welt auf sich nehmen mußte, damit sie getilgt wurden, und da wir ihm mit unserm Kreuz nachfolgen sollen, um ihm überhaupt nachzufolgen. Da die höchste Geduld und Freude im Leiden und die Vereinigung
unserer Schmerzen mit dem Leiden Jesu Christi ja selbst zu der Vollkommenheit gehören, so ist ja die Begierde, nicht leiden zu wollen, schon selbst eine Unvollkommenheit. Wir waren aber vollkommen erschaffen und sollen vollkommen wiedergeboren werden. Mle Heilung ist darum reine unverdiente Gnade und Barmherzigkeit mit armen Sündern, welche mehr als Krankheit, welche den Tod verdient haben, aus welchem der Herr durch seinen Tod jene errettet hat, die an ihn glauben und nach diesem Glauben wirken.
So sah ich Jesum auch heute viele Besessene, Lahme, Wasser-süchtige, Gichtkranke, Stumme, Blinde, Blutilüssige und Schwer-kranke heilen. Bei mehreren, welche noch stehen konnten, sah ich ihn mehrmals vorübergehen. Es waren auch solche darunter, die schon öfter Linderung von ihm erhalten hatten und ohne ernstliche Bekehrung wieder an Leib und Seele rückfällig geworden waren. Als Jesus an ihnen vorüberging, riefen sie: "Herr! Herr! Alle diese Schwer-kranken heilest du, uns heilst du nicht! Herr! Erbarme dich, ich bin wieder krank! "
Da sagte Jesus: "Warum strecket ihr eure Hände nicht nach mir aus?" Da streckten sie alle die Hände nach ihm und sagten: "Herr, hier sind unsere Hände." Er aber sagte: "Diese Hände strecket ihr wohl aus, aber die Hände eures Herzens kann ich nicht fassen, ihr haltet sie zurück und geschlossen, denn ihr seid voll Finsternis."
Darüber lehrte er noch einiges, und mehrere, die sich bekehrten, heilte er. Andere erhielten abermals Linderung, und noch an anderen ging er vorüber. -
17. November 1822 (- 27. Maro'e~wan) 1 Tagebud: Bd. v, Heft 12 / Viertelseiten 161-162
162
Ich sah heute, Sonntag, schon ganz früh Jesum mit den künftigen Aposteln, vielen Jüngern und manchen anderen Leuten, die zu Gabara und von da zu Kapernaum gewesen, nach dem Feld Esdrelon zu reisen. Es waren zwei Scharen. Eine ging vor, die andere nach, Jesus meist in der Mitte mit einzelnen.
Er lehrte hier und da auf dem Feld, wo sich Leute darboten und sie etwas ruhten. Der Weg führte über Petri Fischerstelle quer durchs Tal Magdalon östlich längs des Bergs, der über Gabara liegt, dann Im Tal östlich von Bethulien und Gischala und durch die Gegend der zwei Städte durch, die neulich bei der Reise von Dabrath nach Gischala rechts und links am Wege lagen. Jesus mochte heute etwa
202 203
neun bis zehn Stunden gewandelt sein. Sie kehrten in einer Herberge bei Hirten am Weg ein, etwa drei bis vier Stunden von Naim. Sie hatten den Bach Kison schon einmal überschritten. Jesus hat viel unterwegs gelehrt, unter anderem, wie sie die falschen Lehrer unterscheiden sollten usw.
i8. November J1822J (=28. Maroleswan) 1 Tagebudt Bd. V, Heft
12 / Viertelseiten 163-175
Naim ist ein schöner Ort mit festen Häusern und hat auch Engannim geheißen. Es liegt auf einem angenehmen Hügel am Bach Kison gegen Mittag, etwa eine kleine Stunde vom Aufsteigen des Fußes 263 des Berges Thabor, und sieht zwischen Mittag und Abend gen Apheke, zwischen Mittag und Morgen gegen Endor. Jesrael liegt ihm mehr im Mittag, aber es kann es wegen Anhöhen nicht sehen. Es hat die schöne Ebene Esdrelon vor sich und mag ungefähr drei bis vier Stunden im Südosten von Nazareth liegen. Es liegt an der Nordseite des Kisons. Jesus hatte ihn von Osten gegen Westen gehend überschritten. lskizze
Es ist ungemein fruchtbar hier, an Getreide, Obst und Wein, und die Witwe Maroni besitzt einen ganzen Berg voll der schönsten Weinreben. -Jesus kam mit etwa dreißig Begleitern gegen Naim. Es hatten sich mehrere, unterwegs schon nach ihrer Heimat reisend, getrennt. Der Weg über die Hügel wurde hier schmäler, und es wandelte eine Schar vor, eine nach, Jesus in der Mitte. Es war ungefähr neun Uhr des Morgens, als sie Naim nahten. Ich hatte neulich schon die Weisung, daß Jesus, als er hier so nahe war, mit Fleiß nicht nach Naim ging, da der Knabe doch schon krank war, weil er durch ihn von einem schweren Tod errettet und der Glaube dadurch ausgebreitet werden sollte.
Als die Jünger sich auf der schmalen Straße dem Tor nahten, sah ich einen Trupp in Trauermäntel verhüllter Juden mit der Leiche bei) dem Tor herauskommen. Ich habe immer sagen hören, die Juden liefen so unordentlich mit ihren Toten, und es war auch hier so. Sie waren wie ein Schwarm umher. Vier Männer trugen die Leiche zwischen einander in einem Kasten, auf krumme Hölzer gelegt. Es war der Kasten auf Art eines menschlichen Leibes geformt und leicht wie ein geflochtener Korb und hatte oben einen angehefteten Deckel. Skizze
Jesus ging durch die Jünger, welche sich in zwei Reihen am Wege stellten, den ankommenden Leichenbegleitern entgegen und sprach:
"Bleibet stillstehen!", und indem er die Hand auf den Sarg legte, sagte er: "Setzet nieder!" Da setzten sie den Sarg nieder. Die Leute traten zurück, die Jünger standen an beiden Seiten. Die Mutter mit mehreren Frauen, worunter die bekannten drei Witwen, deren einer Bruder von Chasaloth164 ihr erster Mann gewesen war, waren der Leiche gefolgt und standen, soeben aus dem Tore herausgetreten, mehrere Schritte vom Herrn. Sie waren verschleiert und alle sehr traurig. Die Mutter stand voran. Sie war ganz still und weinte und mochte wohl denken: "Ach, nun kommt er zu spät!"
Jesus sagte zu ihr sehr freundlich und doch ernsthaft: "Weine nicht, Weib! " Der Kummer aller Leute umher rührte ihn, denn man liebte die Witwe sehr in der Stadt wegen ihrer großen Wohltätigkeit gegen die Waisen und Armen aller Art. Es waren aber doch auch manche tückische und böse Menschen umher und sammelten sich noch mehrere aus der Stadt.
Jesus begehrte Wasser und einen Zweig. Man brachte einem der Jünger ein blaues Kesselchen mit Wasser und brach ein Ysopzweiglein in einem Garten, und dieses wurde dem Herrn gereicht, welcher den Trägern sagte: "Öffnet den Sarg und wickelt die Binden los!"
Während sie damit beschäftigt waren, erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: "Ich preise dich, Vater, Herr Himmels und der Erde, weil du dies alles vor den Weisen und Klugen verborgen und den Einfältigen offenbar gemacht hast. Ja, Vater, denn so war es vor dir wohlgefällig. Alles ist mir von meinem Vater übergeben, und niemand erkennet den Sohn als der Vater, und niemand er-kennet den Vater als der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will. Kommet alle zu mir, ihr Mühseligen und Belasteten! Ich will euch erneuern. Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, weil ich sanftmütig und demütig bin vom Herzen! Ihr werdet Ruhe für eure Seelen finden, denn mein Joch ist sanft, und meine Bürde ist Ieicht.165
Als sie den Deckel aufgemacht ~,, hatten, sah ich den Leib wie eine Wickelpuppe eingewickelt in dem Sarge liegen, und sie machten die Binden, den Leib mit den Händen unterstützend, von ihm los und rollten sie auf und entblößten das Angesicht und die gebundenen Hände, und er lag nur noch mit einem Tuche eingeschla gen.
Jesus aber segnete das Wasser, tauchte den Zweig länein und
204 205
be sprengte das Volk ringsumher. Da sah ich viele kleine dunkle Gestalten, wie Insekten, Käfer, Kröten, Schlangen und kleine dunkle Vögel von manchen aus der Umgebung wegschweben. Das schien zwar damals sonst niemand zu sehen. Die Leute aber wurden inniger und gerührt, und es war, als würde alles heller und reiner.
Nun sprengte Jesus auch mit dem Zweige auf den Jüngling und machte ein Kreuz über ihm mit der Hand. Da sah ich wie eine dunkle schwarze Gestalt gleich einer Wolke von dem Körper weichen, und Jesus sagte zu dem Jüngling: "Stehe auf!" Und er richtete sich in sitzende Stellung und schaute müde und neugierig verwundert um-her. Da sprach Jesus: "Gebet ihm ein Kleid!" Und sie legten ihm einen Mantel um. Nun richtete er sich stehend auf und sprach: "Wie ist das, wie komme ich hierher?" Und sie legten ihm Sohlen an. Da trat er heraus, und Jesus nahm ihn bei der Hand und führte ihn der entgegeneilenden Mutter in die Arme und sagte: "Hier hast du deinen Sohn zurück, aber ich fordere ihn wiedergeboren von dir in der Taufe."
Die Mutter war so außer sich vor Freude, Staunen, Ehrfurcht, daß da gar kein Danken war, sondern nur Tränen und Umarmen des Jünglings. Sie zogen mit ihm nach Haus, das Volk sang Lobgesänge. Jesus folgte mit den Jüngern in das Haus der Witwe, welches sehr groß, von Höfen und Gärten umgeben ist, und dort angekommen, mehrte sich die Freude von allen Seiten. Alles drängte sich, den Jüngling zu sehen. Er wurde gebadet und legte ein weißes Röckchen und einen Gürtel an. Jesus und den Jüngern wurden die Füße gewaschen und ein Imbiß gereicht, und sogleich ging es in dem Haus an ein ganz heiteres und überfließendes Austeilen und Schenken an die Armen, welche sich alle um das Haus glückwünschend versammelten. Es wurden Kleider, Laken, Getreide, Brot, Lämmer, Vögel, auch Münzen ausgeteilt, und Jesus lehrte dazwischen die versammelten Haufen im Hof der Witwe.
Martialis in seinem weißen Röckchen war ganz fröhlich und lief hin und her, ließ sich besehen und teilte aus. Er war ganz kindisch vergnügt, und es war lustig anzusehen, wie die Schulkinder, seine Kameraden, von den Lehrern in den Hof geführt wurden und er... ihnen nahte.
Da waren viele von den Kindern ganz scheu, als sei er vielleicht ein Geist, und er lief auf sie zu und schreckte sie mit scherzhaften Tönen. Da wichen sie zurück. Andere lachten sie aus und spielten die Tapferen und gaben ihm die Hand und sahen mit Selbstgefühl
auf die Furchtsamen, wie ein größerer Knabe ein Pferd oder ein anderes Tier berührt, wovor der kleinere bangt.
Es wurde aber eine Mahlzeit im Haus und in den Höfen gerüstet, woran alles teilnahm. Petrus, als der Verwandte der Witwe, denn sie war seines Schwiegervaters Bruders Tochter, war besonders froh und vertraut im Haus und machte gewissermaßen den Hausvater. Jesus nahm den geheilten Knaben vor den versammelten Scharen öfters vor und belehrte ihn, und ich hörte wohl, daß er das, was er ihm sagte, den Anwesenden zu Gehör sprach, und daß sie dadurch getroffen wurden.
Ich habe aber nie gehört, daß er von ihm als einem Gestorbenen gesprochen. Er sprach immer, als habe ihn der Tod, der durch die Sünde in die Welt gekommen, gebunden, gefesselt, und so in der Grube erwürgen wollen, als habe er blind in die Finsternis geworfen werden und dort zu spät die Augen auftun sollen, wo kein Erbarmen, keine Hilfe mehr ist. Vor dem Eingang aber habe ihm die Barmherzigkeit Gottes, eingedenk der Frömmigkeit seiner Eltern und einiger seiner Voreltern die Fesseln gelöst. Nun aber solle er sich durch die Taufe auch lösen lassen von der Krankheit der Sünde, auf daß er nicht noch in schrecklichere Gefangenschaft komme.
Er lehrte über die Tugenden der Eltern, die in später Zeit den Kindern zugute kommen, und wie um die Gerechtigkeit der Altväter Gott bis jetzt Jsrael geführt und geschont habe. Nun aber, da es vom Tod der Sünde gebunden und bedeckt wie dieser Knabe am Rande des Grabes stehe, sei seine Barmherzigkeit zum letzten Mal seinem Volk nahegekommen.
Johannes habe die Wege bereitet und mit starker Stimme zur Erweckung der Herzen aus dem Todesschlaf gerufen, und der Vater erbarme sich nun zum letzten Mal und öffne die Augen derer zum Leben, welche sie nicht hartnäckig verschließen wollten. Er verglich das Volk in seiner Blindheit dem in Leichenrüchern und in dem Sarg verschlossenen Jüngling, welchem, dem Grabe nah, schon außer den Toren der Stadt das Heil entgegentrete. Er stellte ihnen vor, wenn nun die Träger seine Stimme nicht gehört, den Sarg nicht niedergesetzt, nicht geöffnet, den gebundenen Leib nicht gelöst hätten, hartnäckig vorübereilend, den Lebendigen, aber schwer Gefesselten des Todes, lebendig begraben hätten, wie scheußlich und schrecklich das gewesen wäre, und er verglich die falschen Lehrer, die Pharisäer usw., welche das arme Volk vom Leben der Buße abhielten, mit den Binden ihrer Gesetze einsihnürten, in den Sarg ihrer Gewohnheiten
206 207
1
verschlössen und es so in das ewige Grab wärfen. Er flehte und ermahnte, die angebotene Barmherzigkeit seines himmlischen Vaters anzunehmen, und zum Leben, zur Buße, zur Taufe zu eilen, usw.
Merkwürdig war mir, daß Jesus hier mit geweihtem Wasser segnete. Es wurde aber gesagt, es sei gewesen, die bösen Geister zu vertreiben, welche eine Gewalt an verschiedenen Anwesenden hatten, die teils geärgert, teils neidisch, teils voll heimlicher Schadenfreude waren und meinten, er werde ihn wohl nicht erwecken. Ich sah diese ihre böse Stimmung in allerlei Insektengestalten von ihnen weichen. Bei der Erweckung des Jünglings sah ich auf den Segen mit dem Wasser sich auch eine kleine Wolke von vielen kleinen und größeren Ungeziefergestalten oder Schatten von dem Leibe erheben und in die Erde verschwinden.
Ich dachte wohl dabei, wie ich andere durch Jesum vom Tode er-wecken gesehen. Da kehrte die Seele des Toten zurü~, die ich fern von ihm getrennt in dem Kreis ihrer Schuld stehen sah, und sie kam über den Leib und senkte sich in ihn hinein, worauf er sich erhob. Hier bei dem Jüngling von Naim war es anders. Ich sah die Seele nicht getrennt, nicht zurückkehren. Ich sah, als hebe sich der Tod als eine erstickende schwere Last von dem Leibe weg.
Ich dachte wohl dabei an die Erweckung jenes Mannes bei Kedar (Gazora). Da rief er gleichsam die Seele, die ich getrennt sah in einem Kreis. Hier war es aber, als hebe sich der Tod von dem Leib; ich sah die Seele nicht zurückkehren.
Nach dem Mahl ging Jesus mit den Jüngern, als der Abend nahte, nach einem schönen Garten der Witwe Maroni am mittäglichen Ende der Stadt. Es war der ganze Weg durch die Stadt mit allerlei Bresthaften und Kranken besetzt, welche er heilte. Es war eine große Bewegung in der Stadt.
Es war schon dunkel, als Jesus in den Gatten kam. Es waren dort Maroni, die drei Witwen, die Hausgenossen und Freunde und einige Synagogenlehrer versammelt. Der Jüngling und einige andere Knaben waren auch zugegen. Es waren mehrere Lusthäuser in dem Garten, und vor einem schöneren, dessen Dach auf Säulen stand, die man mit Netzwänden schließen konnte, war eine Fackel unter Palmbäumen hoch aufgestellt, welche in den Saal leuchtete. Das Licht schimmerte so schön an den langen grünen Blättern, und an den Bäumen, wo noch Früchte waren, konnte man sie deutlicher und glänzender sehen, wo die Fackel hinschien, als bei Tag.
Anfangs lehrte und erzählte Jesus lustwandelnd. Nachher aß man
einige Früchte zur Erquickung, und Jesus hielt eine schöne Lehre in dem Lusthaus. Auch mit dem erweckten Knaben sprach er oft, den anderen zum Gehör. Es war e